mini|Doria Shafik, um 1930 Durrīya Schafīq, auch Doria Ragai Shafik (; geboren am 14. Dezember 1908 in Ṭanṭā; gestorben am 20. September 1975 in Kairo), war eine ägyptische Journalistin, Philosophin, Herausgeberin und Feministin, die für das Frauenwahlrecht und die politische Gleichberechtigung von Frauen kämpfte. Sie gründete die Zeitschrift und Organisation Bint an-Nīl („Tochter des Nil“), die zu den wichtigsten Trägern ihrer Kampagne für politische Rechte, Frauenbildung und gesellschaftliche Teilhabe ägyptischer Frauen gehörte.

Leben und Wirken Durrīya Schafīq war die Tochter des Staatsbediensteten Ahmad Schafīq und von Ratiba Nassif; wegen der beruflichen Versetzungen des Vaters lebte die Familie nacheinander in mehreren Städten des Nildeltas und in Alexandria. Sie erhielt eine französisch geprägte Schulbildung in Alexandria und legte bereits mit 16 Jahren die französische Baccalauréat-Prüfung ab. Als ihr in Alexandria weiterführende Bildungsgänge für Mädchen nur eingeschränkt offenstanden, bereitete sie sich im Selbststudium auf die offiziellen französischen Prüfungen vor und erzielte dabei landesweit sehr gute Ergebnisse. Unterstützt von Hudā Schaʿrāwī und einem staatlichen Stipendium ging sie mit 19 Jahren nach Paris, um an der Sorbonne Philosophie zu studieren. Als erste Ägypterin wurde sie an der Sorbonne in Paris promoviertDurriyyah Shafīq, Encyclopedia Britannica mit einer Arbeit zum Thema Die Frau und das religiöse Recht in Ägypten. Während eines Sommeraufenthalts in Alexandria nahm sie 1935 ohne Wissen ihrer Familie am Wettbewerb um den Titel Miss Egypt teil, wurde Zweite und löste in der ägyptischen Presse Kritik konservativer Stimmen aus. In Paris heiratete sie Nour al-Din Ragai, der dort in Handelsrecht promovierte; das Paar hatte zwei Töchter, Aziza und Jehane. Nach ihrer Rückkehr nach Ägypten 1940 wollte sie an der Universität Kairo lehren, erhielt dort jedoch keine Stelle; spätere Darstellungen führten die Ablehnung auf ihr als „zu modern“ wahrgenommenes Auftreten zurück.

Schafīq wandte sich dem Journalismus zu. 1945 übernahm sie die Chefredaktion der französischsprachigen Zeitschrift La Femme Nouvelle und gründete im selben Jahr die arabischsprachige Zeitschrift Bint an-Nīl, die Frauenbildung und öffentliche Teilhabe ägyptischer Frauen fördern sollte. Mit der Zeitschrift und der entstehenden Bewegung organisierte sie seit 1945 Bildungsprogramme für Frauen, darunter mit Mitteln von UNICEF eingerichtete Alphabetisierungszentren in Schulgebäuden. Bis 1952 entstanden landesweit 80 solcher Zentren. Im Zuge der wachsenden Frauenbewegung in Ägypten gründete sie 1948 die Frauenrechtsorganisation Bint an-Nīl, deren Ziele das aktive und passive Frauenwahlrecht, die politische Gleichberechtigung der Frau, die Abschaffung der Vielehe und eine Änderung des Ehescheidungsverfahrens waren.H. L. Kaster: Aus dem Harem in die Politik, Die Zeit, 19. Januar 1950, Nr. 3, online.

Am 19. Februar 1951 führte Schafīq rund 1.500 Frauen vom Gelände der American University in Cairo zum ägyptischen Parlament, wo sie den Plenarsaal besetzten und die Sitzung der männlichen Abgeordneten unterbrachen. Die Demonstrantinnen forderten das volle aktive und passive Wahlrecht für Frauen, Reformen des Ehe- und Scheidungsrechts sowie gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Erst nachdem der Präsident der oberen Parlamentskammer zugesagt hatte, sich mit den Forderungen zu befassen, beendeten die Frauen ihre Besetzung des Parlaments. Eine Woche später lag ein Gesetzentwurf zur Gewährung politischer Rechte für Frauen vor, der jedoch abgelehnt wurde. König Faruk I. ließ ihr über ihren Ehemann ausrichten, dass Frauen unter seiner Herrschaft keine politischen Rechte erhalten würden. Während der antikolonialen Mobilisierung gegen die britische Präsenz in Ägypten gründete Schafīq eine uniformierte Fraueneinheit von Bint an-Nīl; im Januar 1952 führte sie Mitglieder der Organisation zu einer Aktion gegen eine Filiale der britischen Barclays Bank, die sie als Symbol britischer Kolonialherrschaft betrachtete.

Nach dem Sturz der Monarchie durch die Revolution von 1952 übernahmen die Freien Offiziere die politische Macht in Ägypten; zu ihren führenden Figuren gehörte Gamal Abdel Nasser, der sich bald als dominierende Kraft des neuen Regimes durchsetzte. Trotz des politischen Umbruchs wurden Frauen weiterhin von der Ausarbeitung der neuen Verfassung ausgeschlossen.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, S. 409. Im März 1954 begann Schafīq mit mehreren Mitstreiterinnen im Presse-Syndikat von Kairo einen Hungerstreik gegen die Zusammensetzung der Verfassungskommission, der keine Frau angehörte. Der öffentliche Druck trug dazu bei, dass die Verfassung von 1956 erstmals politische Rechte für Ägypterinnen verankerte.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, S. 410. Während Männer zur Wahl verpflichtet waren, mussten Frauen einen schriftlichen Antrag stellen, um wählen zu können; zugleich konnten zu dieser Zeit fast 80 Prozent der ägyptischen Frauen nicht lesen und schreiben.

1957 begann Schafīq in der indischen Botschaft in Kairo einen weiteren Hungerstreik, mit dem sie gegen die autoritäre Entwicklung des Nasser-Regimes und den staatlichen Zugriff auf unabhängige Organisationen protestierte. Die Protestaktion stand zugleich im Zusammenhang mit ihrer Ablehnung der israelischen Besetzung während der Sueskrise und der Entstehung einer Diktatur in Ägypten.Cynthia Nelson: Biography and Women's History: On Interpreting Doria Shafik. In: Niki R. Keddie, Beth Baron: Women in Middle Eastern History: Shifting Boundaries in Sex and Gender. New Haven Conn., Yale University Press 1991, S. 312, zitiert nach Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, S. 410. Staatlich gelenkte Medien griffen sie daraufhin als Verräterin an, frühere Verbündete distanzierten sich von ihr, und sie wurde aus ihrer eigenen Organisation gedrängt. Im neuen Ägypten gab es keinen Platz für Schafīqs Eintreten für individuelle Freiheit und einen säkularen Liberalismus: Ihre Organisation und die Zeitschrift Bint an-Nīl wurden 1957 verboten, ihre Publikationen konfisziert und ihre persönlichen Papiere vernichtet. Durrīya Schafīq wurde 18 Jahre lang unter Hausarrest gestellt, und ihr Name durfte in der ägyptischen Presse nicht erscheinen. Am 20. September 1975 starb sie durch Suizid, als sie sich in Kairo von einem Balkon im sechsten Stock stürzte.

2013 ließ das von den Muslimbrüdern dominierte ägyptische Erziehungsministerium Durrīya Schafīq wiederum aus den Schulbüchern für 2013/14 tilgen. Der Berater für Philosophie und Nationale Erziehung des Ministeriums, Mohamed Sherif, gab laut der in Ägypten geborenen Islamwissenschaftlerin Sarah Eltantawi als Grund an, „dass sie keinen Hidschab trage“.

Publikationen als Doria Ragai (Shafik): L'art pour l'art dans l'Égypte antique, Faculté des lettres de Paris. Geuthner, Paris 1940, (Dissertation (Thesis doctoral), Université de Paris, Faculté des Lettres, 1940, XX, 195 Seiten, 1 Foto: il. (algunes col.) "Avec 1 planche en couleurs et 94 planches en noir"). Durrīyah Shafīq (Hrsg.): Art copte, Sondernummer: Numéro d'été 1951 von: La Femme Nouvelle, La Femme Nouvelle, Le Caire (Kairo) 1951, (78 Seiten, illustriert, teilweise in Farbe).Sommernummer 1951, eine Sondernummer der ägyptischen Zeitschrift Neue Frau, Inhalt: Editorial (Redaktion) von Doria Shafik, Introduction à l'art copte (Einführung in die koptische Kunst) von Etienne Drioton, La femme dans l'art copte (Die Frau in der koptischen Kunst) von Eric de Nemès, Ce qui reste des mythes anciens (Was bleibt von den alten Mythen) von Hilde Zaloscer, Les bijoux (Schmuck) von M. Hammad, Les vêtements (Kleidung) von Marianne Doresse, Les tissus (Stoffe) von Alexandre Badawy, La sculpture (Skulptur), von [verschiedenen Autoren], Architecture copte (Koptische Architektur) von Alexander Badawy, Les métaux (Metalle), von Pahor Labi, Manuscrits coptes (Koptische Handschriften) von Jean Doresse, L'iconographie copte (Koptische Ikonographie) von Alexandre Piankoff, L'art en Ethiopie (Kunst in Äthiopien) von Mourad Kamel, Un quartier copte du Vieux-Caire (ein koptisches Viertel in altem Kairo) von Albert Hourani.

Literatur

Cynthia Nelson: Doria Shafik, Egyptian Feminist. A Woman Apart, The American University in Cairo Press 1996, ISBN 978-977-424-413-1; University Press of Florida, Gainesville, FL 1996, ISBN 0-8130-1455-7. Shafiq, Durriyah, in: June Hannam, Mitzi Auchterlonie, Katherine Holden: International encyclopedia of women's suffrage. Santa Barbara, California : ABC-Clio, 2000, ISBN 1-57607-064-6, S. 269.

Einzelnachweise

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