Mit den Auseinandersetzungen um die 35-Stunden-Woche sind Konflikte gemeint, die Gewerkschaften und Unternehmerverbände in der Bundesrepublik Deutschland seit den späten 1970er-Jahren um die Verkürzung der Wochenarbeitszeit ausgetragen haben. Insbesondere die 1984 geführten Arbeitskämpfe zur Einführung der 35-Stunden-Woche in der Metall- und Druckindustrie gehörten zu den längsten und härtesten in der bundesdeutschen Tarifgeschichte. Im Tausch gegen den Einstieg in verkürzte Wochenarbeitszeiten mussten die Gewerkschaften den Unternehmen größere Flexibilität bei der Arbeitszeitgestaltung zugestehen.
Hintergrund Technische Rationalisierung: Mit dem Einsatz von mikroelektronisch gesteuerten Robotern, Automaten und Datenverarbeitungsverfahren sowie durch fortschreitende Verdichtung von Arbeitsprozessen trugen Unternehmen seit den 1970er-Jahren in verstärktem Maß dazu bei, menschliche Arbeitskraft durch Maschinen zu ersetzen. Anders als in vorangegangenen Jahrzehnten schien der rationalisierungsbedingte Stellenabbau fortan nicht mehr durch Wachstumseffekte ausgeglichen zu werden. Angesichts eines «volkstümlichen Antifordismus und Antitaylorismus»Rüdiger Hachtmann: Gewerkschaften und Rationalisierung: Die 1970er-Jahre – ein Wendepunkt? in: Knut Andresen/Ursula Bitzegeio/Jürgen Mittag (Hrsg.): Nach dem Strukturbruch? Kontinuität und Wandel von Arbeitswelten, Bonn 2011, S. 182 begrüßten die Gewerkschaften technische Produktivitätszuwächse nicht mehr uneingeschränkt, sondern problematisierten vermehrt die individuellen wie gesamtwirtschaftlichen Folgen rationalisierter Arbeitskraft.Vgl. Rüdiger Hachtmann: Gewerkschaften und Rationalisierung: Die 1970er-Jahre – ein Wendepunkt? in: Knut Andresen/Ursula Bitzegeio/Jürgen Mittag (Hrsg.): Nach dem Strukturbruch? Kontinuität und Wandel von Arbeitswelten, Bonn 2011, S. 181–209.
Massenerwerbslosigkeit: in der Stahl-, Werft- und Elektroindustrie hatten sich die Wirtschaftskrisen Mitte der 1970er und Anfang der 1980er Jahre besonders stark ausgewirkt. Allein zwischen 1980 und 1983 wurde die Zahl der Beschäftigten in der bundesdeutschen Metallindustrie um 10 % reduziert.Reinhard Bahnmüller: Der Streik. Tarifkonflikt u Arbeitszeitverkürzung in der Metallindustrie 1984, Hamburg 1985, S. 16–17. Massenentlassungen gab es auch in der westdeutschen Druckindustrie, wo die Zahl der Beschäftigten im Jahrzehnt zwischen 1973 und 1983 um über 20 % auf nur mehr noch 164.912 sank.Erwin Ferlemann: Bilanz des Arbeitskampfes 1984 – aus Sicht der IG Druck und Papier, in: Gewerkschaftliche Monatshefte 11/1984, S. 3. Insgesamt erhöhte sich die Zahl der Erwerbslosen in der Bundesrepublik aufgrund der wirtschaftlichen Rezession zwischen 1980 und 1982 von 890.000 auf 1.833.000. Ende 1983 wurden offiziell sogar knapp 2,5 Mio. Erwerbslose gezählt.Reinhard Bahnmüller: Der Streik. Tarifkonflikt u Arbeitszeitverkürzung in der Metallindustrie 1984, Hamburg 1985, S. 16–17.
Druck aus dem Unternehmerlager: Teile des bundesdeutschen Unternehmerlagers reagierten auf die Wirtschaftskrise der 1970er-Jahre mit einer Infragestellung des Modells fordistischer Regulation. Um die Ertragsaussichten der Unternehmen wieder zu verbessern, musste aus ihrer Sicht vor allem die angeblich von den Gewerkschaften mitverursachte «Anspruchsinflation» unter Kontrolle gebracht werden. Nur über eine nachhaltige Verbilligung des Produktionsfaktors Arbeit könnten die zu beträchtlichen Teilen von Gewerkschaften und Sozialstaat verantworteten Investitionshemmnisse wieder beseitigt werden.Vgl. Reinhard Bahnmüller: Der Streik. Tarifkonflikt u Arbeitszeitverkürzung in der Metallindustrie 1984, Hamburg 1985, S. 20. Das im September 1982 veröffentlichte Lambsdorff-Papier brachte die wirtschaftspolitische Neuorientierung auch als Programmatik der christlich-liberalen Bundesregierung unter Helmut Kohl auf den Begriff.Otto Graf Lambsdorff: , Bonn 1982 (PDF; 204 kB)
Defensive der Gewerkschaften: Insofern sie niedrigere Tarifabschlüsse hinnehmen mussten und ihr Einfluss auf die Gestaltung der Arbeitsbedingungen rückläufig war, sahen sich Gewerkschaften durch die Massenerwerbslosigkeit in ihrer Kampfkraft beeinträchtigt. Innerhalb der Mitgliedschaft führte die nachlassende Durchsetzungskraft gewerkschaftlicher Tarifpolitik zu wachsenden Legitimationsproblemen.Reinhard Bahnmüller: Der Streik. Tarifkonflikt u Arbeitszeitverkürzung in der Metallindustrie 1984, Hamburg 1985, S. 28–31; Rainer Zoll (Hrsg.): Hauptsache, ich habe meine Arbeit; Frankfurt 1984, S. 256 Die Probleme, mit denen sich «Gewerkschaften in der Krise»Josef Esser: Gewerkschaften in der Krise. Die Anpassung der deutschen Gewerkschaften an neue Weltmarktbedingungen, Frankfurt/M. 1982. konfrontiert sahen, brachte der IG Metall-Vorsitzende Hans Mayr in seinem Geschäftsbericht zum Gewerkschaftstag 1983 auf den Punkt: «Wir brauchen ja auch endlich wieder einmal ein Erfolgserlebnis, nachdem wir in den letzten drei Jahren kaum noch etwas vorzeigen konnten.»Hans Mayr zit. nach IG Metall: Protokoll des 14. Ordentlichen Gewerkschaftstages, München/Frankfurt/M. 1983, S. 337 Zusätzlich hatte sich die Anfang 1982 aufgedeckte Affäre um Missmanagement und persönliche Vorteilsnahme im gewerkschaftseigenen Wohnungsbaukonzern Neue Heimat negativ auf das öffentliche Ansehen der DGB-Gewerkschaften ausgewirkt.
Akteure und Argumente Gewerkschaften In den frühen 1970er Jahren hatten die Gewerkschaften ihre Vorschläge für kürzere Arbeitszeiten vor allem mit der von ihnen geforderten «Humanisierung der Arbeitswelt» begründet.Reinhard Bahnmüller: Der Streik. Tarifkonflikt um Arbeitszeitverkürzung in der Metallindustrie 1984, Hamburg 1985, S. 32 Der Trend zur Verdichtung des Arbeitstages sollte sozial abgefedert werden. Mit der Verschärfung der Wirtschaftskrise in der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre traten arbeitsmarktpolitische Argumente stärker in den Vordergrund.Michael Schneider: Der Kampf um die Arbeitszeitverkürzung von der Industrialisierung bis zur Gegenwart, in: Gewerkschaftliche Monatshefte 2/1984, S. 89. Viele DGB-Gewerkschaften forderten angesichts steigender Erwerbslosenzahlen und einer gleichzeitig zunehmenden Arbeitsproduktivität eine Umverteilung der vorhandenen Arbeit. Arbeitszeitverkürzungen würden aber nicht nur neue Arbeitsplätze schaffen, sondern auch die Streichung bestehender verhindern. «Ein Millionenheer von Noch-Beschäftigten würde ohne Arbeitszeitverkürzung zu Arbeitslosen.»Gerhard Bäcker / Reinhard Bispinck: 35-Stunden-Woche. Argumente zur Sicherung und Schaffung von Arbeitsplätzen und für mehr Zeit zum Leben, Westberlin 1984, S. 14. In der gewerkschaftlichen Begründung von Arbeitszeitverkürzungen spielte auch der Zuwachs an frei verfügbarer Zeit eine wichtige Rolle, der den Beschäftigten bessere Möglichkeiten zur eigenständigen Gestaltung ihres individuellen und gesellschaftlichen Lebens eröffneten.Reinhard Bahnmüller: Der Streik. Tarifkonflikt um Arbeitszeitverkürzung in der Metallindustrie 1984, Hamburg 1985, S. 48
Arbeitgeberverbände Die Arbeitgeberverbände sprachen sich kategorisch gegen eine weitere Reduzierung der Wochenarbeitszeit unter 40 Stunden aus. In einem so genannten «Tabu-Katalog» stellte die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) 1978 fest, dass «eine weitere Reduzierung des Arbeitsvolumens durch Verkürzung der Wochenarbeitszeit unter 40 Stunden keinesfalls zu verantworten» sei. «Sie würde das notwendige wirtschaftliche Wachstum ernstlich beeinträchtigen und damit auch die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft gefährden.»BDA: Katalog zur Koordinierung der lohn- und tarifpolitischen Fragen, Dokumentation in der Frankfurter Rundschau vom 26. Januar 1979, S. 13. Wegen höherer Arbeitskosten führe die Einführung der 35-Stunden-Woche weniger zu einem Rückgang als zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit.Wilhelm Weisser (Hrsg.): Der Kampf um die Arbeitszeit in der Metallindustrie 1984, S. 49 ff. Dieter Kirchner, der Hauptgeschäftsführer von Gesamtmetall, brachte die ablehnende Haltung der Unternehmer zur 35-Stunden-Woche auf die Formel «Lieber vier Wochen Streik als eine Minute Arbeitszeitverkürzung».Dieter Kirchner zit. nach Hans Mayr: Der Kampf um die 35-Stunden-Woche. Erfahrungen und Schlussfolgerungen aus der Tarifbewegung 1984, in: Gewerkschaftliche Monatshefte 11/1984, S. 664 In den frühen 1980er-Jahren kombinierte die Unternehmerseite ihre Ablehnung verkürzter Wochenarbeitszeiten immer häufiger mit Vorschlägen für eine stärkere «Arbeitszeitflexibilisierung».Gerhard Bäcker / Reinhard Bispinck: 35-Stunden-Woche. Argumente zur Sicherung und Schaffung von Arbeitsplätzen und für mehr Zeit zum Leben, Westberlin 1984, S. 41 ff.
Parteien CDU/CSU: In einem am 21. September 1981 angenommenen Leitantrag des CDU-Bundesvorstands für den Hamburger Parteitag lehnte die CDU die Forderung nach Einführung der 35-Stunden-Woche als «undifferenziert» ab und sprach sich stattdessen für flexiblere und weniger zentralistische Strukturen auf dem Arbeitsmarkt aus. Nur so und nicht etwa durch eine generelle Wochenarbeitszeitverkürzung ließen sich die Arbeitsmarktprobleme lösen.CDU-Bundesvorstand: Leitantrag zum 30. Bundesparteitag in Hamburg beschlossen am 21. September 1981, S. 11. Nach dem Regierungswechsel blieb die CDU bei ihrer Ablehnung der 35-Stunden-Woche. In einer Rede auf dem Deutschlandtag der Jungen Union am 12. und 13. November 1983 bezeichnete Helmut Kohl die Gewerkschaftsforderung nach einer Verkürzung der Wochenarbeitszeit auf 35 Stunden als «absurd, dumm und töricht».Zit. nach Susanne Gesa Müller: Bestimmungsgründe der prozyklischen Arbeitsproduktivität – Theorie und Empirie für das Produzierende Gewerbe in der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1960 und 1994, S. 84. Als Alternative zur Wochenarbeitszeitverkürzung legte die Bundesregierung im Dezember 1983 einen Gesetzentwurf zur Erleichterung tariflicher Vorruhestandsregelungen vor.Reinhard Bahnmüller: Der Streik. Tarifkonflikt um Arbeitszeitverkürzung in der Metallindustrie 1984, Hamburg 1985, S. 24
FDP: In ihren Mainzer Beschlüssen zur Arbeitszeitverkürzung vom Dezember 1978 erklärte die FDP eine Senkung der Wochenarbeitszeit noch für familienpolitisch erwünscht. Bereits hier stand aber die Flexibilisierung von Tages- und Wochenarbeitszeiten sowie die Lockerung des Ladenschlussgesetzes im Mittelpunkt des Forderungskatalogs.Mainzer Beschlüsse der F.D.P. zur Arbeitszeitverkürzung, 1. Dezember 1978 Mainzer Beschlüsse (PDF; 170 kB). Nach der Bonner Wende begründete Bundeswirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff die Ablehnung der 35-Stunden-Woche mit den aus Sicht der FDP «wettbewerbsschädlichen und arbeitsplatzvernichtenden Folgen» verkürzter Wochenarbeitszeiten.Vgl. Otto Graf Lambsdorff zit. nach Handelsblatt vom 21. November 1983. Bereits im so genannten Lambsdorff-Papier hatte er davor gewarnt, von Arbeitszeitverkürzungen den Abbau der Arbeitslosigkeit zu erwarten. Allenfalls branchenspezifische Lösungen, der Verzicht auf Lohnausgleich und vorübergehend verkürzte Lebensarbeitszeiten bei entsprechend verringerten Rentenansprüchen könnten einen kleinen Beitrag zur Lösung der Beschäftigungsprobleme leisten.