Das Langemarck-Studium war ein Begabtenförderungsprogramm von 1934 bis 1944 zum Erwerb der Studienberechtigung an einer deutschen Hochschule. Dadurch sollten „besonders begabte Volks- und Mittelschüler zur Hochschule“ geführt werden.Gernot Oelmann: Der zweite Bildungsweg in Nordrhein-Westfalen – Struktur und Geschichte. Ferdinand Schöningh, Paderborn 1985 , S. 61. Das Projekt bestand aus einer „Vorstudienausbildung“ zum Erwerb der Studienberechtigung und dem sich anschließenden (Wunsch-)Studium an einer zugewiesenen Hochschule.Cornelia Schmitz-Berning Vokabular des Nationalsozialismus, de Gruyter, Berlin 1998, ISBN 3-11-013379-2, 9783110133790, S. 373. Die Förderung erfolgte sowohl in der Vorstudienausbildung als auch im darauf folgenden (regulären) Studium durch die (zur NSDAP gehörende) Reichsstudentenführung. Eine (Selbst-)Bewerbung war nicht möglich, vorschlagsberechtigt war nur die NSDAP und besonders bestimmte Nebenorganisationen der Partei (später, während der Zeit des Zweiten Weltkriegs, auch die deutsche Wehrmacht), eine besondere Prüfung der politischen Zuverlässigkeit (politisch einwandfrei) war deshalb nicht erforderlich. Die Finanzierung des Studiums wurde von der Reichsstudentenführung in Zusammenarbeit mit dem Reichsstudentenwerk sichergestellt.Hans Huber und Franz Senger: Das Studium ohne Reifezeugnis an den deutschen Hochschulen – Amtliche Bestimmungen. Weidmannsche Verlagsbuchhandlung, Berlin 1938, S. 9

Die rechtliche Möglichkeit eines Hochschulzugangs ohne eine schulische Laufbahn (mit dem Abschluss der Matura- oder Abiturprüfung) gab es schon früher (bis in die 1850er Jahre durch die Universität selbst) und erneut seit 1922 durch ein Zeugnis des preußischen KultusministeriumsEinen rechtshistorischen Überblick über die Berechtigungen des Reifezeugnisses und das Recht des Kultusministers Ausnahmen zuzulassen, gibt Ignaz Jastrow: Das Recht des Reifezeugnisses — Eine vergessene Ecke des Preußischen Verwaltungsrechts. In: Juristische Wochenschrift. (JW) 1925, S. 14 ff. (dieser zunächst nur in Preußen geltenden Vorschrift haben sich die anderen deutschen Länder bis 1930 angeschlossen). Die Behörden nutzen während der Zeit des Nationalsozialismus diese Rechtsvorschriften für ihr Vorgehen, erst ab 1938 erfolgte eine neue (reichseinheitliche) Regelung.

Der Name war von dem Langemarck-Mythos entlehnt, den zahlreiche kaisertreue, deutschnationale und ähnlich eingestellte Studentenverbände bereits kurz nach dem Ersten Weltkrieg während der Weimarer Republik pflegten und der während der nationalsozialistischen Zeit weiter gefördert wurde.Thema: Rechte Bilder, Baustein C.6 Arbeit am Mythos – Der Langemarck-Mythos (DGB-Bildungswerk Thüringen e. V.) S. 281 f. In der Nähe des Dorfes Langemarck (Schreibweise wie aus dem Heeresbericht; amtlich ab 1945 Langemark) in Westflandern (Belgien), nahe am Dorf Bikschote (heute ein Ortsteil von Langemark-Poelkapelle), soll 1914 ein vorwiegend aus jungen deutschen Freiwilligen bestehendes Regiment, von den Briten als „schoolboy regiment“ bezeichnet, in einer blutigen Schlacht zwar nur sechs Maschinengewehre erbeutet, aber 2 000 Gefangene gemacht haben. In der Nähe von Langemark nach dem Ort Diksmuide zu liegt einer der drei zentralen deutschen Soldatenfriedhöfe in Westflandern.Lutz Hachmeister Schleyer: eine deutsche Geschichte München (C. H. Beck) 2004, ISBN 3-406-51863-X, S. 140 ff. ()

Vorauslese, Auslese, Ausleselager Die Auslese der Begabtesten und Tüchtigsten war die Hauptaufgabe des Langemarck-Studiums (…für finanziell Benachteiligte aber Linientreue…Uwe Fraunholz, Swen Steinberg, Stefan Beckert, Florian Eichkorn, Ulrike Marlow, Stefan Weise [Mit]Gemacht? Technik- und Naturwissenschaftler der TH Dresden im Nationalsozialismus Dresden (Sonderforschungsbereich 804) 2012, S. 14, ISBN 978-3-86780-307-6), um diese über den Weg einer besonderen Erziehung der Volksgemeinschaft … als wertvolle Mitarbeiter zur Verfügung zu stellen. Zunächst erfolgte eine sog. Vorauslese, eine Entscheidung nach Aktenlage, ehe der Bewerber in ein Ausleselager „einberufen“ wurde. In dem Lager wurde über die Aufnahme in das Studium oder über eine „anderweitige“ Förderung entschieden. Gegen die Entscheidung gab es kein Rechtsmittel. Der Leiter des Langemarck-Studiums entschied auch über den Ort des Ausbildungslehrgangs und den Zeitpunkt der Einberufung.

Vorstudienausbildung und Hochschulstudium Das Studium gliederte sich in die Vorstudienausbildung mit Zwischenprüfung, die Begabtenprüfung und das anschließende erstrebte Hochschulstudium. Die Berechtigung galt nur für ein bestimmtes Fachgebiet und war für begabte junge Männer aus „allen Schichten, Ständen und Berufen“ bestimmt. Sowohl die Vorstudienausbildung als auch das anschließende Hochschulstudium waren für Mittellose kostenfrei. Organisiert wurden die Förderungsmaßnahmen in der Zeit zwischen 1934 und 1938 unter der Bezeichnung „Vorstudienausbildung“ und von Ende 1938 bis Ende 1944 unter der Bezeichnung Vorstudienausbildung des Langemarck-Studiums.

Die Vorstudienausbildung war eine drei Semester (eineinhalb Jahre) dauernde Gemeinschaftserziehung in einem Lehrgang an einer Hochschule. Die Lehrgänge fanden 1934/36 nur an zwei Universitäten statt (Heidelberg und Königsberg); nach und nach kamen immer weitere Hochschulen hinzu: 1942 waren es Heidelberg, Schloss Bledau in Ostpreußen, Hannover (Villa Simon), Stuttgart, Rostock, Halle (Saale), Radebeul bei Dresden, Jena, Wien, Berlin und Prag. Die Ausbildung erstreckte sich auf Fächer der Oberschule, körperliche Ertüchtigung und Wehrerziehung.

Spätestens ab 1942 änderten sich die Vorschriften wesentlich (auch formell durch Runderlass des Reichsministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung), so dass man zeitlich von einer Vorstudienausbildung I (1934–1941) und einer Vorstudienausbildung II (1942–1944) sprechen kann; der zweite Teil des Studiums (die Studienförderung des Hochschulstudiums) änderte sich nicht.

Kosten der Vorstudienausbildung Die Kosten der Vorstudienausbildung einschließlich sämtlicher Lebenshaltungskosten wurden bei Mittellosigkeit des Bewerbers aus Mitteln des Langemarck-Studiums (= NSDAP) getragen. Ein Zuschuss der Eltern (Taschengeld) wurde erwartet. In der Vorstudienausbildung, die mit der Zulassung zum Hochschulstudium abschloss, werde eine Erziehung verwirklicht, die den Grundsätzen echter Bildung und nationalsozialistischer Menschenführung entspreche (unter Berufung auf Punkt 20 des Parteiprogramms sei es selbstverständlich, dass die Erziehung sowohl in der Vorstudienausbildung als auch in der Hochschule kostenlos sei).

Geschichte der Vorstudienausbildung I Entwicklung zwischen 1934 und 1938: Probephase 1934 übernahm die Hitler-Jugend (HJ) die bisher von bürgerlichen Kreisen (Jugendbewegung, Studentenschaft, Hochschulen und Reichswehr) gepflegten Langemarck-Feiern und die Langemarck-Spende. 1934 wurde die Vorstudienausbildung erstmals an den beiden Universitäten Heidelberg und Königsberg ausprobiert (für 40 bis 50 junge Männer ohne Reifeprüfung [heute: Abiturprüfung], die auf das Hochschulstudium vorbereitet werden sollten). Am 5. November 1936 wurde das Amt des Reichsstudentenführers geschaffen; einen Tag danach, am 6. November 1936, wurden die Deutsche Studentenschaft (DSt) und der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund (NSDStB) der neu gegründeten Reichsstudentenführung unterstellt (fünf Monate später, im April 1937, wurde die Reichsstudentenführung ein Hauptamt der NSDAP). Der Reichsstudentenführer Gustav Adolf Scheel förderte Ulrich Gmelin, der 1938 zum Beauftragten für Vorstudienausbildung ernannt wurde und damit auch ab 1. September 1938 Leiter des Langemarck-Studiums war. Die Vorstudienausbildung wurde z. T. noch unter dem Namen Horst-Wessel-Studium geführt, bevor sie 1938 nur noch als Langemarck-Studium propagiert wurde.

Ab 1937 begann eine verstärkte Werbung für die Vorstudienausbildung. Es waren weitere Universitäten für das Projekt gewonnen worden und am 9. Dezember 1937 hatte der Reichsstudentenführer eine Steigerung der Anzahl der Langemarck-Studenten auf 1.000 Mann pro Jahr verkündet.Ulrich Gmelin: Das Langemarck-Studium, die Auslese, die Erziehung, Langemarck-Studium und höhere Schule, die Finanzierung, das Recht auf Ausbildung in: Das Reichsstudentenwerk/Reichsstudentenführung (Hrsg.) Deutscher Hochschulführer – Lebens- und Studienverhältnisse an den Deutschen Hochschulen Studienjahr 1939, 21. Ausgabe, Berlin (Walter de Gruyter & Co.) 1939. Grund dafür wird wohl auch die ständig sinkende Zahl der Studierenden an wissenschaftlichen Hochschulen gewesen sein; Ende 1938 gab es nur drei Hochschulen, an denen Vorstudienausbildung betrieben wurde (Heidelberg, Königsberg und Stuttgart), Ende 1938 wurde ein neuer Lehrgang in Hannover eingerichtet. Die Finanzierung der dortigen Vorstudienausbildung wurde aus Mitteln der Stadt und der Wirtschaft Hannovers und des Gaues Südhannover-Braunschweig (Gauleiter war Bernhard Rust, von 1934 bis 1945 auch Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung) getragen.

Art und Weise der Vorstudienausbildung Im Gegensatz zu den Teilnehmern der Begabtenprüfung und denen der Sonderreifeprüfung, die sich selbst die Grundlagen ihres Wissens erarbeitet und sich individuell auf die jeweilige Prüfung vorbereitet hatten, war die Vorstudienausbildung keine individuelle, sondern eine Gemeinschaftsausbildung. Die Vorstudienausbildung der Reichsstudentenführung (der Ausdruck Langemarck-Studium taucht vor 1938 selten auf) hatte die Aufgabe, begabten jungen Volksgenossen, die nicht die erforderliche Vorbildung für die Hochschule besitzen, diese Vorbildung im Rahmen einer Gemeinschaftsausbildung zu vermitteln.Hans Huber und Franz Senger Das Studium ohne Reifezeugnis an den deutschen Hochschulen — Amtliche Bestimmungen Berlin (Weidmannsche Verlagsbuchhandlung) 1938, S. 7.

Ziel der Vorstudienausbildung war es nicht, den Teilnehmern Abiturwissen zu vermitteln, denn dies entsprach nicht den Anforderungen der angestrebten Prüfung, der Begabtenprüfung.Nr. 10 des Runderlasses des Reichsministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung vom 10. November 1939 – WJ 4360, E IIa, Z III [b] – und vom 29. Oktober 1941 – WJ 1950, E IIIa, E IV, E VII. Ein Schwerpunkt war die politische Bildung im nationalsozialistischen Sinne, wie Ulrich Gmelin hervorhob: „Im Mittelpunkt stehen die Gebiete, auf denen das Verständnis der nationalsozialistischen Weltanschauung beruht: das Wissen um Rasse, Volkstum und Geschichte.“Zit. nach: Michael Grüttner: Studenten im Dritten Reich. Paderborn 1995, S. 151.

Aufnahme nur auf Vorschlag Persönliche Bewerbungen waren nicht möglich, vielmehr musste der Bewerber von der NSDAP (ihren Gliederungen und der angeschlossenen Verbände) oder der Wehrmacht der Reichsstudentenführung vorgeschlagen werden (bis zum 1. Mai jeden Jahres). Für den Vorschlag gab es ein besonderes Formblatt. Mit dem Vorschlag der Organisation waren seitens des Bewerbers, die Bewerbung mit zwei Fotos, das letzte Schulzeugnis und einen ausführlichen Lebenslauf in Hand- und Maschinenschrift einzureichen. Aus dem Lebenslauf sollte der bisherige Bildungsgang, die bisherige politische Laufbahn (Dienstleistungszeugnis) und die zukünftigen beruflichen Ziele genau erkennbar sein. Ferner war ein ausführliches Gutachten des Reichsarbeitsdienstes (RAD) und der Wehrmacht und ein ausführliches Gutachten über die politische Tätigkeit des Bewerbers beizufügen. Der Vorschlag war an die Reichsstudentenführung in München zu richten.

Voraussetzungen für die Aufnahme in die Vorstudienausbildung: Aufgenommen konnte jeder Deutsche werden, der überdurchschnittlich begabt war und eine hervorragende charakterliche Haltung nachwies. Der Bewerber musste körperlich gesund und leistungsfähig sein, sich politisch und weltanschaulich in den Gliederungen der NSDAP bewährt haben und zwischen 18 und 24 Lebensjahre alt sein.