mini|Matthew Barney (2007) Matthew Barney (* 25. März 1967 in San Francisco, Kalifornien) ist ein zeitgenössischer US-amerikanischer Medienkünstler. In seinen Werken verbindet er skulpturale Environments, Installationen und Zeichnung mit Performance und Video. Zu seinen bekanntesten Werken zählen der fünfteilige Cremaster-Zyklus (1994–2002) sowie die Filmoper River of Fundament (2006–2014), die er gemeinsam mit dem Komponisten Jonathan Bepler erarbeitete.
Leben Matthew Barney ist der Sohn von Robert Barney und Marsha Gibney. Als Matthew sechs Jahre alt war, siedelte die Familie nach Boise im Nordwesten der USA über. Nachdem seine Eltern geschieden wurden, zog seine Mutter, eine Malerin, nach New York. Matthew und seine Schwester blieben mit ihrem Vater in Boise. In der High School spielte er im Football Team in der Position als Quarterback und betätigte sich sportlich beim Ringen und Wrestling, das er später in seinem Werk thematisierte. Regelmäßige Besuche bei seiner Mutter in New York intensivierten sein Interesse an der Kunst. Er verließ seine Heimatstadt Boise um ein Studium der Medizin an der Yale University in New Haven zu absolvieren. Aufgrund mangelnder Leistungen verwarf er nach zwei Semestern seinen Berufswunsch zum Facharzt für plastische Chirurgie und wechselte zur Kunst.Mönchehaus Museum für moderne Kunst Goslar Matthew Barney Kaiserring 2007, Interview mit Matthew Barney am 5. Oktober 2007: Schüler fragen – der Künstler antwortet (PDF; 64 kB) Während des Studiums arbeitete er als Fotomodel u. a. für Ralph Lauren. Im Jahr 1989 beendete er sein Studium in Bildender Kunst mit der Diplomarbeit “Field Dressing (orofill)”, dieses Werk zeigt eine Installation (Kunst) mit Videos und Skulpturen.Digital Arts and New Media - Matthew Barney Report Vom 9. Februar bis zum 19. Februar 2006 war Barney Jurymitglied bei den Internationalen Filmfestspielen 2006 in Berlin.
Barney war bis 2013 mit der Musikerin und Künstlerin Björk liiert und hat mit dieser eine Tochter.
Werk Inspiration fand Barney nach eigenen Angaben, in den amerikanischen Horror-Filmen wie Tanz der Teufel, Freitag der 13., Der Weiße Hai, Das Omen, Der Exorzist und Shining, sowie Filmen von Busby Berkeley und NFL Films, einer Firma, die Footballfilme und Fernsehbeiträge produziert. Von besonderer Bedeutung waren auch Aufzeichnungen, die während des Footballspiels zwecks späterer Auswertung aufgezeichnet wurden.New York Times Interview: Influences: Matthew Barney – by Karen Rosenberg pbs.org - Art21: "CREMASTER 3"–on location at the Solomon R. Guggenheim Museum, NY pbs.org
Künstler der 1970er und 1980er Jahre wie Marina Abramović, Joseph Beuys, Chris Burden, Bruce Nauman und Vito Acconci waren ebenfalls prägend.New York Times Interview – Influences:Matthew Barney – by Karen Rosenberg Von Joseph Beuys Materialsprache zeigte sich Barney besonders beeindruckt.Postmedia Magazin, Untitled, Ausgabe 21, London, Frühling 2000: Matthew Barney, Interview mit Jonathan Jones 2006 wurde versucht, ästhetische und konzeptuelle Gemeinsamkeiten der beiden Künstler in der Ausstellung „All in the present must be transformed: Matthew Barney and Joseph Beuys“ im Guggenheim Museum in Berlin und Venedig gegenüberzustellen. Kurator der Ausstellung war Nancy Spector.Interview mit der Kuratorin Nancy Spector über die Ausstellung - „All in the present must be transformed: Matthew Barney and Joseph Beuys“ In seinen Filmen und Skulpturen verarbeitet er unter anderem Themen aus der Biologie, Sexualität, Geschichte, Mythologie, Sport und Medizin, die sich teilweise auf legendäre Figuren wie den Entfesslungskünstler Harry Houdini, den Doppelmörder Gary Gilmore, den amerikanischen Footballstar Jim Otto oder General MacArthur, sowie Figuren aus der Mythologie beziehen.
Drawing Restraint (1988–2005) Zwischen 1988 und 2005 entwickelte Barney die aus 12 Teilen bestehende Serie Drawing Restraint (dt. Zeichnen unter Einschränkung), in der er das Prinzip von Spannung und Gegenspannung im Rahmen der Aktionskunst verdeutlichte. Dabei erbaute er räumliche Situationen, die ihm körperliche Beschränkungen auferlegten, während der Kletter- und Turnakte an Wänden und Decken benutzen Utensilien zu sehen waren, sprang er auf einem Trampolin, kletterte über Hindernisse, behinderte sich selbst mit chirurgischen Plastikschläuchen und stellte in diesem Aktionsradius verschiedene Zeichnungen auf Papier her. Im Zuge des Drawing Restraint Projektes gelangt Matthew Barney zu einer Erkenntnis, die im Allgemeinen das Fundament der DR-Serie bildet: Die „drei Phasen des Pfades“, welche aus Situation, Kondition und Produktion bestehen und durch den Bolus ergänzt werden.Drawing Restraint URL: http://www.drawingrestraint.net/
Die verwendeten Elemente, wie z. B. gewöhnliche Kletter-Ausrüstungen, waren dabei überwiegend in organisch geformten Skulpturen mit Objekten wie einer Gewichtheberbank oder Hanteln kombiniert. Insbesondere die ersten Teile der aus zwölf Teilen bestehenden Serie „Drawing Restraint“, setzen sich hauptsächlich formal mit der Skulptur und Zeichnung auseinander, thematisch unter anderem mit dem Prozess, aus körperlichem Widerstand visuelle Form zu erschaffen.
mini|hochkant|„The Field“
Während die ersten Drawing Restraint Projekte vor allem das Zeichnen bei körperlicher Beschränkung in Räumen mit Hindernisparcours inszenieren, ist das Projekt Drawing Restraint 7 von 1993 eine Rauminstallation in Verbindung mit einem Video, welches auf drei Monitoren gezeigt wird. Hierbei verbindet Barney Mythologien mit seiner Arbeit. Drei Satyren fahren in einer Limousine durch Manhattan. Während das Satyren-Kind auf dem Vordersitz wie ein junger Welpe seinem eigenen Schwanz hinterherjagt, ringen auf dem Rücksitz zwei erwachsene Satyren (wohl männlich und weiblich) miteinander, wobei das weibliche Wesen versucht mit der Hornspitze des männlichen Wesens ein Horn nachzuzeichnen. Drawing Restraint 8 von 2003 rückt das für Matthew Barney typische Symbol eines vertikalen Ovals und eines horizontalen schmalen Rechtecks/Balken, die sich in der Mitte kreuzen, in den Vordergrund. Dieses Symbol taucht in allen Cremaster Filmen auf.
Ein Teil der Serie ist der 2005–2006 entstandene Kunstfilm Drawing Restraint 9, der aus Anlass einer Einladung für eine Ausstellung aus Japan entstand. Dieser spielt auf dem japanischen Walfangschiff Nisshin Maru.Zusammenfassung der Filmkritiken bei Filmzeit Das „Field“ ist eine mit Vaseline gefüllte Form an Deck des Schiffes, die bereits im Zyklus des Cremaster im Mittelpunkt des Geschehen steht. Die Filmmusik komponierte Barneys Partnerin, die isländische Sängerin Björk.
Barney selbst bezeichnet den Film als eine Meditation über den Schöpfungsakt, „über rohe sexuelle Energie und die Disziplin, die Gestaltung bedingt. Und darüber, wie man kreativ bleibt, indem man nicht in Formen erstarrt, sondern sie ständig wieder verflüssigt.“
Field Dressing (orofill) (1989–1990) Photographie (externer Weblink) Field Dressing (orofill) (1989) Field Dressing (orofill) (1989)
„Field Dressing“ bezeichnet im Englischen das Ausnehmen von Wild in freier Wildbahn nach der Jagd. „orifill“ ist eine Zusammensetzung der englischen Wörter orifice – Öffnung und to fill- füllen. Barneys erste Installation vereinte Performance, Skulptur und Video zu dem Werk “Field Dressing (orifill)”. Das Environment besteht aus zwei Video-Monitoren, auf den Videos präsentiert sich Barney nackt mit einer Art Kletterausrüstung. Er klettert an einem Mast und einigen Seilen rauf und runter und schmiert dabei in regelmäßigen Abständen erkaltete Vaseline in seine Körperöffnungen. Am Anfang der 1990er Jahre beginnt Barney, das Werk und dessen Referenzraum wie auch die Darsteller und Schauspieler seiner Performances zu erweitern. Weiterhin verwendet er in der Materialsprache organische und synthetische Materialien, darunter die bereits in dem Zyklus „Drawing Restraint“ zum Einsatz gebrachte Vaseline. In New York trat der Künstler 1991 erstmals öffentlich mit der Performance „MILEHIGH Threshold: Flight with the ANAL SADISTIC WARRIOR“ in Erscheinung, bei der er an der Decke hängend den Raum künstlerisch in Beziehung zu seinem Körper setzte.
OTTOshaft (1992) Photographien (externe Weblinks) „OTTOshaft“ (1992) Frühe Werke wie „OTTOshaft“ (1992), ausgestellt auf der Documenta 9 beruhen auf der Bildhauerei, also dem Arbeitsprinzip eine Skulptur zu erschaffen, hinzu kam der Aspekt, ein Ereignis in Echtzeit abzubilden, sodass diese auf Video festgehalten wurde. Dieser Prozess hat sich in folgenden Projekten teilweise in erzählerische Erzählstrukturen verwandelt, die man im Cremaster-Zyklus erkennen kann.Art Now: Matthew Barney: OTTOshaft tate.org.ukArtist Project: Matthew Barney
Für die Documenta-Performance in einem Kasseler Parkhaus wurde eine Football-Mannschaft durch über ihre Tartans als schottischen Clans-Mitglieder ausgewiesene Truppe von Dudelsack-Spielern ausgewechselt, die ein wenig später als nicht weniger wettkämpferisch-agierende Gegenspieler der soldatisch-sportlich disziplinierten Uniformträger duellierende Satyrn auftauchen.
Bei späteren Ausstellungen von OTTOshaft werden diverse organische Materialien mit Plastik-Objekten und drei von der Decke hängenden Monitoren in einem Raum zu einer Installation. Die Videos auf den Monitoren (mit den Titeln OTTOdrone, OTTOshaft und AUTOdrone) zeigen verschiedene Aktionen (u. a. das Puzzeln). Auch in späteren Projekten spielt Barney als Protagonist selbst die unterschiedlichsten Rollen in seinen Werken und Filmen. OTTOshaft gehört als Mittelteil zur „Jim Otto Suite“ -Trilogy.
Cremaster Cycle (1994–2002)
1994 begann Barney die Arbeit an seinem „Cremaster Cycle“, einem aus 5 Teilen bestehenden, in nicht chronologischer Reihenfolge entstandenen Kunstfilm. Die Filmserie ist nach dem lateinischen Wort des Hodenheber der Musculus cremaster benannt, der für den Hoden eine Komponente der Thermoregulation ist. Der „Cremaster Cycle“ bildet ein in sich geschlossenes ästhetisches System. Er besteht nicht nur im Medium des Films, sondern auch in der Photographie, der Zeichnung und in der Skulptur, die mit jeder Episode in einer Verbindung steht. Barney selbst bezeichnet diese, als ein geschlossenes, autobiographisches oder auch narzisstisches System, in dem sich eine visuelle Sprache wie eine Perle in einer Auster eingenistet hat. Autobiographisches in den Cremaster-Filmen findet sich z. B. in Cremaster1, dass im Bronco Stadium auf dem blauen Astroturf (dem Football-Feld) gedreht wurde. Als wichtig in diesem Zusammenhang ist auch die enge Zusammenarbeit mit dem New Yorker Komponisten Jonathan Bepler zu sehen, der die musikalische Gestaltung von Cremaster 2, Cremaster 3 und Cremaster 5 übernahm.
Auf die Frage nach ob Menschen in den Filmen auch als Skulpturen oder als Schauspieler angesehen werden, antwortete Barney:
„Skulpturen würde ich sie nicht nennen, Schauspieler aber auch nicht. Das hat eher mit Performance zu tun. Die Arbeiten, die ich vor meiner Teilnahme an der „documenta 9“ 1992 gemacht habe, beruhten tatsächlich auf Bildhauerei, ihr Video-Aspekt war mehr der Versuch, ein Ereignis in Echtzeit abzubilden. Das hat sich langsam in erzählerische Strukturen verwandelt. Das „Cremaster“-Projekt kommt aber immer noch aus dieser Disziplin. Die Menschen in den „Cremaster“-Filmen tun das, was ich in früheren Projekten getan habe: Sie aktivieren ein System von Objekten und erfüllen Aufgaben. Es geht mehr darum, einen Raum zu aktivieren als einen dramatischen Bogen zu projizieren.“„Der Rest ist Vertrauen“. In: taz, 4. Juni 2002, Interview
Cremaster 1 (1995)