mini|Deutsche Erstausgabe, Max Altmann, Leipzig 1912 Frankenstein oder Der moderne Prometheus (englischer Originaltitel: Frankenstein; or, The Modern Prometheus), kurz auch Frankenstein genannt, ist der Titel eines 1818 zunächst anonym veröffentlichten Romans von Mary Shelley, der die Geschichte des Schweizers Victor Frankenstein erzählt. Frankenstein gelingt es als jungem Wissenschaftler, einen künstlichen Menschen zu erschaffen, der auf grausame Weise in das Leben seines Schöpfers eingreift.
Die Figur von Frankensteins Geschöpf wurde als Frankensteins Monster zu einer Ikone der Populärkultur und zu einer der bekanntesten Monstergestalten der Filmgeschichte. Im populären Verständnis wurde der Name des egomanen Wissenschaftlers sehr oft für sein Geschöpf, die „Kreatur“ verwendet, welche nie einen Namen bekommen hat.
Frankenstein ist mit seiner Betonung von Intuition, Empfindsamkeit und intensivem Erleben der Natur „eine Art Kompendium romantischer Ideen und Motive“ der englischen Romantik am Beginn des 19. Jahrhunderts.Frankenstein ist „ein hochoriginelles Werk romantischer Einbildungskraft, eine Art Kompendium romantischer Ideen und Motive, in dem viele geistige Ströme zusammengeflossen sind.“ Christian Grawe: Nachwort. In: Mary Shelley: Frankenstein oder Der moderne Prometheus. Reclam, Ditzingen 1986, S. 313.
Übersicht In der Rahmenerzählung nimmt ein vom wohlhabenden Privatmann Robert Walton gechartertes Expeditionsschiff in der Arktis den schwerkranken Victor Frankenstein auf dem Weg zum Nordpol an Bord, der dem Abenteurer seine Lebensgeschichte erzählt.
Victor hat sich während seiner Jugend in Genf wissensdurstig mit den Werken der Alchemisten Cornelius Agrippa, Albertus Magnus und Paracelsus beschäftigt und reist im Alter von 17 Jahren nach Ingolstadt, um an der dortigen UniversitätIn Ingolstadt, einem der Handlungsorte, erinnert heute noch eine nächtliche Frankenstein-Stadtführung (seit 1995) an den berühmten fiktiven Studenten. 1800 wurde die Universität nach Landshut und 1826 nach München verlegt – die mittelbare Nachfolgerin der Universität Ingolstadt ist somit die heutige Ludwig-Maximilians-Universität München. Naturwissenschaften zu studieren. Er ist ein sehr begabter Student, macht rasante Fortschritte und wendet sich doch einem der großen alchemistischen Themen wieder zu, der Erschaffung künstlichen Lebens. Schließlich entdeckt er das Geheimnis, wie man auch als Mensch toten Stoffen Leben einhaucht, und beschließt, ein menschliches Wesen zu erschaffen.mini|Frankenstein flieht vor seinem erwachenden Geschöpf. Illustration von Theodor von Holst und W. Chevalier (1831)Frankenstein; or, The Modern Prometheus. Colburn and Bentley, London, 1831. Monatelang trägt er die notwendigen Materialien und Apparaturen in seiner Wohnung zusammen, und als ihm schließlich die Verlebendigung der Teile gelingt, ist er von der Größe und dem Aussehen seines Geschöpfes entsetzt. Er flieht aus seinem privaten Labor, lässt sein Geschöpf zurück und trifft auf seinen Jugendfreund Henry Clerval. Der ist ebenfalls zum Studium in Ingolstadt und auch, weil er sich wie Frankensteins Familie wegen des jahrelangen Ausbleibens von Nachrichten Sorgen um Victor machte. Victor erkrankt schwer nach der monatelangen Überarbeitung und dem Schock durch das Aussehen seines Geschöpfes, aber überlebt durch die Pflege seines Freundes. Nach der Genesung beschäftigen sich beide mit dem Studium von Sprachen, und Frankenstein gelingt es weitgehend, seine revolutionäre Tat zu verdrängen.
Sechs Jahre nach Beginn seines Studiums und zwei Jahre nach der Flucht vor seinem GeschöpfM. Shelley: Frankenstein oder der Moderne Prometheus – Die Urfassung 1818, Manesse, S. 118, 120. erhält er die Nachricht, dass sein jüngster Bruder Wilhelm ermordet worden sei. Noch in der Nacht seiner Ankunft in der Heimatstadt Genf erblickt er die riesenhafte Gestalt seines Geschöpfes und vermutet in ihm den Mörder, obgleich an dessen Stelle das Hausmädchen der Frankensteins als vermeintliche Täterin hingerichtet wird. Da er annimmt, bei einem Geständnis über seine Erfindung von Leben und den mutmaßlichen Täter für wahnsinnig gehalten zu werden, wird sein Schweigen für den Rest seines Lebens von wachsenden Schuldgefühlen begleitet.
In gedrücktester Stimmung begleitet er seine Familie auf Ausflüge in die Umgebung und trifft dabei – allein – auf sein Geschöpf. Es hat in seinen zwei Lebensjahren durch bloßes Zuhören sprechen gelernt und eine erstaunliche Bildung erworben. Das Geschöpf erzählt Frankenstein viele Stunden von seinem tugendhaften Verhalten, seinen enormen Lernfortschritten, von seiner Einsamkeit – und vom Hass und der Verfolgung durch Menschen, sobald es sich ihnen gezeigt habe: „Ich war gütig und gut. Nur das Elend ließ mich böse werden. [...] Ich bin bösartig, weil ich unglücklich bin.“M. Shelley: Frankenstein oder der Moderne Prometheus – Die Urfassung 1818, Manesse, S. 163, 247. Es fordert von seinem Schöpfer, seine Einsamkeit durch eine ihm entsprechende Gefährtin zu beenden. Da die Gemeinschaft gleicher Lebewesen für Menschen selbstverständlich sei, könne er das auch für sich von seinem Schöpfer fordern. Frankenstein erwägt zwar auch die Androhung der Rache an der Menschheit für den Fall seiner Weigerung, aber schließlich stimmt Frankenstein der Forderung aus Verantwortung für sein Geschöpf zu.
Unter einem Vorwand reist er gemeinsam mit seinem Freund Henry nach England und weiter nach Schottland, um auf einer kleinen Insel der Orkneys sein Werk zu vollenden. Doch er bekommt Zweifel, ob nicht das zweite Wesen genauso schlecht und böse werden könnte wie das erste. Außerdem argwöhnt er, die beiden Kreaturen könnten Kinder zeugen, die Generationen später eine Bedrohung für die Menschheit würden. Daher vernichtet er sein fast vollendetes Werk vor den Augen seines Geschöpfs, das ihm heimlich gefolgt ist und rasend vor Zorn Frankensteins Freund erwürgt.
Frankenstein kehrt nach Genf zurück und heiratet seine Cousine Elisabeth, die von seinem Geschöpf noch in der Hochzeitsnacht getötet wird. Als wenige Tage später auch noch Victors Vater an gebrochenem Herzen stirbt, entschließt Frankenstein sich, seine Schöpfung zu töten. Er folgt seiner Spur bis in die Eiswüsten der Arktis, wo Frankenstein wenige Tage vor seinem Tod von Waltons Expeditionsschiff aufgenommen wird.
Nachdem das Eis Waltons Schiff wieder freigegeben hat, sieht sich dieser auf Grund einer nahenden Meuterei gezwungen, gegen seinen Willen die Heimkehr anzutreten. In einer darauffolgenden Nacht kommt Frankensteins Kreatur an Bord und findet ihren Schöpfer tot vor. In tiefer Trauer über ihre schlechten Taten und Abscheu vor sich selbst kehrt sie auf das Eis zurück, um im Feuer eines Scheiterhaufens den Tod zu finden. Walton, Frankenstein und letztlich auch das Monster sind auf dem Weg zu ihren Zielen gescheitert.
Hauptpersonen mini|Viktor Frankenstein in seinem Labor, künstlerische Darstellung in Publikation 1922 Victor FrankensteinVictor Frankenstein wird als erstes Kind von Caroline und Alphonse Frankenstein in Neapel geborenEin kurioser Widerspruch besteht darin, dass er im ersten Satz des 1. Kapitels erklärt, er sei „Genfer von Geburt“, und fünf Absätze später behauptet, er sei als erstes Kind seiner Eltern in Neapel geboren. und wächst in Genf in einer angesehenen und wohlhabenden Familie auf. Er ist wissensdurstig und liest früh alchemistische Schriften. Als erfolgreicher Student der Universität Ingolstadt entdeckt er eine Möglichkeit, künstliches Leben zu schaffen, doch das Ergebnis seiner Tat entsetzt ihn.
Frankensteins Geschöpf
Die namenlose Kreatur, im Roman von seinen menschlichen Feinden auch Monster, Teufel, Dämon oder Unhold genannt, entsteht aus unbekannten Materialien in einem nicht beschriebenen Verfahren. Es ist etwa 2,40 Meter groß, besitzt außerordentliche Kräfte, kann Kälte und Hitze viel leichter als Menschen ertragen und benötigt nur wenig Nahrung. „Seine gelbliche Haut bedeckte kaum das darunter liegende Geflecht aus Muskeln und Arterien. Sein Haar war glänzend schwarz und lang, seine Zähne weiss wie Perlen, aber diese Pracht bildete lediglich einen noch erschreckenderen Kontrast zu seinen wässerigen Augen, die beinahe dieselbe Farbe hatten wie die schmutzig grauen Höhlen, in die sie eingesetzt waren, zu seiner welken Gesichtsfarbe und seinen schmalen, schwarzen Lippen.“Georg Klein: Nachwort, in: Mary Shelley: Frankenstein oder Der moderne Prometheus. Die Urfassung von 1818. Roman, S. 82.Das Geschöpf, anfangs weder böse noch gut, sondern eher naiv, nimmt erst mit der Zeit seine Umwelt wahr, lernt viel und schnell, macht Erfahrungen, die schließlich dazu führen, dass es eine Identität, ein „Ich“ und ein Bewusstsein seiner Missgestalt entwickelt. Es stößt jedoch trotz seiner freundlich gemeinten Annäherungsversuche mehrmals auf feindliches Verhalten der Menschen, und Enttäuschung, Traurigkeit und Selbstmitleid schlagen in Hass gegen die Menschen um. Sein größtes Leid ist seine Einsamkeit, weshalb es sich auf die Suche nach seinem Schöpfer macht, damit dieser ein zweites Geschöpf, eine Frau, schaffen solle. Als Frankenstein das zweite Geschöpf vor der Erweckung zerstört, beschließt die Kreatur, sich an seinem Schöpfer zu rächen und ihm jene Art Schmerzen zuzufügen, an denen er selbst leidet. Daher tötet es ausschließlich Menschen aus dem Umfeld Frankensteins.
Robert WaltonRobert Walton, ein ehrgeiziger und wohlhabender junger Mann, unternimmt aus Ruhmsucht eine Schiff und Leben der Besatzung in Gefahr bringende Expedition zum Nordpol. Während sein Schiff vom Eis eingeschlossen ist, trifft er auf den schwerkranken Victor Frankenstein, den er pflegt und der ihm vor seinem baldigen Tod seine Geschichte erzählt. Waltons Briefe an seine Schwester umrahmen die eigentliche Handlung.
Elisabeth LavenzaMit fünf Jahren wird sie von der Familie Frankenstein adoptiert und als Victors Cousine aufgezogen. Mit dem gleichaltrigen Victor verbindet sie eine enge Beziehung, die in eine Heirat mündet. In der Hochzeitsnacht wird sie von dem Monster aus Rache ermordet.
Alphonse FrankensteinAlphonse Frankenstein, der Vater von Victor und seinen Brüdern, war früher ein angesehener Ratsherr, ist inzwischen alt und kränklich. Die vielen Unglücksfälle setzen ihm zu, und er stirbt nur wenige Tage nach dem Mord an Elisabeth an gebrochenem Herzen.
Wilhelm Frankenstein (im englischen Original: William)Wilhelm Frankenstein ist der jüngste Bruder von Victor. Als er beim Versteckspiel auf das Monster trifft, wird er von diesem erwürgt. Es ist nicht eindeutig, ob es sich um einen vorsätzlichen Mord oder um ein Unglück handelt, weil das Monster seine Kräfte nicht richtig kontrollieren konnte. Wilhelm ist sein erstes Opfer, und die Kreatur erkennt, dass es Unglück verbreiten kann und nicht nur erleiden muss.
Justine MoritzJustine Moritz wird mit zwölf Jahren von Caroline Frankenstein, der Mutter Victors, in den Haushalt aufgenommen und ist von da an Dienerin und Gesellschafterin. Sie ist der gesamten Familie sehr zugetan und macht sich daher sofort auf die Suche nach dem vermissten Wilhelm. Als sie vor Erschöpfung in einer Scheune einschläft, schiebt das Monster ihr Wilhelms Medaillon unter. Justine wird deshalb des Mordes an dem Knaben schuldig gesprochen und hingerichtet. Victor hat zwar sein Geschöpf in der Nähe des Tatorts gesehen, aber er schweigt und wird aus Scham Komplize des Fehlurteils.
Henry ClervalHenry Clerval ist der Sohn eines Genfer Kaufmanns und wichtigster Freund Victors. Er ist die einzige männliche Figur, die Neugier und Wissensfreude mit sozialer Verantwortung verbinden kann. Clerval folgt Frankenstein an die Universität Ingolstadt und begleitet ihn später auch nach England und Schottland. Als Victor sein zweites Geschöpf noch vor dessen Vollendung zerstört, erwürgt das Monster Henry aus Rache, was die Wende in Victors Schicksal beschleunigt.