Helmut Kellershohn (* 1949) ist ein deutscher Historiker und Rechtsextremismusforscher. Er ist ein Gründungs- und Vorstandsmitglied des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung (DISS).

Leben Helmut Kellershohn studierte Geschichte und Katholische Theologie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Nach eigenen Angaben war er als Student in der 68er-Bewegung aktiv.Christian Schwerdtfeger: Die bewegte Röhre. In: Rheinische Post, 20. Juni 2007. Seit 1976 war er mit diesen Fächern im Schuldienst tätig, ab 1978 als Lehrer, zuletzt Oberstudienrat, am Gymnasium in den Filder Benden. Er ging 2011Cornelia Brandt: Sieben auf einen Streich gehen in den Ruhestand. In: Rheinische Post, 25. Juli 2011. in den Vorruhestand.siehe Autorinnen und Autoren, in: Peter Bathke, Anke Hoffstadt (Hrsg.): Die neuen Rechten in Europa. Zwischen Neoliberalismus und Rassismus. PapyRossa Verlag, Köln 2013, ISBN 978-3-89438-507-1, S. 351 f.

1987 gehörte er zu den Mitbegründern des unabhängigen Forschungsinstitutes Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS). Kellershohn arbeitet zu den Themen Rechtsextremismus, Konservatismus und Völkischer Nationalismus. Er ist Autor und Herausgeber zahlreicher Werke, seine Beiträge erschienen u. a. im hauseigenen DISS-Journal und auf dem Blog DISSkursiv, in antifaschistischen Blättern wie Antifaschistische Nachrichten und Der Rechte Rand, in politischen Zeitschriften wie konkret (gemeinsam mit Anton Maegerle) und im Rundbrief der „AG Rechtsextremismus/Antifaschismus“ beim Parteivorstand der PDS, im Wissenschaftsmagazin Forum Wissenschaft,, Linksnet, abgerufen am 21. Juli 2015. in den überregionalen Tageszeitungen junge Welt und die Tageszeitung sowie im Jahrbuch des Archivs der deutschen Jugendbewegung und in der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft.

Vorträge und Workshops nahm er in den letzten Jahren im Auftrag diverser Bildungs- und Forschungseinrichtungen wie der Rosa-Luxemburg-Stiftung Rheinland-PfalzMurat Çakır: Die neuen Rechten in Europa: Zwischen Neoliberalismus und Sozialrassismus. Konferenzbericht, Jenny Marx Gesellschaft. Rosa-Luxemburg-Stiftung Rheinland-Pfalz, Mainz 2011. (Thema: Medialer Rechtspopulismus als Reproduktion rassistischer Ressentiments) und dem Forschungsschwerpunkt Rechtsextremismus/NeonazismusWesen und Zukunft der AfD – ein Tagung. In: Forena Forum 2 (2015) 1, S. 1. der FH Düsseldorf (Thema: Alternative für Deutschland / Jungkonservatismus) wahr. Außerdem war er durch die SPD-Fraktion als Experte zu einer Anhörung im Landtag von Baden-Württemberg (Thema: Junge Freiheit / Völkischer Nationalismus) geladen.Michael Pechel: „Schicksalsgemeinschaft“. Blick nach Rechts, 23. November 2006.

Kellershohn wurde wiederholt in überregionalen Medien wie Deutschlandradio Kultur,Rolf Cantzen: Urkraft Volk. Deutschlandradio Kultur, 22. August 2007. dem Westdeutschen RundfunkMartin Teigeler: Aufklärung des Neonazi-Terrors dümpelt dahin. Westdeutscher Rundfunk, 10. Juli 2012. und dem Handelsblatt als Rechtsextremismusexperte zitiert. So kommentierte er etwa 2015 die Anschläge auf Asylbewerberheime mit: „Das Klima, das Pegida, Legida und AfD im vergangenen Jahr geschaffen haben, nutzen extreme Rechte ganz bewusst aus.“ Es entstehe eine „brandgefährliche Mischung“.Kathrin Witsch: Die Suche nach dem Sündenbock. handelsblatt.de, 21. Juli 2015.

Kellershohn ist Mitglied im Arbeitskreis Vergleichende Diktatur- und Extremismusforschung in der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW)., Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, abgerufen am 19. Juli 2015.

Werk Kellershohn hält die sogenannte Neue Rechte für eine „breite Strömung im Übergangsfeld zwischen Rechtsextremismus und Rechtskonservatismus“.Helmut Fröchling: Die Neue Rechte im Fokus des Verfassungsschutzes. In: Wolfgang Gessenharter, Helmut Fröchling (Hrsg.): Rechtsextremismus und neue Rechte in Deutschland. Neuvermessung eines politisch-ideologischen Raumes?. Leske und Budrich, Opladen 1998, ISBN 3-8100-2053-2, S. 119–137, hier: S. 125. Zentral in Kellershohns Forschung sind seine vielbeachteten Studien zum Völkischen NationalismusWolfgang Gessenharter, Helmut Fröchling: Neue Rechte und Rechtsextremismus in Deutschland. In: Jens Mecklenburg (Hrsg.): Handbuch deutscher Rechtsextremismus (= Antifa-Edition). Elefanten-Press, Berlin 1996, ISBN 3-88520-585-8, S. 550–571, hier: S. 557.Clemens Heni: Salonfähigkeit der neuen Rechten: "Nationale Identität". Antisemitismus und Antiamerikanismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland 1970–2005. Henning Eichberg als Exempel. Mit einem Vorwort von Anton Pelinka, Tectum, Marburg 2007, ISBN 978-3-8288-9216-3, S. 94.Siegfried Jäger, Alfred Schobert: Der Blick über den Kanal. In: Roger Griffin, Werner Loh, Andreas Umland (Hrsg.): Fascism Past and Present, West and East. An International Debate on Concepts and Cases in the Comparative Study of the Extreme Right (= Soviet and post-Soviet politics and society. 35). Mit einem Nachwort von Walter Laqueur, Ibidem Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 3-89821-674-8, S. 130–135, hier: S. 131.Alice Brauner-Orthen: Die neue Rechte in Deutschland. Antidemokratische und rassistische Tendenzen. Leske und Budrich, Opladen 2001, ISBN 3-8100-3078-3, S. 49.Michael Minkenberg: Die neue radikale Rechte im Vergleich. USA, Frankreich, Deutschland. Westdeutscher Verlag, Opladen 1998, ISBN 3-531-13227-X, S. 162 f.Alexander Häusler: Die „NationalstoIz“-Debatte als Markstein einer Rechtsentwicklung der bürgerlichen Mitte. In: Christoph Butterwegge et al.: Themen der Rechten – Themen der Mitte. Zuwanderung, demografischer Wandel und Nationalbewusstsein. Leske + Budrich, Opladen 2002, ISBN 3-8100-3419-3, S. 141 f. der Neuen Rechten, den er als „Synthese von Nationalismus und Rassismus“ begreift.Christoph Butterwegge: Entwicklung, gegenwärtiger Stand und Perspektivender Rechtsextremismusforschung. In: Ders. et al.: Rechtsextremisten in Parlamenten. Forschungsstand, Fallstudien, Gegenstrategien. Leske und Budrich, Opladen 1997, ISBN 3-8100-1776-0, S. 9–53, hier: S. 29 f. Zu dessen „Kernideologemen“ zählt er folgende sieben Punkte:Heinz Hachel: Für Klasse, Rasse und Nation. Der doppelte Romantizismus der völkischen Glatzen. In: Klaus Farin (Hrsg.): Die Skins. Mythos und Realität. Links, Berlin 1997, ISBN 3-86153-136-4, S. 142–167, hier: S. 162. „die Gleichsetzung von Volk und Nation, also die Idee einer nach völkisch rassistischen Kriterien ‚homogenisierten Nation‘“, „die Rechtfertigung eines ‚starken‘ Staates“, „die Überhöhung des Volkes zu einem Kollektiv-Subjekt“ (siehe Volksgemeinschaft), „die Heroisierung des Volksgenossen, des ‚anständigen Deutschen‘“, „umgekehrt die völkisch/rassistische Konstruktion eines inneren Feindes“ (siehe Sündenbockfunktion, Fremdenfeindlichkeit), „ein biopolitisches Verständnis des ‚Volkskörpers‘“ (siehe Sexismus), und „ein chauvinistisches Machtstaatsdenken“.

Wichtigstes Untersuchungsobjekt Kellersohns ist die extrem rechte (Wochen-)Zeitung Junge Freiheit (JF). Er weist immer wieder u. a. in einem anerkanntenSamuel Salzborn: [Rezension zu: Die Wochenzeitung „Junge Freiheit“. Kritische Analysen zu Programmatik, Inhalten, Autoren und Kunden]. In: DÖW-Mitteilungen, Folge 184, Dezember 2007, S. 11. Sammelband zur JF auf die Rückgriffe des Organs auf die „Konservative Revolution“ der Weimarer Republik und damit ihre antidemokratische Schlagseite hin.Stefan Kubon: [Rezension zu Die Wochenzeitung ››Junge Freiheit‹‹. Kritische Analysen zu Programmatik, Inhalten, Autoren und Kunden]. In: Zeitschrift für Politik, Jg. 54 (2007), H. 4, S. 481–483, hier: S. 483. Insbesondere gehe es um die jungkonservative Richtung.Volker Weiß: Die „Konservative Revolution“. Geistiger Erinnerungsort der „Neuen Rechten“. In: Martin Langebach, Michael Sturm (Hrsg.): Erinnerungsorte der extremen Rechten (= Edition Rechtsextremismus. 101). Springer VS, Wiesbaden 2015, ISBN 978-3-658-00130-8, S. 101–120, hier: S. 116. Das Milieu versuche mehr inhaltlich Begriffe neu zu besetzen, als sich anzupassen.Wolfgang Gessenharter, Helmut Fröchling: Neue Rechte und Rechtsextremismus in Deutschland. In: Jens Mecklenburg (Hrsg.): Handbuch deutscher Rechtsextremismus (= Antifa-Edition). Elefanten-Press, Berlin 1996, ISBN 3-88520-585-8, S. 550–571, hier: S. 561. Bereits der Sammelband Das Plagiat: Der völkische Nationalismus der jungen Freiheit (1994) war sehr detailreich.Wolfgang Gessenharter, Helmut Fröchling: Neue Rechte und Rechtsextremismus in Deutschland. In: Jens Mecklenburg (Hrsg.): Handbuch deutscher Rechtsextremismus (= Antifa-Edition). Elefanten-Press, Berlin 1996, ISBN 3-88520-585-8, S. 550–571, hier: S. 560.Thomas Pfeiffer: Medien einer neuen sozialen Bewegung von rechts. Dissertation, Universität Bochum, 2000, S. 13. So brachte er das redaktionelle Umfeld der JF mit der Deutschen Gildenschaft (DG) in Verbindung. Der DG attestiert er eine „Mischung aus völkischer Gesinnung, soldatischer Haltung und jugendbewegtem Bekenntnisdrang“. Überdies verorte er sie in einer „Grauzone zwischen dem deutschnationalen Flügel der Unionsparteien, den Vertriebenenparteien (50er/60er Jahre), der NPD (60er/70er Jahre), den Ansätzen zu einer ‚Vierten Partei‘ in den 70er Jahren und den rechtskonservativen bis rechtsextremen Parteigründungen in jüngster Zeit.“Dietrich Heither, Gerhard Schäfer: Studentenverbindungen zwischen Konservatismus und Rechtsextremismus. In: Jens Mecklenburg (Hrsg.): Handbuch deutscher Rechtsextremismus (= Antifa-Edition). Elefanten-Press, Berlin 1996, ISBN 3-88520-585-8, S. 865–884, hier: S. 870 f. Das DISS-Gemeinschaftswerk Nation statt Demokratie: Sein und Design der "Jungen Freiheit" (2003; 2. Auflage 2004) gilt in Fachkreisen als Standardwerk.Anton Maegerle, Daniel Hörsch: „Der Kampf um die Köpfe“ hat begonnen. Vordenker, Strategen und Wegbereiter rechter Netzwerke. In: Stephan Braun, Daniel Hörsch (Hrsg.): Rechte Netzwerke - eine Gefahr. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2004, ISBN 3-8100-4153-X, S. 113–122, hier: S. 120.

Darüber hinaus arbeitete er drei Optionen des Rechtsextremismus heraus:Christoph Butterwegge, Lüder Meier: Bremen - das kleinste Bundesland als parlamentarisches Experimentierfeld für die extreme Rechte (1951/52, 1967–1971, 1987–1995). In: Christoph Butterwegge et al.: Rechtsextremisten in Parlamenten. Forschungsstand, Fallstudien, Gegenstrategien. Leske und Budrich, Opladen 1997, ISBN 3-8100-1776-0, S. 55–146, hier: S. 55. „terroristisch“ (siehe militanter Neonazismus), „metapolitisch“ (siehe Netzwerke der Neuen Rechte), und „populistisch“ über den Gang in die Parlamente.

So befasste er sich bereits ab den 1980er Jahren in eigenen Publikationen mit der JF verwobenen Rechtspartei Die Republikaner. Darüber hinaus unterstützte er, im Zuge einer Klage die ordnungsgemäße Überwachung der Partei durch den Verfassungsschutz Niedersachsen betreffend, ein sprachwissenschaftliches GutachtenHans-Georg Golz: Sonja Bredehöft/Franz Januschek: Doppelzüngler. Die Sprache der „Republikaner“ (Rez.). In: Deutschland Archiv 28 (1995) 1, S. 110–111. zu deren Sprache und Theorie, angefertigt durch die Sprachwissenschaftler Sonja Bredehöft und Franz Januschek. Darin argumentierten die Autoren, dass die Sprache der Partei ein „aggressiv-feindliches Verhalten“ aufweise und gegen die Freiheitliche demokratische Grundordnung (FdGO) gerichtet sei.Martin Wengeler: Sprache — Streit — politische Kultur. Arbeitstagung der AG „Sprache in der Politik“ Universität Koblenz-Landau, 12.-14. 5. 1994. In: Zeitschrift für germanistische Linguistik 23/1995, S. 76–86, hier: S. 85.

Jüngst verwies er auf Anknüpfungspunkte der Neuen Rechten bei der Partei Alternative für Deutschland (AfD).Andreas Kemper: „... die neurotische Phase überwinden, in der wir uns seit siebzig Jahren befinden“. Die Differenz von Konservativismus und Faschismus am Beispiel der „historischen Mission“ Björn Höckes (AfD). Rosa-Luxemburg-Stiftung Thüringen, Jena, Mai 2015, S. 16.