mini|Paul Kammerer

Paul Peter Rudolf Kammerer (* 17. August 1880 in Wien; † 23. September 1926 in Puchberg am SchneebergSterbebuch Puchberg am Schneeberg, tom. X, fol. 246 (Faksimile), abgerufen am 14. Februar 2024.) war ein österreichischer Biologe.

Er wurde durch Versuche mit Geburtshelferkröten berühmt, mit denen er die Vererbung erworbener Eigenschaften beweisen wollte. Unter dem Verdacht, seine experimentellen Ergebnisse gefälscht zu haben, nahm er sich das Leben. Ob Kammerer seine Ergebnisse fälschte oder nicht, konnte letztlich nicht erhoben werden. In seinem Abschiedsbrief bestritt er zuletzt weiterhin angebliche Fälschungen.

Leben Herkunft und Studium Paul Kammerer war der Sohn des Fabrikbesitzers Carl Kammerer in Wien und dessen Frau Sofie und hatte drei Brüder. Früh bewies er ein ungewöhnliches Geschick im Umgang mit Tieren, die elterliche Wohnung verwandelte er in ein Terrarium. Nach der Schule studierte er ab 1899 Zoologie an der Universität Wien. Zusätzlich nahm er am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien von 1900 bis 1901 Unterricht in Kontrapunkt beim renommierten Musikpädagogen Robert Fuchs, dessen Lehre auch Gustav Mahler und Alexander Zemlinsky durchlaufen hatten. Von Biologen wie August Weismann,Eliza Slavet: Freud’s Lamarckism and the Politics of Racial Science. In: Journal of the History of Biology. Band 41, Nr. 1, 2008, S. 37, 49. Fritz Lenz und Ludwig Plate sowie nach eigener Auskunft auch von Kollegen war er als angeblicher „Halbjude“ antisemitischen Angriffen ausgesetzt.Veronika Lipphardt: „Jewish Eugenics“? German bio-scientists with Jewish background and their notions of Eugenics, 1900-1935. (Biologie der Juden: jüdische Wissenschaftler über „Rasse“ und Vererbung, S.142)Wie nationalsozialistisch ist die Eugenik?/ What is National Socialist about Eugenics? Konferenz des Historischen Seminars der Universität Basel, 2006, S. 10, Fußnote 35 (PDF; 139 kB).A. E. Gaissinovitch, Mark B. Adams: The Origins of Soviet Genetics and the Struggle with Lamarckism, 1922-1929. In: Journal of the History of Biology. Vol. 13, No. 1, Frühjahr 1980, S. 1, 26.

Biologische Versuchsanstalt mini|Das Vivarium im Wiener Prater (1880)

1902 wurde Kammerer Adjunkt von Hans Leo Przibram an der Biologischen Versuchsanstalt (dem ehemaligen Vivarium) im Wiener Prater, wo er mit der Einrichtung von Terrarien und Aquarien betraut wurde. Mit den damals modernsten Einrichtungen begann er Amphibien zu züchten. Bald fiel er durch sein Geschick in der Tierzucht auf und konnte erste selbständige Versuche über die Vererbung erworbener Eigenschaften (Lamarckismus) durchführen. Przibram berichtete später:Hans Leo Przibram: Paul Kammerer als Biologe. In: Monistische Monatshefte. November 1926.

Bald sagte man Kammerer außergewöhnliche Fähigkeiten im experimentellen Umgang nach, etwa mit Fröschen, und seine Experimente mit der Geburtshelferkröte konnten – obwohl detailliert beschrieben – später von niemandem wiederholt werden. In den Jahren bis 1908 verfasste Kammerer 130 Artikel, Beiträge und Forschungsberichte in der Versuchsanstalt im Prater.

1904 promovierte Kammerer an der Universität Wien und heiratete 1907 Felicitas Maria Theodora von Wiedersperg. Sie bekamen 1907 eine Tochter, die 1908 auf die Namen Maria Lacerta (= Eidechse) getauft wurde. Nach der Scheidung von seiner ersten Frau heiratete Kammerer 1922 die Malerin Anna Walt (die ihn 1924 porträtierte).

Nach verschiedenen Foto- und Sammelreisen bekam er eine Anstellung als Biologielehrer am Cottage-Lyzeum in Wien-Döbling (1906–1912) und habilitierte sich schließlich 1910 an der Universität Wien.

Vererbung erworbener Eigenschaften rechts|mini|Feuersalamander

Durch seine Arbeit im Vivarium wurde Kammerer bald zu einem bekannten Biologen. Er widmete sich einer Experimenten-Reihe, die den Beweis der Vererbbarkeit erworbener Eigenschaften erbringen sollte, und nannte sie „Beweise für die Vererbung erworbener Eigenschaften durch planmässige Züchtung“. Viele seiner Versuche beruhten auf künstlich veränderten Lebensräumen von Amphibien.

In einer ersten Versuchsserie verwendete er zwei Arten von Salamandern, den schwarzen Alpensalamander Salamandra atra und den gelb-schwarz gefleckten Feuersalamander Salamandra salamandra. Er zwang beide Arten im jeweiligen (gestalteten) Lebensraum der Gegenseite zu brüten.

Dadurch gelang es ihm, am Feuersalamander Eigenschaften des Alpensalamanders zur Entwicklung zu bringen und umgekehrt. Er sah weiters auch bei den späteren Nachkommen diese Veränderungen auftreten, wie vererbt.

Ihm war scheinbar der Nachweis gelungen, dass Lebewesen, die im Lauf ihres Daseins organische Eigenschaften neu erworben haben, um besser mit ihren Lebensumständen zurechtzukommen, diese auch künftigen Generationen weitervererben konnten. Nicht Darwins Theorie und das Zufallsprinzip der Evolution waren nach Kammerers Entdeckung mithin zutreffend, sondern die Hypothese dessen Vorgängers Lamarck, der in seinen Vererbungsgesetzen behauptet hatte, die Arten würden sich nach dem Prinzip einer systematischen und logischen Umwandlung entwickeln.

Diese Schlussfolgerung besaß große ideologische Bedeutung. Sie hätte dem politischen Bestreben, glückliche Zukunftsgeschlechter heranzuzüchten, eine naturwissenschaftliche Basis verliehen. Rassistische Ideologen behaupteten, Abstammung sei Schicksal. Dem setzte Paul Kammerer entgegen: „Wir sind nicht Sklaven der Vergangenheit, sondern Werkmeister der Zukunft.“

Diese Idee übertrug Kammerer auch auf den Menschen – in einem Vortrag sagte er: „Indem man Kinder gut erzieht, schenken wir ihnen mehr als kurzen Gewinn ihres eigenen Lebens; ein Extrakt davon geht dorthin, wo der Mensch wahrhaft unsterblich ist – in jene wunderbare Substanz, aus der in ununterbrochener Folge die Enkel und Urenkel entstehen.“

Seine Kritik an der Eugenik verschaffte ihm Spott im damals ideologisch stark aufgeladenen biowissenschaftlichen Diskurs. Kammerer geriet zwischen die Fronten eines mit großer Härte ausgetragenen Expertenstreites.

In einer nächsten Versuchsanordnung, die über elf Jahre dauern sollte, züchtete er die schwarzen, gelb gefleckten Salamandra maculosa abwechselnd auf gelber und schwarzer Erde, wobei jeweils die Färbung ihrer Flecken entsprechend dem Untergrund zu- oder abnahm. Wieder setzte sich diese Entwicklung bei den Nachkommen fort.

Kammerer fand auch heraus, dass der blinde Grottenolm Proteus, der in Höhlen lebt und nur rudimentäre Augen besitzt, die tief unter der Haut verborgen liegen, bei einer Aufzucht unter normalem Tageslicht Pigmentflecken, aber keine Sehfähigkeit entwickelt, unter Rotlicht aber große Augen und perfektes Sehvermögen entwickeln kann.

In der Wiener Gesellschaft Kammerer gehörte zur besten Wiener Gesellschaft, er war mit vielen Künstlern befreundet und pflegte von seinem Institut aus ein internationales wie interdisziplinäres Netzwerk, das den Dirigenten Bruno Walter, den Soziologen Rudolf Goldscheid, die Komponisten Alban Berg und Franz Schreker, den Philosophen Ludwig Erik Tesar wie auch Albert Einstein umfasste. Er hatte eine Affäre mit der Tänzerin Grete Wiesenthal. Darüber hinaus engagierte er sich in der Freimaurerei.

Vom Biologen Richard Goldschmidt ist folgende Schilderung über Kammerer überliefert:

Kammerer spielte hervorragend Klavier, schrieb Musikkritiken und komponierte selbst Lieder, die im renommierten Simrock-Verlag veröffentlicht wurden. Er war ein großer Verehrer der Musik Gustav Mahlers. Nach Mahlers Tod schrieb er der Witwe am 31. Oktober 1911: „Es ist unbegreiflich, wie man jemanden ohne sexuelle Unterströmung, ohne verwandtschaftliche und eigentlich sogar ohne äußerlich ausgesprochene freundschaftliche Bande so lieb haben kann wie ich Mahler. Denn das war und ist nicht nur Verehrung, Begeisterung für Kunst und Person, das ist Liebe!“

Alma Mahler Kammerer verehrte Alma Mahler, die Witwe des Komponisten Gustav Mahler. Er widmete ihr später das Büchlein Über Erwerbung und Vererbung des musikalischen Talentes. Alma Mahler gehörte für Kammerer zum „seltenen Typus der genialen Wienerin“. Er brachte ihr seine Verehrung in exzessiver Weise dar. Alma schilderte Paul Kammerers Verehrung so: „Wenn ich von einem Sessel aufstand, kniete er nieder und beroch und streichelte den Sesselplatz, auf dem ich gesessen war. Es war ihm dabei ganz egal, ob Fremde im Raume waren, oder nicht. Er war auch durch nichts von solchen Extravaganzen, deren er in Fülle hatte, abzuhalten.“ Kammerer drohte mehrfach, sich am Grab Gustav Mahlers zu erschießen, sollte Alma Mahler seine Liebe nicht erwidern.

Im November 1911 schlug er Alma Mahler vor, seine Assistentin zu werden, und eine Zeit lang arbeitete sie für ihn in der biologischen Versuchsanstalt im Wiener Prater. Daran erinnerte sie sich später:Alma Mahler-Werfel: Der schimmernde Weg. Zitiert in Oliver Hilmes: Witwe im Wahn. Das Leben der Alma Mahler-Werfel. Siedler, München 2004, ISBN 3-88680-797-5.⁹

mini|Europäische Gottesanbeterin

Alma musste die Versuchstiere mit Mehlwürmern füttern, „und mir grauste etwas vor dieser Riesenkiste voll sich schlängelnder Würmer. Er sah es, nahm eine Handvoll und steckte die Viecher in den Mund. Er fraß sie laut schmatzend.“

Alma Mahler ließ in ihrer Autobiografie anklingen, dass es bei Kammerers Experimenten im Praterlabor zu Unregelmäßigkeiten gekommen sein könnte: „Er wünschte die Ergebnisse seiner Forschungen so glühend herbei, dass er unbewusst von der Wahrheit abweichen konnte.“Alma Mahler-Werfel: Mein Leben. Fischer Verlag, 1960.

Das Gesetz der Serie Im Jahr 1919 veröffentlichte Kammerer das Buch Das Gesetz der Serie. Eine Lehre von den Wiederholungen im Lebens- und Weltgeschehen, dessen Titel sprichwörtlich wurde. In ihm entwickelte er das kausalitätsunabhängige Prinzip der Serialität aufgrund jahrelanger Beobachtungen unerklärlicher Koinzidenzen, die aus persönlichem Erleben stammten (vieles davon mit Zahlen), aus den Erzählungen von Freunden oder aus Zeitungen. Seinen Ausführungen stellte Kammerer eine Sammlung solcher Fallbeispiele voran, etwa: „Am 17. Mai 1917 waren wir bei Schrekers eingeladen. Auf dem Weg dahin kaufe ich meiner Frau bei dem Kanditenstand vor dem Bahnhof Hütteldorf-Hacking Schokoladenbonbons. – Schreker spielt uns aus seiner neuen Oper Die Gezeichneten vor, deren weibliche Hauptrolle CARLOTTA heißt. Nach Hause gekommen, entleeren wir das Säckchen mit den Bonbons; eines davon trägt die (…) Aufschrift CARLOTTA.“

Diese getrennt auftretenden, aber zusammenpassenden Zahlen, Namen und Situationen bezeichnete er als zyklische Vorgänge verschiedener Ordnung und Potenz und entwarf eine eigene Terminologie zur Klassifikation der Serie. Er behauptete, eine Serie sei die gesetzmäßige Wiederholung gleicher oder ähnlicher Ereignisse, die nicht durch dieselbe Ursache verknüpft worden sein können (von „sinnvollen Zufällen“ sprach später sein Biograph Arthur Koestler). Kammerer wollte damit beweisen, dass sich in sogenannten „Zufällen“ ein universelles Naturgesetz manifestiert, das unabhängig von bekannten physikalischen Kausalprinzipien wirkt. Er schrieb:

Kammerer begründete mit seinem Buch die für die Geschichte der Parapsychologie wichtige Theorie der Serialität, sein Prinzip zählt zu den bedeutendsten Vorläufern des Gedankens der Synchronizität bei C. G. Jung und Wolfgang Pauli, der zuvor schon bei Camille Flammarion aufgetaucht war. Jung nimmt in seinem Buch Synchronizität, Akausalität und Okkultismus Bezug auf die Veröffentlichung von Kammerer. Auch Albert Einstein äußerte sich positiv („Originell und durchaus nicht absurd“), und Sigmund Freud ging in seinem Aufsatz Das Unheimliche auf Kammerer ein: „Ein geistvoller Naturforscher (Paul Kammerer) hat vor kurzem den Versuch unternommen, Vorkommnisse solcher Art gewissen Gesetzen unterzuordnen, wodurch der Eindruck des Unheimlichen aufgehoben werden müsste. Ich getraue mich nicht zu entscheiden, ob es ihm gelungen ist.“