Kritische Kartographie (engl. critical cartography) hinterfragt das dominante (technische) Paradigma der Kartographie, das besagt, dass Karten neutrale Abbilder der Wirklichkeit seien, und kritisiert und analysiert Karten als Ausdruck und/oder Produzenten sozialer Wirklichkeiten. Durch kritisches Hinterfragen von Karten und ihrer Entstehung generell und im Einzelnen soll Wissen zeitlich und räumlich situiert werden, dessen Beziehung zu Macht untersucht und Grundlagen des Denkens in Frage gestellt werden.Georg Glasze: Kritische Kartographie In: Geographische Zeitschrift 97. Jg., Heft 4, 2009, , S. 181–191 hier: S. 187 Außer theoretischen Ansätzen existieren auch zahlreiche praktische Arbeiten in der Kritischen Kartographie. Theorie und Praxis der Kritischen Kartographie entwickelten sich weitestgehend unabhängig von der akademischen Disziplin „Kartographie“.Jeremy W. Crampton, John Krygier: An Introduction to Critical Geography In: ACME: An International E-Journal for Critical Geographies Band 4, Nr. 1, 2005 S. 11–33 ()

Hauptaussagen Für die Kritische Kartographie können verkürzt vier Hauptaussagen gemacht werden:Jeremy W. Crampton: Mapping. A Critical Introduction to Cartography and GIS. Wiley-Blackwell, Chichester 2010, ISBN 978-1-4051-2173-6, S. 17

1. Karten sind nützliche Werkzeuge um Wissen zu produzieren und einzuordnen. Dieses Wissen unterliegt gleichzeitig aber bestimmten unsichtbaren, limitierenden Kategorien, die es kritisch zu hinterfragen gilt.

2. Eine Möglichkeit, diese limitierenden Kategorien zu hinterfragen ist, Karten in geschichtlichen Kontext zu setzen. Durch Einordnung in die geistesgeschichtliche Entwicklung von Karten wird deutlich, dass Wissen bzw. Erkenntnis eine zeitliche Dimension hat. So können andere Perspektiven auf das Forschungsobjekt eröffnet werden. Eng einher damit geht die Prämisse, dass Wissen (über Karten, bzw. die Auslegung, was Karten sind) auch eine räumliche Dimension hat und über Entfernungen variiert.

3. Geographisches Wissen konstituiert sich aus einer Vielzahl von sozialen, ökonomischen und historischen Einflüssen und ist damit, wie alles Wissen, unlösbar mit Macht verflochten (Macht/Wissen). Insofern wird jede Karte als fundamental politisch gesehen.

4. Kritische Kartographie hat einen aktivistischen, emanzipatorischen Moment. Durch die Herausarbeitung der räumlichen und zeitlichen Begrenzung von Wissen werden hegemoniale Strukturen in Frage gestellt.

Entstehung/Entwicklung Dieser Abschnitt beschäftigt sich mit theoretischen Ansätzen mit explizitem Kritikbegriff. Einige Autoren sehen eine schon viel länger währende Tradition kritischer Praxis in der Kartographie und argumentieren, dass jede Neuerung letztendlich zunächst durch Kritik in die Wege geleitet wird.Denis Wood und John Krygier: Critical Cartography In: Rob Kitchin und Nigel Thrift (Hrsg.): International Encyclopedia of Human Geography, Elsevier, 2009, ISBN 978-0-08-044910-4, S. 340–44 (PDF; 190 KB)

Mit dem Aufbrechen eines ausschließlich rationellen, aufgeklärten Verständnisses von Gesellschaft, in der Wissenschaft sich als neutrales Organisationswerkzeug situierte, entwickelte sich in den 1960er Jahren auch in der Kartographie eine kritische Strömung. Das Paradigma, dass Karten ausschließlich Abbilder der Realität seien, wurde zunehmend angezweifelt.

So forderte der Historiker und Kartograph Arno Peters, Karten als gesellschaftliche Produkte zu interpretieren,Vgl.:. Methoden-Lexikon für die Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2014, S. 236. und kritisierte die Mercator-Projektion u. a. als eurozentristisch. Dieser stellte er die Peters-Projektion entgegen, die er als bessere Alternative verstand, was von Deutschen Gesellschaft für Kartographie und dem Verband der Landkartenverlage in Deutschland verneint wird.Ideologie statt Kartographie – Die Wahrheit über die „Peters-Weltkarte“. Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Kartographie und des Verbandes der Landkartenverlage in Deutschland aus dem Jahre 1985 über die so genannte Petersprojektion

Beeinflusst von Intellektuellen wie Panofsky, Foucault und Derrida, arbeitete der historische Geograph Brian Harley in den 1980er Jahren heraus, dass sich aus Karten implizit Regeln sozialer Ordnung zum Zeitpunkt und Ort ihrer Entstehung lesen lassen, diese also Abbilder sozialer Strukturen sind („externe Macht“). In seinen späteren Schriften spricht er zudem von einer „internen Macht“ von Karten, diese seien zwar nie die Realität, würden aber auf bestimmte Weise neue Realität schaffen.

Denis Wood, beeinflusst von dem Wirken Roland Barthes, zeigte Anfang der 1990er anhand einer Straßenkarte North Carolinas, dass jede Karte Interessen dient und insofern politisch ist. Wood und Harley gemein ist eine „mehr oder weniger poststrukturalistische und konstruktivistische Grundperspektive“Boris Michel: Für eine poststrukturalistische Perspektive auf das Machen und die Macht von Karten. Replik auf Ball und Petsimeris In: Forum Qualitative Sozialforschung. Band 11, Nr. 3, Art. 28, 2010, , (online)(Zugriff: 14. Oktober 2013), Karten werden von ihnen als Diskurs gesehen.

In den letzten Jahren nehmen vor allem in der britischen Geographie nicht- bzw. post-repräsentationale Arbeiten in Anschluss an Deleuze und Latour einen wichtigen Platz in der Kritischen Kartographie ein. Diese Ansätze werden als ein Versuch begriffen, eine vermeintliche Überbewertung von Repräsentation in poststrukturalistischen Theorien zu überwinden und diesen Ereignishaftigkeit, Akteursnetzwerke und Praktiken entgegenzustellenBoris Michel: Für eine poststrukturalistische Perspektive auf das Machen und die Macht von Karten. Replik auf Ball und Petsimeris In: Forum Qualitative Sozialforschung. Band 11, Nr. 3, Art. 28, 2010, , (online)(Zugriff: 14. Oktober 2013) hier: Kapitel 3.5.

In der deutschsprachigen Wissenschaft gibt es nur sehr wenige kritische Auseinandersetzungen mit dem Medium Karte.Georg Glasze: Kritische Kartographie In: Geographische Zeitschrift 97. Jg., Heft 4, 2009, , S. 181–191 hier: S. 181

2010 entstand mit Jeremy W. Cramptons „Mapping. A Critical Introduction to Cartography and GIS“ das erste Lehrbuch.

Kritik an der positivistischen Kartographie Grundlegende Kritik äußern Vertreter der Kritischen Kartographie an der realistischen Konzeption von Karten in der Geographie, welche als positivistisch angesehen wird. Symbolisch hierfür steht das Karten-Kommunikationsmodell.

Das Karten-Kommunikationsmodell Prägend für die Kartographie ab Mitte des 20. Jahrhunderts war die Auffassung, dass Raum mittels Punkten, Linien und Flächen konzeptionalisiert werden kannJeremy W. Crampton, John Krygier: An Introduction to Critical Geography In: ACME: An International E-Journal for Critical Geographies Band 4, Nr. 1, 2005 S. 11–33 hier: S. 20() und – in Reaktion auf die propagandistische Vereinnahmung von Karten vor allem im Zweiten Weltkrieg – dass Karten und alle Elemente in ihnen einer möglichst genauen Abbildung der Realität dienen sollten. Wichtig war der, von Shannons Kommunikationsmodell beeinflusste, amerikanische Kartograph Arthur H. Robinson. Auf Basis von wissenschaftlichen Erkenntnissen aus Psychologie, Physiologie und Design formulierte er Gestaltungsregeln für KartenJeremy W. Crampton: Mapping. A Critical Introduction to Cartography and GIS. Wiley-Blackwell, Chichester 2010, ISBN 978-1-4051-2173-6, S. 55. Außerdem entwickelte er das Karten-Kommunikationsmodell. Geographen kodieren demnach über Karten die Realität. Die Person, die die Karte liest, dekodiert diese wiederum und soll eine möglichst realistische Vorstellung des kartierten Bereichs bekommen. Bei Kodierung bzw. Dekodierung können Störungen bewusst z. B. in Form von propagandistischen Einflüssen, aber auch unbewusst auftreten. Am „Realitätsgehalt“ können Karten insofern in „gute“ und „schlechte“ Karten eingeteilt werden, wobei gute a-politisch, empirisch und wissenschaftlich sind. Diese positivistische, binäre Konzeptualisierung von Karten war vor allem in der anglophonen wissenschaftlichen Diskussion in der Geographie bis in die 1990er Jahre dominierend.Georg Glasze: Kritische Kartographie In: Geographische Zeitschrift 97. Jg., Heft 4, 2009, , S. 181–191 hier: S. 182Jeremy W. Crampton: Mapping. A Critical Introduction to Cartography and GIS. Wiley-Blackwell, Chichester 2010, ISBN 978-1-4051-2173-6, Chapter 5. How Mapping Became Scientific.

Kritik In Abgrenzung zu diesen positivistischen Ansätzen in der Kartographie ist allen Vertretern der Kritischen Kartographie zumindest der Kritikbegriff gemeinsam. Unter Kritik wird in Anlehnung an Immanuel Kant, der Frankfurter Schule und Foucaults, nicht verstanden, Fehler zu finden. Die aus einem Normensystem erwachsenden Wahrheitsansprüche (z. B.: „Karten spiegeln die Realität wider“) führen zu einer Einteilung in „richtiges“ und „falsches“ Wissen. Kritik soll die Logiken und Regeln hinter einem solchen System offenlegen, kann dieses System räumlich und zeitlich verorten und damit relativieren. Aus den erlangten Erkenntnissen wird dann versucht Alternativen zu formulieren. Kritik ist dennoch nicht klar definierbar, da sie […]nur in Beziehung auf etwas anderes als sie selbst[…]Judith Butler: Was ist Kritik? Ein Essay über Foucaults Tugend Aus dem Amerikanischen von Jürgen Brenner In: transversal – eipcp multilingual webjournal Mai 2001 (online abgerufen am 16. Oktober 2013) funktioniert. Insofern ist Kritik weit auslegbar und kann sich auf viele Arten äußern.

Der Fokus sollte also, nach dem Verständnis der Kritischen Kartographie, nicht darauf liegen die Neutralität und den Realitätsgehalt einer Karte zu perfektionieren, da dieser Ansatz nicht aus dem bestehenden Normensystem ausbrechen kann und damit verkürzt ist. Vielmehr sollen Karten helfen, verschiedene Perspektiven der Realität aufzuzeigen.

Paradigmen der Kritischen Kartographie Die kritischen Reaktionen, auf das bis dato vorherrschende Paradigma in der Kartographie, dass Karten Abbilder der Realität seien, lassen sich in zwei Paradigmen untergliedern:Georg Glasze: Kritische Kartographie In: Geographische Zeitschrift 97. Jg., Heft 4, 2009, , S. 181–191 hier: S. 182

Karten als Ausdruck sozialer (Macht-)Verhältnisse Bei der Erschaffung einer neuen Karte ist es nicht möglich, tatsächlich alle Merkmale des zu kartierenden Bereichs darzustellen. Da der Bereich skaliert werden muss, ist es für die Übersichtlichkeit notwendig, zu generalisieren und Soziales zu naturalisieren.Denis Wood: The Power of Maps The Guilford Press, New York, 1992, ISBN 978-0-89862-493-9 hier: S. 76Boris Michel: Für eine poststrukturalistische Perspektive auf das Machen und die Macht von Karten. Replik auf Ball und Petsimeris In: Forum Qualitative Sozialforschung. Band 11, Nr. 3, Art. 28, 2010, , (online)(Zugriff: 14. Oktober 2013) hier: Kapitel 3.3 Das kartierende Individuum ist auf bestimmte Weise sozialisiert, dokumentiert in diesem Prozess „[häufig] genauso eifrig die Konturen des Feudalismus, die Umrisse der religiösen Hierarchien oder die Schritte auf den Stufen der sozialen Klasse wie eine Topografie der physischen und menschlichen Umwelt.“Brian Harley (1989, dt. 2004) zitiert nach Georg Glasze: Kritische Kartographie In: Geographische Zeitschrift 97. Jg., Heft 4, 2009, , S. 181–191 hier: S. 184

Die der notwendigen Selektion zugrunde liegende, letztlich gesellschaftlich induzierte Logik führt so notwendigerweise zu einer Reproduktion des bestehenden Normensystems.

Im Endprodukt des Kartographierens, der Karte, ist der Entstehungsprozess zudem nicht mehr zu lesen. Leser stehen vor einer Abbildung von Text und Bild, deren „zahlreiche, heterogene Elemente simultan und räumlich zueinander in Beziehung gesetzt [werden]“.Georg Glasze: Kritische Kartographie In: Geographische Zeitschrift 97. Jg., Heft 4, 2009, , S. 181–191 hier: S. 184