Der Evangelische Kirchenkreis Spandau ist einer von zehn Kirchenkreisen der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz im Sprengel Berlin. Er umfasst 16 Gemeinden mit etwa 50.000 evangelischen Christen und entspricht flächenmäßig dem Berliner Bezirk Spandau.

Geschichte Der Ursprung des evangelischen Kirchenkreises Spandau geht direkt zurück auf das Reformationsgeschehen im 16. Jahrhundert. Somit ist er der älteste in der Kirchengeschichte der Mark Brandenburg.

Ursprünge Nachdem der Brandenburger Kurfürst Joachim II am 1. November 1539 in der Spandauer Nikolaikirche das Abendmahl in beiderlei Gestalt empfangen und mit seiner Kirchenordnung von 1540 die Reformation in Brandenburg eingeführt hatte, gewann die evangelische Kirche organisatorische Gestalt. Dazu gehörten Kirchenvisitationen, die nach lutherischem Verständnis vorerst durch die Landesherren durchgeführt wurden.Karl Heussi: Kompendium der Kirchengeschichte. J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) Tübingen 1981 S. 296 Bei der zweiten Visitation im Jahr 1576 wurde der erste Prediger an St. Nikolai zum Inspektor (später: Superintendent) ernannt und ihm aufgetragen, die Aufsicht auch über die benachbarten Kirchengemeinden zu führen. „Er solle nicht bloss auf seine Kirchendiener, sondern auf die benachbarten Pfarrer, so allhie visitiert, fleissig sehen und das Ungebührliche abwenden und verhüten helfen“.Otto Kuntzemüller: Urkundliche Geschichte der Stadt und Festung Spandau. Verlag des Magistrats der Stadt Spandau, Spandau 1881 S. 184 f. Erster Inspektor war von 1538 bis 1540 Heinrich Machelt. Seitdem ist das Amt des Spandauer Superintendenten mit der ersten Pfarrstelle (Oberpfarrer) an St. Nikolai verbunden.

Zur Inspektion (Superintendentur) Spandau gehörten 1560 die Pfarren: Nach: Otto Kuntzemüller: 1881 S. 184 f.

1. St. Nicolai zu Spandau, mater, Privat-Patronats; Staaken, filia mit eigenen Pfarrern 2. St. Johannis zu Spandau, Personalgemeinde innerhalb der Parochie St. Nicolai, kgl. Patronats 3. Bötzow, mater, kgl. Patronats; Schönwalde, filia, Privat-Patronats 4. Wansdorf, mater, Privat-Patronats; Pausin, mater conjuncta, kgl. Patronats 5. Marwitz, mater, kgl. Patronats; Velten, filia, kgl. Patronats; Eichstädt, mater conjuncta, Privat-Patronats 6. Vehlefanz, mater, kgl. Patronats; Bärenklau, filia, kgl. Patronats 7. Schwante, mater, Privat-Patronats; Klein Ziethen, filia, kgl. Patronats 8. Quaden

Im Laufe der Jahre wuchsen der Superintendentur zahlreiche Pfarren westlich der Havel zu, die 1730 an die neu errichtete Potsdamer Inspektion abgegeben wurden. Darunter befanden sich auch die Gemeinden Kladow, Gatow und Glienicke.

Im Jahre 1600 fand die dritte Generalkirchenvisitation statt. Als Ergebnis der Visitation wurde der Superintendent beauftragt, auch die Verkündigung der Pfarrer in den umliegenden Dörfern zu begutachten. Weiterhin wurde eine alljährliche Versammlung der Pfarrer im Spandauer Kirchenkreis einberufen, bei der „Lehre und Leben der Geistlichen“ besprochen wurden – der Vorläufer des Pfarrkonvents.Friedrich Weichert: St. Nikolai zu Spandau – Ein Mittelpunkt Brandenburgischer Kirchengeschichte. Selbstverlag der St. Nikolai-Kirchengemeinde Spandau 1982, S. 111.

Nach der Gründung Groß-Berlins im Jahr 1920 verließ der Kirchenkreis Spandau in der Amtszeit des Superintendenten Augustat den Verband der KurmarkWeichert 1982 S. 132 und zählte fortan zur 1871 geschaffenen Generalsuperintendentur Berlin, schloss sich aber zunächst nicht dem Berliner Stadtsynodalverband an.Hans-Rainer Sandvoß. Widerstand in Spandau. Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin 1988, S. 100.

Im Jahr 1937 gehörten die folgenden neun Gemeinden und Pfarrsprengel mit insgesamt 144.856 Gemeindegliedern zum Kirchenkreis Spandau:Nach: Deutsches Kirchliches Adreßbuch. 3. Ausgabe. Verlag Evangelischer Preßverband für Deutschland, Berlin-Steglitz 1937, S. 60 f.

Luthergemeinde mit drei Pfarrstellen und 39.000 Gemeindegliedern, 1897 aus St. Nicolai ausgegliedert Melanchthonkirchgemeinde mit drei Pfarrstellen und 36.000 Gemeindegliedern, 1916 aus St. Nicolai ausgegliedert St. Nicolai-Gemeinde mit vier Pfarrstellen und 30.000 Gemeindegliedern Haselhorst mit einer Pfarrstelle und 16.000 Gemeindegliedern, 1938 aus St. Nicolai ausgegliedert Spandau-Siemensstadt mit zwei Pfarrstellen und 10.000 Gemeindegliedern, 1919 aus St. Nicolai ausgegliedert Dorfkirche Berlin-Staaken mit einer Pfarrstelle und 2.800 Gemeindegliedern, 1893 aus St. Nicolai ausgegliedert Gartenstadt Berlin-Staaken mit einer Pfarrstelle und 4.000 Gemeindegliedern, 1925 aus Dorfkirche Berlin-Staaken ausgegliedert Marwitz (Velten/Mark) mit einer Pfarrstelle und 556 Gemeindegliedern Velten (Mark) mit einer Pfarrstelle und 6.500 Gemeindegliedern

Mit dem Umzug des von Johann Hinrich Wichern gegründeten Johannesstiftes von Plötzensee in den Spandauer Stadtwald zählte auch die Anstaltskirchengemeinde mit ihrer 1910 erbauten Stiftskirche zum Kirchenkreis Spandau.Günther Kühne, Elisabeth Stephani: Evangelische Kirchen in Berlin. CZV Verlag Berlin 1979 S. 190

Eine weitere Veränderung erfuhr der Kirchenkreis durch die Teilung bestehender Kirchengemeinden:

Wichern-Kirchengemeinde 1937 von der Luther-Kirchengemeinde ausgegliedert Weihnachts-Kirchengemeinde 1938 ausgegliedert aus St. Nikolai.Günther Kühne, Elisabeth Stephani 1979 S. 195 Evangelische Kirchengemeinde Pichelsdorf 1942 aus der Melanchthon-Kirchengemeinde ausgegliedert.Günther Kühne, Elisabeth Stephani 1979 S. 198

Der Kirchenkreis Spandau in der Zeit des Nationalsozialismus

Die Zeit des Kirchenkampfes im Kirchenkreis Spandau war vor allem geprägt durch das Wirken von Superintendent lic. Martin Albertz, Mitglied der zweiten vorläufigen Leitung der oppositionellen Bekennenden Kirche und Leiter des illegalen Prüfungswesens der unter den Nationalsozialisten verbotenen Kirchlichen Hochschule.Sandvoß 1988 S. 102 Sein Wirken stieß auf den Widerstand der im Kirchenkreis Spandau dominierenden Kirchenpartei der Deutschen Christen, denen u. a. auch der stellvertretende Superintendent und Mitpfarrer an St. Nikolai Dr. Rolf Berg angehörte.Weichert 1982 S. 91 Albertz wurde mehrfach verhaftet. 1936 wurde ihm die Leitungsfunktion für den Spandauer Kirchenkreis entzogen. Für ihn wurde als Verwalter Pf. Hertel eingesetzt.Pfarralmanach 1936 S. 105. Albertz ignorierte die kirchlichen Zwangsmaßnahmen und führt sein „früheres Pfarramt einfach weiter“.Sandvoß 1988 S. 103 Unterstützung im Kirchenkreis fand Albertz bei den anderen Bekenntnispfarrern Georg Blenn und Kurt Draeger (St. Nikolai, Altstadt), Heinrich Kroppenstedt (Siemensstadt), Johannes Theile (Staaken-Dorf), Hermann Bunke (erst Lutherkirche/Wichernkapelle, dann Hakenfelde), Johannes Stephan, Staaken (Gartenstadt), Hermann Stephan, (Lutherkirche) sowie von engagierten Laien wie Werkmeister Wiesner und Frau Edith Mertin in der MelanchthonkircheSandvoß 1988 S. 101 sowie dem Kirchenkreisvorsteher Du Mont und den Ingenieuren Napholz (Haselhorst) und Walter Zillich (Siemensstadt).Sandvoß 1988 S. 107

Entwicklungen nach dem Zweiten Weltkrieg Neue Gestalt gewann der Kirchenkreis Spandau nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, der eine Anpassung der Kirchenkreisgrenzen entlang der von den alliierten Siegermächten gesetzten Sektorengrenzen Berlins mit sich brachte. Spandau fand sich nun im Britischen Sektor Berlins wieder. Nach dem Bau der Berliner Mauer 1961, der eine Kommunikation mit den in der sowjetischen Besatzungszone (später: DDR) verbliebenen Gemeinden unmöglich machte, verlor der Kirchenkreis Spandau die Gemeinden Marwitz und Velten an den Kirchenkreis OranienburgKirchliches Amtsblatt der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg Jahrgang 1965 S. 15, gewann jedoch wiederum die Kirchengemeinden Kladow und Gatow aus dem Kirchenkreis Potsdam II. Aus dem Kirchenkreis Falkensee wurde der im britischen Sektor Berlins gelegene Gemeindebereich Groß-Glienicke dem Kirchenkreis Spandau zugeordnet.Kirchliches Amtsblatt der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg Jahrgang 1964 S. 7 Für diesen Gemeindebereich wurde 1953 die Schilfdachkapelle „Zum Guten Hirten“ errichtet, die Gemeinde wurde 1964 selbständig.Günther Kühne, Elisabeth Stephani 1979 S. 199 Die Kirchengemeinde Staaken wurde durch die Grenzziehung geteilt, die Dorfkirche verblieb in der DDR und wurde dem Kirchenkreis Falkensee zugeordnet.Kirchliches Amtsblatt der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg Jahrgang 1962 S. 15

Vor allem durch die Errichtung neuer Wohngebiete in Spandau entstanden durch Gemeindeteilungen zahlreiche neue Kirchengemeinden im Kirchenkreis.

Paul Gerhard-Gemeinde. Errichtet am 1. April 1946 als Ausgliederung von der Luther-KirchengemeindeKirchliches Amtsblatt der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg Jahrgang 1947 S. 35 Kirchengemeinde Spandau-Klosterfelde. 1958 ausgegliedert aus St. NikolaiKirchliches Amtsblatt der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg Jahrgang 1958 S. 17 Evangelische Zuflucht-Kirchengemeinde 1952 ausgegliedert aus der Luther-Kirchengemeinde;Evangelische Zufluchts-Kirchengemeinde(Hrsg.): 60 Jahre Zuflucht. Berlin-Spandau 2012 S. 7 Nathan-Söderblom-Gemeinde 1963 aus der Melanchthon-Kirchengemeinde ausgegliedert.Günther Kühne, Elisabeth Stephani 1979 S. 208 Gemeindezentrum Laurentius 1965 aus der Melanchthon-Kirchengemeinde ausgegliedert.Günther Kühne, Elisabeth Stephani 1979 S. 201 Petrus-Kirchengemeinde 1965 aus St. Nikolai ausgegliedert.Günther Kühne, Elisabeth Stephani 1979 S. 204 Evangelische Kirchengemeinde Radeland 1965 errichtet aus Gemeindeteilen der Paul-Gerhardt- und der Zufluchtgemeinde.Günther Kühne, Elisabeth Stephani 1979 S. 210 Gemeindezentrum am Falkenhagener Feld 1967 von Klosterfelde abgezweigt.Günther Kühne, Elisabeth Stephani 1979 S. 203 Kirchengemeinde am Germersheimer Platz 1967 von Klosterfelde abgezweigt.Günther Kühne, Elisabeth Stephani 1979 S. 208 f Kirchengemeinde Heerstraße-Nord 1969 errichtet aus Gemeindeteilen der Kirchengemeinde Staaken und der Laurentius-KirchengemeindeKirchliches Amtsblatt der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg Jahrgang 1969 S. 14

Ladenkirche Praktisch-theologische Bedeutung erlangte die 1960 von den Theologen Ernst Lange und Alfred Butenuth initiierte Ladenkirche am Brunsbütteler Damm als Filiale von St. Nikolai – später der Petrus-Kirchengemeinde. In einer ehemaligen Bäckerei wurden niederschwellige Gottesdienst- und Begegnungsformen sowie Beteiligungsmodelle an der Verkündigung erprobt.Barbara Deml: Multiform und ökumenisch. Kirche neu denken: Vor 60 Jahren startete das „Gemeindeexperiment Ladenkirche“ in Berlin-Spandau. In: Die Kirche vom 27. Mai 2020 1970 wurde die Ladenkirche eine eigenständige Kirchengemeinde „Am Brunsbütteler Damm“.Kirchliches Amtsblatt der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg Jahrgang 1970 S. 12 Nach dem Zusammenschluss der Kirchengemeinden Petrus, am Brunsbütteler Damm und St. Nikolai 1998 wurde die Ladenkirche im Januar 2004 aufgegeben. In die Räumlichkeiten zog ein Bildungs- und Beratungszentrum des Kirchenkreises Spandau.Karsten Dierks, Stefan Kuhnert: Bewährte Gottesdienstform. Wir begrüßen den „Gottesdienst am runden Tisch“. In: Zeitlupe. Berichte, Bilder und Betrachtungen aus der Luther-Kirchengemeinde Ausgabe Frühling 2021. Berlin-Spandau 2021 S. 4f.

Organisation Leitung Kreissynode Die Kreissynode ist das höchste Leitungsgremium des Kirchenkreises Spandau, das über die Arbeit und die Organisation des Kirchenkreises entscheidet. Im „Parlament“ des Kirchenkreises sind die Gemeinden, die Mitarbeiter und die Pfarrer vertreten. Mitglieder der Kreissynode vertreten die Interessen des Kirchenkreises in der Landessynode der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO).