mini|hochkant|Alice Munro, Nobelpreis für Literatur 2013 Der Bär kletterte über den Berg (im Original The Bear Came Over the Mountain) ist eine Kurzgeschichte der kanadischen Schriftstellerin Alice Munro, die in einer kürzeren Fassung erstmals 1999 veröffentlicht wurde. Besonders häufig beziehen sich Kommentatoren auf ihren Titel und ihren Schluss. Sarah Polley verfilmte die Vorlage 2006 im Spielfilm An ihrer Seite.
Die Geschichte handelt von einem älteren Ehepaar namens Fiona und Grant. Die an Demenz erkrankte Fiona wird in ein Pflegeheim eingewiesen. Nachdem er sie dreißig Tage nicht mehr hat sehen können, muss Grant, der in früheren Jahren wiederholt fremdgegangen ist, nun erleben, dass seine Frau ihn kaum noch zu erkennen scheint und sich einem Mitbewohner zugewendet hat.
Der Bär kletterte über den Berg zählt zu den meistpublizierten Werken der Autorin.„Manche Stories von Alice Munro sind öfter als dreimal wieder in englischsprachige Sammlungen aufgenommen worden, darunter ‚The Moons of Jupiter‘ (1977/1978), ‚The Progress of Love‘ (1985/1986), ‚Meneseteung‘ (1988/1990), ‚Differently‘ (1989/1990), ‚Carried Away‘ (1991/1994), ‚A Wilderness Station‘ (1992/1994), ‚The Albanian Virgin‘ (1994), ‚The Bear Came Over the Mountain‘ (1999/2001) und ‚Hateship, Friendship, Courtship, Loveship, Marriage‘ (2001).“ In der Sammlung Hateship, Friendship, Courtship, Loveship, Marriage (2001) hat die Story in englischer Sprache einen Umfang von 49 Seiten.
Handlung Für Fiona und Grant, die seit fast 50 Jahren verheiratet sind, beginnt eine neue Phase in ihrer Beziehung, als Fiona wegen zunehmender geistiger Verwirrung in ein Pflegeheim eingewiesen wird. In den ersten dreißig Tagen ist kein Besuch gestattet. Danach ist sich Grant nicht sicher, ob seine Frau ihn überhaupt noch wiedererkennt. Sie zeigt nur wenig Interesse für seine Besuche und hat sich ihrem Mitbewohner Aubrey zugewandt. Als dieser von seiner Ehefrau Marian aus finanziellen Gründen wieder nach Hause geholt wird, leidet Fiona so stark unter der Trennung, dass ihr die Bettlägerigkeit droht. Grant sucht den Kontakt zu Marian, die Treffen ihres Mannes mit Fiona zwar nicht zustimmt, doch Interesse an Grant zeigt, der bereits zuvor mehrere außereheliche Affären hatte und sich mit Marian verabredet. Als Grant Fiona beim nächsten Besuch mit der Anwesenheit Aubreys überraschen will, erkennt diese ihren Mann zum ersten Mal wieder.
Die Zusammenfassung im New Yorker beginnt so: Eine Kurzgeschichte, die in Kanada spielt, über einen alternden ehemaligen Universitätsprofessor, Grant, der seine Ehefrau, Fiona, in ein Pflegeheim bringen muss, nachdem ihr Erinnerungsvermögen sie verlässt …Originalversion des Beginns der Zusammenfassung im The New Yorker (Version von 1999): „Short story set in Canada, about an aging former college professor, Grant, who must put his wife, Fiona, into a long-term care facility after her memory fails...“
Figuren Fiona Eltern von Fiona Grant Eltern von Grant „foreigner“/„she said he was a Visigoth“ und „two or three interns“ (die Fiona in ihrer Jugend umwarben) „German soldiers“ (Grant) Arzt „Women of his“ (Grant) Polizist Mr. Farquar, Nachbar von Fiona und Grant, den sie im Pflegeheim Meadowlake besucht haben Jacqui Adams, Geliebte von Grant Kristy, Pflegerin in Meadowlake „some friends“ (von Fiona in Meadowlake, laut Kristy) „if anybody phoned“, „not close neighbors but people who lived around the countryside“ „one of his colleagues“, „husband and father“, „such shenanigans“, „he had in fact married one of those girls“ (in Grants Traum) „a girl he had not thought of in a while“ whom „he had parted from decently“ (in Grants Traum) „the roommate“, „a latent lesbian“ (die in Grants Traum den Brief schreibt) „Everybody“ („was waiting there for him to teach a class“) (in Grants Traum) „a flock of cold-eyed young women“ (in Grants Traum) „a girl“ that „had suffered from a bad crush on him“ (Grant sagt es Fiona) „so many women so suddenly became available“ (in Grants Erinnerung) „a very disconsolate woman“ (in Meadowlake) „another woman“ (in Meadowlake) Aubrey, „the man she sat closest to“ (Grant sieht Fiona) „all the players at the table“ (in Meadowlake) Phoebe Hart, Freundin von Fiona „the coffee woman“ (in Meadowlake) „one tough old stick“ (Pflegerin in Meadowlake) Marian, Aubreys Ehefrau „her sister“ (Marian) „Saturday visitors“ Sohn von Marian Ehefrau des Sohnes von Marian
Analyse „Der Bär kletterte über den Berg“ hat in der Fassung von 2001 einen Umfang von 49 Seiten und besteht aus 27 Abschnitten. Die kürzesten Abschnitte machen nicht mehr als eine halbe Seite aus. Der längste Abschnitt ist 7,5 Seiten lang. In ihm wird geschildert, wie Grant Marian seinen ersten Besuch abstattet.
In diesem Text gehe es um das Verhältnis von Erinnerung, Treue und Anpassung: wie Auffassungen von Treue sich an veränderte Bedingungen anpassen können, meint Robert McGill in einem Beitrag von 2008.Robert McGill: No Nation but Adaptation: The Bear Came over the Mountain, Away from Her, and What It Means To Be Faithful. In: Canadian Literature/Littérature canadienne 197, 2008. S. 98–111.
Ihren Ehemann, der sie ein Leben lang betrogen hat, irritiert Fiona damit, dass sie sich im Pflegeheim in einen anderen verliebt. Der Stoff ist für Munro insofern charakteristisch, als das Ausbrechen aus dem eigenen Lebenskonzept kühne Momente aufzeigt, die bestürzen. In diesem Fall geht es um verdrängte Schuldgefühle, die heimlich weiterwirken, und um Beziehungen, die Rätsel aufgeben. Das wird unsentimental erzählt, heißt es in der Verlagsmeldung zur deutschsprachigen Hörbuch-Ausgabe aus dem Jahr 2005.
Sentimental gelesen hat Markus Gasser 2011 vor allem das Ende der Story. Er meint, dass es sich bei Fiona und Grant um ein Paar handelt, bei dem die Alzheimerkrankheit keine Trennung verursachen kann. Wer am Ende dieser Story weine und gleichzeitig lächele, könne kein schlechter Mensch sein.Alice Munro: Zu viel Glück. Eine Form von Kreuzigung von Markus Gasser, faz.net, 8. Juli 2011
Das Ende dieser Story sei ungewöhnlich, weil Alice Munro normalerweise mit einem Satz ende, der Unsicherheit signalisiere und in dem keine Lösung in Sicht sei. Hier handele es sich aber um eine Erklärung jener aufrichtigen Liebe, die Grant immer für Fiona gefühlt habe, schreibt Ruth Scarr im Oktober 2011 in ihrem Review in The Times Literary Supplement. „This simple assertion places his commitment to her beyond the laws of probability, the ravages of irrationality, contingency, or circumstance.“Wörtlich übersetzt lautet dies etwa: Diese einfache Bestätigung platziere seine starke Bezogenheit oberhalb der Umstände, der Eventualitäten und der Wahrscheinlichkeit und sei stärker als die Verwüstungen der Irrationalität. , by Ruth Scurr, The Times Literary Supplement, 4. Oktober 2011
Nach vielen Täuschungen gegenüber Fiona, die er gekonnt gemanagt habe, bleibe Grant sich treu, indem er Fiona zugesteht, nun ihrerseits untreu zu sein, und zwar auf selbstlose Art, meint Héliane Ventura 2010. Allerdings gebe es am Ende der Story eine unerwartete Wendung: Fiona ist geistig voll präsent und ruiniert Grants Pläne mit ihrer Hoffnung, das Pflegeheim wieder zu verlassen.Héliane Ventura: The Skald and the Goddess. Reading “The Bear Came Over the Mountain” by Alice Munro, in: Journal of the Short Story in English (JSSE)/Les cahiers de la nouvelle, , n° 55 (Autumn 2010), Special issue: The Short Stories of Alice Munro, Absätze 5, 13, 19–20.
Es gehe in dieser Erzählung um psychische und physische Traumatisierungen einzelner Personen und welche gesellschaftlichen Auswirkungen diese Beeinträchtigungen auf die Beziehung zweier Familien haben, die einander kaum kennen. Dabei spiele eine große Rolle, dass Grant und Fiona keine Kinder hätten, also keine Familienbande pflegen, argumentiert Mohammad Shahidul Islam Chowdhury in einem Beitrag von 2011.Mohammad Shahidul Islam Chowdhury: Family Bond and Traumatic Pathology in Alice Munro’s “The Bear Came Over the Mountain”. In: Stamford Journal of English 6, 2011, S. 103–113.
Während die Handlung in der Grammatik des konventionellen Realismus vonstattengehe, würde Munro auf der formalen Ebene eine eigene Grammatik erfinden, meint James Wood 2013 in The New Yorker. Er sieht zum einen ironische Symmetrien am Werk, insofern Grant, der Schürzenjäger, nun genau mithilfe dieser Gewohnheit versuche, seiner Ehefrau im Pflegeheim die Anwesenheit ihres neuen Gefährten zu erhalten, damit sie weiterhin untreu bleiben könne. Zum anderen werde die Story mit großer formaler Freiheit unsentimental erzählt, indem eine Menge an Lebensgeschichte knapp skizziert werde und das über große Zeitspannen hinweg, zum Beispiel in den ersten beiden Abschnitten, wo im Nu mehrere Jahrzehnte vergangen sind. Wood weist auch auf ein Beispiel für Munros versteckten Humor hin, den er in der Eröffnung findet. Dort werde geschildert, wie Fionas Vater, in seinem beruflichen Umfeld berühmt, zuhause die linken politischen Tiraden der Gäste seiner Frau mit einem abwesenden Lächeln kommentiere.James Wood, Alice Munro, our Chekhov, The New Yorker, 11. Oktober 2013
Hier werde mit großer Zurückhaltung erzählt und aus der Perspektive von Grant, so dass der Leser nicht viel über Fionas Tun erfahre, was aber einer der Gründe dafür sei, warum die Story auf meisterhafte Art bewegend, lustig, zerbrechlich, komplex und geheimnisvoll sei. Fiona behalte ihre Würde und Schönheit und das sehe auch Grant, obwohl er den emotionalen IQ einer Mücke habe. Er entwickele sich spät, doch er entwickle sich.Alice Munro: “The Bear Came Over the Mountain”, by Betsy (2nd half), mookseandgripes.com, 14. Oktober 2013
In dieser Geschichte gebe es erstaunliche Kunststücke im Handel mit emotionaler Ware, und Sex werde durch Grant als ein entscheidendes Element eingesetzt, so Margaret Atwood 2013 in The Guardian, in ihrem Statement zum Nobelpreis für Alice Munro. Wie ein geschickter Verkäufer setze Grant Sex als Spielgeld zum Feilschen einAlice Munro: an appreciation by Margaret Atwood, by Margaret Atwood, The Guardian, 11. Oktober 2013; und dies., Introduction, in: Alice Munro’s Best. Selected Stories, Alfred A. Knopf, New York, 2006, S. vii-xviii., als er erreichen will, dass Marian ihren Ehemann wieder zu Fiona bringt, womit er zu verhindern versucht, dass Fiona nur mehr als Patientin in die zweite, geschlossene Etage des Pflegeheims verlegt wird.
Außergewöhnlich, meint Martin Gaiser 2005, seien die feinen Beobachtungen bezüglich der Gedanken und Gefühle, die von alltäglichen Dingen und Handlungen ausgelöst werden können. Die Außen- und die Innenwelt der Figur Grant würden sich aneinander reiben. Zu diesem Schluss gelangt er aufgrund eines Vergleichs von Alice Munro: Eine Geschichte sei weniger eine Straße, sondern ein Haus, in dessen Räumen man sich bewege und dabei deren Verbindungen zueinander entdecke. Auch die Außenwelt verändere sich, wenn man sie durch Fenster des Hauses wahrnehme. Das Lesen dieser Geschichte sei wie ein Wandern durch eine erzählerische Architektur, die so kunstvoll ist, dass man deren Konstruiertheit nicht merkt.Die Liebe in Zeiten des Altenheims. Alice Munros Erzählung „Der Bär kletterte über den Berg“ als Hörbuch von Martin Gaiser, literaturkritik.de, 24. Mai 2005.