Visual History ist ein vor allem innerhalb der Neuesten Geschichte und der Zeitgeschichte entstehendes Forschungsfeld, welches Bilder (statische wie dynamische oder elektronisch erzeugte und verlinkte) sowohl als Quellen als auch als eigenständige Gegenstände der historischen Forschung betrachtet und sich mit der Visualität von Geschichte wie mit der Historizität des Visuellen befasst.

Visual History ist eine Historische Hilfswissenschaft und zeichnet sich durch einen breiten, interdisziplinären Zugang zum Visuellen in der Geschichte aus. Sie verbindet spezifische historische Analysemethoden mit Kenntnissen und analytischen Methoden aus der Kunstgeschichte und Kunstwissenschaft und solchen aus benachbarten Disziplinen, wie der Philosophie (vor allem Phänomenologie und Semiotik), Anthropologie und Volkskunde, Ethnologie und Medienwissenschaft. Verwandte Ansätze finden sich im Rahmen der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft unter den Bezeichnungen Historische Bildkunde, Historische Bildforschung. Im angelsächsischen Sprachraum finden sich Überschneidungen mit den Visual Studies, Visual Culture Studies oder der Visual Anthropology.

Zum Begriff Visual History Der Begriff Visual History wurde im deutschsprachigen Raum zum ersten Mal 1991 von dem Historiker und Bildwissenschaftler Gerhard Jagschitz verwendet. Dieser forderte eine sozialwissenschaftliche und ganzheitliche Auseinandersetzung mit dem Medium Bild, ähnlich wie es mit dem Medium Ton in der Oral History geschehen sei. Der Zeithistoriker Gerhard Paul erweiterte den Untersuchungsgegenstand, der zunächst auf die Fotografie begrenzt schien, auf alle visuellen Medien, wie Postkarten, Plakate, Comics und Karikaturen, Filme oder elektronische Bilder aus dem Fernsehen und dem Internet.Gerhard Paul: Von der Historischen Bildkunde zur Visual History. Eine Einführung. In: Gerhard Paul (Hrsg.): Visual History. Ein Studienbuch. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006, S. 26. Stark beeinflusst wurde die Entwicklung dieses Forschungsfeldes durch den Visual und Iconic Turn in den Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften Anfang der 1990er Jahre, der als Reaktion auf das Sprachmonopol des Linguistic Turns die Untersuchung von Bildern, Zeichen und Symbolen in den Vordergrund stellte. Kunsthistoriker wie William J. T. Mitchell oder Gottfried Boehm fragten nach der Bedeutung der Visualität für das menschliche Denken und Wahrnehmen und trieben damit den Aufbau der neuen Fachrichtung Visual Culture Studies mit voran, welche als interdisziplinäres Dach für die geschichtswissenschaftliche Säule Visual History gesehen werden kann.Martin Lengwiler: Praxisbuch Geschichte. Einführung in die historischen Methoden. Orell Füssli, Zürich 2011, S. 131 f.

Die neue zeitgeschichtliche Forschungsperspektive profitierte zum einen von den Erfahrungen der Historischen Bildforschung, die von Mediävisten und Forschern der Frühen Neuzeit bei der Arbeit mit Bildquellen aufgebaut worden war.Gerhard Paul: Visual History, Version: 3.0. In: Docupedia-Zeitgeschichte, 13. März 2014, S. 5, abgerufen am 15. März 2015. Diese wurden auf bewegte Bilder übertragen und um Möglichkeiten erweitert, mit neuzeitlichen elektronischen Massenbildquellen umzugehen, die das Bild als eigenständiges kommunikatives Medium verstand.Gerhard Paul: Von der Historischen Bildkunde zur Visual History. Eine Einführung. In: Gerhard Paul (Hrsg.): Visual History. Ein Studienbuch. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006, S. 10 f. Zum anderen wurden Methoden der traditionell von Kunsthistorikern betriebenen Historischen Bildkunde aufgegriffen, deren Fokus auf der Analyse des Bildmotivs lag. Im Unterschied zu dieser sollten neben dem Bildinhalt die Bedingungen der Produktion, der Distribution und der Rezeption des Bildes in die Analyse mit einbezogen werden.Gerhard Paul: Von der Historischen Bildkunde zur Visual History. Eine Einführung. In: Gerhard Paul (Hrsg.): Visual History. Ein Studienbuch. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006, S. 10. Der Begriff umfasst nach Paul drei Aspekte, erstens enthalte er die bildliche Wahrnehmung, Auffassung und Vorstellung von Geschichte ebenso wie die historische Entwicklung des Optischen, zweitens befasse er sich mit allen Methoden, die den Erkenntnisgewinn an visuellen Objekten ermöglichen und drittens erhofft Paul sich eine neue digitale und vernetzte Darstellung von geschichtlichen Zusammenhängen.Gerhard Paul: Von der Historischen Bildkunde zur Visual History. Eine Einführung. In: Gerhard Paul (Hrsg.): Visual History. Ein Studienbuch. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006, S. 27.

Entwicklung der Forschungsrichtung Schon Mitte des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts haben Historiker wie Jules Michelet, Jacob Burckhardt und Karl Lamprecht mentalitätsgeschichtliche Bilduntersuchungen durchgeführt und versucht, kollektive zeitgenössische Moralvorstellungen aus Kunstwerken abzuleiten. Eine systematische Bildanalyse-Methode analog zu einer Quellenkritik, wie sie im geschichtswissenschaftlichen Umgang mit Texten üblich war, gab es jedoch nicht. Methodologische Auseinandersetzungen haben erst in den 1920er Jahren begonnen. Die Kenntnisse von Kunsthistorikern, die sich mittlerweile für das Bild, und Historikern, die sich für den Text zuständig hielten, sollten produktiv zusammengefasst werden. Durch den Zweiten Weltkrieg unterbrochen, wurde eine solche Kooperation erst in den 1960er Jahren neu belebt und von einzelnen weiterentwickelt.Martin Lengwiler: Praxisbuch Geschichte. Einführung in die historischen Methoden, Zürich 2011, S. 131–133. Einen wichtigen Einfluss hat die Mentalitäts- und Alltagsgeschichte in den 1980er und 1990er Jahren gespielt, die das Bild als eigenständige Quelle aufgefasst und damit besonders die Erforschung des Mittelalters und der Frühen Neuzeit bereichert habe. Das umfangreiche Bildmaterial in diesen Epochen regt bis heute zu ständig neuen Forschungsfragen an, wie zum Beispiel zu der Frage der Kunsthistorikerin Gabriele Wimböck, ab wann ein Bild „Autorität“ besitze.Gabriele Wimböck: Die Autorität des Bildes – Perspektiven für eine Geschichte vom Bild in der Frühen Neuzeit. In: Frank Büttner, Gabriele Wimböck (Hrsg.): Das Bild als Autorität. Die normierende Kraft des Bildes. LIT Verlag, Münster 2004, S. 9–43.

Neue Zugänge zur Bildanalyse haben auch die Kultur- und Politikwissenschaften mit ihren Analysen der Bildsprache in sozialen und politischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts ermöglicht.Jens Jäger: Fotografie und Geschichte, Frankfurt/M. 2009, S. 14. Zusätzliche Themenfelder sind in den 1990er Jahren durch die Gedächtnis- und Erinnerungsforschung von Harald Welzer sowie Aleida und Jan Assmann, die Bilder als „Traditionsmotoren“ verstehen, eröffnet worden. Intensiv habe sich auch der Museums- und Ausstellungsbereich und die Gedenkstättenarbeit mit Medien wie Plakaten und Fotografie und deren Wirkung auf die Rezipienten auseinandergesetzt.

Der Visual Turn ist nach einem zögerlichen Prozess, die nach Habbo Knoch an einer zeitweise bestehenden intellektuellen „Ikonophobie“ lag,Habbo Knoch: Renaissance der Bildanalyse in der Neuen Kulturgeschichte. In: Matthias Brun, Karsten Borgmann (Hrsg.): Die Sichtbarkeit der Geschichte. Beitrag zu einer Historiographie der Bilder, (= Historisches Forum. Band 5). H-Soz-Kult, Berlin 2005, S. 49, abgerufen am 1. September 2014. in der deutschen Geschichtswissenschaft angekommen.Gerhard Paul: Visual History, Version: 3.0. In: Docupedia-Zeitgeschichte, 13. März 2014, S. 3, abgerufen am 15. März 2015. Ursachen für die Wende sind laut Paul neben einem Paradigmenwechsel, der von einer jüngeren Historikergeneration vorangetrieben worden sei, technische Entwicklungen wie das Internet, die unter anderem eine extrem vereinfachte Bildrecherche über private Rechner ermöglicht hätten.Gerhard Paul: Visual History, Version: 3.0. In: Docupedia-Zeitgeschichte, 13. März 2014, S. 4, abgerufen am 15. März 2015.

Handlungsbedarf im Forschungsbereich Visual History gäbe es nach Paul noch bei der Entwicklung von verlässlichen Analysemethoden der Rezeption von visuellen Medien und der verstärkten Hinwendung zum bewegten Bild, auch wenn das stehende Bild nach Susan Sontag eine besonders eindringliche Wirkung auf die menschliche Wahrnehmung ausübt und sich „in die Festplatte des Gedächtnisses“ einbrennt.Gerhard Paul: Von der Historischen Bildkunde zur Visual History. Eine Einführung. In: Gerhard Paul (Hrsg.): Visual History. Ein Studienbuch. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006, S. 28.

Begriff des Bildes und des Bildlichen Die interdisziplinäre Neubewertung von visuellen Medien führte zu einer Diskussion über den Bildbegriff. Ähnlich wie in der allgemeineren Bildwissenschaft ist auch für die Visual History die Bilddefinition ein fundamentaler, aber ebenso umstrittener und diskutierter Ausgangspunkt. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Frage, ob und wie sich Bilder, unterschiedliche Bildformen und Wege der Produktion, Reproduktion, Rezeption und Interpretation von bildlichen Medien theoretisch systematisieren lassen. Für die Geschichtswissenschaft, deren zentrale methodische Grundlage klassischerweise die Quellenanalyse darstellt, liegt dabei zunächst ein Bildbegriff nahe, der sich mit den im Bild niederschlagenden zeitgenössischen Entstehungskontext befasst. Historiker nehmen traditionell hauptsächlich materielle Bilder in den Blick. Da sich nach der Ansicht des Historikers Jens Jäger in Bildern manifestiere, was in einer Gesellschaft in einer gewissen historischen Periode als „abbildungswürdig, als normal, als abweichend, als schön oder hässlich“ angesehen würde, seien Bilder immer auch Bestandteil der Meinungsbildung und -beeinflussung. Bilder hätten damit die Funktion übernommen, ein Verhältnis der Menschen zur Welt auszudrücken.Jens Jäger: Fotografie und Geschichte. Campus-Verlag, Frankfurt/M. 2009, S. 14 f. Dabei könne eine Bild je nach historischer Fragestellung natürlich unterschiedlich gedeutet werden.Jens Jäger: Fotografie und Geschichte. Campus-Verlag, Frankfurt/M. 2009, S. 16. Auch Heike Talkenberger sieht die Bilder nicht als reine Abbildung, sondern als Beeinflusser der Wirklichkeit, welche Meinung, Angst und eine Gegenwirklichkeit aufbauen könnten. Bei der Bearbeitung dieser Quellen setze man sich mit der „Phantasieproduktion einer Gesellschaft“ auseinander.Gerhard Paul: Von der Historischen Bildkunde zur Visual History. Eine Einführung. In: Gerhard Paul (Hrsg.): Visual History. Ein Studienbuch. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006, S. 9. Martina Heßler betont, dass die Geschichtswissenschaft das Bild nicht nur als Quelle sehen dürfe, sondern sich darüber hinaus mit den Grenzen und Möglichkeiten des Mediums Bild, seiner Funktionsweise und seiner historischen Bedeutung in der Geschichte beschäftigen müsse.