Das Agfa Camerawerk München war eine bedeutende Produktionsstätte der Agfa AG, spezialisiert auf die Herstellung von Kameras und fotografischen Geräten. Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Werk zur Rüstungsproduktion umfunktioniert und war auch Standort eines KZ-Außenlagers, in dem Häftlinge Zwangsarbeit leisten mussten. Nach 1945 kehrte Agfa München zur Produktion ziviler Kameratechnik zurück, bevor die Fertigung Anfang der 1980er Jahre aufgrund technologischer Veränderungen und Marktrückgänge eingestellt wurde.
Hintergrund Agfa nahm nach dem Vorbild des Konkurrenten Kodak zusätzlich zur Produktion von Filmen ebenfalls Kameras in sein Programm auf. Dazu wurde die Optische Anstalt Alexander Heinrich Rietzschel in München übernommen und in Agfa Camerawerk München umbenannt. Mit den Kameras sollte vor allem der Absatz der Filmmaterialien gesteigert werden. Infolgedessen gab es so gut wie keine Kameras mit Wechselobjektiven von Agfa, während Modelle mit einfacher Bedienung im Vordergrund standen, um technisch Unkundige zum Fotografieren zu bewegen. Einen bedeutenden Platz in der Kamerageschichte erlangte dabei die Agfa Optima aus dem Jahr 1959 als erste Kamera mit Programmautomatik.
mini|Demonstrationsmodell der Ambi-Silette Im Gegensatz zu anderen deutschen Herstellern, insbesondere Leica und Rollei, sind die Agfa-Kameras nur unzureichend dokumentiert. Die Werksaufzeichnungen widersprechen sich mitunter bei der Produktionszeit und Produktionszahlen einzelner Modelle nennen sie überhaupt nicht. Es existiert lediglich eine tabellarische Übersicht in der Unternehmensdokumentation von Günther Kadlubek.Aus dem Rottenburger Anzeiger vom 14. Dezember 1974 ist jedoch bekannt, dass im Rottenberger Zweigwerk von 1964 bis 1974 acht Millionen Kameras hergestellt wurden Hinzu kommt, dass mit der Werksschließung ein Großteil der Akten verloren ging.Entwickelt und fixiert, Kapitel Forschungsgegenstand und Quellenlage
Vorgängerunternehmen Optische Anstalt Alexander Heinrich Rietzschel mini|hochkant|Alexander Heinrich Rietzschel, um 1900 Die Ursprünge des Agfa Camerawerks liegen in der 1896 gegründeten Optischen Anstalt Alexander Heinrich Rietzschel.
Rietzschel wurde 1860 in Dresden geboren und absolvierte eine Lehre als Feinmechaniker und Optiker bei Carl Zeiss in Jena, bevor er 1886 nach München ging. Dort arbeitete er zunächst beim Objektivhersteller C. A. Steinheil & Söhne, dann bei Rodenstock. 1896 gründete er schließlich einen eigenen optischen Betrieb in der Gabelsbergerstraße 36/37. Der Erfolg dieser Unternehmung fußte vor allem auf dem Objektiv Linear 4,5, für das Rietzschel 1898 ein Patent erhielt. Eine Kamera folgte mit der Clack 1900, woraufhin das Unternehmen in Alexander Heinrich Rietzschel GmbH, Fabrik photographischer Apparate und Objektive umbenannt und die Geschäftsräume in die Schillerstraße 28 verlegt wurden. Die Kameraproduktion lief ausgezeichnet, sodass die Mitarbeiterzahl schon nach einem Jahr 100 betrug, ein Patent für Ganzmetall-Kameragehäuse aus dem Jahr 1905 steigerte den Erfolg. Rietzschel-Kameras gaben sich kaum zu erkennen, sie trugen kein Namensschild, nur die Objektivbeschriftung deutete auf den Hersteller hin.
Unter Bayer-Regie Zu Beginn des Ersten Weltkriegs arbeiteten rund 200 Mitarbeiter bei Rietzschel, die aber nicht gehalten werden konnten, da keine Rüstungsgüter zum Fertigungsprogramm gehörten und entsprechende Aufträge fehlten. Zwar ging es 1919 schon wieder mit 100 Beschäftigten weiter, es fiel aber schwer, das Unternehmen zu finanzieren. Der Unternehmensgründer suchte daraufhin einen Partner. Dieser Plan wurde dem Münchner Verkaufsbüro der Bayer AG bekannt,AGFA. Geschichte eines deutschen Weltunternehmens die eine eigene Fertigung von Foto- und Filmapparaten zu errichten beabsichtigte, um die Produktion von Fotopapieren zu ergänzen.Entwickelt und fixiert, Kapitel Die Acitiengesellschaft für Anilinfarben So übernahm Bayer am 1. März 1921 einen Anteil von 80 %, es blieb aber bei der bestehenden Produktpalette und auch beim Namen Rietzschel. Bruno Uhl, ein 26-jähriger Kaufmann, der zuvor in der fotografischen Abteilung bei Bayer in Wiesdorf tätig war, vertrat die Interessen Bayers. Ihm gelang es, die Jahresproduktion von 3700 auf 6500 Kameras zu steigern, wozu vor allem verstärkte Exporte beitrugen. 1924 erhöhte Bayer seinen Anteil auf 100 % und ernannte Bruno Uhl zum Direktor. 1925 produzierten 350 Mitarbeiter bereits 25.000 Apparate jährlich.
1926 bis 1945 Übergang zum Agfa Camerawerk Mit der Gründung der Interessengemeinschaft Farbenindustrie AG am 10. Dezember 1925 gehörte mit Bayer auch das Camerawerk zu diesem Konzern. Es gab Diskussionen, wie es am besten unterzubringen sei, wobei es unter anderem Stimmen für einen Anschluss an Zeiss Ikon gab, ein Unternehmen, das ohnehin aus einer Fusion hervorgegangen war. Schließlich wurden aber alle fotografischen Aktivitäten Agfa Berlin unterstellt, somit auch das Münchner Camerawerk, das in I.G. Farbenindustrie Aktiengesellschaft Camerawerk München umbenannt wurde. Alexander Heinrich Rietzschel begab sich mit 66 Jahren in den Ruhestand. Bruno Uhl wurde als Leiter der Abteilung „Photoverkauf Deutschland“ nach Berlin berufen, ihm folgte als Werksdirektor Oskar Becker, der als Betriebsleiter in Berlin tätig war.
In der I.G. Farben Die I. G. Farben war zunächst auf Vorschlag von Carl Duisberg regional organisiert. Er sah in parallelen Standorten einen Wettbewerb, der Forschung und Entwicklung beleben würde und sprach dabei von „Idealkonkurrenz“. Daraufhin gehörte das Camerawerk mit Agfa Wolfen und Agfa Berlin zur Betriebsgemeinschaft Mitteldeutschland. Die Weltwirtschaftskrise führte dann aber zum Umbau nach den Plänen von Fritz ter Meer: Nun sollten technisch verwandte Aktivitäten zusammengefasst werden, um eine doppelte Forschung zu vermeiden. Es wurden drei Sparten eingerichtet und von naturwissenschaftlich ausgebildeten Mitarbeitern geleitet. Das Camerawerk kam zu Sparte III Produktion und Vertrieb von Veredelungsprodukten. Leiter war Fritz Gajewski, der außerdem Werksdirektor in Wolfen war. In Berlin wurde Agfa Berlin SO 36 eingerichtet, eine Verkaufsgemeinschaft Fotografika, Kunstseide und Riechstoffe. Sie war verhältnismäßig selbstständig und hatte beim Verkaufsprogramm des Camerawerks die entscheidende Stimme. Dadurch waren technische Argumente nicht uneingeschränkt ausschlaggebend, vielmehr war die Fototechnik ein Vertriebsinstrument, um den Filmabsatz zu erhöhen.Entwickelt und fixiert, Kapitel Agfa als Teil der I.G. Farben
Kameramarkt Agfa verkaufte auf dem deutschen Markt 20 % aller Kameras. Der größte Konkurrent war Kodak; dieser Filmhersteller hatte mit dem Kamerawerk August Nagel ebenfalls einen Kamerahersteller aufgekauft. Außerdem gab es noch Zeiss Ikon mit 15 %. Alle übrigen Hersteller hatten einen deutlich geringeren Anteil, sie bedienten meist Nischenmärkte und erreichten mitunter nur 1 % Marktanteil. Das Camerawerk München bot Kameras in allen Preislagen, der Schwerpunkt lag aber auf den Einsteigerkameras. Die Filme aus Wolfen, Papiere aus Leverkusen und Fotogeräte aus München führten zum Slogan … alles aus einer Hand! Dieser Grundsatz wurde bis zur Schließung des Camerawerks beibehalten.
Produktionsstätten An der Tegernseer Landstraße wurde 1927 das vormalige Sedlbauer-Fabrikgebäude und Gelände erworben, renoviert und ausgebaut, so dass dort bereits zum Jahresende u. a. Stanzerei, Werkzeugbau, Labor und Montage einziehen konnten. 58.000 Apparate wurden bei einer Belegschaft von 600 Personen gefertigt, ein Jahr später Filmkameras und Projektoren für 16-mm-Schmalfilm, danach auch Diaprojektoren, die „Stehbildwerfer“ genannt wurden. Die Kameras trugen nun den Agfa-Rhombus, nur die Objektive hießen noch eine Weile Rietzschel. 1935 begann versuchsweise die Herstellung von 16-mm-Tonfilmprojektoren und 35-mm-Kameras, die Serienfabrikation wurde 1929 freigegebenunveröffentlichter Betriebsbericht für die Jahre 1924–1932 von Gustav Ziegler vom 4. Oktober 1954. Parallel dazu entwickelte sich die Fabrikation von Dunkelkammergeräten, Vergrößerungs- und Kopiergeräten für photographische Labore. 1937 folgte die erste 8-mm-Schmalfilmkamera.unveröffentlichtes Vortragsmanuskript von Willy Kisselmann vom 21. Februar 1973
Export Die I.G. Farben baute ihr Exportgeschäft wie kein anderes deutsches Unternehmen in den 1930er Jahren aus, wobei AGFA keine Ausnahme darstellte. Man versuchte in Asien die Dominanz der US-Hersteller zu vermindern und lieferte ansonsten vor allem in die Vereinigten Staaten. Dort übernahm man im Frühjahr 1928 Ansco, so umging man hohe Zollschranken und hatte als einziges deutsches Photounternehmen ein Standbein in den USA. Darüber hinaus verlagerte man aber keine Produktionsstätten. Auf dem US-Markt waren billige Kameras kein Geschäft, da Kodak bereits den Markt überschwemmt hatte. Man konnte infolgedessen die Konzepte für den deutschen Markt nicht übernehmen und musste mit hohen Anfangsverlusten leben. Da ASCO offiziell weitgehend selbsttätig handelte, gab es keine Probleme mit Staatsvorschriften. 1941 wurde ANSCO als hostile alien property beschlagnahmt und der General Aniline and Film Corporation (GAF) unterstellt, ein Unternehmen, das 1939 aus einer Fusion hervorgegangen war.
Produktpalette Die wichtigste Baureihe war zunächst die Billy, eine Klappkamera für das Format 6 cm × 9 cm, mit der das Camerawerk seine Produktion erheblich ausweiten konnte. 1930 stellte Agfa seine erste Boxkamera vor und hatte mit diesem Kameratyp einen gigantischen Erfolg. Bruno Uhl dachte sich mit diesen Kameras spektakuläre Werbekampagnen aus, von denen vor allem die Preisbox in aller Munde war.
Ende der 1930er Jahre ging Agfa bei den Klappkameras mit Faltenbalg auf das Format 6 cm × 6 cm und damit auf die Isolette über. Kleinbildkameras gab es erst ab 1937 im Agfa-Programm.
Kriegszeit
1934 kam es zu ersten Aufträgen der Waffenämter. 1940 bestand die Produktion fast vollständig aus Wehrmachtsaufträgen. Zivile Kameras durften nur noch repariert, nicht aber verkauft werden, und die Lagerbestände mussten in den Export gehen. Ab 13. September 1944 verrichteten im Werk an der Tegernseer Landstraße 161 insgesamt etwa 700 weibliche KZ-Gefangene Zwangsarbeit. Sie setzten Zeitzünder für Flugabwehrgranaten zusammen und stellten Teile für die Waffensysteme V1 und die V2 her.
1945 bis 1955 Zerstörung Über die Bombenschäden gab es unterschiedliche Meldungen. Die Leitung des Camerawerks befand 40 % der Gebäude als zerstört, das Bayerische Wirtschaftsministerium hingegen etwa ein Fünftel und damit nur wenig mehr als der Durchschnittswert für Industriegebäude von 15 % in Bayern. Die Maschinen waren weitgehend erhalten, da sie bereits im Frühjahr 1944 ausgelagert worden waren. Die Vertriebsbüros in Berlin waren fast alle ausgebrannt.Entwickelt und fixiert, Kapitel Die Agfa AG und der VEB Filmfabrik Wolfen in der Expansionsphase
Produktionsanlauf Facharbeitermangel, fehlende Rohstoffe und keine Zulieferteile aus der Sowjetischen Besatzungszone ließen die Produktion nur langsam anlaufen. 7500 Kameras vor dem Krieg standen einer Tagesproduktion von 60 Kameras in zwei Modellreihen im Herbst 1945 gegenüber, die komplett auf den Bedarf der US-Armee entfiel. Im Herbst 1946 gingen 91 % der Produktion an die US-Armee, 6 % an die französische Armee und bereits 3 % an das Deutsche Wirtschaftsamt. 1947 lag das Camerawerk München mit einer Produktion von 60.000 Kameras an dritter Stelle in Deutschland, nach Leica und Kodak Stuttgart.
1955 bis 1982 Produktionsstätten