Die Türkische Post war eine deutschsprachige Tageszeitung in der Türkei. Die erste Ausgabe erschien am 1. Juni 1926, die letzte am 1. August 1944. Der Redaktionssitz befand sich in Istanbul. Als direkte Vorgängerin der Türkischen Post gilt der Osmanische Lloyd.
Gründung Von 1908 bis 1918 erschien in Konstantinopel (Umbenennung 1930 in Istanbul) die deutschsprachige Tageszeitung Osmanischer Lloyd. Das Blatt spiegelte die Interessen der deutschen Nahostpolitik wider und wurde über die Deutsche Botschaft Konstantinopel vom Auswärtigen Amt sowie über Spenden und Anzeigen deutscher Großunternehmen finanziert.Resul Alkan: Die „Türkische Post“: Türkiye’de Bir Nazi-Propaganda Gazetesi ve Matbuat Umum Müdürlüğü. in: Selçuk Üniversitesi Sosyal Bilimler Enstitüsü Dergisi. Konya, 2019. DergiPark Akademik, abgerufen am 9. Januar 2022. Mit dem Waffenstillstand von Mudros, den das mit Deutschland während des Ersten Weltkriegs verbundene Osmanische Reich am 30. Oktober 1918 mit Großbritannien schließen musste, war unmittelbar der Abbruch der deutsch-osmanischen Beziehungen verbunden: Nicht nur die deutschen Diplomaten und Militärs, sondern auch alle Journalisten und Zivilisten hatten binnen eines Monats das Land zu verlassen.Von der Funktion einer Freundschaft - Die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkischen Republik 1924 Clio-online, abgerufen am 9. Januar 2022.
Erst am 3. März 1924 konnte das zur Republik umgewandelte Deutsche Reich und die am 29. Oktober 1923 gegründete Türkische Republik einen Vertrag schließen, der die Aufnahme wechselseitiger diplomatischer Beziehungen vorsah. Neuer deutscher Botschafter in Konstantinopel wurde Rudolf Nadolny, der ab Ende 1925 den Wunsch des Auswärtigen Amtes nach einer neuen deutschen Tageszeitung in der Türkei innerhalb von nur sechs Monaten in die Tat umsetzte. Vor diesem Hintergrund gilt der Osmanische Lloyd sowohl in der deutschen als auch in der türkischen Zeitungswissenschaft als Vorgängerin der Türkischen Post.Karl d’Ester, Walter Heide; (Hrsg.): Zeitungswissenschaft. Monatsschrift für internationale Zeitungsforschung, Band 18, Ausgaben 1–7. Duncker & Humblot, 1943, S. 289–291.
Politische Konzeption und Hauptziel der Zeitung sollte einerseits die „pressepolitische Unterstützung für die verstärkte Einführung deutscher Industrieprodukte in die Türkei“ sein. Andererseits wurde von Anbeginn primär der „politische Charakter“ der Türkischen Post als ein „Instrument zur Mitgestaltung der deutsch-türkischen Beziehungen“ betont. Finanziert werden sollte das Projekt ursprünglich ausschließlich von deutschen Wirtschaftskreisen. Diese bemängelten jedoch, dass die türkische Bevölkerung, die zumeist keine Fremdsprachenkenntnisse besaß, mit einer deutschsprachigen Zeitung nicht zu erreichen wäre.Friedrich Dahlhaus: Möglichkeiten und Grenzen auswärtiger Kultur- und Pressepolitik: dargestellt am Beispiel der deutsch-türkischen Beziehungen 1914–1928. Peter Lang, 1990, S. 255–260.
Lediglich deutsche Großkonzerne, die auf dem türkischen Markt tätig und zugleich die führenden Unternehmen im Handel zwischen den beiden Ländern waren, wie IG Farben, Siemens, Krupp, Junkers, Deutsche Bank und Deutsche Orientbank, unterstützten das Blatt mit unregelmäßigen Spenden und Anzeigen. Faktisch konnte die Türkische Post seit ihrer Gründung nur mit Hilfe verschiedener Zahlungen des Auswärtigen Amtes überleben.
Die notwendige Konzession für die Zeitung besorgte ein Strohmann namens Ahmet Muzaffer Toydemir, die Kosten dafür in Höhe von 20.000 RM zahlte das Auswärtige Amt. Toydemir, ein deutschsprechender türkischer Journalist, fungierte vor dem Gesetz formal als Herausgeber, während tatsächlich die Führung des Blattes in deutscher Hand verblieb. Abgesehen von mehreren freien Mitarbeitern und unabhängigen Autoren, arbeiteten in der Redaktion von 1926 bis 1944 fünf festangestellte Personen, die alle von der Deutschen Botschaft bezahlt wurden: drei deutsche Journalisten, ein türkisch-deutscher Übersetzer namens Tevfik Cemal und bis 1941 Muzaffer Toydemir. Außerdem übernahm das deutsche Außenministerium die Anschaffungskosten einer Rotationsdruckmaschine in Höhe von 160.000 RM (heutige Kaufkraft Euro) sowie die Kosten für Papier, Druck und Verteilung.Rudolf Nadolny: Mein Beitrag. Erinnerungen eines Botschafters des Deutschen Reiches. Günter Wollstein, Köln, 1985, S. 188 f.
Als Geschäftssitz der Zeitung dienten in Beyoğlu Räumlichkeiten in der Galip Dede Caddesi Nr. 59.Erkan Dagli: İstanbul’da Bir Alman Gazetesi Türkische Post. In: Türkiyat Arastirmalari Enstitüsü Dergisi, 59, Erzurum 2017, 511–532. DergiPark Akademik, abgerufen am 9. Januar 2022. Die Erstausgabe der Türkischen Post mit regulärer Jahrgangszählung erschien am 1. Juni 1926. Dieser gingen bereits im April sporadisch und vom 17. Mai 1926 an täglich Nullnummern voraus. Im Zeitungskopf war als Untertitel Tageszeitung für den Nahen Osten und darunter in den ersten Jahren Organ der Deutsch-Türkischen Vereinigung (Berlin) und Türkisch-Deutschen Handelskammer (Frankfurt am Main), später zusätzlich und der Deutschen Handelskammer in Wien aufgeführt.vgl. verfügbare Ausgaben Türkische Post Staatsbibliothek zu Berlin, abgerufen am 10. Januar 2022.
Von der ersten bis zur letzten Ausgabe war die Tarnung der Besitzverhältnisse und die Verschleierung der finanziellen Unterstützer von hoher Priorität für die politische Bedeutung der Zeitung, für ihre Glaubwürdigkeit und Wirksamkeit. Ein Impressum wurde erstmals am 10. Juli 1926 angegeben, laut dem das Blatt bis Anfang 1929 im Verlag „von Ritgen & Co, Beyoğlu“ und danach im Verlag der „Universum – Gesellschaft für Druckereibetrieb mbH, Beyoğlu“ (türkisch: „Universum Matbaakcilik Şirketi, Beyoğlu“) erschien. Geschäftsführer beider Unternehmen war pro forma bis 1937 der Journalist Hermann von Ritgen.Walther Heide (Hrsg.): Handbuch der deutschsprachigen Zeitungen im Ausland (1935). Walter de Gruyter, 2020, S. 294.
Hinter den Verlagen stand zunächst die Konkordia Literarische Gesellschaft mbh, ein deutsches Tarnunternehmen, geschaffen von Max Winkler, der als Wirtschaftsberater den Regierungen in der Weimarer Republik, im Dritten Reich und in der frühen Bundesrepublik bei der Verschleierung von staatlichen Zeitungsbeteiligungen zu Diensten stand. Winkler sagte nach dem Zweiten Weltkrieg bei den Nürnberger Prozessen aus: „Von Riga bis Konstantinopel habe ich alles, was deutsch gedruckt war, mit der Zeit in die Hand bekommen.“ Historiker bezeichnen diese Aussage für die 1920er Jahre als „tatsächlich zutreffend“, weil sich keine einzige deutschsprachige Auslandszeitung ohne die finanzielle Beteiligung der jeweiligen deutschen Regierung wirtschaftlich selbst hätte tragen können.Norbert Krekeler: Revisionsanspruch und geheime Ostpolitik der Weimarer Republik: Die Subventionierung der deutschen Minderheit in Polen 1919–1933. Walter de Gruyter, 2010, S. 23 f.Helga Wermuth: Max Winkler – Ein Gehilfe staatlicher Pressepolitik in der Weimarer Republik. Dissertation. München 1975, S. 5 f.
Die Gründung und Herausgabe von Auslandszeitungen war kein deutscher Alleingang: Auch die Botschaften Frankreichs und Großbritanniens beteiligten sich in der Türkei an der Veröffentlichung verschiedener Zeitungen und Zeitschriften in ihrer Landessprache, die ebenfalls explizit politisch fundiert waren und den einschlägigen politischen Parteien sowie Bewegungen der Zeit und ihres Landes entsprangen.Berna Pekesen: Zwischen Sympathie und Eigennutz. NS-Propaganda und die türkische Presse im Zweiten Weltkrieg. LIT Verlag Münster, 2014, S. 12, 24 f.
Inhalte Die Türkische Post erschien täglich außer sonntags. Sie konnte im In- und Ausland abonniert werden. Der Vertrieb erfolgte in der Türkei, Griechenland, Bulgarien, Persien, Syrien, Palästina, Irak, Ägypten und Afghanistan. Zur Leserschaft zählten in diesen Ländern lebende Auslandsdeutsche, überwiegend in der Türkei arbeitende deutsche Ingenieure, Vertreter, Wissenschaftler und Offiziere, aber auch in der Türkei vertretene Botschaftsangehörige anderer Länder sowie türkische Beamte und höhere Angestellte, die mit deutschen Behörden, Instituten oder Unternehmen zusammenarbeiteten.
Der Inhalt der Zeitung wurde von der deutschen Botschaft bestimmt, bis 1934 in Abstimmung mit dem Auswärtigen Amt, danach nach Vorgaben des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda. Von Anfang April 1926 bis Ende April 1933 war Franz Frederik Schmidt-Dumont (* 23. Februar 1882; † 29. Dezember 1952) politischer und wirtschaftlicher Schriftleiter der Türkischen Post. Er galt als hochkarätiger Nahostexperte, hatte Naturwissenschaften sowie Jura, Nationalökonomie und Sprachen (Russisch, Türkisch, Hebräisch, Polnisch, Arabisch) studiert und wechselte im Mai 1933 als Presseattaché an die Deutsche Botschaft Ankara.Franz-Frederik Schmidt-Dumont Projekt „Beamte nationalsozialistischer Reichsministerien“ Universität Heidelberg, abgerufen am 14. Januar 2022.
Das Blatt informierte über wichtige Ereignisse in der Türkei, auf dem Balkan, im Nahen Osten und in Deutschland. Unter der Leitung von Schmidt-Dumont versuchte die Türkische Post bis 1933 sich von den politischen und weltanschaulichen Debatten in Deutschland fernzuhalten. Aber auch danach lag der Schwerpunkt bis 1938 auf umfassenden Reportagen über die enormen Errungenschaften unter Atatürk. Hervorzuheben ist, dass die Berichterstattung über die kemalistischen Reformen genauso wie über andere Ereignisse in der Türkei nicht rückblickend, sondern tagesaktuell erfolgte. Hierfür konnte die Chefredaktion neben den festangestellten Journalisten in Istanbul auf ein kleines Korrespondentennetz in Berlin, Athen, Jaffa, Kairo und zeitweilig Sofia zurückgreifen.Deutsches Institut für Zeitungskunde (Hrsg.): Handbuch der Weltpresse 1931. Carl Duncker Verlag, 1931, S. 341.
Der Umfang der Zeitung betrug grundsätzlich vier Seiten, bei besonderen Anlässen und Ereignissen auch deutlich mehr. Anders als beim Osmanischen Lloyd, hatte die Türkische Post einen Wirtschaftsteil, meist zwei Seiten. Mit dem Titel Der Nahe Osten war zudem der Zeitung ab 1930 zu jeden 1. und 15. des Monats eine 32-seitige Sonderbeilage über wirtschaftliche und kommerzielle Themen in der Türkei nebst Balkan und Naher Osten beigefügt. Die Türkische Post kostete 5 Kuruş, an den Tagen mit Sonderbeilagen 10 Kuruş. Die tägliche Auflage lag 1930 bei 1.400 Exemplaren, 1935 bei 1.500 und 1941 bei 2.000.Oberkommando der Wehrmacht (Hrsg.): Schlag nach über den Nahen Osten, Band 1. Bibliographisches Institut, 1941, S. 7. Diese Anzahl erscheint aus heutiger Sicht gering, entsprach aber der Auflagenhöhe verschiedener in- und ausländischer Zeitschriften in der Türkei, beispielsweise der französischen Auslandszeitung Istanbul.
Über die Bedeutung und den Einfluss der Türkischen Post liegen unterschiedliche Urteile vor. Botschafter Nadolny wies im Februar 1927 gegenüber dem Auswärtigen Amt darauf hin, dass „der Propagandaeffekt der Zeitung schon kurze Zeit nach ihrer Gründung sehr stark“ sei. Ebenso resümierte die spätere NS-Propaganda im Frühjahr 1940, dass „die Wirkung der gutgeleiteten Türkischen Post größer“ sei, „als die verhältnismäßig kleine Auflage vermuten“ ließe.Franz Thierfelder: Der Balkan als kulturpolitisches Kraftfeld. H. Stubenrauch, 1940, S. 96.
In der neueren Forschung werden der Einfluss und die Propagandaeffekte der Zeitung auf die türkische Politik insbesondere während der NS-Zeit von einigen türkischen Historikern als gering, bis hin zu bedeutungslos charakterisiert. Andere weisen explizit darauf hin, dass die Türkische Post regelmäßig von anderen türkischen Zeitungen zitiert wurde und es ihr sehr häufig gelang, eigene Darstellungen und Kommentare in die türkische Presse einzubringen.
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