mini|250px|Graffito mit Ostfriesenteemotiv in Holtland Das Brauchtum Ostfrieslands spielt bis heute eine große Rolle im Jahres- und Lebenslauf. Die bekannteste Tradition über die Region hinaus ist die Ostfriesische Teekultur. Neben festen Ritualen zu Feiertagen wie Neujahr, Ostern oder Weihnachten gibt es Bräuche, die sich an Lebensstationen wie Geburt, Hochzeit oder Tod orientieren. Viele stammen aus dem Christentum, oft vermischt mit heidnischen Elementen.

Ostfrieslands jahrhundertelange Isolation durch die Moore im Süden und die enge Verbindung zur See prägten eine eigenständige Brauchtumskultur. Dennoch gibt es viele Parallelen zu den Traditionen benachbarter Regionen wie Oldenburg, Jeverland oder Groningen – bedingt durch wirtschaftliche und kulturelle Verflechtungen.

Ein weiteres Moorgebiet teilte Ostfriesland einst in zwei Hälften. Das spiegelt sich im Brauchtum wider: Einige Rituale sind in der ganzen Region verbreitet, andere existieren nur in einzelnen Dörfern oder auf den Inseln.

Bräuche im Jahreslauf mini|Rullekes werden zum Jahreswechsel gern zum Tee gereicht.

Silvester und Neujahr Zu den Silvesterbräuchen gehört das Karbidschießen. Dabei füllt man Metall- oder Milchkannen mit Wasser und Calciumcarbid. Das entstehende Gasgemisch Acetylen explodiert bei Zündung und erzeugt laute Knalle. Ursprünglich diente der Brauch der Geistervertreibung, heute ist er ein beliebtes Gemeinschaftsritual.

Am Neujahrstag ist es in vielen Dörfern Tradition, Nachbarn oder Bekannte zu besuchen und ihnen Glück fürs neue Jahr zu wünschen. Dieser Brauch, meist nach dem Mittagessen oder am Abend, heißt de Nabers oflopen – „die Nachbarschaft ablaufen“. Gastgeber reichen dabei oft Neeijahrskoken oder Bohntjesopp, eine Spezialität aus in Branntwein eingelegten Rosinen.

Sternsingen Das Sternsingen war bis ins 19. Jahrhundert auch im protestantischen Ostfriesland verbreitet und wurde Ende des 20. Jahrhunderts in einigen Kirchengemeinden wiederbelebt. Früher zogen die Sterndreher – oft arme Leute – singend mit einem Stern auf einem Stock von Haus zu Haus und erhielten Speck, Mettwurst oder getrocknete Bohnen. Heute verkleiden sich Kinder als die Heiligen Drei Könige und sammeln um den 6. Januar Spenden für wohltätige Zwecke. Das plattdeutsche Steerndreiherleed erinnert an diesen alten Brauch.

Fastnacht Beim Fastnachtslaufen ziehen Auszubildende und Gesellen am Rosenmontag lärmend von Haus zu Haus – vor allem im Harlingerland, Jeverland und auf Wangerooge. Angeführt von einem „Hauptmann“ mit Teufelsgeige, begleitet von einem „Schornsteinfeger“ mit Rußbeutel und einem „Eierweib“, singen sie und sammeln Geld sowie Lebensmittel für das gemeinsame Fest mit den Meistern am Abend. Am Fastnachtsdienstag übernehmen die Kinder den Heischebrauch: maskiert und singend erbitten sie Süßigkeiten. Eine typische Leckerei sind Heedwigs – große Hefebrötchen mit Rosinen und Sukkade, die traditionell in dieser Zeit gebacken werden.

Osterbrauchtum Das Osterfeuer hat eine lange Tradition. Wochen vor Ostern sammeln die Menschen Reisigholz, Äste und anderes Brennmaterial und schichten es zu großen Haufen auf.Harm Ehmen: Sitten und Gebräuche in Ostfriesland. In: Karl-Ernst Behre, Hajo van Lengen: Ostfriesland. Geschichte und Gestalt einer Kulturlandschaft. Aurich 1995, ISBN 3-925365-85-0. S. 333 In Ostfriesland heißen die Feuer Paaskefüür, abgeleitet vom plattdeutschen Paasken (Ostern), das seinen Ursprung im jüdischen Passah-Fest hat. Am Abend des Ostersonnabends versammelt sich die Dorfgemeinschaft, entzündet das Feuer und feiert mit Musik und Getränken. Der Brauch soll den Winter vertreiben und den Frühling begrüßen.

Auf Borkum errichten junge Leute das Osterfeuer nach einer besonderen Tradition. Zunächst sichern sie es mit vier großen Baumstämmen, den Stönern, die sie im Dünensand verankern. Zwischen diesen Stapeln schichten sie das Brennholz sorgfältig auf, damit es gleichmäßig abbrennt und nicht frühzeitig einstürzt.

Ein zentrales Element ist eine Puppe, die hoch im Feuer aufgehängt wird. Sie wird Tom Dooley genannt – angelehnt an den US-amerikanischen Folksong über einen mutmaßlichen Mörder, der gehängt wurde. mini|Eiertrüllern in Ostfriesland Zu Ostern ist das Eiertrullern oder Eiertrüllen weit verbreitet. Am Ostersonntag lassen Kinder und Erwachsene ihre hart gekochten Ostereier Deiche, Dünen oder andere Erhebungen hinunterrollen – etwa am Plytenberg oder den Eierbergen in Wallinghausen.

Zusätzlich werden die bunten Eier wie Bälle geworfen. Gewinner ist, wessen Ei am weitesten fliegt oder die meisten Würfe unbeschadet übersteht. Beschädigte Eier wurden traditionell am Upfreten Dingsdag gemeinsam verzehrt.

Das Nötenscheten ist ein traditionelles Wurfspiel, das am ersten Ostertag vor allem in den Heimatvereinen des Rheiderlands und Westoverledingens gespielt wird. Es gibt zwei Varianten:

In der ersten schießen die Spieler mit nummerierten Eisen- oder Holzkugeln Walnüsse aus einem Kreis. In der zweiten zielen sie auf kleine Walnusshäufchen, die Hüüskes, um sie zu Fall zu bringen.

Frühlings-, Mai- und Pfingstbrauchtum mini|Maibaum in Aurich Zu den Frühlingsbräuchen zählt das Aufstellen des Maibaums am Vorabend des 1. Mai. Dieser Brauch gehört zu einer großen eurasischen Tradition, hat in Ostfriesland aber eigene Formen und Regeln entwickelt. Neben Nachbargemeinschaften sind es auch Vereine oder ganze Dörfer, die ihren Maibaum aufstellen. Der Maibaum muss bis zum Morgengrauen des 1. Mai bewacht werden, was sich durch dauerndes Handanlegen eines der Besitzer ausdrückt.Harm Ehmen: Sitten und Gebräuche in Ostfriesland. In: Karl-Ernst Behre, Hajo van Lengen: Ostfriesland. Geschichte und Gestalt einer Kulturlandschaft. Aurich 1995, ISBN 3-925365-85-0. S. 333 Andernfalls kann er mit drei symbolischen Spatenstichen „geklaut“ werden. Die Rückgabe erfolgt meist gegen einen Kasten Bier und Schnaps.

Im Landkreis Wittmund sowie auf Borkum und Norderney wird der Maibaum erst zu Pfingsten aufgestellt. In Teilen des Harlingerlandes ist ein regionaler Pfingstbrauch verbreitet, bei dem Kinder an den Straßenrändern bunt geschmückte Miniaturbäume aufstellen und mit dem plattdeutschen Spruch „Een Penning för mien Kroon un Kranz“ (=Einen Pfennig für meine Krone und meinen Kranz) eine kleine Gabe erbitten. Der „Penning“ entspricht heute meist einem Centstück.

Auf Borkum gestaltet man ihn als Schiffsmast und krönt ihn mit einem Weidenkorb, in dem ein lebender Hahn eine Woche lang verweilt. Ausführlich wird der Borkumer Maibaumbrauch von Karsten Schönbeck beschrieben. Demnach wird ein Hahn nach alter, vielleicht vorchristlicher Tradition in der Nacht vor Pfingstsamstag „entwendet“. Anschließend setzen die Ausrichter vom Verein Borkumer Jungens den Hahn in einen früheren Kohlenkorb mit Deckel, geben ihm Futter und Wasser und befestigen den Korb mit Hilfe der Freiwilligen Feuerwehr hoch am Maibaum. Unterhalb des Vereinswappens hängt eine leere Schnapsflasche als Zeichen dafür, dass der Hahn nach Pfingsten ausgelöst wird.

Am Pfingstsonntag dient das Tier als Orakel für eine gute Saison und einen fruchtbaren Sommer. Die Aufstellung des Baumes wird mit Gesang, Tanz und einer ausgelassenen Feier begleitet.mini|Brautpfade vor dem Schloss Lütetsburg 2013. Das seit dem 15. Jahrhundert belegte BrautpfadlegenHarm Ehmen: Sitten und Gebräuche in Ostfriesland. In: Karl-Ernst Behre, Hajo van Lengen: Ostfriesland. Geschichte und Gestalt einer Kulturlandschaft. Aurich 1995, ISBN 3-925365-85-0. S. 333 wird am Himmelfahrtstag im Landkreis Aurich gepflegt. In einem mit Sand und Moos ausgelegten Holzrahmen entstehen kunstvolle Bilder aus Blumen.

Kinder sammeln die Blumen am Vortag und legen daraus klassische Motive wie Kreuz, Herz und Anker oder fantasievolle Darstellungen wie Landschaften, Windmühlen und Leuchttürme. In Orten wie Großefehn, Aurich und Hage konkurrieren die schönsten Brautpfade um eine Prämierung durch eine Jury.

Der Sage nach geht der Brauch auf eine tragische Liebesgeschichte zurück: Die Blumen, ursprünglich für eine Hochzeit bestimmt, schmückten am Ende den Trauerzug der verstorbenen Braut.

Erntebräuche Das gemeinsame Binden der Erntekrone und das Feiern des Erntedankfestes sind bis heute lebendige Traditionen in Ostfriesland. Die kunstvoll aus Getreide gebundenen Kronen werden in festlichen Umzügen zur Kirche getragen oder auf Festplätzen aufgehängt, oft begleitet von Erntemärkten und Tänzen. In einigen Gemeinden findet der Erntedankgottesdienst traditionell auf Plattdeutsch statt.

Martini und Nikolaustag Zu Sünnermarten/Martini ziehen Kinder am 10. November mit Laternen von Haus zu Haus und singen zu Ehren Martin Luthers, dessen Geburtstag auf dieses Datum fällt. Als Dank erhalten sie Süßigkeiten, Obst oder kleine Geldgeschenke. Bis in die 1960er Jahre nutzten die Kinder statt Papierlaternen Kippkappkögels – ausgehöhlte Runkelrüben mit Kerzenlicht. Traditionell tragen sie beim Martinilauf einen Skebellenskopp (auch Scherbellenskopp), eine fratzenhafte Maske. Bereits im 19. Jahrhundert galt dieser Brauch daher als „friesischer Karneval“. mini|Verknobelung im Dörpmuseum Münkeboe. Am Vorabend des Nikolaus-Tages finden am 5. Dezember im Einzelhandel, in der Gastronomie und bei verschiedenen Organisationen und Vereinen traditionell Verknobelungen statt.Harm Ehmen: Sitten und Gebräuche in Ostfriesland. In: Karl-Ernst Behre, Hajo van Lengen: Ostfriesland. Geschichte und Gestalt einer Kulturlandschaft. Aurich 1995, ISBN 3-925365-85-0. S. 335 Dabei wird um Torten, Backwaren sowie Geflügel-, Fleisch- und Wurstwaren gewürfelt. Jeder Mitspieler zahlt einen Einsatz und hat einen Wurf. Gewürfelt wird meist mit drei Würfeln im Lederbecher. Wer die höchste Zahl erzielt, gewinnt einen der Preise.Hamburger Abendblatt: Ostfriesland knobelt, vom 4. Dezember 2010, eingesehen am 11. Februar 2012. Eine besondere Tradition hat sich mit Klaasohm auf der Insel Borkum erhalten. Ein Teil des Brauchs besteht darin, dass Einheimische in der Nacht vom 5. auf den 6. Dezember junge Frauen jagen und festhalten. Anschließend erscheinen Männer, die als „Klaasohms“ verkleidet sind, und schlagen ihnen mit Kuhhörnern auf das Gesäß.A. Akkermann: (PDF; 349 kB). Diplomarbeit vorgelegt 1997 an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz im Fachbereich Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft in Germersheim, eingesehen am 29. November 2024. Da dabei Gewalt gegen Frauen ausgeübt wird, steht dieses Ritual in der Kritik.

Früher brachte der Sünnerklaas zu Nikolaus die Geschenke, während sich die Weihnachtsfeier am 24. Dezember erst im 20. Jahrhundert durchsetzte. Bis heute erhalten Kinder am Nikolaustag süße Geschenke. In Emden fährt der Sinterklaas, der holländische Nikolaus, im Advent mit dem Schiff in den Hafen ein. Anschließend reitet er auf seinem Pferd durch die Straßen und verteilt Süßigkeiten.

Bräuche im Lebenslauf Geburt mini|Bohntjesopp wird normaler­weise in einem Steingutbehältnis zubereitet und aufbewahrt. Zur besseren Sichtbarkeit ist es hier in einem Glasbehältnis zu sehen. Vor der Geburt eines Kindes wird in Ostfriesland traditionell Bohntjesopp (auch: Sienbohntjesopp oder Sinbohntjesopp [scherzh.]) vorbereitet, ein Getränk aus Rosinen, Kluntjes und Oostfreeske Brannwien, das in einem Püllpott aus Steingut angesetzt wird.Harm Ehmen: Sitten und Gebräuche in Ostfriesland. In: Karl-Ernst Behre, Hajo van Lengen: Ostfriesland. Geschichte und Gestalt einer Kulturlandschaft. Aurich 1995, ISBN 3-925365-85-0. S. 331 Nach der Geburt verkünden Kinder oder Nachbarn die Ankunft des Neugeborenen im Ort, oft verbunden mit einer kleinen Belohnung. Bei der anschließenden Tauffeier wird de Sopp an die Gäste ausgeschenkt, während weniger enge Bekannte die Mutter zur Puppvisiet oder zum Kinnertöön besuchen, wo ebenfalls Bohntjesopp gereicht wird. Heute genießt man das Getränk nicht nur zu Geburten, sondern auch bei Richtfesten, Hochzeiten und als Dessertbeilage.

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