Hochchinesisch oder (Modernes) Standardchinesisch (fachsprachlich: )Bingwen Liu, Lei Xiong (Hrsg.): 100 unter 1 Milliarde: Gespräche mit Chinesen über Alltagsleben, Hoffnungen und Ängste. Aus dem Chinesischen von Liangjion Li und Renate Zantis, Westdeutscher Verlag, Opladen, 1989, DOI:10.1007/978-3-322-91586-3_89.Lin Liu, Hwei Ann: Die Teilung Chinas und ihre sprachlichen Folgen. In: Lebende Sprachen. Band 40, Nr. 1, 2009, S. 5–8, DOI:10.1515/les.1995.40.1.5. ist die Standardvarietät des Chinesischen, die Amtssprache der Volksrepublik China und der Republik China (Taiwan) sowie eine der vier Amtssprachen Singapurs.

Die Standardsprache basiert in ihrer Form auf dem Peking-Dialekt des Mandarin (Nordchinesisch). Die offizielle Definition ist: „Die Pekinger Aussprache als Standardaussprache, das Nordchinesische als Grunddialekt, die maßgeblichen modernen báihuàwén-Werke als Standardgrammatik.“Im Original: . Konferenz zur Standardisierung des Modernen Chinesisch, 1956. Zitiert in Ping Chen: Modern Chinese. History and Sociolinguistics. Cambridge University Press, Cambridge 1999, S. 24.

Es gibt eine zunehmende Zahl von jüngeren Chinesen und Bewohnern größerer Städte, die ausschließlich oder überwiegend die Standardsprache und keinen der chinesischen Dialekte sprechen.Jerry Norman: Chinese. Cambridge University Press, Cambridge 1988, S. 251.Sihua Liang: Language Attitudes and Identities in Multilingual China. A Linguistic Ethnography. Springer, Cham u. a. 2015, S. 45. Dies ist zu einem großen Teil das Ergebnis von Anstrengungen der Regierungen der Volksrepublik und Taiwans, das Hochchinesische als allgemein genutzte Umgangssprache durchzusetzen. Nach einer Erhebung des Bildungsministeriums sprachen im Jahr 2014 allerdings nur 7 % der Bevölkerung der VR China klares und flüssiges Hochchinesisch, 30 % sind überhaupt nicht in der Lage, in dieser Sprache zu kommunizieren.Chris Luo: One-third of Chinese do not speak Putonghua, says Education Ministry. In: South China Morning Post (online), 22. September 2014.

Auch die Schreibung des Chinesischen ist weitgehend normiert. Die chinesische Schriftsprache báihuàwén () basiert – anders als die klassische Schriftsprache wényánwén () – auf der modernen Umgangssprache. Davor hatten Texte in klassischer Schriftsprache, von der sich die gesprochene Sprache völlig entfernt hatte, das höchste Prestige in der Gesellschaft. Die Beseitigung dieser Diglossie-Situation in der chinesischen Gesellschaft, das heißt die Durchsetzung der báihuàwén als der primären Schriftsprache, erfolgte erst nach dem Sturz der Qing-Dynastie Anfang des 20. Jahrhunderts infolge gesellschaftlicher Umwälzungen in der Bewegung des vierten Mai.

Neben dem Standardchinesischen gibt es noch weitere chinesische Sprachen, die oft als Dialekte des Chinesischen bezeichnet werden. Diese Bezeichnung spiegelt vor allem den niedrigen Status wider, der diesen Sprachen beigemessen wird, aber auch die Tatsache, dass sie (außer dem Kantonesischen) keine allgemein akzeptierte Schriftsprache haben. Linguistisch unterscheidet man mindestens sechs Sprachen bzw. Dialektgruppen des Chinesischen, die ihrerseits wiederum keineswegs einheitlich sind. Spätestens seit der Gründung der Volksrepublik China wird jedoch das Erlernen der Standardsprache als Zweitsprache propagiert und diese in den Schulen unterrichtet.

Bezeichnungen Im Chinesischen selbst gibt es bereits mehrere, in der Bedeutung verschiedene Bezeichnungen für die Standardsprache: Pǔtōnghuà ( bzw. , wörtl. „normale Verkehrssprache“, „allgemeine Verkehrssprache“) ist der in der Volksrepublik China gebräuchliche Name für die Standardsprache, wie sie in den Schulen gelehrt wird und in offiziellen Texten Anwendung findet. In Taiwan wird die Bezeichnung Guóyǔ verwendet ( bzw. „Nationalsprache“). Unter den Überseechinesen, besonders in Südostasien, ist Standardchinesisch als Huáyǔ bekannt ( bzw. „chinesische Sprache“).

Běifānghuà ( bzw. , wörtl. 'Dialekte des Nordens') dagegen ist der Sammelbegriff für die Dialekte des Nordens, auf denen die Standardsprache basiert. Einzelne Dialekte der Nordregion weisen regionale Unterschiede zur Standardsprache auf, die jedoch geringer sind als bei südlichen Dialekten.

Die in der chinesischen Umgangssprache gebräuchliche Bezeichnung Hànyǔ ( bzw. , wörtl. „Sprache der Hàn“) wird oft mit „Chinesisch“ bzw. „Standardchinesisch“ synonym verwendet. Allerdings sprechen nicht alle Han-Chinesen den Standard-Dialekt als Muttersprache. Stattdessen bezeichnet Hànyǔ alle han-chinesischen Dialekte. So betonen Hakka-Sprecher, dass ihr Dialekt ebenfalls als Hànyǔ bezeichnet werden solle, da die Grammatik der Hakka-Sprache klassischen chinesischen Texten am nächsten ist.

Die Bezeichnungen Peking-Dialekt ( bzw. Běijīnghuà oder Běijīng fāngyán) oder auch Peking-Chinesisch sind ebenfalls ungenau. Sie werden unter anderem in Taiwan als abwertender Begriff von jenen verwendet, die die Unabhängigkeit Taiwans befürworten und der Meinung sind, dass Taiwanisch die nationale Sprache Taiwans sein sollte.

Die Bezeichnung MandarinDer Fachbegriff Mandarin ist üblicherweise ein Oberbegriff für die nordchinesische Sprachgruppe, welche neben dem standardisierten Hochchinesisch weitere Varianten und Dialekte der nordchinesische Sprachen beinhaltet. Die heutige ungenaue umgangssprachliche Nutzung des Begriffs Mandarin verweist hingegen oft allein auf das standardisierte Hochchinesisch und ist auf den Einfluss des Englischen im Deutschen (Anglizismus) zurückzuführen. für die chinesische Sprache ist in älteren deutschsprachigen Publikationen gebräuchlich und wird unter dem Einfluss des Englischen auch heute wieder häufiger gebraucht. Dieses Wort ist abgeleitet vom portugiesischen Wort mandarim (aus dem Malaiischen menteri. Ausgewertet am 12. Januar 2006. Ausgewertet am 12. Januar 2006. und dem Sanskrit-Wort mantrin-), das „Ratgeber“, „Minister“ bedeutet. Das ist die Übersetzung des chinesischen Wortes Guānhuà ( bzw. ), das wörtlich als „Sprache der Mandarine“ (der kaiserlichen Beamten) zu übersetzen ist. Guānhuà wird von den Chinesen heute als archaisch empfunden, aber es wird von Sprachwissenschaftlern manchmal als Terminus benutzt, der alle Dialekte und Variationen des Nordchinesischen (also nicht nur Pǔtōnghuà und Guóyǔ) einschließt.

Standardisierung Die standardisierten Formen des Chinesischen, Pǔtōnghuà und Guóyǔ, verwenden als Basis die Aussprache des Peking-Dialektes ohne seine regionalen Spezifika. Trotzdem gibt es regionale Variationen in der Aussprache, und das aus zwei Gründen: In dem riesigen geographischen Gebiet, in dem Standardchinesisch Muttersprache ist, zeigen sich Unterschiede, wenn man sich von einem Ort zu einem anderen bewegt. Die Unterschiede lassen sich mit den Dialekten und Akzenten der deutschen Sprache vergleichen. Menschen, für die Standardchinesisch Zweitsprache ist (d. h. ihre Muttersprache ist eine andere der chinesischen Sprachen), geben ihrer Aussprache einen sehr starken regionalen Akzent. So haben die Einwohner Taiwans und Südchinesen häufig eine stärkere und konsistente Abweichung von dem Standardchinesisch, das die Bildungsbehörden als Standardsprache definiert haben. Beispiele sind die Anlaute zh und sh im Hanyu Pinyin (z. B. si statt shi, zong statt zhong).

Aus offizieller Sicht gibt es zwei chinesische Standardsprachen: Die der Volksrepublik China (Pǔtōnghuà, „Standardsprache“) und die in Taiwan (Guóyǔ „Nationalsprache“). Offiziell beinhaltet Pǔtōnghuà Aussprachen aus verschiedenen Regionen, während Guóyǔ zumindest theoretisch nur auf der Pekinger Aussprache beruht. Prinzipiell gab es in den 50er Jahren zwischen Pǔtōnghuà und Guóyǔ keinen großen Unterschied. Aber im Laufe der Zeit sind manche entstanden. Zum Beispiel werden , , , auf Pǔtōnghuà im 1. Ton, auf Guóyǔ im 2. Ton ausgesprochen. wird auf Pǔtōnghuà als yè, auf Guóyǔ als yì ausgesprochen. Interessant ist, dass die Aussprache mancher Zeichen auf Guóyǔ gleich wie im Pekinger Dialekt ist, auf Pǔtōnghuà aber nicht. Zum Beispiel wird mit der Bedeutung „und“ auf Pǔtōnghuà als hé, auf Guóyǔ als hàn ausgesprochen. Die spätere Pekinger Aussprache wird wegen der Durchsetzung von Pǔtōnghuà nicht mehr von der jungen Generation in Peking und anderen Teilen des Festlandes Chinas verwendet, in Taiwan aber doch.

Nicht alle Varianten des gesprochenen Standardchinesisch sind überall verständlich. SIL International schreibt:

Entstehungsgeschichte Es herrscht in China das Bewusstsein, dass die gemeinsame Nationalsprache und die einzelnen Dialekte beziehungsweise Regionalsprachen in China von der Sprache der Han-Chinesen aus der vorgeschichtlichen Zeit abstammen und damit denselben Ursprung haben.

Die meisten Chinesen, die in Nordchina, Sichuan und in einem breiten Band von der Mandschurei im Nordosten Chinas bis in den Südwesten (Yunnan) leben, haben verschiedene nordchinesische Dialekte als Muttersprache. Die Vorherrschaft dieser Dialekte in Nordchina ist auf die großen Ebenen dieser Region zurückzuführen. Im Süden hingegen hat das von Flüssen zerklüftete Bergland die linguistische Diversität gefördert. Dass im bergigen Sichuan ein nordchinesischer Dialekt gesprochen wird, liegt an einer Pestepidemie, die im 12. Jahrhundert die Region entvölkerte. Später wurde sie von Nordchinesen neu besiedelt.

Trotz der auch heute noch herrschenden Sprachenvielfalt in China kann man in jeder chinesischen Dynastie eine überregionale Sprache benennen, die Sprache der jeweiligen Hauptstadt. Es lässt sich jedoch vermuten, dass der Verbreitungsgrad in den einzelnen Gesellschaftsschichten nicht besonders hoch war, und es gab keine systematische Sprachplanung.

Nur eine verhältnismäßig kleine Menge an Beamten, Händlern und herumreisenden Gelehrten benutzte die Standardsprache. Die Gründe für den Anstieg der Nachfrage der einfachen Bevölkerung nach einer gemeinsamen Nationalsprache werden in dem Anstieg der überregionalen Kommunikation und Mobilisierung nach dem Beginn der Industrialisierung mit dem Einbruch der Westmächte in den Opiumkriegen erst Ende des 19. Jahrhunderts vermutet.

In der Ming-Dynastie und der Qing-Dynastie tauchte der Begriff Guanhua () für die allgemeine Standardsprache auf (aus heutiger Sicht „Alt-Mandarin“ oder „Früh-Mandarin“ genannt). Zu dieser Zeit wurde die Hauptstadt nach Peking verlagert, und deshalb gewannen die nördlichen chinesischen Sprachen an Prestige. Deshalb basiert die Guanhua auf den nördlichen Regionalsprachen.

Am Ende der Qing-Dynastie, mit einem Erstarken des Nationalbewusstseins nach der Demütigung durch die verlorenen Opiumkriege 1840 und 1856 und den verlorenen Krieg gegen Japan 1894, wurden Forderungen nach einer gemeinsamen Sprache für das Volk laut, die von allen Teilen der Bevölkerung gesprochen und im ganzen Land einheitlich sein sollte.

Einer der ersten Chinesen, die den Begriff Putonghua (zu Deutsch: „Allgemeinsprache“) prägten, war der Linguist Zhu Wenxiong im Jahre 1906. Die Idee einer gemeinsamen Nationalsprache wurden auch von Li Jinxi, Qu Qiubai und Lu Xun unterstützt und nahm konkrete Ausmaße 1913 nach dem Sturz der kaiserlichen Regierung in der von der Beiyang-Regierung abgehaltenen „Nationalen Konferenz zur Vereinheitlichung der Aussprache“ an, auf der der Aussprachestandard für eine einheitliche Nationalsprache detailliert festgelegt wurde. Wegen eines Streits zwischen nördlichen und südlichen Linguisten entschied man sich zunächst demokratisch für die Pekinger Aussprache noch mit südlicher phonetischer Eigenart, aber 1924 wurde dann entschieden, dass die Pekinger Aussprache die Standardaussprache werden sollte.

Die Bezeichnung Guoyu (zu Deutsch: „Nationalsprache“) für eine Nationalsprache wurde ebenfalls am Ende der Qing-Dynastie eingeführt. Sie wurde von der Beiyang-Regierung und der Regierung der Guomindang verwendet, Taiwan verwendet diese Bezeichnung heute immer noch.