Die Kirche in Gilge () war eine im neugotischen Stil errichteter Ziegelbau, der im Jahre 1851 eingeweiht wurde. Bis 1945 war sie evangelisches Gotteshaus in dem heute Matrossowo genannten alten Fischerdorf im ehemaligen Ostpreußen und in der heutigen Oblast Kaliningrad (Gebiet Königsberg (Preußen)) in Russland.
Geographische Lage Matrossowo liegt an der Mündung des Gilgestroms (heute russisch: Matrossowka) in das Kurische Haff. Von der Kreisstadt Polessk (Labiau) aus führt eine Nebenstraße an der Küste entlang nach hier. Die 21 Kilometer entfernte Stadt Polessk ist auch die nächste Bahnstation und liegt an der Bahnstrecke Kaliningrad–Sowetsk (Königsberg–Tilsit). Bis 1945 bestand über die Bahnstation Seckenburg (heute russisch: Sapowednoje) Anschluss an die Elchniederungsbahn, einer Kleinbahn, die zwischen Seckenburg und Hoheneiche (heute nicht mehr existent) verkehrte.
Der Standort der Kirche GilgeКирха Гильге Die Kirche Gilge (mit Bild von 1930) bei prussia39.ru lag nördlich des Gilgestroms.
Kirchengebäude Vorgängerkirche von 1707 Eine erste Kirche wurde in Gilge bereits im Jahre 1707 errichtetMatrossowo – Gilge bei ostpreussen.net, die am Johannisfest (24. Juni) eingeweiht wurde. Es war eine Fachwerkkirche mit weißem Gestühl, einem Taufengel sowie zahlreichen Figuren am Altar.
Die Kirche von 1851 In den Jahren 1849 bis 1851 erhielt Gilge eine neue KircheKirchenbild bei flickr.com, die am 21. September 1851 eingeweiht wurde. Es handelte sich um einen ZiegelbauWalther Hubatsch, Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens, Band 2: Bilder ostpreussischer Kirchen, Göttingen, 1968, Seite 59, Abb. 190 in neugotischem Stil mit einer Altarnische. Einen Turm gab es nicht. An seiner Stelle hatten die gestaffelten Ost- und Westgiebel Aufsätze, wobei sich im Westgiebel eine Glockenstube befand.
Der hohe Innenraum machte einen eher nüchternen Eindruck. Er hatte – außer an der Ostwand – umlaufende Emporen. Altar und Kanzel bildeten ein Ganzes. Aus der Vorgängerkirche konnten einige Holzfiguren in die neue Kirche übernommen werden.
Für die im Bau befindliche Kirche waren nach alten Chroniken ursprünglich zwei Glocken vorgesehen nach Rudolf Grenz im Heimatbuch Der Kreis Labiau, bei Katharina Schroeter, Online-Ortsfamilienbuch Gilge. Bei dem Transport dieser Glocken per Schiff über das Haff allerdings gerieten die Seeleute in einen Sturm. Um nicht zu kentern, wurde eine Glocke in das Wasser geworfen. Dabei ertrank einer der Männer. Er wurde später geborgen und an der Kirche begraben. Auf diese Weise bestand das Geläut der Gilger Kirche lediglich aus einer Glocke.
Im Kriege blieb die Kirche unversehrt, auch die Orgel soll 1948 noch spielbar gewesen sein. Anfang der 1950er Jahre wurde begonnen, das Gebäude abzureißen. Ihre Steine sollten zu Baumaterial für neue Speicher werden. Sie wurden jedoch nicht gebaut, und so nahm sich die Bevölkerung die Steine für eigene Bauzwecke. Im Jahre 1996 sollen nur noch die Ostwand und der Chor gestanden haben. Heute gibt es von der Kirche keine Spur mehr.
Kirchengemeinde Das Kirchspiel GilgeWalther Hubatsch, Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens, Band 3: Dokumente, Göttingen, 1968, Seite 464 bestand seit 1707 und war durch Ausgliederung aus der Stadtkirche Labiau entstanden. Seit etwa 1684 fuhren die Gilger jeden dritten Sonntag über das Haff zur Kirche in Labiau (heute russisch: Polessk). Die Pfarrei in Gilge war die nördlichste im Kreis Labiau.
Ab dem Jahr 1853 wurde der im Süden gelegene Ort Agilla in das Kirchspiel Gilge einbezogen, das sich fortan „Kirchspiel Gilge-Agilla“ nannte. Ein Jahr später wurde aus der Pfarrei die Kirche Lauknen (1938–1946: Hohenbruch, heute russisch: Gromowo) ausgegliedert und verselbständigt. Schließlich hat man im Jahr 1909 den Ort Juwendt (1938–1946: Möwenort, heute russisch: Rasino) mit neu errichteter Kirche in eine Filialgemeinde zu Gilge-Agilla umgewandelt. Zur gleichen zeit übernahm hier ein Hilfsgeistlicher seinen Dienst.
Bis 1945 gehörten die Kirchengemeinden Gilge/Juwendt zum Kirchenkreis Labiau in der Kirchenprovinz Ostpreußen der Kirche der Altpreußischen Union. Im Jahre 1925 zählte das Kirchspiel Gilge 4.460 Gemeindeglieder.
Mit der Flucht und Vertreibung der einheimischen Bevölkerung zwischen 1944 und 1948 sowie aus Gründen der restriktiven Kirchenpolitik der Sowjetunion kam das evangelisch-kirchliche Leben in Gilge zum Erliegen. Erst in den 1990er Jahren bildete sich in Matrossowo wie auch in anderen Orten in der Oblast Kaliningrad eine neue evangelisch-lutherische Gemeinde, vornehmlich aus Russlanddeutschen, die sich hier angesiedelt hatten. Sie gehört zur Propstei Kaliningrad (russisch/deutsch) der Evangelisch-lutherischen Kirche Europäisches Russland.
Aus deutscher Zeit hat sich bis heute das Pfarrhaus in Matrossowo erhaltenMatrossowo – Gilge bei ostpreussen.net (wie oben). Es fungiert heute als Hotel mit dem Namen „Gilge“Das ehemalige Pfarrhaus bei flickr.com.
Kirchspielorte Zur Pfarrei Gilge-Agilla/Juwendt gehörten vor 1945 acht OrteWalther Hubatsch, Band 3, Seite 464 (wie oben). - * = Schulort: Name Änderungsname(1938–1946) Russischer Name Pfarrbezirk Gilge: *Gilge Matrossowo Marienbruch Saschenzy *Nemonien Elchwerder Golowkino Tawellninken Tawellenbruch Bisserowo Pfarrbezirk Juwendt: *Agilla Haffwerder Krasnoje *Alt Heidendorf Heidendorf Rasino *Juwendt Möwenort Rasino Ludendorffbis 1918: Groß Friedrichsgraben II
Pfarrer Zwischen 1707 und 1945 in Gilge und 1909 (sowie früher) und 1945 amtierten in Gilge bzw. Juwendt als evangelische GeistlicheFriedwald Moeller, Altpreußisches evangelisches Pfarrerbuch von der Reformation bis zur Vertreibung im Jahre 1945, Hamburg, 1958, Seiten 42 und 60:
Bezirk Gilge: Johann Friedrich Falck, 1707–1709 Georg Berlin, 1709–1730 Gottfried Dresler, 1730–1735 Johann Christoph Pohl, 1735–1744 Carl Friedrich Geelhaar, 1745–1775 Christian Michael Pötsch, 1775–1800 Johann Friedrich Glogau, 1800–1819 Gottfried Leberecht Ostermeyer, 1819–1827 Georg Heinrich Rappolt, 1828–1835 Johann Friedrich Brenke, 1835–1847Friedrich Brenke († 1886) war Angehöriger des Corps Littuania. August Friedrich Schultz, 1847–1853 Friedrich Ludwig Schlager, 1853–1882 Daniel Julius Görke, 1884–1894 Theodor Adolf Pastenaci, 1894–1902 Otto Tautorus, 1902–1913 Valentin Gailus, 1915 Hermann K. Gustav Schnöberg, 1917–1921 Emil Franz Theodor Pipirs, 1922–1925 Friedrich Werner, 1926–1928 Martin Anskohl, 1928Bezirk Juwendt (Hilfsprediger): Hermann Adolf Rumpel, 1905–2906 Franz Trautmann, 1906–1910 Paul Gustav Hardt, 1908–1912 Franz Hammler, 1925 Johannes Hildebrandt, 1925–1926 Hermann Braun, 1926 Johannes Schenk, 1926–1928 Kurt Murach, 1928–1933 Richard Preß, 1933–1936
Kirchenbücher Von den Kirchenbüchern des Kirchspiels Gilge mit Juwendt haben sich erhalten und werden bei der Deutschen Zentralstelle für Genealogiein Leipzig aufbewahrtGilge beim Verein für Computergenealogie: Taufen: 1785 bis 1790 sowie 1795 bis 1820 (außerdem: Namensregister 1731 bis 1838) Trauungen: 1766 bis 1820 Begräbnisse: 1767 bis 1805 (lückenhaft) sowie 1808 bis 1820.
Einzelnachweise
Kategorie:Erbaut in den 1850er Jahren Kategorie:Abgegangenes Bauwerk in Russland Kategorie:Kirchengebäude der Kirchenprovinz Ostpreußen Kirche Kategorie:Backsteinkirche Kategorie:Neugotisches Kirchengebäude Gilge Kategorie:Bauwerk des Historismus in Russland Kategorie:Rajon Polessk Gilge