Public Participation Geographic Information System (PPGIS – Öffentliches partizipatives GIS) beschreibt ganz allgemein ein Geoinformationssystem (GIS), an dem vor allem nicht-privilegierte Gruppen aktiv mitwirken können.Nancy Obermeyer: PPGIS: The Evolution of Public Participation GIS. 1998, (online). S. 3 Raimund Kemper, Sabine Friedrich, Gabriela Muri und Viktoria Slukan. Jugend-Raum – Aneignung öffentlicher Räume durch Jugendliche. Monsenstein und Vannerdat, Münster 2009, ISBN 978-3-86991-581-4. S. 103 Somit kann einer breiten Öffentlichkeit die Anwendung spezieller Geoinformationssysteme ermöglicht werden. Unter Geoinformationssystemen versteht man allgemein die grafische Darstellung von Daten aus einer Datenbank mithilfe einer Karte.

Grundsätzlich bezeichnet man heute mit PPGIS eine online bereitgestellte, kartenbasierende und partizipative Anwendung unter Beteiligung unterschiedlicher Akteure, um bestimmte Prozesse sichtbar machen zu können, beispielsweise die Beteiligung Jugendlicher an stadtplanerischen Erhebungen oder die selbstständige Kartierung einer informellen Siedlung durch ihre Bewohner. Als Methode in der Geographie sind die PPGIS noch relativ neu und werden erst seit Mitte der 1990er Jahre hauptsächlich in den USA und Kanada angewendet.Renee Sieber: Public participation geographic information systems across borders. In: Nadine Schuurman (Hrsg.): The Canadian Geographer / Le Géographe canadien, Band 47, Nr. 1, 2003, 50–61, hier S. 51

Historische Entwicklung 1996 veranstaltete das 'National Center for Geographic Information and Analysis' (NCGIA) ein Meeting unter dem Titel „GIS and Society: The Social Implications of How People, Space, Environment Are Represented in GIS“.National Center for Geographic Information and Analysis (Hrsg.): GIS and Society: The Social Implications of How People, Space and Environment Are Represented in GIS. (online). S. 1 Ziel dieses Treffens war es, Geoinformationssysteme aufgrund ihrer fortschreitenden Entwicklung kritisch im Hinblick auf ihre soziale und politische Ebene zu untersuchen.Raimund Kemper, Sabine Friedrich, Gabriela Muri und Viktoria Slukan. Jugend-Raum – Aneignung öffentlicher Räume durch Jugendliche Monsenstein und Vannerdat, Münster 2009, ISBN 978-3-86991-581-4. S. 103 Hintergrund dabei waren unter anderem die sog. GIS-Wars und verschiedene Kritiken am Umgang mit Geoinformationssystemen. Einer der Hauptpunkte hatte dabei vor allem die Überwindung von Machtasymmetrien als Ziel. Für die Frage nach einer genaueren Definition von Public Participation GIS wurde anschließend an dieses Treffen ein eigener Workshop angesetzt.Nancy Obermeyer: PPGIS: The Evolution of Public Participation GIS. 1998, (online). S. 2 Als Ziel dieses Workshops sah man es, Anwendungen zu entwickeln, zu denen vor allem sozial schwächere Gruppen Zugang bekommen sollten.Renee Sieber: Public Participation Geographic Systems: A Literature Review and Framework. In: Association of American Geographers (AAG) (Hrsg.): Annals of the Association of American Geographers Vol. 96, No. 3. Washington D.C. 2006, S. 491–507. S. 492 Vor diesen beiden großen Konferenzen gab es bereits Projekte, die zwar noch nicht als PPGIS bezeichnet wurden, aber diesen in Prinzip und Funktionsweise sehr ähnelten. Diese wurden unter Zuhilfenahme damals neuartiger Technologien durchgeführt.Renee Sieber: Public Participation Geographic Systems: A Literature Review and Framework. In: Association of American Geographers (AAG) (Hrsg.): Annals of the Association of American Geographers Vol. 96, No. 3. Washington D.C. 2006, S. 491–507. S. 493 Heute definiert man PPGIS als ein immer wichtiger werdendes Instrument um direkt Informationen über soziale, gesellschaftliche, politische oder ökonomische Attribute von bestimmten Plätzen, Orten oder Ähnlichem zu bekommen. Obwohl sich bereits verschiedene Autoren daran versucht haben, ist eine wirkliche, feste und lexikonreife Definition immer noch nicht greifbar.

Heutiger Begriff Heutzutage versteht man unter PPGIS vor allem die freiwillige Beteiligung einer (sozial benachteiligten) Öffentlichkeit an bestimmten Prozessen, wie stadtplanerischen Aktivitäten oder an der Lösung grundlegender Probleme, beispielsweise der Kartierung einer informellen Siedlung über Landnutzung bis hin zur Standortoptimierung der Abfallentsorgung von Atomkraftwerken.Ryerson University (Hrsg.) (o. J.): Case Studies of PPGIS. URL: http://www.geography.ryerson.ca/students/mbird/casestudies.htm (abgerufen am 26. Oktober 2013)Matthias Uhler, Hartmut Müller und Falk Wuerriehausen: Qualitätsmanagement von Kulturlandschaftinformationen. 2013, (paper_gis_open/537533080.pdf online). S. 638 Nach heutiger Definition von PPGIS wird im globalen Süden PPGIS meistens von organisierten Gruppen (beispielsweise Grassroot Groups) genutzt.Daniel Weiner, Trevor M. Harris und William J. Craig (2002): Community Participation and Geographic Information Systems. 2002, (online). S. 2 Dabei werden mit Hilfe der Bevölkerung Informationen gesammelt, um somit aktuell über deren Lage informiert zu sein. Diese sog. Graswurzelbewegungen nutzen PPGIS-Anwendungen, um unter anderem Ressourcen effizienter zu verteilen.Sarah Elwood: GIS, Public Participation. In: Rob Kitchin und Nigel Thrift (Hrsg.): International Encyclopedia of Human Geography. Elsevier, Amsterdam 2009, ISBN 0-08-044911-5, S. 520–525. S. 520 Im Gegensatz dazu wird PPGIS in entwickelten Ländern überwiegend genutzt, um die lokalräumlichen Kenntnisse über einen bestimmten Ort noch weiter zu vermehren, besonders aus der Sicht von Gruppen, die sonst übergangen werden.Amy Pocewicz, Max Nielsen-Pincus, Greg Brown und Russ Schnitzer: An Evaluation of Internet Versus Paper-based Methods for Public Participation Geographic Information System (PPGIS). In: John P. Wilson, David O’Sullivan und Alexander Zipf: Transactions in GIS (16(1)). Wiley and Blackwell, Washington D.C. 2012, S. 39–53. S. 40 Alle PPGIS-Anwendungen haben das Ziel der öffentlichen Beteiligung an geographischen Informationssystemen unter Beachtung der sozialen, politischen und ökologischen Kontexte des Untersuchungsgebietes.Daniel Weiner, Trevor M. Harris und William J. Craig (2002): Community Participation and Geographic Information Systems. 2002, (online). S. 1 Man kann mit einfachen Mitteln viele verschiedene Gruppen an den unterschiedlichsten Problemen innerhalb eines Projekts arbeiten lassen und trotzdem immer für eine breite Öffentlichkeit offen sein und jeden Prozess durchsichtig gestalten. Die Varietät der Fragestellungen und die tatsächlichen Umsetzungen sind hauptsächlich nur durch die Kreativität des Fragestellers limitiert.Amy Pocewicz, Max Nielsen-Pincus, Greg Brown und Russ Schnitzer: An Evaluation of Internet Versus Paper-based Methods for Public Participation Geographic Information System (PPGIS). In: John P. Wilson, David O’Sullivan und Alexander Zipf: Transactions in GIS (16(1)). Wiley and Blackwell, Washington D.C. 2012, S. 39–53. S. 40 PPGIS ist so angedacht, dass es 'mit' und 'für' die betroffenen Gemeinschaften arbeiten soll, anstatt 'über' die Gemeinschaften hinweg.Emma J. Stewart, Dan Jacobsen und Dianne Draper: Public participation geographic informaten systems (PPGIS): challenges of implementation in Churchill, Manitoba. In: Nadine Schuurman (Hrsg.): The Canadian Geographer / Le Géographe canadien (52, no. 3), Wiley and Blackwell, 2008, 351–364 S. 353 Dieser Begriff der PPGIS wird vor allem im deutschsprachigen Raum noch sehr undeutlich verwendet. Die Grenze hin zu Volunteered geographic information (VGI) ist besonders bei dem letzten Beispiel des Artikels (KuLIS) nicht mehr klar zu erkennen, obwohl es sich selbst als PPGIS bezeichnet.

Abgrenzung zu konventionellem GIS Während konventionelle GIS-Anwendungen einen Großteil der gesamten GIS-Anwendungen ausmachen, versuchen Nutzer von PPGIS eine Gegenströmung dazu zu entwickeln. Eine weitläufige Kritik war, dass konventionelle GIS-Anwendungen für Technokraten gemacht sind. Wenn man soziale Faktoren außen vorlässt, gibt es die grundsätzliche, abstrakte Annahme, dass GIS-Projekte rein auf ihre Technologie fokussiert sind.Renee Sieber: Public participation geographic information systems across borders. In: Nadine Schuurman (Hrsg.): The Canadian Geographer / Le Géographe canadien, (47, no. 1), 2003, 50–61. S. 52 Ihr Ziel dabei ist lediglich die Darstellung von gesammelten geographischen Daten. Dies ist der ganz allgemeine Unterschied zu PPGIS. Der Fokus hier liegt vor allem bei einzelnen und individuellen Menschen, bzw. Gruppen, während ein Interesse rein technischer Natur eher an die zweite Stelle zu setzen ist.Renee Sieber: Public participation geographic information systems across borders. In: Nadine Schuurman (Hrsg.): The Canadian Geographer / Le Géographe canadien, (47, no. 1), 2003, 50–61. S. 52 Auch die Frage nach einem 'Warum' zeigt auf, inwiefern sich PPGIS von „konventionellen“ GIS-Anwendungen abgrenzt. „Konventionelles“ GIS wird hauptsächlich dazu genutzt, weil 'man es eben kann' und Innovationen kommen so nur zustande, wenn sie nötig sind. PPGIS-Anwendungen sind in dieser Hinsicht offener, bei einer genauen Frage nach einem 'Warum' und dem Drang etwas Neues zu versuchen.Renee Sieber: Public participation geographic information systems across borders. In: Nadine Schuurman (Hrsg.): The Canadian Geographer / Le Géographe canadien, (47, no. 1), 2003, 50–61. S. 52 Die Anwendungen werden gemacht, weil sie im Idealfall zur Verbesserung des Gemeinwohls gebraucht werden und dadurch bei Bedarf neu überdacht und verbessert werden können oder sogar müssen.Renee Sieber: Public participation geographic information systems across borders. In: Nadine Schuurman (Hrsg.): The Canadian Geographer / Le Géographe canadien, (47, no. 1), 2003, 50–61. S. 52 Ein Punkt, bei dem vor allem die englischsprachige Literatur einen großen Schwerpunkt setzt, ist die sog. Wirkrichtung von PPGIS und 'üblichem' GIS. Man unterscheidet hierbei zwischen Bottom-up und Top-down. Die Wirkrichtung „Bottom-up“ ist die 'klassische' Wirkrichtung bei PPGIS nach Renee Sieber. Für das Prinzip einer PPGIS-Anwendung bedeutet dies, dass man sich zuerst mit den Problemen von einzelnen Menschen und/oder Gruppen befasst, um nach einer Vielzahl von (gedachten) Einzellösungen schließlich das Gesamtproblem einer Region erfassen zu können. Als „Top-Down“ angesetzte Projekte werden eher als normale GIS-Anwendungen gesehen, an welchen im Nachhinein die Öffentlichkeit beteiligt wird.Renee Sieber: Public participation geographic information systems across borders. In: Nadine Schuurman (Hrsg.): The Canadian Geographer / Le Géographe canadien, (47, no. 1), 2003, 50–61. S. 52 Hierbei kommen die Informationen nicht direkt von der breiten Öffentlichkeit, sondern von einer Behörde oder ähnlichen Institutionen.Sarah Elwood: GIS, Public Participation. In: Rob Kitchin und Nigel Thrift (Hrsg.): International Encyclopedia of Human Geography. Elsevier, Amsterdam 2009, ISBN 0-08-044911-5, S. 520–525. S. 521 Dabei wird weniger auf die Bedürfnisse Einzelner eingegangen, sondern versucht, bereits bekannte Probleme zu lösen und damit die Lebensqualität der größeren Gruppe zu verbessern. Auf diese Weise lassen sich bestimmte Muster oder Beziehungen aus den gesammelten Daten erkennen und grafisch auf einer Karte darstellen.Renee Sieber: Public Participation Geographic Systems: A Literature Review and Framework. In: Association of American Geographers (AAG) (Hrsg.): Annals of the Association of American Geographers Vol. 96, No. 3. Washington D.C. 2006, S. 491–507. S. 493 Derartige Herangehensweise sind immer durch die jeweilige Gesetzgebung im Hinblick auf Datenschutz oder ähnliches limitiert.Renee Sieber: Public Participation Geographic Systems: A Literature Review and Framework. In: Association of American Geographers (AAG) (Hrsg.): Annals of the Association of American Geographers Vol. 96, No. 3. Washington D.C. 2006, S. 491–507. S. 495

Praxis von PPGIS-Methoden