mini|Darstellung Aksum Die Obelisken von Aksum sind eine Vielzahl an Granitstelen in Aksum, Äthiopien, welche wohl als monumentale Grabsteine gedient haben sollen. Besonders auffallend sind hierbei die sechs Stockwerkstelen.

Begriffserklärung Bei den sogenannten Obelisken von Aksum handelt es sich streng genommen nicht um Obelisken, sondern um Stelen. Der Begriff Obelisk wird zwar häufig für die Monolithen in Aksum verwendet, ist aber etwas ungenau.

Ein Obelisk hat einen quadratischen Grundriss und steht auf einer Steinbasis. Zudem weist ein Obelisk flache Seiten auf und findet durch eine pyramidenförmige Spitze den Abschluss. Ein Obelisk verjüngt sich nach oben hin auf allen vier Seiten. Klassische Obelisken sind solche aus Ägypten.

Eine Stele hingegen hat einen rechteckigen Grundriss. Man könnte sie vereinfacht auch als monumentale Steinplatten bezeichnen. Stelen verjüngen sich nicht auf allen vier Seiten und es sind unterschiedliche Spitzenformen üblich. Bei den Stockwerkstelen von Aksum z. B. sind abgerundete Abschlüsse mit Einkerbungen für Plaketten vorzufinden. Stelen stehen häufig im Zusammenhang mit Grabbauten und dienen als Grabmäler. Dies ist bei Obelisken nicht der Fall.

Das Königreich Aksum mini|Ausweitung des Königreichs Aksum Das Königreich Aksum war ein spätantikes Königreich im Nordosten Afrikas, welches sich von 100 v. Chr. bis 900 n. Chr. datieren lässt. Der Einfluss des Königreichs, einer veritablen Handelsmacht, reichte von Ägypten bis Altsüdarabien. Aksum hatte eine eigene Schrift- und Münzkultur und sein Herrscherhaus konvertierte bereits im 4. Jh. zum Christentum. Die Besonderheit liegt hierbei einerseits in der sehr frühen Aufnahme des Christentums und andererseits darin, dass der Wandel nicht vom Volk ausging, sondern vom damaligen König Ezena.

Die Hauptstadt des Königreichs befindet sich im Norden des heutigen Äthiopien auf einem Hochplateau in der Region Tigray. Die Stadt ist von einem Bergkranz umgeben und durch diesen geschützt. Genauer verorten lässt sich die Stadt zwischen den Bergen Beta Giyorgis und May Qoho.

In der Stadt befinden sich insgesamt fünf Stelenfelder, das westliche Gudit-Stelenfeld, die Nekropole auf dem Bett Giyorgis, die Süd-Nekropole am Grab des Baden, das nördliche Stelenfeld und das Hauptstelenfeld. Die Stockwerkstelen befinden sich auf dem Hauptstelenfeld.

Die Deutsche Aksum Expedition (DAE) mini|Daniel Krencker (1. v. R), Enno Littmann (2. v. R) mit weiteren Teilnehmern der DAE und Gouverneur Gabre Selassie in Aksum, Februar 1906 Anfang 1906 wurden in Aksum Untersuchungen und Forschungen angestellt. Geleitet wurde diese Expedition von dem Orientalisten Enno Littmann. Daniel Krencker führte einen Großteil der Ausgrabungen aus und fertigte die Bauzeichnungen an. Die Expedition lieferte bedeutende Erkenntnisse und legte den Grundstein für weitere internationale archäologische Missionen in Aksum.

Die DAE nahm insgesamt 78 Stelen auf und nummerierte diese. Die Stelen 1–6 sind die größten und bemerkenswertesten Stelen in Aksum. Später wurden weitere Stelenfelder und Stelen entdeckt, aufgenommen und nach demselben System durchnummeriert.

Stelen

Die Stockwerkstelen mini|Altäthiopische Holzbauweise Am imposantesten sind die sogenannten Stockwerkstelen auf dem Hauptstelenfeld. Die aus Granit geschlagenen Monolithen imitieren die „altäthiopische Holzbauweise“ und sollen Paläste oder Häuser darstellen. Stockwerke und Querriegel, die aus dem Mauerwerk hervorragen, gliedern die Fassade der Stelen. Die hervorragenden Querriegel werden auch „Affenköpfe“ genannt. Scheinfenster und Scheintüren mit Türgriffen sind auch in die Monolithen geschlagen. Mit einem erstaunlichen Detailgrad fungieren die Stelen als monumentale Grabsteine und markieren die Hypogäen der Stadt.

Stele 1 – Die Riesenstele mini|Stele 1 – Die Riesenstele, umgestürzt Die Riesenstele ist, wie ihr Name schon sagt, die größte Stele in Aksum. Sie hat eine beachtliche Länge von 33,3 m und ein Gewicht von ca. 520 Tonnen. Zudem ist sie auf allen vier Seiten mit einem bemerkenswerten Detailgrad verziert und weist insgesamt dreizehn Stockwerke auf. Mit einem Fundament, welches nur etwa ein Zwölftel der Gesamtlänge der Stele in die Tiefe reicht, ist die Stele bereits beim Versuch, sie aufzustellen, auf die Grabanlage „Näfas Mäwča“ gestürzt. Dabei ist sie in sechs Teile zerbrochen und hat die Grabanlage zerstört. Auch der Abschluss der Stele ist dabei kaputt gegangen. Es wurde allerdings ein kleiner Teil der Rundung des Abschlusses gefunden, womit man den oberen Durchmesser und somit die Höhe der Stele errechnen konnte. Nach dem Sturz der Stele wurde nachträglich der Türgriff der vorderen, sich nun auf der Oberseite befindlichen Scheintür abgeschlagen. Abgesehen davon sind beide Türen identisch. Betrachtet man den Querschnitt der Stele, erkennt man, dass dieser nicht rechteckig ist, sondern auf den langen Seiten nischenartig ausgespart ist.

Stele 2 – Die zweitgrößte Stele Die zweitgrößte oder italienische Stele ist vermutlich die zweitjüngste Stele in Aksum. Sie ist 24,6 Meter lang, wiegt ca. 170 Tonnen und hat insgesamt elf Stockwerke. Auch diese Stele ist gestürzt und dabei in fünf Teile zerbrochen. Vermutlich wurde der Monolith sogar mit Absicht untergraben und somit zu Fall gebracht. Der Monolith ist auf allen vier Seiten verziert und auch hier hat der Querschnitt Nischen. Die Wandabschnitte, welche die Stele gliedern, sind schmaler als üblich. Somit sind die Scheintüren vier Wandabschnitte hoch. Außerdem sind zwischen den Scheinfenstern zwei Reihen von Affenköpfen angeordnet anstatt nur einer Reihe. Die Türstürze der Scheintüren sind bei dieser Stele mit Zahnreihen dekoriert und beide Türen sind, wie Stele 1 auch, mit einem runden Türgriff ausgestattet.

Siegestrophäe des faschistischen Italien Nach der Niederlage im Abessinienkrieg gegen das faschistische Italien wurde die Stele 2 auf Befehl von Benito Mussolini 1937 als Siegestrophäe mitgenommen. Die damals schon in fünf Teile zerbrochene Stele konnte in ihren Einzelteilen relativ einfach nach Massaua in Eritrea transportiert werden, um von dort per Schiff nach Neapel gebracht zu werden. Von Neapel aus erreichte die Stele ihr Ziel in Rom. Die Stele wurde dort mithilfe von Metallstäben, die in die Stele gelegt wurden, befestigt und aufgestellt. Außerdem wurde in die Stele das Jahr „XVI“ der faschistischen Ära eingraviert. Die Lage der Stele wurde provokant gewählt, und zwar am Ende des Circus Maximus zwischen Palatin und Aventin, vor dem im Bau befindlichen „Ministerium für Italienisch-Afrika“ (). Seit Anfang der 1950er Jahre ist in dem ehemaligen Ministeriumsgebäude die Welternährungsorganisation FAO untergebracht. Die Einweihung des Monuments fand am 28. Oktober 1937 zum 15. Jahrestages des Marsches auf Rom statt.

Für das faschistische Regime war die Stele die bildliche Krönung des von Mussolini ausgerufenen Imperiums, mit deren Aufstellung die Eroberung und Einverleibung der jahrhundertealten äthiopischen Zivilisation zelebriert wurde. Sie unterstrich damit, die von der Propaganda propagierte Kontinuität des faschistischen Imperiums mit dem Römischen Reich und den knapp 2000 Jahren zuvor in Rom aufgestellten ägyptischen Obelisken.Francesco Filippi: Noi però gli abbiamo fatto le strade: Le colonie italiane tra bugie, razzismi e amnesie. Bollati Boringhieri, Turin 2021, ISBN 978-88-339-3702-1, S. 170.

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Stele durch zwei deutsche 88-mm-Geschosse getroffen und dabei leicht beschädigt. mini|Stele 2 – Die zweitgrößte Stele, in Rom (1990) Der 1947 in Paris unterzeichnete Friedensvertrag mit den Alliierten sah unter anderem die Rückerstattung von Beutekunst durch die junge Republik Italien vor. Von der Vereinbarung waren auch in Äthiopien entwendete Werke betroffen.Francesco Filippi: Noi però gli abbiamo fatto le strade: Le colonie italiane tra bugie, razzismi e amnesie. Bollati Boringhieri, Turin 2021, ISBN 978-88-339-3702-1, S. 170–171.

In einer am 15. Juni 1956 mit dem Kaiserreich abgeschlossenen bilateralen Vereinbarung verpflichtete sich die italienische Regierung, die während der italienischen Besetzung Äthiopiens entwendeten Kunstwerke, darunter auch die Stele von Aksum, „sobald als möglich“ zurückzuerstatten. An diesem „sobald als möglich“ schieden sich bald die Geister. Von verschiedenen Seiten wurden Stimmen laut, die sich gegen eine Rückgabe aussprachen. Als Gründe wurden unter anderem technische Schwierigkeiten vorgebracht. Es wurde aber auch der Vorschlag gemacht, dass Äthiopien als Zeichen der neu geschlossenen Freundschaft auf die Stele verzichten oder dass Italien als Gegenleistung den Bau einer Kirche in Äthiopien finanzieren sollte. Besonders hartnäckige Gegner einer Rückgabe argumentierten damit, dass die Stele für die tausenden italienischen Opfer des Abessinienkrieges stehe. Militante des neofaschistischen MSI planten 1956 sogar die Zerstörung des Obelisken, um die Rückerstattung zu verhindern. Aufgrund des Widerstandes versuchte die italienische Regierung sowie die Nachfolgeregierungen, das Problem auszusitzen.Francesco Filippi: Noi però gli abbiamo fatto le strade: Le colonie italiane tra bugie, razzismi e amnesie. Bollati Boringhieri, Turin 2021, ISBN 978-88-339-3702-1, S. 171—172, 184.

1970 stattete der damalige Kaiser Äthiopiens Haile Selassie Rom einen Besuch ab, bei dem ihm versichert wurde, dass die Stele bald zurückgebracht werden würde. Wieder passierte nichts. Als 1974 Selassie durch eine Militärjunta gestürzt wurde und später ein von der Sowjetunion gestütztes Regime die Macht in Äthiopien ergriff, glaubte man in Italien sich des Problems der Rückgabe endgültig entledigt zu haben. Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks in den 1990er Jahren wurde es allerdings wieder aktuell.Francesco Filippi: Noi però gli abbiamo fatto le strade: Le colonie italiane tra bugie, razzismi e amnesie. Bollati Boringhieri, Turin 2021, ISBN 978-88-339-3702-1, S. 172.

1997 wiederholte Staatspräsident Oscar Luigi Scalfaro bei seinem Staatsbesuch in Äthiopien das Versprechen und entschuldigte sich unter anderem für den Raub der Stele vor 60 Jahren. 1998 wurde der Obelisk untersucht und restauriert. Als 1998 der Krieg zwischen Äthiopien und Eritrea ausbrach, verzögerte sich der Transport wieder. Der Obelisk wurde nach Ende des Krieges weiterhin nicht bewegt.

2002 schlug während eines Sturms ein Blitz in die mit Stahlstäben versehene Stele und beschädigte den oberen Abschluss schwer. Das ICCROM, eine Organisation für Denkmalpflege und Restauration, führte daraufhin eine erneute Restaurierung durch. Inzwischen wurde von einigen sogar argumentiert, die Stele sei ein Teil von Rom und ein Symbol dieser Stadt geworden.

Silvio Berlusconi unterzeichnete nach der Beschädigung der Stele die Anordnung zur Rückgabe der Stele. 2004 wurde der Monolith nun endlich abgebaut. Per Schiff konnten die Teile aufgrund eines Monsuns nicht transportiert werden. Diese wurden daraufhin in drei Kisten in einem Militärflughafen gelagert, bis sich ein geeignetes Flugzeug finden ließ. Die einzigen geeigneten Maschinen waren allerdings zu der Zeit im Krieg im Irak im Einsatz. Im April 2005 konnte ein Flugzeug des ukrainischen Typs Antonov endlich für den Transport genutzt werden. Die Teile wurden nach und nach zu einem eigens für diesen Transport gebauten Flughafen in Aksum gebracht.

Nun blieb die Frage, ob man die Teile so platzieren sollte, wie sie ursprünglich auf dem Stelenfeld lagen, oder ob man die Stele ähnlich wie in Rom aufstellen sollte. Diese Entscheidung zögerte sich über drei Jahre hinaus. Trotz mehrfach vorgebrachter Bedenken wurde der Monolith letztendlich aufgestellt. Ohne ein geeignetes Fundament und Bodengutachten wurde am 31. Juli 2008 der letzte Block der Stele platziert. Aufgrund der nicht durchgeplanten Entscheidung sind bis heute Zugseile nötig, die die Stele vom Fallen abhalten. Am 5. September fand die Rückgabe mit einer Einweihungsfeier endlich ein Ende.