mini|Gefängnis-Foto von Joseph Massino

Joseph Charles Massino (* 10. Januar 1943 in New York; † 14. September 2023 ebenda) war ein Mobster und Anführer der Bonanno-Familie der La Cosa Nostra in New York City. Bekannt wurde er dadurch, dass er der erste Boss einer Familie war, der zum Pentito wurde und mit den Strafverfolgungsbehörden der amerikanischen Regierung kooperierte.

Frühe Jahre Joseph Massino wurde 1943 in New York City geboren. Er war einer von drei Söhnen der Italoamerikaner Anthony und Adeline Massino.DeStefano, Seiten 42–43 Er wuchs in Maspeth, Queens, auf. Massino wurde schon in seiner Kindheit kriminell und floh als Vierzehnjähriger zwischenzeitlich nach Florida. 1956 lernte er seine spätere Frau Josephine Vitale kennen. 1960 heirateten beide.Crittle, Seiten 49–51 Das Paar hatte drei Töchter.Crittle, S. 211 Sein Schwager Salvatore Vitale war auch ein enger Freund und sein engster Vertrauter.Crittle, Seiten 136–137 Während Massino in seiner Jugend noch sehr athletisch war, wurde er später stark übergewichtig und litt unter Diabetes mellitus und zu hohem Blutdruck.

Seinen ersten Mord beging Massino in den 1960er Jahren an einem Assoziierten (d. h. Nicht-Vollmitglied) der Bonanno-Familie: Tommy Zummo. Ein Neffe Philip Rastellis half Massino, Protegé seines Onkels zu werden.Raab, S. 605

Bonanno-Familie Aufstieg In den späten 1960er Jahren war er immer noch ein Assoziierter und kein Vollmitglied der Bonanno-Familie.DeStefano, Seiten 60–61 Zusammen mit seinem Schwager Salvatore Vitale und Duane Leisenheimer raubte er regelmäßig Lastwagen aus und betrieb illegales Glücksspiel.DeStefano, Seiten 63–64, 68 Er freundete sich während dieser Zeit mit John Gotti an.Raab, S. 606 Sein Mentor Phillip Rastelli sollte 1973 nach dem Tode Natale Evolas Boss werden, musste jedoch selbst ins GefängnisDeStefano, Seiten 65, 67, 70.

1975 nahmen Massino und Vitale an der Ermordung Vito Borellis teil. Massino behauptete später, dass die Initiative im Wesentlichen auf John Gotti zurückzuführen sei, der einem Befehl Paul Castellanos folgte. Der Auftragsmord an Borelli war für Massino wichtig, da er hier seine Loyalität zeigte und im Namen der Familie mordete – ein erster wichtiger Schritt, um nun Vollmitglied werden zu können.DeStefano, S. 74 Massino und Vitale gestanden später ihren Kompagnon Joseph Pastore 1976 wegen nicht zurückgezahlter Schulden ermordet zu habenDeStefano, Seiten 187–188DeStefano, Seiten 75–77

Im März 1975 wurde Massino Hehlerei vorgeworfen, aber die Anklage musste wegen verfahrensrechtlicher Fehler fallengelassen werden.DeStefano, Seiten 79–82DeStefano, Seiten 84–86

Am 14. Juni 1977 wurde Massino als Vollmitglied in die Bonanno-Familie u. a. zusammen mit Anthony Spero und Joseph Chilli, Jr. aufgenommen. Carmine Galante, acting boss der Bonannos, leitete die Zeremonie. Er arbeitete nun als Soldato für James Galante und später für Philip „Phil Lucky“ Giaccones.Lamothe; Humphreys, S. 87 Massino hielt im Konflikt zwischen Philip Rastelli und Carmine Galante immer loyal zu Rastelli. Massino fürchtete seine Ermordung durch Galante und brachte sein Anliegen im Sinne Rastellis vor die Commission, den obersten Exekutivrat der Mafia. Diese gab grünes Licht was die Beseitigung Galantes anging und am 12. Juli 1979 wurde Galante ermordet. Rastelli, der nun unumstrittener Boss war, belohnte Massinos Loyalität mit der Beförderung zum CaporegimeRaab, Seiten 607–608.

Anfang der 1980er leitete Massino seine Crew vom J&S Cake-Social club aus – ein Club, der zur Tarnfirma J&J Catering gehörte.DeStefano, Seite 104 1988 wurde das Gebäude im Rahmen einer Razzia durchsucht und die dortigen Aktivitäten stillgelegt.

Three capos murder und Ermordung Napolitanos Nach der Ermordung Galantes stand Massino vor zwei Herausforderungen: Er stritt sich einerseits mit Dominic Napolitano um die Macht. Andererseits war die Familie in zwei Fraktionen gespalten: Die Fraktion der „Amerikaner“, die treu zum Boss Rastelli hielt und die der „Zips“ (sizilianische Einwanderer der originären Cosa Nostra, die nur Sizilianisch sprachen, was von den kaum noch Sizilianisch verstehenden Italoamerikanern als Zischen wahrgenommen wurde), die dem Boss kritisch gegenüberstanden. Napolitano und Joseph Massino standen loyal zu Rastelli. 1981 hatte Massino von Informanten gehört, dass sich die Capos Alphonse Indelicato, Dominic „Big Trin“ Trincera und Philip „Phil Lucky“ Giaccone automatische Waffen besorgt hatten. Diese erregte den Verdacht, sie wollten die Rastelli-Anhänger beseitigen und die Macht an sich reißen. Massino wandte sich an den Boss der Colombo-Familie Carmine „Junior“ Persico und den Boss der Gambino-Familie Paul Castellano, um diese um Rat zu fragen. Diese forderten ihn auf, unverzüglich zu handeln. Massino und Dominic Napolitano wandten sich an die „Commission“, die oberste Instanz der US-amerikanischen Mafia, um eine Genehmigung zur Ermordung der Verschwörer einzuholen. Dies war unbedingt erforderlich, wenn man Vollmitglieder der Mafia ermorden wollte. Die „Commission“ segnete das Vorhaben ab.

Massino und Napolitano luden die drei Verschwörer zu einem Treffen ein, um die Zukunft der Familie zu besprechen. Als diese am 5. Mai 1981 zusammen mit Frank Lino erschienen, sprangen Sal Vitale, Vito Rizzuto und Napolitano mit Pistolen und Schrotflinten aus einem Schrank hervor und eröffneten das Feuer. Der Mordanschlag wurde in der Presse als „Three Capos Murder“ bezeichnet.

Die Bonanno-Familie war zu dieser Zeit aber durch eine weitere heftige Krise erschüttert: FBI-Agent Joseph Pistone hatte in Napolitanos Crew gedient und überführte etliche Mitglieder der Bande. Für diese Krise wurde Napolitano verantwortlich gemacht und er musste mit seinem Leben bezahlenCrittle, Seiten 102–104.

Auf der Flucht und Mord an Bonventre Die von Pistone gelieferten Informationen führten zur Verhaftung zahlreicher Bonanno-MobsterDeStefano, S. 136. Im März 1982 warnte ein FBI-Agent Massino, dass auch er von einer Anklage bedroht sei und dieser tauchte ab.DeStefano, Seiten 140–142 1984 wurde Rastelli entlassenDeStefano, Seiten 160–163. Er und Massino ordneten die Ermordung des Bonanno-Soldaten Cesare Bonventre anRaab, Seiten 626–627. Obwohl er noch auf der Flucht war, wurde Massino zu dieser Zeit bereits als eigentlicher Boss der Familie wahrgenommenPistone; Brandt, S. 317. Vitale zufolge hatte Massino Bonventre ermorden lassen, weil der ihm bei der Flucht nicht genug Unterstützung gegeben hatteLamothe; Humphreys, S. 150.

1986 Verurteilung und 1987 Schulderlass Über den Gotti-Associate Angelo Ruggiero traf sich Massino mit dem Strafverteidiger John Pollok 1984, um einen Deal mit der Staatsanwaltschaft auszuhandeln. 1984 stellte er sich den Behörden und wurde auf Kaution laufengelassenDeStefano, Seiten 164–168. 1985 wurde Massino wegen labor racketeering, der Unterwanderung der Gewerkschaft Teamsters Local 814, und der Verschwörung zum Mord an Pastore angeklagtDeStefano, Seiten 174–176Raab, Seiten 628–629.

Das Verfahren wegen labor racketeering begann im April 1986. Neben Massino waren Rastelli und der ehemalige Underboss Nicholas Marangello angeklagt.Raab, Seiten 630–631 1987 wurde Massino zu zehn Jahren Haft verurteilt.

Im April 1987 folgte eine Anklage gegen Massino und Vitale wegen bewaffneter Raubüberfälle und dreifachen Mordes. Die Anklage scheiterte jedoch.

Während Massinos Haft in der Federal Correctional Institution (Talladega) diente Vitale als Bote, was ihn zu einer Art „co-acting boss“ neben Consigliere Anthony Spero machte.Raab, Seiten 633–635, 637 Im Auftrag Massinos organisierte Vitale den Mord an Gabriel Infanti.

Bonanno-Boss Reorganisation der Familie Nach Rastellis Tod 1991 wurde Massino einstimmig zum Boss ernannt. 1992 wurde Massino entlassen und machte Vitale zum Underboss. Massino war 48 Jahre alt und strebte eine lange Regierungszeit an, in der er nicht die gleichen Fehler wie andere Bosse begehen wollte. Deshalb befahl er seinen Untergebenen, niemals seinen Namen laut auszusprechen. Sie sollten stattdessen ihr Ohr berühren, was zu dem Spitznamen „the Ear“ führte.Raab, Seiten 639–640

Massino schloss die social clubs der Bonanno-Familie, weil er Angst vor den Abhöranlagen des FBI hatte.Crittle, Seiten 164–165 Familientreffen fanden gelegentlich im Ausland statt.Sifakis, S. 306

Massino, der aus dem Fall Pistone Schlussfolgerungen gezogen hatte, verlangte eine achtjährige Wartezeit von Assoziierten, bevor jemand in die Familie aufgenommen werden durfte und dass die Mitglieder bevorzugt ihre Söhne in die Verbrecherfamilie aufnehmen sollten, um so die Wahrscheinlichkeit des Verrats zu minimieren.

Er organisierte auch die Befehlskette innerhalb der Organisation neu.Crittle, Seiten 166–167 Seine Befehle sollten nicht mehr direkt durch die Capos an die Soldati weitergegeben werden und auch Massino selbst vermied medienwirksame öffentliche Auftritte, wie John Gotti sie praktiziert hatte. Pistone und auch der Schriftsteller Jerry Capeci bezeichneten Massino postum als den letzten großen Gangster der alten Schule.

Unterdessen machte sich Vitale familienintern unbeliebt, da er angeblich zu gierig geworden sei und seine Befehlsgewalt unzulässigerweise überzogen haben soll.Crittle, Seiten 175–176 Massino ließ 1999 Gerlando Sciascia ermorden, der Capo Anthony Graziano des Kokainkonsums verdächtigt hatte.Raab, Seiten 650–651

Massino wollte ebenfalls den Namen Bonanno-Familie in Massino-Familie ändern. Einer der Gründe war, dass er empört darüber war, dass Joseph Bonanno eine Enthüllungsautobiographie, A Man of Honor, veröffentlicht hatte. Massino sah das als Verstoß gegen die Omertà an.Crittle, S. 168DeStefano, Seiten 17, 177 Massino erzählte Vitale, dass Joe Bonanno die Familie respektlos behandelt hätte. Nach Massinos Verhaftung 2003 wurde der Name Massino-Familie nicht mehr benutzt. Der Name war innerhalb der Mafia ohnehin nicht üblich gewesen.

Beziehungen zu anderen Familien Nach der Machtübernahme Massinos wurde die Beziehung zu John Gotti immer schlechter.Raab, S. 409 Massino sagte später, er hatte den Verdacht, Gotti wolle ihn gemeinsam mit Vitale ermorden lassen. Gotti wurde nach 1992 bedeutungslos, da er zu lebenslanger Haftstrafe verurteilt worden war. Massino ärgerte sich insbesondere über Gottis Medienrummel und Eitelkeit, sowie nicht genehmigte Ermordung seines Bosses Paul Castellano Ende 1985.

Die Bonanno-Familie hatte in den 1980er Jahren einen erheblichen Niedergang erfahren. Infolge von Pistones Unterwanderung waren zahlreiche Mobster festgenommen worden und die Commission hatte die Familie sogar ausgeschlossen.Raab, S. 602 Das sollte sich langfristig sogar als Vorteil erweisen, da die Bonannos durch den Mafia Commission Trial nicht berührt wurden. In den späten 1990er Jahren hatte sich die Situation wieder erheblich verbessert, denn Massino war der einzige Mafiaboss, welcher nicht im Gefängnis saß. Die Bonanno-Familie war zur mächtigsten der Fünf Familien geworden.Raab, S. 645

Massino vermied Treffen mit anderen Bossen und regte seine Crews zum selbstständigen Arbeiten an. Im Januar 2000 traf sich Massino dennoch mit den Stellvertretern der einsitzenden Oberhäupter („acting boss“) der anderen vier Familien. Massino – als nun einflussreichster Boss – setzte seine restriktiven Maßnahmen fort: Vollmitglieder mussten jetzt rein italienischer bzw. italo-amerikanischer Herkunft sein. Wer wegen Drogendelikten vorbestraft war, konnten kein Vollmitglied mehr werden.Crittle, Seiten. 169–170

Strafverfolgung Als Massino seine Position als Boss antrat, galt ihm nicht mehr die volle Aufmerksamkeit des FBI. Dieses hatte seine Bonanno-Einheiten praktisch mit denen der Colombo-Familie zusammengelegt.Crittle, S. 135 Durch den dritten internen Familienkrieg bei den Colombos (1991–1993) war diese ohnehin genug mit sich selbst beschäftigt, um sich dagegen zu wehren.DeStefano, S. 192 Erst 1996 wurde wieder eigenständige Bonanno-Crews gegründet.Raab, S. 603