Der Leinberger-Altar im Kastulusmünster von Moosburg ist ein Hochaltar des Landshuter Bildhauers Hans Leinberger aus den Jahren um 1508 bis 1514.Heike Weber: Mausoleum Stat in medio Chori. 2006, S. 31, plädiert für eine Auftragsvergabe um 1508. Das in seiner heutigen Form erhaltene Fragment des Flügelretabels gilt als das Hauptwerk des KünstlersNorbert Jocher (Hrsg.): Moosburg. Pfarrkirche St. Maria und St. Kastulus. Hochaltar. 2011, S. 4. und zählt zu den bedeutendsten Altären der altbayerischen Kunstgeschichte am Übergang von Spätgotik und Renaissance. Die farbige Fassung stammt weitgehend aus dem 19. Jahrhundert, Attribute, kleine Figuren und andere Retabelteile wurden bei den Restaurierungen teils ergänzt, ersetzt und erweitert. Reliefs der um 1800 entfernten Schreinflügel mit Szenen aus dem Martyrium des heiligen Kastulus sind an der Chorwand neben dem Altar angebracht. Nach der Entnahme der Reliquien des Heiligen wurde der Altar 1602 neu geweiht.Georg Lill: Hans Leinberger. 1942, S. 42. mini|hochkant|Leinberger-Altar
Aufbau des Retabels Das auf der 1937 ausgetauschten Mensa aus Ruhpoldinger Marmor aufsetzende Retabel besteht aus Predella, Schrein und Gesprenge. Es hat eine Höhe von knapp 13 Metern und ist 4,29 Meter breit. Die Gesamthöhe mit Mensa beträgt 14,40 Meter.Georg Lill: Hans Leinberger. 1942, S. 44. Standort ist der spätgotische Chor des Münsters. Insgesamt sind 25 Figuren am Altar angebracht, davon zehn große, vier mittlere und elf kleinere Figuren.Georg Lill: Hans Leinberger. 1942, S. 52. Aufgrund der späteren farbigen Fassung ist nicht nachweisbar, ob diese auch so fein ziselierend gefertigt wurden wie die Altartafeln. Sicher ist heute, dass das gesamte Retabel ursprünglich eine leimgebundene Bisterfassung hatte, die eine dünne, monochrome Fassungsschicht ermöglichte und somit die schnitzerischen Details sichtbar ließ.Norbert Jocher (Hrsg.): Moosburg. Pfarrkirche St. Maria und St. Kastulus. Hochaltar. 2011, S. 12 und 29. Zudem wurde ein einheitlich aussehendes Gesamtwerk erreicht, da die Figuren aus Linden- und der Schrein aus Fichtenholz bestehen.Norbert Jocher (Hrsg.): Moosburg. Pfarrkirche St. Maria und St. Kastulus. Hochaltar. 2011, S. 29.
Abgesehen von den SchreinwächternHeike Weber: Mausoleum Stat in medio Chori. 2006, S. 42. folgt das spätgotische Retabel der Gliederung süddeutsch-alpenländischer Altaraufbauten.Georg Lill: Hans Leinberger. 1942, S. 46–47. Der rechteckig gestufte Schrein ist eine aus den Niederlanden stammende und in Süddeutschland geläufige Gestaltungsweise. Der Altaraufbau wurde von Leinberger organisch aufs klarste gestaltet. Durch die in der Chorwand dahinter befindlichen vier Spitzbogenfenster mit ihren klaren Sechseckscheiben und das durchbrochene, ornamentale Gesprenge des Retabels wirkt der Hochaltar um den Schrein lichtdurchflutet.Georg Lill: Hans Leinberger. 1942, S. 43. Die künstlerische Gestaltung lässt darauf schließen, dass Leinberger in sämtlichen Bereichen federführend und vorgebend war.Georg Lill: Hans Leinberger. 1942, S. 100–101. Insbesondere an den Altarreliefs über die Leidensgeschichte des heiligen Kastulus wird Leinbergers Interesse an einer künstlerisch-fortschrittlichen Denkweise sichtbar. Gewohnte Gestaltungsmuster und die damit verbundenen Wünsche der Auftraggeber schränkten die freie Gestaltungsmöglichkeit der Künstler ein, doch bei den Reliefs konnte Leinberger dank fehlender Referenzkunstwerke eigene Vorstellungen verwirklichen.Georg Lill: Hans Leinberger. 1942, S. 46, 94–96. Besondere Aufmerksamkeit erwecken die Gewänder, Körper und Gesichter der Figuren, in der sich der von ihm verwendete und entwickelte bewegte Stil deutlich zeigt.
Predella mini|Flügeltüren der Predella mit den Stiftern Die Oberflächen-Ausmaße der Predella betragen ohne das Gesims 440 × 82 Zentimeter.Heike Weber: Mausoleum Stat in medio Chori. 2006, S. 82.
Die fünf Bilder an der Vorder- und Rückseite der Predella wurden vom Landshuter Hofmaler Hans Wertinger 1515–16 ausgeführt.Georg Lill: Hans Leinberger. 1942, S. 38–39.Norbert Jocher (Hrsg.): Moosburg. Pfarrkirche St. Maria und St. Kastulus. Hochaltar. 2011, S. 7. Auf der Vorderseite sind zwei Flügeltüren in Stichbogenform angebracht, hinter der sich eine Nische verbirgt. Auf diesen Türen sind die Stifter des Hochaltars in einer Gewölbearchitektur mit rotem Baldachin abgebildet. Rechts ist das Moosburger Stiftskapitel zu sehen. Vorne Probst Theoderich Mair in rotem Talar, Chorhemd und Chorpelzmantel, rotem Birett und einem Chorbuch. Unter ihm ist sein Wappen, ein roter Stulphut mit weißem Hermelin in goldenem Feld. Da Mair 1507 starb, dürfte er seinen Teilbetrag für den Altar per Testament gestiftet haben. Dahinter befinden sich der Dekan mit einem Chorbuch in der Hand und weitere 17 Chorherren, von denen bei elfen das Gesicht erkennbar ist. Auf dem linken Flügel kniet Herzog Wolfgang, der Vormund der hinter ihm befindlichen Prinzen. In seinen Händen sind ein fünfteiliger Rosenkranz und ein braunes Barett. Außen kniet Herzog Wilhelm IV. Das Banner der Landshuter Herzöge lehnt an seiner Schulter. Rechts von ihm sind Ludwig X. und Ernst.M. Hartig: Kirchen- und Kunstgeschichtliches von Moosburg. In: Der Isargau. Festnummer zum 1100jähr. Kastulus-Jubiläum in Moosburg. 1. Jahrgang 1927, S. 81.Georg Lill: Hans Leinberger. 1942, S. 39–41. Auf den Seitenfeldern neben den Flügeln sind die Stifterwappen abgebildet, rechts das von Moosburg und links das der Landshuter Linie der Herzöge. Die Rückseite der Predella ziert das fünfte Bild von Hans Wertinger, die Kreuztragung Christi.Georg Lill: Hans Leinberger. 1942, S. 46. Vor dem in der Bildmitte befindlichen Jesus Christus kniet Veronika mit dem Schweißtuch. Rechts stehen Maria und Johannes, und hinter ihnen hebt Simon von Zyrene den Kreuzbalken an.Paul Maximilian Arnold: Hans Leinbergers Moosburger Altar. 1990, S. 129.
Auf der Innenseite der Flügeltüren waren vermutlich Schnitzreliefs Leinbergers. Die erhaltene Hintergrundbemalung Wertingers deutet auf die Motive Die drei Marien am Grab und Pfingsten hin.Norbert Jocher (Hrsg.): Moosburg. Pfarrkirche St. Maria und St. Kastulus. Hochaltar. 2011, S. 10. Als Ersatz schnitzte Joseph Knabl 1862 die neugotischen Innenflügelreliefs Verkündigung und die Geburt Jesu.Heike Weber: Mausoleum Stat in medio Chori. 2006, S. 38. Er bezieht dabei Wertingers ursprünglich gemalte Landschaften und Himmelszonen mit ein.Paul Maximilian Arnold: Hans Leinbergers Moosburger Altar. 1990, S. 134.
Es handelte sich ursprünglich um eine Bildpredella, keine Reliquienpredella.Paul Maximilian Arnold: Hans Leinbergers Moosburger Altar. 1990, S. 37. Das zugehörige Relief ging jedoch verloren. Nach der Restaurierung im achtzehnten Jahrhundert wurde die Nische in der Predella nicht mehr genutzt. Erst seit 1862 befindet sich darin ein neugotischer ReliquienschreinPaul Maximilian Arnold: Hans Leinbergers Moosburger Altar. 1990, S. 52. mit den in der Tumba des Altars wiederentdeckten, 1604 in Moosburg verbliebenen Reliquien des heiligen Kastulus.
Schrein mini|Schreinfiguren: Heiliger Kastulus, Maria mit Jesus, Kaiser Heinrich II. Zwischen Predella und dem ornamentalen Gesprenge befindet sich der Schrein. Er ist durch zwei dünne, gedrehte Säulen mit hohen Basen und Fialenkapitell in drei Bereiche geteilt. Auf den von Säulen getragenen Konsolen stehen von links nach rechts die Figuren des hl. Kastulus, Jesus in den Armen Mariens und Kaiser Heinrich II., beschirmt von Fialenbaldachinen. Das Figurenprogramm von Altären ist nie willkürlich gewählt – diese vier Figuren tauchen bereits am Tympanon des romanischen Westportals auf.Paul Maximilian Arnold: Hans Leinbergers Moosburger Altar. 1990, S. 47. mini|hochkant=0.5|links|Theotokos am romanischen Westportal Insbesondere die Figur der Madonna fasziniert die Forschung und regt sie zu zahlreichen Deutungsmöglichkeiten an. Das Marienrelief am vorgenannten Tympanon ist mit dem Schriftzug Theotokos betitelt, übersetzt Gottesgebärerin.Paul Maximilian Arnold: Hans Leinbergers Moosburger Altar. 1990, S. 8. An der Bordüre der Kapuze der Madonna am Altar steht MARIA GOTES GEBERERIN. Neben dem ausgeschriebenen Text zieren den Gewandsaum ihrer Pänula mehrere Majuskelbuchstabenfolgen, deren Inhalt heute nur noch vermutet werden kann.Paul Maximilian Arnold: Hans Leinbergers Moosburger Altar. 1990, S. 50–52. Sehr wahrscheinlich verbergen sich dahinter Abkürzungen für mariologische Sätze.Heike Weber: Mausoleum Stat in medio Chori. 2006, S. 263. Die Buchstaben HL am Ende einer Buchstabenfolge könnten auf Hans Leinberger hinweisen. Die Marienfigur wird von vier Engelchen getragen, die auf die vier Winde hinweisen dürften und damit Jesus als Herren des Kosmos kennzeichnen.Heike Weber: Mausoleum Stat in medio Chori. 2006, S. 234. Im achtzehnten Jahrhundert wurde ihr in die rechte Hand ein Zepter gegeben,Georg Lill: Hans Leinberger. 1942, S. 54. während sie früher vermutlich dem Hodegetria-Schema folgend auf den in ihrem linken Arm sitzenden Jesus gezeigt haben dürfte.Paul Maximilian Arnold: Hans Leinbergers Moosburger Altar. 1990, S. 49.Heike Weber: Mausoleum Stat in medio Chori. 2006, S. 210–211. Nachweisbar ist die später vorgenommene Drehung der Figur, um die Köpfe von Jesus und Maria gleichwertig in Richtung Kirchenschiff sehen zu lassen, während ehedem Jesus als Mittelpunkt in das Kirchenschiff blickte.Norbert Jocher (Hrsg.): Moosburg. Pfarrkirche St. Maria und St. Kastulus. Hochaltar. 2011, S. 9. Leinberger zeigt an der Madonna eindrucksvoll seinen stark bewegten Faltenwurf der Gewänder.Georg Lill: Hans Leinberger. 1942, S. 56. Das dabei verwendete, retrospektiv dem Weichen Stil entlehnte Y-Faltenmotiv von Marias Gewand setzt den etwa zwei- bis dreijährigen Jesus in die Mitte und präsentiert ihn förmlich.Heike Weber: Mausoleum Stat in medio Chori. 2006, S. 62 und 229. Er hebt die rechte Hand zur lateinischen Segensgeste und legt die linke Hand auf eine Weltkugel. Sein mandorlaförmiger Umriss gibt der dadurch einer Monstranz ähnelnden Gesamtfigur einen eucharistischen Kontext, wie er bei Clipeus-Madonnen zu finden ist. Dieser Stilrichtung ist auch die isolierte Sitzhaltung eigen.Heike Weber: Mausoleum Stat in medio Chori. 2006, S. 261–267. Nach Georg Lill hat die Muttergottesfigur das römische Gnadenbild von Santa Maria del Popolo als Vorbild.Georg Lill: Hans Leinberger. 1942, S. 57–59. Wahrscheinlich verkörpert die Madonna zudem Ecclesia, also die Kirche. Angezeigt wird dies anhand des einer Kirche nachempfundene Schreininneren (dreischiffige Gliederung, Gewölbebaldachine) und den männlichen, bewaffneten Assistenten.Heike Weber: Mausoleum Stat in medio Chori. 2006, S. 209–215. Um genügend Platz für die 63 Zentimeter tiefe Figur im Schrein zu bekommen, hat die Schreinrückseite eine polygonale Aussparung. Für die spätere Drehung der Figur musste der linke der vier Saumengel an der Rückseite beschnitten werden.Heike Weber: Mausoleum Stat in medio Chori. 2006, S. 82–84. Ungewöhnlich ist die Rückenlage der Engel.Heike Weber: Mausoleum Stat in medio Chori. 2006, S. 237. Die Madonna überragt die beiden anderen Schreinfiguren um dreißig Zentimeter.Heike Weber: Mausoleum Stat in medio Chori. 2006, S. 95. Das verwendete Y-Faltenmotiv des Mantels taucht auch bei den beiden Schreinwächtern auf.Heike Weber: Mausoleum Stat in medio Chori. 2006, S. 44.