Die Kämpfe im Bezirk Oberwart 1945 waren in der Endphase des Zweiten Weltkrieges die Auseinandersetzung zwischen der Wehrmacht und Waffen-SS und der Roten Armee um den österreichischen Bezirk Oberwart.

Vorgeschichte

Am 6. März 1945 begann am Nordostende des Plattensees die „Operation Frühlingserwachen“. Sie stellte die letzte große Offensive der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg dar. Den Hauptschlag führte dabei die 6. Panzerarmee, die nach der missglückten Ardennenoffensive nur notdürftig aufgefrischt worden war. Hinter dem Rücken der nach Südosten vorstoßenden Panzerdivisionen der Waffen-SS versammelte in weiterer Folge die Rote Armee zahlreiche Infanterie- und Panzerverbände, um selbst in der „Wiener Operation“ offensiv zu werden und nach Wien vorzustoßen.Manfried Rauchensteiner: Der Krieg in Österreich 1945, Österr. Bundesverlag, Wien 1984, ISBN 3-215-01672-9.

Den sowjetischen Truppen gelang es nach tagelangen Kämpfen, die Front zwischen der 6. Panzerarmee und der 6. Armee aufzuspalten und ein riesiges Loch in die deutschen Verteidigungsstellung zu reißen. Die bei der Operation „Frühlingserwachen“ eingesetzten Divisionen konnten sich nur knapp der Einkesselung entziehen und zogen sich zum Teil fluchtartig in Richtung Nordwesten nach Wien zurück. Der Rückzug der 6. Armee zielte auf das Gebiet des Südburgenlandes. An der Grenze zu Ungarn entstand eine Verteidigungsstellung, welche die NS-Propaganda als Südostwall bezeichnete. Da aber die entstandene Lücke zwischen den beiden sich zurückziehenden deutschen Armeen nie richtig geschlossen werden konnte und der Südostwall vielerorts nicht über das Planungsstadium hinauskam, konnte die schnellen Verbände der 3. Ukrainischen Front (4. und 9. Gardearmee sowie die 6. Gardepanzerarmee) problemlos gegen Westen vorstoßen. Das Loch in der deutschen Front reichte vom Südende des Neusiedler Sees bis nach Rechnitz, einer Ortschaft in der Nordostecke des Bezirks Oberwart. Der erste sowjetische Soldat erreichte am 29. März um die Mittagszeit bei Klostermarienberg (Bezirk Oberpullendorf) österreichischen Boden. Er dürfte zum IX. Garde-Mechanisierten Korps der 6. Gardepanzerarmee gehört haben, welche die Speerspitze der 3. Ukrainischen Front beim Angriff auf Wien darstellte.Hugo Portisch, 'Österreich II', Band 1

Der Bezirk Oberwart lag am südlichen Ende dieses Einbruchraumes und wurde von der sowjetischen Hauptstreitmacht nur im Nordosten gestreift. Die für die Eroberung des Verwaltungsbezirkes vorgesehene 26. Armee folgte den Gardearmeen nach links rückwärts gestaffelt und erreichte mit ihrer Masse deutsches Staatsgebiet erst am 4. April.

Eingesetzte Truppenverbände Deutsche Truppenverbände Übergeordnete Kommandobehörden: Heeresgruppe Süd, Oberbefehlshaber General der Infanterie Otto Wöhler 6. Armee, Oberbefehlshaber General der Panzertruppe Hermann Balck

Befehlshabende Kommandobehörde aller im Bezirk eingesetzten Verbände:

III. Panzerkorps, Kommandierender General: General der Panzertruppe Hermann Breith

Gliederung des III. Panzerkorps: Korpstruppen Volkswerferbrigade 17 Volkswerferbrigade 19 Heeres-Sturmartillerie-Brigade 303 Heeresartillerie-Abteilung 171 schwere Panzer-Abteilung (Tiger) 509 Divisionsgruppe „Krause“ K.Gr. Gottwald Btl. Büttner Volkswerfer-Regiment 24 Beob. Abt. 34 Feldersatz-Bataillon 75 (3. Panzer-Division), oft als „Festungsbataillon“ bezeichnet Volkssturm K.Gr. Siegers Gebirgsjäger-Ersatz- und Ausbildungs-Bataillon 138 aus Graz (Stärke rund 500 Mann)Friedrich Brettner, Die letzten Kämpfe des II. Weltkrieges, Pinka-Lafnitz-Hochwechsel, 1743 m Gebirgsveterinär-Ersatzkompanie (Stärke rund 150 Mann) Kavallerieersatzschwadron (Ersatzeinheit der 3. Kavallerie-Division; Stärke rund 180 Mann) K.Gr. Schweitzer SS-Panzergrenadier-Ausbildungs- und Ersatz-Bataillon 11 aus Graz (Ersatzeinheit der 11. SS-Panzergrenadier-Division 'Nordland'; Stärke rund 900 Mann) SS-Rgt. Ney 1. Volksgebirgs-Division

Folgende Volkssturmeinheiten waren im Bezirk eingesetzt: Abschnitt Rechnitz, Kommandant Hauptmann Osterroth 1. und 2. Kompanie des Bau-Pionierbataillon 730 Drei Flakkampfgruppen des Wehrkreises XVII bei Dürnbach (I./10/XVII), Hannersdorf (II./10/XVII) und Markt Neuhodis (III./10/XVII) mit einer jeweiligen Stärke von 2 Geschützen 8,8 cm und 3 Geschützen 3,7 cm Zollgrenzschutzkompanie Rechnitz (Stärke 60 Mann) Volkssturm-Bataillon Oberwart 31/181 Volkssturm-Bataillon Bruck a.d. Mur 31/1 Volkssturm-Bataillon Leoben 31/131 Volkssturm-Bataillon 31/185 Abschnitt Kohfidisch, Kommandant Oberleutnant Groß: 3. Kompanie des Bau-Pionier-Bataillons 730 Zollgrenzschutzkompanie Eberau (Stärke 60 Mann) Volkssturm-Bataillon Weiz 31/201 Volkssturm-Kompanien 31/184/4 und 31/46/3

Sowjetische Truppenverbände Übergeordnete Kommandobehörden: 3. Ukrainische Front, Oberbefehlshaber Marschall Fjodor Iwanowitsch Tolbuchin

Kämpfe um Rechnitz Ende März: Teile der 9. Gardearmee: Oberbefehlshaber Generaloberst Wassili Wassiljewitsch Glagolew

Gliederung der beteiligten Kräfte der 9. Gardearmee: XXXVII. (37.) Garde-Schützenkorps (Kommandeur: Generaloberst Pawel Wassiljewitsch Mironow) 98. Gardeschützendivision 99. Gardeschützendivision 103. Gardeschützendivision

Die Hauptlast der Kämpfe trug die 26. Armee: Oberbefehlshaber Generalleutnant Nikolai Gagen

Gliederung der 26. Armee: CXXXV. (135.) Schützenkorps (Kommandeur: Generalmajor Pjotr Wissarionowitsch Gnedin) 74. Schützendivision 151. Schützendivision 155. Schützendivision XXX. (30.) Schützenkorps (Kommandeur: Generalmajor Grigori Semenowitsch Laz'ko) 74. Gardeschützendivision 36. Gardeschützendivision 68. Gardeschützendivision CIV. (104.) Schützenkorps (Kommandeur: Generalmajor Michail Sergejewitsch Filipowski) 93. Schützendivision 233. Schützendivision 66. Gardeschützendivision ab 12. April: V. Garde-Kavalleriekorps (Kommandeur: Generalmajor Sergei Iljitsch Gorschkow) 11. Garde-Kavalleriedivision 12. Garde-Kavalleriedivision 63. Kavalleriedivision Panzer-Regiment 57 Panzer-Regiment 60 Panzer-Regiment 71 Gardepanzer-Regiment 150 Sturmgeschütz-Regiment 1896

Ab Mitte April Teile der 27. Armee: Oberbefehlshaber Generaloberst Sergei Georgijewitsch Trofimenko

Gliederung der eingesetzten Teile der 27. Armee: XXXIII. (33.) Schützenkorps (Kommandeur: Generalmajor Alexei Iwanowitsch Semenow) 206. Schützendivision 337. Schützendivision 3. Garde-Luftlandedivision

Verlauf Erste Kämpfe und Massaker an ungarischen Zwangsarbeitern Die erste größere Ortschaft des Bezirkes Oberwart, die von der Roten Armee 1945 erobert wurde, war Rechnitz. Denn nur wenige Kilometer nördlich dieser Gemeinde stieß das Gros der schnellen Verbände der 3. Ukrainischen Front in Richtung Wien vor. An der linken Flanke des Angriffkeiles marschierte die 9. Gardearmee und ein Teil dieser Armee, das XXXVII. Garde-Schützenkorps, überschritt am Abend des 29. März die Grenze und eroberte die Ortschaft bis zum Morgen des 30. März. Als deutsche Kräfte standen den sowjetischen Truppen zu diesem Zeitpunkt nur drei Volkssturmbataillone gegenüber. Die noch auf ungarischem Boden befindliche A-Linie der Reichsschutzstellung war vom Geschriebenstein bis zur Eisenbahnlinie Oberwart–Steinamanger vom Volkssturm-Bataillon Oberwart besetzt. An diese Einheit schloss sich Richtung Süden das Volkssturm-Bataillon Bruck a.d. Mur an. In der dahinterliegenden B-Linie des Südostwalls war auf der ganze Länge das Volkssturm-Bataillon Leoben als Reserveeinheit verteilt. Einige Flakkampftrupps im Hinterland sollten den nötigen Rückhalt geben. Für die Elitesoldaten der 9. Gardearmee stellten die Verteidiger jedoch kein ernsthaftes Hindernis dar. Auch Gegenmaßnahmen des Abschnittskommandanten Hauptmann Osterroth konnten das verloren gegangene Gelände nicht zurückgewinnen.

mini|Mahnmal Kreuzstadl Rechnitz In der Ortschaft selbst hatte es wenige Tage zuvor (in der Nacht vom 24. auf den 25. März) nach einem Fest im Rechnitzer Schloss ein Massaker gegeben, dem ca. 200 ungarische Zwangsarbeiter zum Opfer gefallen waren. Das Massengrab mit ihren Leichen wurde bis heute nicht gefunden, an ihr Schicksal erinnert ein Mahnmal beim sogenannten Kreuzstadl.

Fast zeitgleich mit dem Eintreffen der ersten sowjetischen Soldaten in der Nordostecke des Bezirkes fand 20 Kilometer weiter südlich ein zweites Massaker an jüdischen Zwangsarbeitern statt. Schauplatz war das Gemeindegebiet von Deutsch Schützen, das aufgrund des Nachhinkens der 26. Armee noch nicht von der Roten Armee erobert worden war. Im Gegensatz zum Rechnitzer Massaker konnten die Toten 40 Jahre danach gefunden und würdevoll bestattet werden.

mini|hochkant|Martinskirche in Deutsch Schützen mit Gedenktafel

Eintreffen von Verstärkungen und Wiedereroberung von Rechnitz Im Laufe des 30. März traf mit Generalleutnant Walter Krause ein hoher Offizier im Kampfraum ein. Er war der Kommandant des rückwärtigen Armeegebietes („Korück“) der sich aus Ungarn zurückziehenden 6. Armee. Als erste Kampfverbände brachte er zwei infanteristisch eingesetzte Einheiten einer Volkswerferbrigade mit, die der Armee unmittelbar unterstellt waren. Diese Soldaten besetzten die B-Linie des Südostwalls im Osten von Schachendorf, sie mussten sich aber noch im Laufe des Tages aus dem Ort zurückziehen, weil sie dem Angriffsdruck der sowjetischen Truppen aus östlicher Richtung nicht standhalten konnten.

In der Zwischenzeit hatte der Befehlshaber des Wehrkreises XVIII, General der Gebirgstruppen Julius Ringel mehr als 1500 Mann Verstärkung in die bedrohte Gegend verlegen lassen. Bis zum 31. März 2.00 Uhr erreichten das SS-Panzergrenadier-Ausbildungs- und Ersatz-Bataillon 11, das Gebirgsjäger-Ersatz- und Ausbildungs-Bataillon 138, eine Gebirgsveterinär-Ersatzkompanie sowie eine Kavallerieersatzschwadron den Raum Großpetersdorf. Sämtliche im Gefechtsraum befindliche Truppen wurden unter dem Befehl von Generalleutnant Walter Krause zur „Divisionsgruppe Krause“ zusammengefasst. Das in der Befehlskette übergeordnete III. Panzerkorps richtete in der Zwischenzeit seinen Gefechtsstand in Kemeten ein.

Fast schien es, dass die Divisionsgruppe mit der Zufuhr des Gebirgsjäger-Regimentes 99 der 1. Gebirgs-Division eine wesentliche Verstärkung bekommen sollte, allerdings wurde dieses Regiment dann doch in die Südostecke des Bezirkes, nach St. Kathrein im Burgenland, einem Ortsteil von Deutsch Schützen, beordert, um dort die Reichsschutzstellung zu besetzen.

Am 31. März startete der Gegenangriff dieser neuen Verbände. Als südliche Gruppe eroberten das Gebirgsjäger Ersatz- und Ausbildungs-Bataillon 138 und die Gebirgsveterinär-Ersatzkompanie einen Teil von Schachendorf zurück, sowjetische Gegenstöße mit Panzern zwangen aber wieder zur Aufgabe des Dorfes. Der Angriff der nördlichen Gruppe, dem SS-Panzergrenadier-Ausbildungs- und Ersatz-Bataillon 11 und der Kavallerieersatzschwadron, konnte an diesem Tag noch nicht stattfinden, weil es Verzögerungen bei der Bereitstellung gab.

Der Angriff fand daher erst am 1. April statt und er führte aufgrund des Überraschungselementes zu einem vollen Erfolg. Das SS-Bataillon, in der Masse 16- und 17-jährige holländische Freiwillige, stellte sich im Waldgebiet nordwestlich von Rechnitz bereit und griff gegen 11.00 Uhr die vollkommen überraschten sowjetischen Truppen an. Diese räumten sogar fluchtartig die Ortschaft und die holländischen Einheit stieß bis zur Reichsschutzstellung vor. Eine Verbindung mit der südlichen Kräftegruppe konnte jedoch nicht hergestellt werden. Dem Bataillonskommandeur SS-Sturmbannführer Willi Schweitzer wurde für diesen Erfolg das Ritterkreuz verliehen, allerdings fehlt eine Bestätigung in der einschlägigen Fachliteratur dafür.Gerhard von Seemen, 'Die Ritterkreuzträger 1939 bis 1945', ISBN 3-7909-0051-6