mini|Porträt Andersons, 1923 mini|Sherwood Anderson im Central Park 1939 I Want to Know Why (dt. Ich möchte wissen warum in der revidierten Übersetzung 1978 von Karl Lerbs und Helene Henze) ist eine Kurzgeschichte des amerikanischen Autors Sherwood Anderson, die erstmals im November 1919 in der Zeitschrift The Smart Set erschien und 1921 in den in New York veröffentlichten Sammelband The Triumph of the Egg aufgenommen wurde (dt. Das triumphierende Ei in der Übersetzung von Jürgen Dierking 1997).In der Übersetzung von Karl Lerbs wurde die deutsche Erstausgabe dieser Anthologie 1926 unter dem Titel Das Ei triumphiert im Insel Verlag veröffentlicht.
In dieser Erzählung entfaltet und intensiviert Anderson die bereits in Winesburg, Ohio (dt. Winesburg, Ohio. Roman um eine kleine Stadt, 1958 übersetzt von Hans Erich Nossack)Eine Neuübersetzung von Daniel Kehlmann und Eike Schönfeld erschien 2012 unter dem Titel Winesburg Ohio im Züricher Manesse Verlag. angelegte Thematik der Initiation eines Jugendlichen, der sich in seiner inneren Erlebniswelt isoliert und unverstanden fühlt.Vgl. zum Entstehungshintergrund detailliert Martin Christadler: Sherwood Anderson · I Want to Know Why. In: Karl Heinz Göller et al. (Hrsg.): Die amerikanische Kurzgeschichte. August Bagel Verlag, Düsseldorf 1972, ISBN 3-513-02212-3, S. 205 sowie Peter Freese: The American Short Story I: Initiation. Interpretations and Suggestions for Teaching. Schöningh Verlag Paderborn 1986, ISBN 3-506-41084-9, S. 191. und ders.: Über die Schwierigkeiten des Heranwachsens: Amerikanische stories of initiation von Nathaniel Hawthorne bis Joyce Carol Oates. In: ders. et al., Die Short Story im Englischunterricht der Sekundarstufe II. Theorie und Praxis, Schöningh Verlag, Paderborn 1979, S. 220f.
Inhalt Das Handlungsgerüst der Geschichte ist denkbar einfach: Der etwa fünfzehnjährige Ich-Erzähler schildert seine Liebe zu Vollblutpferden und eine Enttäuschung, die ihm ein Pferdetrainer zufügt, als dieser nach dem Sieg eines von beiden bewunderten Pferdes ein Bordell aufsucht. Der Jugendliche hielt den Trainer zuvor für einen Freund und glaubte sich von ihm verstanden.
Im ersten Teil der Kurzgeschichte stellt der Protagonist seine nahezu obsessive Begeisterung für Pferde und die beginnende Rennsaison dar. Fasziniert von der Schönheit der Pferde, dem Geruch der Pferdeställe, dem Geschehen auf den Geläufen und Sattelplätzen sowie den Stallburschen und Pferdebesitzern, unternehmen er und seine vier Freunde alles nur Erdenkliche, um möglichst häufig in den Ställen und bei den Vollblutpferden in den Nachbarstädten zu sein.
Das Verhältnis zu seinem Vater, einem Rechtsanwalt, beschreibt der Ich-Erzähler als eher distanziert und unterkühlt. Bei einem der Rennen lernt er schließlich den aufschneiderischen Pferdetrainer Jerry Tillford kennen, dessen enge Beziehung zu den Pferden ihn sehr beeindruckt. Der Trainer, den der Jugendliche von Anfang an vergöttert, wird zu einer Art Vaterersatz für ihn.
Nachdem „Sunstreak“, ein von den beiden hochgelobtes Pferd, ein Rennen souverän gewonnen und einen Weltrekord aufgestellt hat, verspürt der Erzähler aufgrund der geteilten Freude über den Triumph und der gemeinsamen Bewunderung für das Siegerpferd eine enge Verbundenheit und emotionale Nähe zu dem Pferdetrainer und malt sich in allen Einzelheiten aus, wie dieser das Pferd behütete, als es noch ein kleines Fohlen war, und ihm geduldig das Laufen beibrachte. Der Erzähler schildert, dass er an jenem Nachmittag Jerry Tillford mehr liebte als seinen leiblichen Vater.
Am selben Abend nach dem Rennen folgt der Jugendliche seinem Idol in die Stadt. Dort erlebt er voller Abscheu, wie der Trainer in ein aus Sicht des Erzählers ekelerregendes und widerliches Bordell geht, dessen Frauen ihm mit ihren harten Mündern, gemeinen Augen und unanständigen Kleidern allesamt hässlich und abstoßend erscheinen. Dabei, so berichtet der Erzähler, habe Jerry Tillford vor den Frauen in einer Weise geprahlt und gelogen, wie „Sunstreak“ es nie getan hätte. Der Trainer habe behauptet, er allein habe „diesen Gaul gemacht“ (S. 17)Sherwood Anderson: Ich möchte wissen warum. Übersetzt von Karl Lerbs. Diogenes Verlag, Zürich 1978, ISBN 3-257-20514-7, S. 14. Nachfolgende Textzitate sind dieser Ausgabe entnommen. und das Rennen gewonnen.
Der Ich-Erzähler wünscht sich, er wäre dem Trainer nach dem Rennen niemals in die Stadt gefolgt, und kehrt enttäuscht zur Rennbahn zurück. Seitdem gehe er, so teilt er als Sechzehnjähriger im nächsten Frühling in seiner Erzählung dem Leser mit, zwar noch morgens auf die Bahnen wie immer, doch die Luft schmecke nicht mehr so gut und es rieche auch nicht mehr so gut wie früher. Die Frage, warum der Trainer nach dem Sieg so etwas getan habe, lässt den jugendlichen Protagonisten seitdem nicht mehr los.
Interpretationsansatz Ich möchte wissen warum behandelt eine um 1920 relativ neue und ungewöhnliche Thematik im traditionellen Rahmen einer Initiationsgeschichte.So bezeichnen Cleanth Brooks und Robert Penn Warren in ihrem einflussreichen Interpretationsband Understanding Fiction, Appleton-Century Croits, New York ²1959, S. 324 und 309, Andersons Story als „a story of initiation“. Vgl. ebenso Mordecai Marcus: What Is an Initiation Story? In: The Journal of Aesthetics and Art Criticism, Vol. 19, No. 2 (Winter 1960), S. 221–228, hier S. 224. Siehe dazu auch Peter Freese: Über die Schwierigkeiten des Heranwachsens: Amerikanische stories of initiation von Nathaniel Hawthorne bis Joyce Carol Oates. In: ders. et al., Die Short Story im Englischunterricht der Sekundarstufe II. Theorie und Praxis, Schöningh Verlag, Paderborn 1979, S. 207. Der jugendliche Erzähler in Andersons Kurzgeschichte beschreibt eine Wandlung und Erschütterung, über deren Ursachen er Klarheit erlangen möchte. Sein „Streben nach Verstehen und Selbsterkenntnis“ ist, wie Christadler in seiner Interpretation von Ich möchte wissen warum betont, „der Grund, weshalb er die Geschichte einem anonym bleibenden Zuhörer erzählt“.Martin Christadler: Sherwood Anderson · I Want to Know Why. In: Karl Heinz Göller et al. (Hrsg.): Die amerikanische Kurzgeschichte. August Bagel Verlag, Düsseldorf 1972, ISBN 3-513-02212-3, S. 205. Ebenso die Deutung bei Peter Freese: Über die Schwierigkeiten des Heranwachsens: Amerikanische stories of initiation von Nathaniel Hawthorne bis Joyce Carol Oates. In: ders. et al., Die Short Story im Englischunterricht der Sekundarstufe II. Theorie und Praxis, Schöningh Verlag, Paderborn 1979, S. 221.
Die Krise, in die der Autor seinen Erzähler versetzt, ist zum einen psychologisch, zum anderen aber auch moralisch. Ausgelöst wird sie durch den Einbruch der Sexualität in die Vorstellungswelt des Jugendlichen, dessen Liebe zu Pferden – ihm freilich unbewusst – deutlich erotisch motiviert ist: „‚Sunstreak‘ ist wie ein Mädchen, an das man manchmal denkt, das man aber niemals zu sehen kriegt. Er ist tadellos in Form und wunderschön. Wenn man seinen Kopf sieht, möchte man ihn am liebsten küssen.“Vgl. Sherwood Anderson: Ich möchte wissen warum. Übersetzt von Karl Lerb. Diogenes Verlag Zürich 1978, ISBN 3-257-20514-7, S. 14. Die Deutung hier folgt Martin Christadler: Sherwood Anderson · I Want to Know Why. In: Karl Heinz Göller et al. (Hrsg.): Die amerikanische Kurzgeschichte. August Bagel Verlag, Düsseldorf 1972, ISBN 3-513-02212-3, S. 206.
Die merkwürdige Vermischung von Pferd (ein Hengst!) und Mädchen in der Erlebniswelt des Protagonisten verrät „eine diffuse Sinnlichkeit, wie im übrigen auch seine vor allem vom Geruchssinn geprägte Weltwahrnehmung“.Martin Christadler: Sherwood Anderson · I Want to Know Why. In: Karl Heinz Göller et al. (Hrsg.): Die amerikanische Kurzgeschichte. August Bagel Verlag, Düsseldorf 1972, ISBN 3-513-02212-3, S. 206. Der Junge beschreibt seine Beziehung zu dem Rennpferd im Bild der „Reinheit“ in ethischen und ästhetischen Begriffen, dagegen empfindet er die Atmosphäre des Bordells und der Heterosexualität der Erwachsenen als „übel“ und „ekelhaft“ (S. 17). Zweifellos gehört die angewiderte Reaktion auf das Sexuelle zur Charakterisierung der Pubertät in einer Gesellschaft, die das Triebhafte tabuisiert und unterdrückt; die Heftigkeit der Reaktion des Protagonisten verdeutlicht jedoch zugleich das Übermaß seiner Gefühle.
Der Kontrast zwischen den beiden symbolischen Idolen des Jugendlichen, dem Pferd und dem Trainer, erlaubt es dem Autor zugleich, die Bedeutung der Geschichte um eine moralische Problematik zu erweitern. Während das Pferd einfach nur in seiner „natürlichen“ Funktion, dem Laufen, aufgeht, ergibt sich der Trainer der Prahlerei und Selbstverherrlichung. Für den Jungen erscheinen in der Bordellszene Lüge, Illoyalität und Selbstsucht als entscheidende Qualitäten des Erwachsenseins; auffällig sind jedoch seine Vergleiche der Prostituierten mit denen der Pferde; die Gesichter von Liebe und Lust, von Idealisierung und Verabscheuung sind nicht mehr unterscheidbar.Martin Christadler: Sherwood Anderson · I Want to Know Why. In: Karl Heinz Göller et al. (Hrsg.): Die amerikanische Kurzgeschichte. August Bagel Verlag, Düsseldorf 1972, ISBN 3-513-02212-3, S. 207
Dem Jungen werden Widersprüche und Verwicklungen bewusst, die er in seiner jugendlichen Naivität an der Rennbahn bislang nicht bemerkt hat, obwohl sie existierten: der Widerspruch zwischen dem Moralkodex der Weißen, die einen Jungen bei seinen Eltern denunzieren, und dem des Schwarzen, der loyal bleibt, zwischen der gesellschaftlichen Verurteilung des professionellen Spielers und dessen Großzügigkeit, den moralischen Vorbehalten der Männer gegen die Spieler und ihrer eigenen gewinnsüchtigen Ausbeutung des siegreichen Pferdes. Was ihn verwirrt und bestürzt, ist die Ahnung, dass keine klaren, eindeutigen Grenzen mehr bestehen zwischen „reinlich“ und „schmutzig“, zwischen „gut“ und „böse“.
Anderson zeigt dem Leser, wie weit der Junge, sich selbst unbewusst, bereits in die Welt der Erwachsenen und ihr System verstrickt ist. Seine Redeweise enthält typische Wendungen der wertenden Sprache der Erwachsenen; die gedankenlose oftmalige Verwendung des diskriminierenden Ausdrucks „Nigger“ (S. 7, 9, 11ff.) an etlichen Stellen der Erzählung verdeutlicht, dass der Jugendliche sich den Konventionen und Wertungen seiner Gesellschaft nicht entziehen kann. Seine Aussage „Ich bin jetzt dabei[,] ein Mann zu werden, und ich möchte gern recht denken und ein anständiger Kerl sein“ (S. 10) verrät seine Bereitschaft zur Anpassung oder Konformität ebenso wie seine Erkenntnis, dass es sich für den Sohn eines Anwalts nicht schicke, wie ein „Nigger“ ein Stallbursche zu werden, obschon er zugleich den schwarzen Stallburschen Bildad bewundert (vgl. S. 10).
Anderson entwickelt seine moralische Problematik aus dem Kontrast zwischen der idealisierten Welt des Natürlich-Naiven und der korrupten Realität der Erwachsenen, ohne dabei melodramatisch zu werden, indem er sie als Fiktion eines unreifen Erzählerbewusstseins entlarvt und dadurch gerade das unauflösbare Ineinandergreifen der beiden Bereiche anzeigt. Moralische Verhältnisse sind, wie Christadler in seiner Deutung anmerkt, stets „kompliziert und gemischt“.Martin Christadler: Sherwood Anderson · I Want to Know Why. In: Karl Heinz Göller et al. (Hrsg.): Die amerikanische Kurzgeschichte. August Bagel Verlag, Düsseldorf 1972, ISBN 3-513-02212-3, S. 207f.