Heinz von Loesch (* 20. Mai 1959 in Frankfurt am Main) ist ein deutscher Musikwissenschaftler. Er forscht und lehrt am Staatlichen Institut für Musikforschung und an der Technischen Universität Berlin.
Leben In den Jahren 1977 bis 1983 absolvierte Heinz von Loesch ein Cellostudium bei Gerhard Mantel in Frankfurt am Main und bei Friedrich-Jürgen Sellheim in Hannover. In Frankfurt besuchte er auch die Klasse für Klavierkammermusik von Rainer Hoffmann, in Hannover war er Mitglied des Studios für Alte Musik von Lajos Rovátkay.
1983 bis 1989 studierte er Musikwissenschaft bei Carl Dahlhaus und Helga de la Motte-Haber an der Technischen Universität Berlin sowie Philosophie und Neuere Geschichte. 1989 promovierte er mit einer Arbeit über Das Cellokonzert von Beethoven bis Ligeti. Ästhetische und kompositionsgeschichtliche Wandlungen einer musikalischen Gattung (Frankfurt/M. 1992). 1999 habilitierte er sich mit einer Studie zum Werkbegriff in der protestantischen Musiktheorie des 16. und 17. Jahrhunderts: Ein Mißverständnis (Hildesheim 2001).
Seit 1991 ist er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Staatlichen Institut für Musikforschung (seit 2025 als Senior Researcher). Zugleich nimmt er an der TU Berlin Lehraufträge wahr; seit 2007 ist er dort Außerplanmäßiger Professor.
Heinz von Loesch ist der Sohn des Volkswirts Achim von Loesch und der SPD-Politikerin Grete von Loesch.
Forschungsschwerpunkte und Publikationen In seiner Dissertation geht von Loesch der Frage nach, warum das Cellokonzert im 19. Jahrhundert, dem Zeitalter des symphonischen Stils, ganz offensichtlich ein Problem darstellte (sodass Beethoven keins komponierte), nicht aber in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts, der Ära der Klangkomposition, in der an Cellokonzerten namhafter Komponisten kein Mangel herrschte. Ein erster Forschungsschwerpunkt von Heinz von Loesch hängt eng mit dem Thema der Dissertation zusammen: Musikalische Virtuosität, der Brillante Stil, Ästhetik und Analyse des Solokonzerts. Was die drei Themenbereiche miteinander verbindet, ist nicht zuletzt eine stärkere Hinwendung zur Performativität – hier der Frage der wirkungsvollen bzw. expressiven Präsentation spieltechnischer Meisterschaft. Im Unterschied zu vielen anderen Arbeiten im Zuge des Performative turn beschäftigt sich von Loesch allerdings nicht mit konkreten Aufführungen, sondern mit Werkstrukturen, die solche Aufführungen ermöglichen. Im Umfeld dieses Themenbereichs entstanden mehrere Aufsätze sowie die aus Symposien hervorgegangenen Sammelbände Musikalische Virtuosität (mit Ulrich Mahlert und Peter Rummenhöller, Mainz 2004) und Carl Czerny – Komponist, Pianist, Pädagoge (Mainz 2009).
Ein zweiter Forschungsschwerpunkt ist die Deutsche Musiktheorie des 16. Jahrhunderts. Für das langjährige Hauptprojekt des Staatlichen Instituts für Musikforschung, die Geschichte der Musiktheorie, verfasste von Loesch einen umfangreichen Text dazu: Musica – Musica practica – Musica poetica (in: Deutsche Musiktheorie des 15. bis 17. Jahrhunderts. Erster Teil: Von Paumann bis Calvisius, Darmstadt 2003). In diesen Bereich fällt dann auch seine Habilitationsschrift zum Werkbegriff in der protestantischen Musiktheorie des 16. und 17. Jahrhunderts (Hildesheim 2001), in der er zeigt, dass es sich beim sogenannten „Werkbegriff“ des 16. Jahrhunderts um eine retrospektive Konstruktion des 20. Jahrhunderts handelt, die mit dem tatsächlichen historischen Begriff des „opus perfectum et absolutum“ nur wenig gemein hat.
Einen dritten Forschungsschwerpunkt gibt es bei Ludwig van Beethoven, dessen Werke immer wieder das manifeste oder latente Zentrum der Publikationen von Heinz von Loesch bilden. Für den Laaber-Verlag gab er 2008 mit Claus Raab das Beethoven Lexikon heraus.
Ein vierter Schwerpunkt ist die musikalische Interpretationsforschung. 2009–2013 leitete er mit Fabian Brinkmann an der TU Berlin ein größeres Projekt zu softwaregestützten Tempomessungen in Klaviersonaten Beethovens und anderen Werken, aus dem u. a. der Sammelband Gemessene Interpretation. Computergestützte Aufführungsanalyse im Kreuzverhör der Disziplinen (mit Stefan Weinzierl, Mainz 2011) hervorging sowie die Online-Publikation Tempomessungen in Klaviersonaten Ludwig van Beethovens (mit Fabian Brinkmann, Berlin 2013/2023).Tempomessungen in Klaviersonaten Ludwig van Beethovens., auf zenodo.org
Seit 2016 widmete er sich dann der Geschichte der musikalischen Interpretation im 19. und 20. Jahrhundert insgesamt. Mit Thomas Ertelt und Rebecca Wolf konzipierte und edierte er für das Staatliche Institut für Musikforschung eine vierbändige Enzyklopädie mit gleichlautendem Titel (Geschichte der musikalischen Interpretation im 19. und 20. Jahrhundert), für die er erneut mehrere Artikel selbst verfasste (Kassel und Berlin 2019–2025).
Von 2017 bis 2026 war Heinz von Loesch Sprecher der Fachgruppe Aufführungspraxis und Interpretationsforschung in der Gesellschaft für Musikforschung, seit 2025 ist er Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Tschaikowsky-Gesellschaft.
Weitere Ausgewählte Schriften „Kunst als Religion und Religion als Kunst. Zur Kunst- und Religionsphilosophie Richard Wagners“, in: Musik und Religion, hrsg. von Helga de la Motte-Haber, Laaber 1995. „Die Fugendurchführung: Unding oder Tautologie? Die Fugentheorie und Ludwig Czaczkes“, in: Musik befragt – Musik vermittelt. Peter Rummenhöller zum 60. Geburtstag, hrsg. von Thomas Ott und Heinz von Loesch, Augsburg 1996. Robert Schumann: Konzert für Violoncello und Orchester a-Moll op. 129, München 1998 (Meisterwerke der Musik 64). „…durchaus Gefechte, Attacken, kurz Kampf mit seinem Instrument… (Robert Schumann). Zur Bestimmung der Kategorie des ‚Virtuosen’ “, in: Physiologie des Klaviers, hrsg. von Julia Kursell, Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte 2009, Preprint 366, S. 53–60. Lexikon der Systematischen Musikwissenschaft. Musikästhetik – Musiktheorie – Musikpsychologie – Musiksoziologie, hrsg. von Helga de la Motte-Haber, Heinz von Loesch, Günther Rötter und Christian Utz, Laaber 2010. „Das Tempo in Beethovens Appassionata von Frederic Lamond (1927) bis András Schiff (2006)“ (gemeinsam mit Fabian Brinkmann), in: Gemessene Interpretation. Computergestützte Aufführungsanalyse im Kreuzverhör der Disziplinen, hrsg. von Heinz von Loesch und Stefan Weinzierl, Mainz 2011 (Klang und Begriff 4), S. 83–100. „Carl Maria von Weber und der brillante Stil“, in: Bericht über das Symposium „Carl Maria von Weber und das Virtuosentum seiner Zeit“ (Dresden 2011) sowie Beiträge zu Weber in Stuttgart und Gotha, hrsg. von Markus Bandur, Manuel Gervink und Frank Ziegler, Mainz 2014, S. 11–22. Russische Schule der musikalischen Interpretation, hrsg. von Heinz von Loesch und Linde Großmann, Mainz 2015 (Klang und Begriff 5). „Vortrag – Reproduktion – Interpretation – Performance: Zur Geschichte der Begriffe“, in: Geschichte der musikalischen Interpretation im 19. und 20. Jahrhundert, hrsg. im Auftrag des Staatlichen Instituts für Musikforschung von Thomas Ertelt und Heinz von Loesch, Bd. 1, Ästhetik – Ideen, Kassel und Berlin 2019, S. 12–23. „Theorie der Interpretation“, ebenda, S. 24–37. „Autor – Werk – Interpret“, ebenda, S. 63–127. „Tempo und Tempomodifikationen“, in: Geschichte der musikalischen Interpretation im 19. und 20. Jahrhundert, hrsg. im Auftrag des Staatlichen Instituts für Musikforschung von Heinz von Loesch, Rebecca Wolf und Thomas Ertelt, Bd. 3: Aspekte – Parameter, Kassel und Berlin 2022, S. 440–499. „Willkürliche Veränderungen in der instrumentalen Interpretation“, ebenda, S. 289–321. „Einsatz unhörbar, wie aus dem Nichts kommend“. Interpretationen des Cellokonzerts von György Ligeti zwischen Siegfried Palm (1967) und Jay Campbell (2016), in: Ligeti – Raum – Interpretation (SIM-Jahrbuch 2023), Berlin 2025, S. 279–291: https://doi.org/10.71046/simjb.2023
Weblinks
„B and Me!“ mit Heinz von Loesch Heinz von Loesch auf der Seite des SIM PK Berlin. Abruf am 18. Mai 2025. Heinz von Loesch auf der Seite der TU Berlin. Abruf am 18. Mai 2025.
Einzelnachweise
Kategorie:Musikwissenschaftler Kategorie:Hochschullehrer (Technische Universität Berlin) Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1959 Kategorie:Mann