Lyrikstationen sind Verweilplätze am Wartberg und im Leibfriedschen Garten in Stuttgart, die mit kleinen Gedichtinstallationen den Spaziergänger zu einer Denkpause einladen.
Zehn Gedichte wurden im Rahmen des Wettbewerbs „Die IGA und das Wort“ von den baden-württembergischen Schriftstellern Heima Hasters, Christoph Lippelt, Peter Schlack, Rainer Wochele und Ulrich Zimmermann beigesteuert und nach Entwürfen des Graphikers Hanns Lohrer optisch in Szene gesetzt.
Sechs „Merksteine“ nach Entwürfen des Landschaftsarchitekten Hans Luz tragen Gravuren mit Mundartgedichten von Peter Schlack, die den „Merkmalen der Schwaben“ gewidmet sind.
Vorgeschichte Stationenkonzept Im Verlauf der Planungen für die Bundesgartenschau 1977 (BGS 1977) in Stuttgart wurde erwogen, den Übergangsbereich zwischen dem Unteren Schlossgarten und der Villa Berg nicht in die Ausstellung einzubeziehen, „da niemand diesen Berg hinaufsteigen würde“. Ein Journalist hielt dagegen, „man müsse dem Bereich nur einen schönen Namen geben, dann gehen die Leute auch hin; nennt es »Paradiesweg«“. Die Gestaltung des Paradieswegs wurde Hans Luz übertragen, dessen Planungsgruppe mit der Rahmenplanung für die Gartenschau beauftragt worden war. Luz entschied sich dafür, den Aufstieg durch Zwischenstationen, kleine Themengärtchen zum Verweilen, zu erleichtern. So entstand ein „Stationenweg“, und das Stationenkonzept war geboren.
Für die Gestaltung der Gärten zog er den Grafikdesigner Hanns Lohrer (1912–1995) und die Architekten Knut Lohrer (* 1937) und Günter Hermann hinzu: „Sie haben Gärten gebaut mit dem, was zu einem Garten gehört: Hütte, Zaun, Plastik, Sinnspruch. Sie [die Gärten] hatten Themen und dazu passende Namen: Urgarten, Wassergarten, Staudengarten, Lustgarten, Duftgarten, Unkrautgarten, Nachtschattengarten, Häfelesgarten – jeder für sich ein kleines Kunstwerk.“ Die Sinnsprüche wurden aus Lesebüchern ausgewählt.Quellen und Zitate dieses Abschnitts: #Luz, Hans 1992.1, S. 155, #Luz, Hans 2012, S. 43, 69.
Planung Zur Internationalen Gartenbauausstellung 1993 (IGA 93) griff Luz sein Stationenkonzept wieder auf, das er „als einen wichtigen Teil unserer Planungsphilosophie“ betrachtete:
„Um den Aufstieg zum Killesberg etwas kurzweiliger und interessanter zu machen, schien uns das beim Paradiesweg erprobte und bei der Landesgartenschau Baden-Baden 1981 weiterentwickelte Stationenkonzept geeignet.“.#Luz, Hans 2012, S. 43.
„So haben wir nach Stellen gesucht, an denen sich mit gestalteten Verdichtungen Ziel- und Aufenthaltspunkte, Stationen schaffen lassen und dafür auf den jeweiligen Ort bezogene Namen erfunden: Bei der Buche, Grottenloch, Keuper, Donars Stich, Der Leibfried usw. Wir dachten daran, diese Punkte mit einem Parcours zu verbinden, der einen Lebenslauf widerspiegelt: Liebe, Geburt, Spiel, Schaffen, Träumen, Politik, Wohnen, Leben und Vergehen. Wir wollten in diesen Weg auch das Wort einbeziehen und das Ganze zusammen mit uns bekannten und vertrauten Künstlern und Literaten verwirklichen.“#Luz, Hans 2012, S. 69.
„Die Planungsgruppe Luz / Egenhofer / Lohrer / Schlaich wollte so die äußere und die innere Natur, den Park und die Seelenlandschaft zusammenführen.“#Arbogast 1993, S. 92.
Realisierung Bei der IGA 93 wie schon bei der Landesgartenschau in Baden-Baden 1981 durfte Luz sein Konzept allerdings nur „unter Aufsicht und nicht so frei und locker“#Luz, Hans 2012, S. 43. wie bei der BGS 1977 realisieren. Die ursprüngliche Idee eines Stationenwegs mit Kunst- und Wortbeiträgen wurde nicht eingehalten, so dass heute die Kunststationen ebenso wie die Lyrikstationen meist als Solitäre in der Landschaft stehen. Auch aus der Zusammenarbeit „mit uns bekannten und vertrauten Künstlern und Literaten“ wurde nichts.
Für die Kunststationen wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben. Die Auswahl unter den teilnehmenden Künstlern traf 1989 eine „hochkarätige Jury“.#Luz, Hans 2012, S. 69.
Ein Jahr später wurde unter Mitwirkung des Verbands deutscher Schriftsteller, Landesverband Baden-Württemberg, unter dem Titel „Die IGA und das Wort“ ein regionaler Wettbewerb ausgeschrieben, an dem Schriftsteller aus Baden-Württemberg Wortbeiträge wie „Aphorismen, Epigramme und lyrische Kurzformen“#Arbogast 1993, S. 92. liefern konnten. Eine Jury, bestehend aus Michael Kienzle, Otto Jägersberg und Helmut Böttiger,#Luz, Hans 1992.2, S. 155. traf unter den eingelieferten Beiträgen eine Auswahl, und die ausgewählten Texte wurden von der Stadt Stuttgart angekauft.
In dem Wettbewerb kamen „einheimische Literaten mit ganz unterschiedlichen Texten zu Wort – Heima Hasters aus Karlsruhe, Christoph Lippelt, Peter Schlack und Rainer Wochele aus Stuttgart, Ulrich Zimmermann aus Ettlingen. Ihre Texte sind Denk-Male im wörtlichen Sinn, deren durchgehendes Thema die Natur ist: die Natur des Menschen, die Vergänglichkeit, die Natur als Aufgabe, als Objekt, als Fluchtpunkt, der pervertierte Naturbegriff, die Natur als Feind der Natur.“#Arbogast 1993, S. 92.
Die ausgewählten Gedichte wurden an einigen Kunststationen oder kleinen Verweilplätzen auf dem Wartberg und im Leibfriedschen Garten als „Lyrikstationen“ implementiert. Die Texte wurden nach Entwürfen des Stuttgarter Grafikdesigners und Plakatkünstlers Hanns Lohrer (1912–1995)#Kienzle 1993, S. 13. „im Gelände in optische Gestalt umgesetzt“,#Luz, Hans 1993.1, S. 9. wobei die Realisierung des gestalterischen Konzepts teilweise auf Grund von Budgetproblemen beeinträchtigt wurde.#Schröder 1993. So lagen etwa zwei Entwürfe von Bildhauern für die Lyrikstation Der Wartestein von Heima Hasters vor, die sich darüber ärgerte, dass diese Entwürfe ignoriert wurden und „meinen fröhlichen Wartestein als eine Art Zementblock oder Sarg halb in einen Hang gestopft zu erleben, ohne Rücksprache“.Schriftliche Mitteilung von Heima Hasters vom 20. November 2013.
Die IGA und das Wort Im Rahmen des Wettbewerbs „Die IGA und das Wort“ entstanden zehn Lyrikstationen, drei von Heima Hasters, je zwei von Christoph Lippelt, Peter Schlack und Rainer Wochele und eine Station von Ulrich Zimmermann.
Lageplan mini|hochkant=2|links|Lageplan der Lyrikstationen „Die IGA und das Wort“.
Legende
1. Heima Hasters: Es kommt nicht darauf an
2. Heima Hasters: O Heimatplanet
3. Heima Hasters: Der Wartestein
4. Christoph Lippelt: Aus ihren Ruinen kommen wir
Die Lyrikstation Nr. 4 befindet sich außerhalb dieses Plans in der Kunststation Villa Moser. Standort: siehe Kunststation Villa Moser, Plan 2, Nr. 55 (Sackgasse).
5. Christoph Lippelt: Wundermild wie wunderwild
6. Peter Schlack: Strôßa Strôßa
7. Peter Schlack: Halt Stanga
8. Rainer Wochele: Will nix mehr hören
9. Rainer Wochele: Nehmen müssen wir
10. Ulrich Zimmermann: stabat mater purpurea
Heima Hasters Die Karlsruher Schriftstellerin Heima Hasters lieferte Beiträge für drei Lyrikstationen.Mitteilung Heima Hasters vom 20. November 2013, #Arbogast 1993, S. 92, #Luz, Hans 1993.1, S. 9.
Der Wartestein Standort: Straßburger Weg, halbwegs zwischen der Kunststation Unter den Stangen und der Einmündung in den Menzel-Bourgiba-Weg,
Ein liegender Steinquader trägt auf seiner dem Straßburger Weg zugewandten Stirnseite eine Inschrift mit einem Gedicht von Heima Hasters, dessen Titel Der Wartestein auf den Wartberg Bezug nimmt.
Der Wartestein
wartet auf alles: Wunder, Chance, Hauptgewinn
oder Mann oder Frau oder nur auf acht Uhr.
Gib Auftrag! Er wartet, und du, du kannst leben inzwischen! mini|hochkant=1.2|Lyrikstation Der Wartestein von Heima Hasters, 2013. mini|hochkant=1.2|Lyrikstation in der Landschaft (unter dem Baum), 2013.
Es kommt nicht darauf an Ehemaliger Standort: Am Ufer des Egelsees, nördlich der Fontäne,
Eine große Plexiglas-Platte am Ufer des Egelsees trug den Text des Gedichts Es kommt nicht darauf an von Heima Hasters. Die Plexiglas-Platte ist offenbar verschwunden.
Es kommt nicht darauf an, nicht naß zu werden. Es kommt darauf an, möglichst nah ran- zukommen, möglichst gut durch- zublicken, und möglichst auch dann noch zu nicken.
Helma Hasters
O Heimatplanet Standort: Am Weißenhof 46A, Treppenabgang, erster Seitenweg rechts,
Eine Vier-Stangen-Pyramide trägt den Text des Gedichts O Heimatplanet von Heima Hasters.
O Heimatplanet O Fakt der steht du bist so ganz mein Fall im All Ich hab dich gern du blauer Stern wo Wasser Wurm und Watt und der Hai seine Heimat hat
Heima Hasters mini|hochkant=1|Lyrikstation O Heimatplanet von Heima Hasters, 2013. mini|hochkant=0.7|Stangenpyramide, 2013.
Christoph Lippelt Der Stuttgarter Dichterarzt Christoph Lippelt (* 1938) lieferte Beiträge für zwei Lyrikstationen.
Aus ihren Ruinen kommen wir Standort: Kunststation Villa Moser, gegenüber dem Belvedere,
Eine liegende, rautenförmige Blechtafel gibt den ausgestanzten Text eines Gedichtes wieder von Christoph Lippelt, „ein dunkles Memento mori“.#Arbogast 1993, S. 92.
Aus ihren Ruinen kommen wir aus ihren Gärten
Wir gehen über sie hinweg wie man über uns hinweggehen wird
Es bleiben unsere Namen flüchtig
Christoph Lippelt mini|hochkant=1.2|Lyrikstation Aus ihren Ruinen kommen wir von Christoph Lippelt, 2013.
Wundermild wie wunderwild Standort: Cardiffer Weg, zwischen dem Vereinsheim Egelsee und der Einmündung in den St.-Helens-Weg,
Ein Stationsschild – „Kunststation Wundermild, Spielstation Bergwächter“ – kennzeichnet den Zugang zu einem rechteckigen Boskett aus übermannshohen Thujahecken. Die zwischen den Hecken verborgene KunststationIn der Liste der Kunststationen wird diese Station üblicherweise nicht aufgeführt. besteht aus einer hohen Stange mit einer kleinen bunten Leiter an der Spitze. Das Leiterchen nimmt Bezug auf eine Verszeile in Christoph Lippels Gedicht, das in eine Steinplatte am Boden eingraviert ist. Die Spielstation Bergwächter ist inzwischen verschwunden, so wie es das Gedicht ahnungsvoll prophezeite („das Hüttchen verfiel“).
Wundermild wie wunderwild in Hüttchen auf Hühnerbeinen Lauben Türkis und Schlösser aus Brett und Kinderrufe im Schild
Das Hüttchen verfiel das Wunder verrann des Lebens steile Leiter begann und wir waren nicht mehr im Bild
Christoph Lippelt mini|hochkant=1.2|Lyrikstation Wundermild wie wunderwild von Christoph Lippelt, 2013. mini|hochkant=0.7|Kunststation Wundermild mit Ausschnittvergrößerung der Leiterstange. Links: ehemalige Spielstation Bergwächter, 2009.
Peter Schlack Der Stuttgarter Mundartdichter Peter Schlack lieferte mehrere Beiträge für Lyrikstationen auf dem Wartberg.
Halt Stanga Standort: am Anfang der Kunststation Unter den Stangen,
Den Beginn der Kunststation Unter den Stangen von Hans Dieter Bohnet markiert eine niedrige Betonmauer, die einen Rastplatz mit drei Sitzbankgruppen an einer Sackgasse des Straßburger Wegs abschließt. Die Mauer ist auf die Stangen der Kunststation hin ausgerichtet und zeigt wie diese mit ihrer Oberkante die Höhe von 308 m über NN an.
In die Deckfläche der Mauer ist ein Vierzeiler von Peter Schlack eingraviert, der „augenzwinkernd fröhlich“ die Kunststation „und gleichzeitig die Mentalität seiner Landsleute aufs Korn nimmt“.#Arbogast 1993, S. 92–93.
Halt Stanga Ja, het mr do net wenigstens a paar Bohna nuffziaga kenna
Peter Schlack mini|hochkant=1.2|Lyrikstation Halt Stanga von Peter Schlack, 2013. mini|hochkant=1.2|Kunststation Unter den Stangen von Hans Dieter Bohnet, 2010.
Strôßa Strôßa Standort: St.-Helens-Weg, zwischen der Kunststation Bienengarten und dem Biergarten On Top,
Das Gedicht von Peter Schlack ist auf einer weiß lackierten Blechrolle aufgedruckt, die einer Schriftrolle ähnlich sieht und wie zufällig auf einer Mauer zu liegen scheint.
Strôßa Strôßa Heiser Rasa Gärtla Wiesa Wald Äcker En Ordnong Wo mr ogschickt nòhkommt Okraut
Peter Schlack mini|hochkant=1.2|Lyrikstation Strôßa Strôßa von Peter Schlack, 2013.
Rainer Wochele Der Stuttgarter Schriftsteller Rainer Wochele lieferte Beiträge für zwei Lyrikstationen in unmittelbarer Nähe des Vereinsheims am Egelsee auf dem Wartberg.
Nehmen müssen wir