mini|Tanja Maljartschuk (2022) Tanja Maljartschuk (; * 1983 in Iwano-Frankiwsk) ist eine ukrainische Schriftstellerin, die in Wien lebt. Sie ist Bachmann-Preisträgerin 2018.

Leben und Werk Maljartschuk studierte Philologie an der Universität der Vorkarpaten in Iwano-Frankiwsk und arbeitete im Anschluss einige Jahre als Kultur- und investigative Journalistin in Kyjiw. 2011 emigrierte sie nach Wien.

2004 erschien ihr erstes Buch Ендшпіль Адольфо, або троянда для Лізи („Endspiel Adolfo oder eine Rose für Lisa“) beim Verlag Lileja-NW in Iwano-Frankiwsk. 2006 folgte Згори вниз. Книга страхів („Von oben nach unten. Das Buch der Ängste“). Der 2009 vom Residenz Verlag herausgebrachte Erzählband Neunprozentiger Haushaltsessig war Maljartschuks erstes Buch in deutscher Sprache. 2013 folgte ihr Roman Biografie eines zufälligen Wunders. Der Roman Забуття („Vergessenheit“, 2016) wurde vom ukrainischen Programm der BBC als „Buch des Jahres“ ausgezeichnet.

2018 veröffentlichte sie ihr erstes Werk im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur: Mox Nox ist als „dystopischer Kinderroman“ bezeichnet worden.

Die Autorin schreibt regelmäßig Kolumnen für die Deutsche Welle (Ukraine) und für Zeit Online. Bekannt ist ihr Text Russland, mein Russland, wie liebe ich dich.

In ihrem Roman Blauwal der Erinnerung (KiWi, 2019; „Vergessenheit“ wäre die direkte Übersetzung des Originaltitels) setzt sie sich fiktionalisiert mit der Existenz zwischen den Stühlen in der Emigration auseinander und mit dem ukrainischen Politiker und Historiker polnischer Herkunft Wjatscheslaw Lypynskyj, der in den 1920er Jahren ebenfalls nach Wien emigriert war.Richard Kämmerlings: „Salz auf unserer Braut“, Rezension zu Blauwal der Erinnerung in Die Welt vom 14. Februar 2019, abgerufen am 15. Februar 2019.

In einem am 21. April 2022 erschienenen Interview mit dem Tagesspiegel anlässlich des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine erklärte Maljartschuk, dass sie bei ihrer Suche nach ukrainischen Spuren im Wien der 1920er Jahre auf viele ukrainischsprachige Zeitungen und Verlage gestoßen sei sowie rasch auch auf Lypynskyj, dessen Persönlichkeit und Schriften sie als ein Symbol der europäischen Ukraine fasziniert hätten. Sie selbst habe zu Beginn der aktuellen russischen Invasion große Angst gehabt, dass Kyjiw bald fallen werde und wie in der Vergangenheit „russlandfreundliche Puppenrepubliken“ entstehen könnten. „Jetzt ist der Aggressor nach wie vor sehr stark, aber das Selbstbewusstsein der Ukrainer und ihre Bereitschaft sich zu wehren sind auch enorm. Die Unterstützung des Westens könnte in diesem Krieg also entscheidend sein.“ Zu ihrer derzeitigen Situation als Schriftstellerin äußerte Maljartschuk, sie recherchiere seit zwei Jahren für einen neuen Roman. „Diesen Text über den Holocaust in der Ukraine werde ich nicht schreiben können, da der Krieg gegen die Ukraine, vorbereitet durch absurde Nazivorwürfe der russischen Führung, alle historischen Zusammenhänge aus den Angeln gehoben hat.“ Man stehe vor einer neuen Tragödie, deren Wirkung auf sie selbst als Autorin abzuwarten bleibe.„Vieles ist mir jetzt nicht mehr wichtig.“ Schriftstellerin Tanja Maljartschuk über die historischen Hintergründe des Kriegs und das Selbstbewusstsein der Ukrainer. Interview in Der Tagesspiegel (Rasso Knoller), 21. April 2022, S. 20.

Den Gedanken griff sie wieder auf in ihrer in einem traurigen und wütenden Duktus gehaltenen Klagenfurter Rede zur Literatur „Hier ist immer Gewalt. Hier ist immer Kampf.“ am Eröffnungsabend des Bachmannpreises am 28. Juni 2023. Sie habe „ihr Vertrauen in die Literatur und – schlimmer noch – in die Sprache verloren“, weil beim Zusammentreffen von Literatur und Realität letztere „jedes Mal“ gewinne. Die Sprache sei „schön, aber hilflos wie ein Wald der blühenden Bäume“. Vielleicht könne sie den „Opfern in dunklen Tälern eine Stimme geben“.

2022 kuratierte Maljartschuk das Literaturfest München mit dem Schwerpunkt Ukraine. Seit 2025 ist sie Mitherausgeberin der achtbändigen „Ukrainischen Bibliothek“ im Wallstein Verlag.

Auszeichnungen 2013: Kristal Vilenica des Internationalen Literaturfestivals Vilenica (Slowenien) für die Erzählung Die Frau und ihr Fisch 2013: Literaturpreis Józef Konrad Korzeniowski des Polnischen Instituts Kiew 2016: Preis Buch des Jahres von BBC Ukrainian für Забуття (Blauwal der Erinnerung) 2018: Ingeborg-Bachmann-Preis für den auf Deutsch verfassten Text Frösche im MeerDer Text wurde beim ORF als PDF hinterlegt, Die Lesung findet sich auf youtube, 2022: Usedomer Literaturpreis für Blauwal der Erinnerung stellvertretend für ihr gesamtes Werk 2023: Theodor-Kramer-Preis 2023: Förderungspreis der Stadt Wien für Literatur 2024: Jeanette-Schocken-Preishttps://jeanette-schocken-preis.de/

Auf Deutsch erschienene Werke Neunprozentiger Haushaltsessig. Geschichten (Originaltitel: Говорити/Hovoryty, übersetzt von Claudia Dathe). Residenz, St. Pölten/Salzburg 2009, ISBN 978-3-7017-1512-1. Biografie eines zufälligen Wunders. Roman (Originaltitel: Біографія випадкового чуда/Biohrafija vypadkovoho čuda, übersetzt von Anna Kauk). Residenz, St. Pölten/Salzburg/Wien 2013, ISBN 978-3-7017-1612-8. Von Hasen und anderen Europäern. Geschichten aus Kiew (Originaltitel: Звірослов/Sviroslov, übersetzt von Claudia Dathe). Edition FotoTAPETA, Berlin 2014, ISBN 978-3-940524-30-0. Überflutet (Originaltitel: Повінь, übersetzt von Harald Fleischmann). Edition Thanhäuser, Ottensheim/Donau 2016. Blauwal der Erinnerung. Roman (Originaltitel: Забуття/Zabuttja, übersetzt von Maria Weissenböck). Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019, ISBN 978-3-462-05220-6. Gleich geht die Geschichte weiter, wir atmen nur aus. Essays. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2022, ISBN 978-3-462-00462-5.

Literatur

Peter Roessler: Über Tanja Maljartschuk. Anlässlich der Verleihung des Theodor Kramer Preises 2023. In: Zwischenwelt. Zeitschrift für Kultur des Exils und des Widerstands 41. Jg. (2024), Nr. 1–2, S. 22–24.

Siehe auch Liste von ukrainischer Literatur in deutscher Übersetzung

Weblinks

„Der Bachmannpreis war eine große Sache“ – Tanja Maljartschuk im Gespräch mit Günter Kaindlstorfer, 23. April 2019. „Der Krieg wartet nicht“ – Tanja Maljartschuk über den Krieg, die russischen Aggressoren und das Versagen der deutschen Intellektuellen. Deutschlandfunk Kulturfragen. Debatten und Dokumente vom 15. Mai 2022. radioeins- und Freitag-Salon mit Tanja Maljartschuk und Jakob Augstein. rbb radioeins, 17. Oktober 2022.

Einzelnachweise

Kategorie:Autor Kategorie:Literatur (Ukrainisch) Kategorie:Literatur (Deutsch) Kategorie:Literatur (Österreich) Kategorie:Literatur (21. Jahrhundert) Kategorie:Erzählung Kategorie:Roman, Epik Kategorie:Kolumnist Kategorie:Kulturjournalist Kategorie:Schriftsteller (Wien) Kategorie:Träger des Ingeborg-Bachmann-Preises Kategorie:Sowjetbürger Kategorie:Ukrainer Kategorie:Geboren 1983 Kategorie:Frau