Monsieur X war das Pseudonym eines Mannes, der von 1975 bis 1977 mehr als ein Dutzend Anschläge auf das Schienennetz der Deutschen Bundesbahn in Baden-Württemberg entlang der Rheintalstrecke zwischen Bruchsal und Freiburg verübte. Der Attentäter versuchte, von der Deutschen Bundesbahn zuletzt 250.000 DM zu erpressen.
Bei den Anschlägen entstanden Sachschäden in Höhe von insgesamt mehreren Millionen DM. In einem Fall entgleiste ein Reisezug, wobei 19 Menschen zum Teil schwer verletzt wurden. Ein Hinweis führte im Februar 1978 schließlich zur Verhaftung eines Mannes, der in einem komplizierten Indizienprozess zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt wurde.
Die bis dahin folgenschwerste Serie von Anschlägen auf den Schienenverkehr in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg führte zu großer Verunsicherung der Fahrgäste auf dem stark frequentierten Streckenabschnitt.
Der Fall gilt als einer der spektakulärsten Erpressungsversuche gegenüber der Deutschen Bundesbahn.
Tathergang Insgesamt dreizehn Anschläge wurden von Monsieur X, wie der Täter sich in seinen Bekennerschreiben selbst bezeichnete, verübt.Noch viele Rätsel um Monsieur X. In: Die Zeit. 16. Februar 1979. Dabei durchschnitt er Oberleitungsdrähte, hängte u-förmige Bügel in den Leitungen auf und drehte Schwellenschrauben heraus, die die Schienen festhielten.
Erste Anschläge Im Oktober 1975 trat der Täter erstmals in Erscheinung. Bei zwei Sabotageakten stellte er auf freier Strecke Warnblinkleuchten auf und löste durch Drahtfallen Zwangsbremsungen der jeweiligen Züge aus. Den Vorfällen war ein erster Erpressungsversuch vorausgegangen, in dem der Täter 100.000 DM von der Deutschen Bundesbahn forderte und mit Zugentgleisungen und Zusammenstößen sowie einer Verdopplung der Summe drohte, falls die Deutsche Bundesbahn nicht auf seine Forderung eingehe.Sabotage: Ab und zu Brocken. In: Der Spiegel. 40/1977, 26. September 1977.
Nach diesen Anschlägen signalisierte die Deutsche Bundesbahn mit einem in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienenen Inserat, welches den Decknamen „DB-Transport findet statt -- Ziegler 134 399“ trug, Bereitschaft, auf die Forderungen des Erpressers einzugehen. Zwei vom Täter angekündigte Telefonanrufe, die der Klärung der Übergabemodalitäten dienen sollten, blieben allerdings aus.
Zugunglück bei Rastatt Nach diesen ersten Sabotageakten dauerte es fast ein Jahr, bis der Täter wieder aktiv wurde. In der Nacht zum 25. August 1976 entfernte er auf einem wegen Bauarbeiten kurzzeitig gesperrten Streckenabschnitt in der Nähe von Rastatt insgesamt 80 Schienenbefestigungsschrauben. Ein Güterzug, der den Streckenabschnitt in den frühen Morgenstunden passierte, entgleiste daraufhin. Der Sachschaden belief sich allein in diesem Fall auf eine Million DM. Nach diesem Anschlag erhöhte der Täter seine Forderung auf 250.000 DM.
Anschlagserie im Frühjahr 1977 Nach der Zugentgleisung bei Rastatt kam es bis April 1977 zunächst zu keinen weiteren Sabotageakten, doch dann folgte eine ganze Serie von Anschlägen. In vier Fällen entstanden durch abgesenkten Fahrdraht Schäden in Höhe von mehr als 100.000 DM an Elektrolokomotiven und Betriebseinrichtungen. Zuvor hatte der Täter Drahtseile durchschnitten, an denen Spanngewichte aus Beton hingen, die der Straffung der Oberleitungsanlage dienten.
In einem anderen Fall schraubte er einen Ausleger an einem Oberleitungsmast ab. Bei einem weiteren Anschlag löste er insgesamt 84 Schienenbefestigungsschrauben und verbog anschließend, vermutlich mit Hilfe eines Brecheisens, den Schienenstrang. In diesem Fall gab er jedoch rechtzeitig eine telefonische Warnung durch.
Bei mehreren anderen Anschlägen hängte er Stahlbügel in den Fahrdraht ein, in denen sich anschließend die Stromabnehmer von Elektrolokomotiven verfingen und die Oberleitung auf mehreren hundert Metern Länge herunterrissen. Die Polizei vermutete, dass er hierfür eine stark isolierte und teleskopartig ausziehbare Stange benutzte, um die Bügel in den Fahrdraht einzuklinken.
Italia-Express Am 17. Oktober 1977 verübte Monsieur X den bis dahin folgenschwersten Anschlag. Bei Riegel am Kaiserstuhl löste er in einem Gleisbogen an 33 Schwellen insgesamt 132 Schrauben vom Innengleis und verbog dieses anschließend. Der Fernzug Italia-Express Kopenhagen–Rom entgleiste kurz nach Mitternacht bei einer Geschwindigkeit von 140 km/h. Zwei der zwölf Wagen kippten um, 19 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt.Kriminalität: Dunkle Stimme. In: Der Spiegel. 39/1978, 25. September 1978. Ein glücklicher Umstand verhinderte dabei eine größere Katastrophe: Der Zug hatte Verspätung. Wäre er pünktlich gewesen, wäre es zu einer Kollision mit einem entgegenkommenden Zug gekommen. In der Nähe des Unglücksortes fand die Polizei ein Bekennerschreiben, in welchem der Täter die Bundesbahndirektion Karlsruhe für das Unglück verantwortlich machte. Die Schadensumme der von ihm verübten Taten, die sich auf mittlerweile drei Millionen DMWenn der Trennjäger kreischt. In: Der Spiegel. 14/1992, 30. März 1992. belief, kommentierte er mit den Worten: „Nun wird’s wesentlich billiger!“.
Polizeiliche Ermittlungen Bis Anfang Oktober 1977 hatte die ermittelnde Sonderkommission der Kripo Baden-Baden bereits 740 Aktenordner zu dem Fall angelegt. Bei den Ermittlungen war sie in erster Linie auf diejenigen Spuren angewiesen, die der Täter am Tatort zurückgelassen hatte, selbstgebasteltes Werkzeug und die auf einer Schreibmaschine verfassten Bekennerschreiben. Trotz vielfältiger Recherchen, so wurden bereits 2.200 Schriftproben von Schreibmaschinen analysiert, erwiesen sich die Ermittlungen als sehr schwierig. Neben Fakten war die Polizei auf Mutmaßungen angewiesen. Sie ging von einer Person mit kräftiger Statur aus, die über handwerkliches Geschick verfüge und zudem mit Bahninterna vertraut sei. 500 aktive und pensionierte Mitarbeiter der Deutschen Bundesbahn waren bereits überprüft worden.
Die Staatsanwaltschaft Baden-Baden ermittelte unterdessen wegen Mordversuchs, räuberischer Erpressung und gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr.
Einmal streute der Täter gezielt Desinformationen, um die polizeiliche Ermittlungsarbeit in eine falsche Richtung zu lenken. Recherchen bei Industrie- und Handelskammern, bei Gerichtsvollziehern sowie Hausdurchsuchungen bei vier Verdächtigen blieben ergebnislos, nachdem der Täter zuvor behauptet hatte, er habe 80.000 DM Schulden, da sein Betrieb in Konkurs gegangen sei.
Trotz verstärkter Polizeipräsenz entlang der Strecke zwischen Mannheim und Basel sowie an den Bahnanlagen ging die Anschlagserie ungehindert weiter, der Täter konnte nicht gefasst werden. Bis Oktober 1978 wurden insgesamt 1.200 Personen und 3.000 Schreibmaschinen überprüft.
Da die polizeilichen Ermittlungen nach dem Anschlag auf den Italia-Express nicht weiterführten, wandte sich die Sonderkommission an das ZDF, das daraufhin am 20. Januar 1978 einen Fahndungsaufruf in der Fernsehsendung Aktenzeichen XY … ungelöst ausstrahlte.Die zehn spektakulärsten Fälle „Aktenzeichen XY“: Bahnanschläge von „Monsieur X“. auf: Focus Online. 6. Dezember 2012. Spätestens zu diesem Zeitpunkt erfuhr der Kriminalfall bundesweite Beachtung.
Erpresser- und Bekennerschreiben Seine insgesamt elf Schreiben, die er an die Deutsche Bundesbahn schickte und die stets mit „Herzliche Grüße von Monsieur X“ unterzeichnet waren, enthielten teilweise sarkastische Kommentare.
Im ersten Erpresserschreiben, das im Oktober 1975 bei der Bundesbahndirektion Karlsruhe eingegangen und mit dem Wort „Erpressung“ überschrieben war, forderte er 100.000 DM und gab sein „Ehrenwort, diese Summe mit 7 Prozent Zins in spätestens einem Jahr zurückzuzahlen“.
Nach dem Anschlag auf den Italia-Express war die Polizei Hinweisen auf ein Fahrzeug nachgegangen. Daraufhin schrieb er Anfang November 1977 an die Bundesbahndirektion Karlsruhe einen Brief, der die Überschrift „Letzte Warnung!“ trug. Darin betonte er:
Die von ihm gestellte Forderung nach einem Geldbetrag von zunächst 100.000, später 250.000 DM unterstrich er mit den Worten:
In einem anderen Schreiben, welches er vor der Bundestagswahl 1976 verfasste, hieß es: „Wählen Sie richtig, wählen Sie X, damit die Bundesbahn wieder sicherer fährt!“
Einmal schickte er der Deutschen Bundesbahn eine Aufwandsentschädigung in Höhe von 200 DM und fügte an: „Für die Spesen der Übergabe“. Dabei bezog er sich auf die Übergabe des von ihm geforderten Erpressergeldes.
In einigen Fällen bekannte er sich auch telefonisch zu den Taten.
Festnahme Der Verhaftung des Täters ging eine Verkettung von Zufällen voraus.
Im November 1977 hatte ein Junge in einem Straßburger Hotel einen Brief für einen „Herrn Ziegler“ hinterlegt; ein Deckname, den alle Briefe zwischen dem Täter und der Deutschen Bundesbahn trugen. Da der Hotelier im Gästebuch keinen Eintrag auf den Namen Ziegler fand und auch keine Anmeldung vorlag, schöpfte er Verdacht und informierte die französische Polizei, die den Brief daraufhin öffnete. Als der Mann den Brief abholte, folgte ihm der Hotelier und notierte das Kfz-Kennzeichen seines Autos.Prozesse: Stumme Zeugen. In: Der Spiegel. 9/1979, 26. Februar 1979.
Da es sich dem Wortlaut nach um einen Erpressungsversuch handelte, vermuteten die französischen Behörden einen möglichen Zusammenhang zwischen dem Schreiben und der Entführung des deutschen Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer und gaben die Informationen an den baden-württembergischen Verfassungsschutz weiter. Da zu diesem Zeitpunkt große Teile der Polizei mit dem Entführungsfall Schleyer befasst waren, fand der Hinweis zunächst keine Beachtung in Verbindung mit den Eisenbahnanschlägen. Erst als ein Mitarbeiter im Januar 1978 den Fahndungsaufruf im ZDF sah, erhielt die Sonderkommission der Kripo Baden-Baden am 17. Februar 1978 einen Hinweis, welcher schließlich zur Ergreifung und Verhaftung des 52-jährigen Hermann Kraft aus Freiburg, Inhaber einer Handlung für Aquarienzubehör, führte. Warum Kraft sein eigenes Erpresserschreiben abholte, blieb bis zuletzt unklar.
Nach der Festnahme Krafts kam es zu keinen weiteren Anschlägen.
Prozess Auftakt Ein Jahr nach der Festnahme Krafts wurde im Februar 1979 im Rastatter Schloss der Prozess gegen den Angeklagten eröffnet. Den Vorsitz führte Franz Isak, Richter am Landgericht Baden-Baden. Die Anklage war durch Oberstaatsanwalt Reiner Haehling von Lanzenauer, die Verteidigung durch die Rechtsanwälte Udo Kemptner und Jürgen Laubscher vertreten.
Hermann Kraft wurde wegen versuchten Mordes in 25 Fällen, versuchter räuberischer Erpressung und gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr angeklagt.Knallharte Beweise. Zum Urteil gegen den Eisenbahnattentäter Monsieur X. In: Die Zeit. 16. März 1979.
Beweisführung Der Prozess gegen Monsieur X gilt als einer der spektakulärsten der deutschen Nachkriegszeit.
Ausgangssituation Der Prozessverlauf war von Beginn an durch eine komplizierte Beweisführung gekennzeichnet, denn es gab keinen unmittelbaren Beweis, dass Hermann Kraft der gesuchte Monsieur X ist. Schwerwiegenden Indizien standen wenig glaubwürdige Zeugen, zweifelhafte Gutachten und teilweise wenig belastbare Indizien gegenüber.
Zeugen Ein Verkäufer einer Freiburger Metallwarenhandlung, bei dem der Angeklagte Schrauben gekauft haben soll, konnte Kraft bei einer ersten Gegenüberstellung nicht identifizieren, erst Wochen später glaubte er, Kraft erkannt zu haben. Eine Karlsruher Hausfrau, die Kraft beim Verlassen einer Telefonzelle gesehen haben will, gab vor Gericht zu, bei zwei Gegenüberstellungen die falsche Person erkannt zu haben. Zeugen, die den Angeklagten oder eine andere Person bei einem der Sabotageakte beobachtet hatten, gab es nicht. Fehlendes Tatwerkzeug