mini|Aby M. Warburg (um 1900) mini|Aby Warburg in späten Jahren Aby Moritz Warburg (geboren am 13. Juni 1866 in Hamburg; gestorben am 26. Oktober 1929 ebenda) war ein deutscher Kunsthistoriker und Kulturwissenschaftler und der Begründer der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg. Gegenstand seiner Forschung war das Nachleben der Antike in den unterschiedlichsten Bereichen der abendländischen Kultur bis in die Renaissance. Von ihm wurde die Ikonografie als eigenständige Disziplin der Kunstwissenschaft etabliert.

Leben Herkunft Aby Warburg stammte aus der wohlhabenden Bankiersfamilie Warburg. Seine Vorfahren waren Anfang des 16. Jahrhunderts aus Venedig zunächst nach Kassel im Fürstentum Hessen gesiedelt und zogen 1557 in die westfälische Hansestadt Warburg im Hochstift Paderborn im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Wie es für Juden seinerzeit üblich war, wurde der Stadtname der Ansiedlung als Familiennamen übernommen.Jacques Attali: Dizionario innamorato dell’ebraismo. Plon et Librairie Arthème Fayard, 2009; Dina van Faasen: Die Juden im Hochstift Paderborn. In: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen), Münster 2021, S. 92 (Digitalisat). Im 18. Jahrhundert übersiedelten die Warburgs schließlich nach Altona. Zwei Warburg-Brüder gründeten 1798 das Bankhaus M. M. Warburg & Co in Hamburg, das heute wieder in Hamburg einen Sitz hat.

Aby Warburg wurde als erstes von sieben Kindern des damaligen Leiters der Hamburger Bank, Moritz M. Warburg (1838–1910), und seiner Ehefrau Charlotte Esther geb. Oppenheim (1842–1921) aus der Familienlinie der Mittelweg-Warburgs geboren. Während Aby Warburg sich früh für Literatur und Geschichte interessierte, wurden seine Brüder Max, Paul, Felix und Fritz Bankiers. Sie bekleideten einflussreiche politische Ämter in Deutschland und nach der Auswanderung in den USA.

Kindheit und Jugend Warburg wuchs in einem konservativen jüdischen Elternhaus auf. Schon früh zeigten sich aus der Sicht seiner Familie seine schwierigen Charakterzüge, ein labiles und sprunghaftes Temperament, Jähzorn und mangelnde seelische Stabilität. Da auch seine Gesundheit immer sehr anfällig war, wurde sein Verhalten von der Familie geduldet. Warburg revoltierte schon früh gegen die in der Familie streng befolgten religiösen Rituale, und er verweigerte sich den Berufsplänen seiner Familie: Weder wollte er Rabbiner werden, wie es die Großmutter wünschte, noch Arzt oder Jurist. Sein Entschluss, Kunstgeschichte zu studieren, stieß zwar auf erbitterten Widerstand seiner Angehörigen, Warburg setzte sich jedoch mit seinem Vorhaben durch. Wie sein Bruder Max berichtet, war Aby Warburg seit früher Jugend ein leidenschaftlicher Leser. Max hat die Anekdote erzählt, die Teil der Warburg-Legende geworden ist:

Tatsache ist, dass die Familie Warburg Abys kostspielige Buchanschaffungen immer finanziert hat.

Ebenso wie seine beiden Brüder Max und Paul besuchte er die Realschule des Johanneums, die damals noch ihren Sitz in dem kombinierten Museums- und Schulgebäude am Steintorplatz hatte. An „Michaelis 1885“ bestand er dort sein Abitur.

Studium mini|Botticelli: Frühling

1886 begann er das Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Archäologie in Bonn und hörte dort antike Religionsgeschichte bei Hermann Usener, Kulturgeschichte bei Karl Lamprecht und Kunstgeschichte bei Carl Justi. Er setzte sein Studium in München und bei Hubert Janitschek in Straßburg fort, der seine Dissertation über Botticellis Bilder Die Geburt der Venus und Frühling betreute. Von 1888 bis 1889 hielt er sich am Kunsthistorischen Institut in Florenz auf, um die Quellen zu diesen Bildern zu studieren. Sein Interesse galt jetzt ebenfalls den Möglichkeiten, naturwissenschaftliche Methoden in den Geisteswissenschaften anzuwenden. Die Dissertation wurde 1892 eingereicht und 1893 gedruckt. Mit Warburgs Untersuchung wurde eine neue Methode, die Ikonographie bzw. Ikonologie, in das Fach Kunstgeschichte eingeführt. Seine Dissertation gilt als ein Meilenstein in der Geschichte des Fachs.

Nach seiner Promotion studierte Warburg zwei Semester an der medizinischen Fakultät der Universität Berlin, wo er Vorlesungen über Psychologie hörte. In dieser Zeit unternahm er eine weitere Reise nach Florenz.

Reise in die USA Ende 1895 bis 1896 reiste er in die Vereinigten Staaten, zuerst nach New York zur Hochzeit seines Bruders Paul mit Nina Loeb, Tochter des Bankiers und Philanthropen Salomon Loeb. Es zog ihn nach Westen, wobei er zunächst Kontakt mit der Smithsonian Institution aufnahm. Frank Hamilton Cushing, der Feldforschungen bei den Zuñi in New Mexico hinter sich hatte, beeindruckte ihn tief. Warburg ging auch in den Südwesten der USA, zu verschiedenen Pueblos in New Mexico, besuchte Acoma, Laguna, San Ildefonso, wo er einen Antilopentanz fotografierte, und Cochiti, zuletzt Zuñi. Cleo Jurino aus Cochiti zeichnete Warburg seine Kosmologie auf. Diese Zeichnung befindet sich heute im Warburg Institute in London.

mini|Kachina-Puppen der Hopi mini|Aby Warburg bei den Hopi (1896)

Warburg konnte sich dann einige Zeit bei den Hopi in Arizona aufhalten und deren Kultur studieren. Zuerst in Keams Canyon, wo er sein Zeichenexperiment mit Hopi-Schulkindern durchführte, und dann bei dem Mennoniten-Missionar Heinrich Richert Voth, der ihm viel über die Hopi-Religion beibrachte und die Teilnahme an Ritualen ermöglichte. Voth war ein talentierter Anthropologe, wenn seine Methoden heute auch brutal erscheinen. Warburg begründete später seine Feldstudien unter anderem mit einem „aufrichtigen Ekel“ vor der „ästhetisierenden Kunstgeschichte“. „Die formale Betrachtung des Bildes – unbegriffen als biologisch notwendiges Produkt zwischen Religion und Kunstausübung – […] schien mir ein steriles Wortgeschäft hervorzurufen […]“Gombrich 2006, S. 118. Warburg machte sich Notizen über die sonderbar analytische Vogelornamentik der Hopi-Töpferin Nampayo und über die metaphysische Bedeutung der Kachinas. Er sah einen Hemis-Kachina-Tanz der Hopi und konnte sogar die Maskentänzer auf ihrem Ruheplatz beobachten und so das Maskenwesen anschaulich studieren. Voth fotografierte einen Schnappschuss von Warburg mit aufgesetzter Maske.A Lecture on Serpent Ritual. In: Journal of the Warburg Institute. 2 (1939), London, S. 277–292; die deutsche Fassung (auf der Grundlage einer von Gertrud Bing und Fritz Saxl erstellten deutschsprachigen Fassung des Vortrags)

Nach seiner Rückkehr hielt Warburg Lichtbildervorträge in Hamburg und Berlin. Seine Sammlung von Pueblo-Gegenständen und Hopi-Kinderzeichnungen vermachte er später dem Hamburger Völkerkundemuseum. Warburgs Auswertung von Kinderzeichnungen ist ein frühes Beispiel der Anwendung dieser Methode in der Ethnologie. Seine Notizen über das Schlangenritual blieben für die nächsten zwanzig Jahre unbearbeitet.

Florenz 1897 heiratete Warburg gegen den Willen seines Vaters die Malerin und Bildhauerin Mary Hertz, Tochter eines Hamburger Reeders und Senators, der zugleich Mitglied der Synode der Evangelisch-lutherischen Kirche in Hamburg war. Das Ehepaar hatte drei Kinder: Marietta (1899–1973), Max Adolph (1902–1974) und Frede Charlotte Warburg (1904–2004).

1898 bezog Warburg mit seiner Ehefrau eine Wohnung in Florenz. Obwohl Aby Warburg immer wieder von Depressionen heimgesucht wurde, führte das Ehepaar ein reges gesellschaftliches Leben. Zu dem lebhaften Florentiner Kreis gehörten der Bildhauer Adolf von Hildebrand, die Schriftstellerin Isolde Kurz, der englische Architekt und Antiquar Herbert Horne, der niederländische Germanist André Jolles oder der belgische Kunsthistoriker Jacques Mesnil. Auch der berühmteste Renaissancespezialist der Zeit, der Amerikaner Bernard Berenson, hielt sich damals in Florenz auf. Einerseits waren die Gespräche in dieser gebildeten und kunstliebenden internationalen Gemeinschaft in Florenz anregend für Warburg. Andererseits lehnte er jeglichen sentimentalen Ästhetizismus in Bezug auf Kunstwerke ab. Ebenso waren ihm die Bildungsreisenden mit ihrem unkritischen Kunstenthusiasmus zuwider, die er „Übermenschen in den Osterferien“ nannte.Gombrich 2006, S. 131. Diese Haltung zeigte sich auch in seinen Notizen und Schriften in Form polemischer Ausfälle gegen Kunstschwärmerei und die im Zuge von Burckhardts Interpretation der Renaissance vulgarisierte Verherrlichung eines in der Renaissance angeblich gepflegten gesteigerten Individualismus – eines Individualismus, der sich in den Vorstellungen seiner Zeitgenossen gerne mit dem Gedanken an den Übermenschen Nietzschescher Prägung verquickte.

In den Florentiner Jahren untersuchte Warburg die wirtschaftlichen und privaten Lebensumstände der Renaissancekünstler und ihrer Auftraggeber sowie speziell die wirtschaftliche Situation im Florenz der frühen Renaissance und die Probleme des Übergangs vom Mittelalter zur frühen Renaissance. Ein weiteres Ergebnis seiner Florentiner Zeit war die Vortragsreihe über Leonardo da Vinci, gehalten 1899 in der Hamburger Kunsthalle. In den Vorträgen ging er u. a. auf Leonardo da Vincis Studium mittelalterlicher Bestiarien ein als auch auf dessen Auseinandersetzungen mit der klassischen Proportionenlehre nach Vitruv.

mini|Geburt Mariens, Fresko in Santa Maria Novella, rechts die Magd

Er beschäftigte sich zudem mit den bei Botticelli zu beobachtenden Bezügen zur Antike bei der Darstellung der Kleidung von Bildfiguren. Weibliche Kleidung ist geradezu von symbolischer Bedeutung in Warburgs berühmtem, durch Diskussionen mit Jolles angeregten Aufsatz über die Nymphen und über die Figur der Magd in Ghirlandaios Fresko in Santa Maria Novella in Florenz. Der sich in dem Bild zeigende Kontrast zwischen den steifen, in enge Gewänder gezwängten Matronen und der leicht gekleideten schnellfüßigen Magd wirkt wie eine Illustration zu der um 1900 virulenten Diskussion um das einer Frau angemessene Verhalten und über eine Kleidung, die sie aus den Zwängen, Anstandsregeln und Schicklichkeitsvorstellungen eines reaktionären Bürgertums befreit.

Rückkehr nach Hamburg 1902 kehrte die Familie wieder nach Hamburg zurück und Warburg stellte die Ergebnisse seiner Florentiner Forschung in einer Reihe von Vorträgen vor, übernahm aber zunächst weder eine Professur noch ein anderes akademisches Amt. Er wurde Mitglied des Verwaltungsrates des Völkerkundemuseums, förderte zusammen mit seinem Bruder Max die Gründung der Hamburger Wissenschaftlichen Stiftung (1907) und warb für die Gründung einer Hamburger Universität. Im Jahr 1912 lehnte er einen Ruf als Professor an die Universität Halle ab. Stattdessen wurde er frühzeitig und ehrenhalber vom Hamburger Senat zum Professor an der Universität Hamburg ernannt, die sich noch im Aufbau befand und schließlich 1919 gegründet wurde. Bereits zu dieser Zeit zeigten sich Anzeichen seiner psychischen Erkrankung, die seine Forschungs- und Lehrtätigkeit beeinträchtigten.

Sternglaube und Sternkunde Mit seinem Vortrag über einen Kalender des Hamburger Druckers Stephan Arndes im Jahre 1908 begann Warburgs Erforschung der astrologischen Bilderwelt. Wie bei seinen Aufzeichnungen über das Schlangenritual der Hopi und dem späteren Kreuzlinger Vortrag faszinierte ihn bei der Astrologie die Wirkungsmacht der Symbole und das Spannungsverhältnis zwischen der Dämonenfurcht des Menschen, deren Bewältigung durch das Schaffen von Bildern und Symbolen einerseits und der gleichzeitigen Entwicklung der Rationalität aus ebendieser Dämonenfurcht andererseits: