Als Moralischer Relativismus (auch: ethischer Relativismus) werden in der Metaethik Positionen der praktischen Philosophie bezeichnet, welche moralische Prinzipien, Urteile bzw. Überzeugungen auf soziale, kulturelle, historische oder persönliche Gegebenheiten zurückführen. Wertvorstellungen und -urteile, insbesondere moralische Urteile, sind nach dieser Position nicht objektiv und nicht prinzipiell universell gültig. Wertvorstellungen seien vielmehr abhängig u. a. von kulturellen, historischen, insbesondere materiellen Bedingungen und individuellen Präferenzen. Auch ein philosophischer Historismus geht mit einem entsprechenden Relativismus einher. Eine Übertragung heutiger Wertvorstellungen auf historische Ereignisse würde einen unzulässigen Präsentismus darstellen.

Abendländische Philosophie Der moralische Relativismus steht im Gegensatz zu allen Formen des moralischen Universalismus (einschließlich aller Formen des moralischen Realismus und des moralischen Naturalismus), der eine Allgemeingeltung und Objektivität moralischer Prinzipien vertritt, die prinzipiell für jede Person einsichtig seien.

Der moralische Relativismus lehnt also eine objektive oder universelle Moral ab. Seine Befürworter vertreten allerdings unterschiedliche Theorien zur Natur der Moral und zu den Beweg- und Rechtfertigungsgründen moralischen Handelns. Einige moralische Relativisten sehen diese nur durch subjektives Moralempfinden erklärbar (Emotivismus). Diese Vorstellung ist ebenso mit universalistischen Ethiken vereinbar. Auch konventionalistische, materialistische oder präskriptivistische Theorien sind mit einem moralischen Relativismus vereinbar. Verbunden mit einer pragmatischen Wahrheitstheorie sind sogar deskriptivistische Varianten denkbar.

Antike Bereits um 450 v. Chr. vertraten im alten Griechenland der Sophist Protagoras und der Historiker Herodot moralisch relativistische Ansichten. Protagoras’ Aussage „Der Mensch ist das Maß aller Dinge“Hermann Diels, Walther Kranz (Hrsg.): Fragmente der Vorsokratiker 80B1 = Platon, Theaitetos 152a könnte bereits ein früher Vorläufer des moralischen Relativismus sein, allerdings ist nicht ganz klar, ob Protagoras dies auch so im Sinn hatte. Herodot von Halikarnassos (484–420 v. Chr.) beobachtete, dass verschiedene Kulturen ihre eigenen Glaubenssysteme und ihre Art, etwas zu tun, als besser denn die der anderen ansehen.Reinhold Bichler, Robert Rollinger: Herodot. Hildesheim u. a. 2000, S. 11. Konkret sprach Herodot hier vom persischen König Dareios, der Griechen an seinen Hof rief und fragte, für wie viel Geld sie bereit wären, ihre Toten zu essen, anstatt sie zu begraben. Diese erwiderten, dass kein Geld der Welt sie dazu bringen könnte.. Auf: Loyola University Chicago. Abgerufen am 8. April 2014. Anschließend sandte Darius nach Kallatiern, Angehörigen eines indischen Volksstammes, die ihre Toten verzehren (siehe Endokannibalismus), und fragte sie, für wie viel Geld sie bereit wären, ihre Väter nach deren Tod zu verbrennen, woraufhin diese laut über solch ein schreckliches Ansinnen aufschrien.Herodot, Buch 3, 38. Des Weiteren bezweifelten einige antike Philosophen die Existenz einer objektiven Moralität, die frei von subjektiven Einflüssen ist.James Fieser: Moral Philosophy Through the Ages. 2000, ISBN 0-7674-1298-2.

Platon verteidigte die Idee eines objektiven Moralkodex,Plato – Themes, Arguments and Ideas während Aristoteles argumentierte, der Mensch solle anstreben, ein herausragendes Wesen zu besitzen, um glücklich zu sein und sich wohl zu fühlen, und dass es für Menschen logische und natürliche Gründe gäbe, rechtschaffen zu handeln. Einige Jahrhunderte später stellte Sextus Empiricus (2. Jh. n. Chr.) in seinem Werk „Grundzüge der pyrrhonischen Skepsis“ fest, dass gewaltige Unterschiede bezüglich Kleidung, Nahrung, Totenkult etc. zwischen einzelnen Kulturen gefunden werden können, dass „ein Skeptiker sich mit der Aussage zurückhalten muss, ob gut oder böse natürliche Eigenschaften sind“.Philip Grgic: (PDF). In: Ancient Philosophy. Band 26, 2006, S. 141 ff.

Mittelalter Mit dem Erstarken des Christentums spielte der moralische Relativismus nur mehr eine untergeordnete Rolle, da Gottes Wille als objektiv gültige Moral gedacht wurde. Die zehn Gebote wurden als absolute und universelle moralische Wahrheiten gesehen. Insbesondere in der Scholastik wurde für das Naturrecht argumentiert. Demnach lassen sich aus dem Wesen bzw. der Natur der Dinge verbindliche, überkulturelle ethische Maßstäbe für alle Menschen ableiten.Vgl. Alfons Lehmen: Lehrbuch der Philosophie auf aristotelisch-scholastischer Grundlage, Band IV: Moralphilosophie, dritte, verbesserte und vermehrte Auflage, 1919, Freiburg im Breisgau, insb. S. 81 ff. und 142 ff. Relativistische Ansätze kamen daher erst wieder mit dem Beginn der Neuzeit auf.

Neuzeit Relativistische Ansätze finden sich im 16. Jh. in Montaignes Werk Essais (II), in denen er dem ethischen Universalismus skeptisch gegenübersteht. Seiner Ansicht nach sind moralische Gesetze und Regeln allein Ergebnisse des Zufalls.Dieter Sturma: Jean-Jacques Rousseau. 2001, ISBN 3-406-41949-6, S. 77.

Im 17. Jh. propagierte Thomas Hobbes, dass moralische Regeln als Sozialvertrag gesehen werden können, auf den sich Menschen einigen, um überhaupt miteinander leben zu können. Eine Implikation dieses Vorschlags ist, dass gut oder böse aus pragmatischen Überlegungen entsteht und nicht aufgrund universeller Regeln.Sharon A. LLoyd u. a.: Hobbes’s Moral and Political Philosophy. 2008.

David Hume (1711–1776) wird als Vater des moralischen Relativismus und des modernen Emotivismus bezeichnet, obwohl er selbst den Relativismus nicht unterstützte. Hume unterschied in seinen Werken zwischen Tatsachen und Werten und schlug vor, moralische Urteile als abhängig von den vertretenen Werten zu verstehen, da sie nicht von verifizierbaren Fakten, sondern von unseren Gefühlen und Leidenschaften abhängen.David Hume: Treatise. S. 295. Er bestritt die Existenz eines objektiven Standards der Moral und behauptete, dem Universum wären unsere Vorlieben und Probleme gleichgültig.Richard Wright: Understanding religious ethics. 2009.

Moderne Obwohl umstritten, kann behauptet werden, dass Karl Marx (1818–1883) in seiner Kritik der politischen Ökonomie impliziere, dass es keinen objektiven Moralkodex gebe, sondern nur Interessen, die sich der Moral bedienen.Karl Marx: A Contribution to the Critique of Political Economy. Published 2009 in Standard Publications, Incorporated, ISBN 1-4385-0873-5.

Friedrich Nietzsche (1844–1900), im Gegensatz zu Marx, schrieb einiges über die Moral. Seine berühmte Aussage „Gott ist tot“ impliziert zum Beispiel, dass objektive Moral nicht mehr haltbar sei. In seinem Werk Jenseits von Gut und Böse argumentierte er, dass es keine moralischen Erscheinungen gibt, sondern nur moralische Interpretationen dieser.Friedrich Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse. 1886.

Diese philosophischen Sichtweisen ebneten den Weg für moralischen Relativismus hauptsächlich dadurch, dass Zweifel darüber entstanden, ob die Existenz objektiver, moralischer Wahrheiten bewiesen werden könne.

Klassische Anthropologie Auch anthropologische Forschungen im 19. und 20. Jahrhundert unterstützen den Relativismus.

William Sumner (1840–1910) argumentierte in seinem 1906 erschienenen Werk Folkways, dass richtig und falsch immer mit den vorherrschenden gesellschaftlichen Sitten und Gebräuchen zusammenhängen und durch Praktiken und Institutionen geformt werden. Für die in einer Gesellschaft lebenden Menschen kann das Konzept einer richtigen Moral nur die Konformität mit lokalen Sitten meinen.William Sumner: Folkways: A Study of Mores, Manners, Customs and Morals. Cosimo, New York 2007, ISBN 978-1-60206-758-5. (siehe auch Ethnozentrismus)

Der Anthropologe Franz Boas sah kulturellen/moralischen Relativismus als notwendiges, anthropologisches Werkzeug an, um fremde Kulturen und Gesellschaften zu verstehen. Er meinte, dass man vom wissenschaftlichen Standpunkt aus seine eigenen moralischen Werturteile nicht auf den Glauben und die Wertvorstellungen anderer Kulturen projizieren solle, diese allerdings objektiv bewerten könne. Viele seiner Schüler verbreiteten diese Ansichten und einige, wie Melville Herskovits oder Ruth Benedict, argumentierten, dass eine relativistische Ansicht helfen kann, Vorurteile zu bekämpfen und Toleranz zu stärken.Franz Boas: Museums of Ethnology and their classification. 1887.

Aktuelle Positionen Deskriptiver Relativismus Der deskriptive Relativismus beschreibt eine Vielfalt von normativen Vorstellungen verschiedener Kulturen, Zeiten und gesellschaftlicher Gruppen. Je nach Ausgangslage kann somit von kulturellem oder historischem Relativismus die Rede sein. Der deskriptive Relativismus fordert nicht die Einhaltung bestimmter Toleranzprinzipien. Es werden lediglich empirische Thesen aufgestellt, auf die allerdings keine normativen Thesen folgen. Da die Toleranzforderung an normative Thesen gebunden ist, wird sie nicht durch den deskriptiven Relativismus beschrieben, jedoch auch nicht abgelehnt, er steht der Frage nach einer Verpflichtung zu Toleranz neutral gegenüber.Gerhard Ernst: Toleranz und/oder Relativismus. (PDF).

So genannte beschreibende Relativisten (z. B. Ralph Barton Perry, 1876–1957) akzeptieren die Existenz von Grundmeinungsverschiedenheiten über die richtige Vorgehensweise, auch wenn der gleiche Sachverhalt vorhanden ist und die gleichen Konsequenzen zu erwarten sind. Allerdings leugnen beschreibende Relativisten nicht unbedingt die Existenz einer einzig richtigen, moralischen Beurteilung bei gleichen Umständen.

Metaethischer Relativismus Metaethische Relativisten behaupten, dass alle moralischen Urteile ihren Ursprung entweder in gesellschaftlichen oder in einzelnen Standards haben und dass kein absoluter Standard existiert, mit dem man die Wahrheit einer moralischen Aussage beurteilen kann. Zu diesem Schluss kam auch der britische Philosoph Bernard Williams (1929–2003).

Metaethische Relativisten vertreten im Allgemeinen die Ansicht, dass die beschreibenden Eigenschaften von Begriffen wie „gut“, „schlecht“, „richtig“ und „falsch“ nicht als Universalwahrheitsbedingungen zu sehen sind, sondern eher gesellschaftlichen Konventionen und persönlichen Vorlieben entsprechen. Mit demselben Satz an nachprüfbaren Fakten werden einige Gesellschaften bzw. Einzelpersonen grundlegende Auffassungsunterschiede darüber haben, was gesellschaftliche Normen sind und was man aufgrund eigener Präferenzen tut.

Relativisten, wie zum Beispiel Gilbert Harman, behaupten, dass hinter jeder Handlung eine bestimmte Motivation liegt. Ob eine Person diese Motivation verspürt, ist sehr stark von den Normen und Werten der Gesellschaft abhängig, in der sie sich befindet. Das Gefühl des moralisch „richtigen“ Handelns bringt eine Art von Rechtfertigung für die eigenen Taten.Harmen Gilbert: The Nature of Morality: An Introduction to Ethics. New York. Oxford University Press, 1977.

Der letzte Beurteilungsstandard wird immer den gesellschaftlichen oder persönlichen Normen entsprechen und nicht einem universellen Standard. Als Beispiele dienen hier die wissenschaftlichen Standards zur Temperaturmessung bzw. zur Überprüfung von mathematischen Thesen.

Einige Philosophen behaupten, dass moralischer Relativismus zum Emotivismus oder einer anderen Art von Non-Kognitivismus führt. Diese These wurde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufgestellt. Führende Vertreter dieser These, die auch als logischer Positivismus bekannt ist, sind Rudolf Carnap (1891–1970) und Alfred Jules Ayer (1910–1989).