Die Große Chinesische Hungersnot ereignete sich in den Jahren 1959 bis 1961 in der Volksrepublik China. Einige Gelehrte schlossen auch das Jahr 1958 oder 1962 ein. Die Jahre des Hungerns werden in China auch als „die drei bitteren Jahre“ bezeichnet.Otto Langels: Hungersnot statt Wachstum. Vor 50 Jahren setzte die Volksrepublik China zum Großen Sprung nach vorn an, Sendung Kalenderblatt des Deutschlandfunks am 29. August 2008, (Link zum Manuskript, Abruf am 16. Oktober 2020) Die Schätzungen der Toten reichen von 15 bis 55 Millionen Menschen. Es wird allgemein als die größte Hungersnot in der Geschichte der Menschheit sowie als eine der größten von Menschen verursachten Katastrophen angesehen.Daniel Leese: Die Chinesische Kulturrevolution, Verlag C. H. Beck, München 2016, ISBN 978-3-406-68839-3, S. 19
Die Hauptursachen für die Hungersnot waren der Große Sprung nach vorn und institutionelle Maßnahmen wie die Volkskommune. Während der „7000-Kader-Konferenz“ Anfang 1962 führte Liu Shaoqi, der zweite Staatspräsident der Volksrepublik China, offiziell 30 % der Hungersnot auf Naturkatastrophen und 70 % auf von Menschen verursachte Fehler zurück. Nach dem Start von „Reform und Öffnung“ erklärte die Kommunistische Partei Chinas im Jahr 1981 offiziell, die Hungersnot sei hauptsächlich auf die Fehler des „Großen Sprunges nach vorn“ und der „Anti-Rechts-Kampagne“ zurückzuführen, zusätzlich zu einigen Naturkatastrophen und dem „Chinesisch-sowjetischen Zerwürfnis“.
Terminologie Vor Juni 1981 nannte es die Kommunistische Partei Chinas „Dreijährige Naturkatastrophe“ ().
Seit Juni 1981 nannte es die Kommunistische Partei Chinas „Dreijährige Schwierigkeitsperiode“ ().
Datenlage Produktionsrückgang Die Getreideproduktion sank in China Jahr für Jahr. Die Ernte ging im Jahr 1959 um 15 % zurück. Bis 1960 lag sie bei 70 % des Niveaus von 1958. Es gab keine Erholung bis im Jahr 1962 der „Große Sprung nach vorn“ endete.
Laut dem China Statistical Yearbook fiel die Getreideproduktion von 200 Millionen Tonnen (1958) auf 143,5 Millionen Tonnen (1960).
Zahl der Todesopfer mini|Geburten- und Sterblichkeitsrate in China. Laut den Regierungsstatistiken starben 15 Millionen Menschen während der Hungersnot.Ó Gráda, Famine: A Short History, p.95 Inoffizielle Schätzungen variieren, Forscher schätzen die Anzahl von Hungertoten jedoch auf zwischen 20 und 43 Millionen.Peng Xizhe (彭希哲), Demographic Consequences of the Great Leap Forward in China’s Provinces, Population and Development Review 13, no. 4 (1987), 639–70.For a summary of other estimates, please refer to Necrometrics Der Geschichtsforscher Frank Dikötter, dem besonderer Zugang zu chinesischem Archivmaterial gewährt wurde, schätzt, dass es mindestens 45 Millionen vorzeitige Todesfälle zwischen den Jahren 1958 und 1962 gab.Frank Dikötter: Mao’s Great Famine: The History of China’s Most Devastating Catastrophe, 1958–62. Walker & Company, 2010. p. 333. ISBN 0-8027-7768-6 Der chinesische Journalist Yang Jisheng folgerte, dass es 36 Millionen Tote durch Verhungern gab, während weitere 40 Millionen nicht geboren wurden, sodass „China’s total population loss during the Great Famine then comes to 76 million.“ (Deutsch: „Chinas gesamter Bevölkerungsverlust während der Großen Hungersnot beläuft sich auf 76 Millionen.“)
alt=|links|mini|200x200px|Veränderung der chinesischen Bevölkerung. Auf Grund des Nahrungsmittelmangels und des damaligen Anreizsystems zum Heiraten lag die Bevölkerungszahl im Jahr 1961 bei ca. 658.590.000, ca. 13.480.000 weniger als 1959. Die Geburtenrate fiel von 2,922 % (1958) auf 2,086 % (1960) und die Sterberate stieg von 1,198 % (1958) auf 2,543 % (1960), während die durchschnittlichen Werte für 1962–1965 bei ca. 4 % bzw. 1 % lagen. Noch in den 1970er Jahren wurde die landwirtschaftliche Nutzfläche im Vergleich pro Kopf auf 1,3 Hektar für die USA, 0,75 Hektar für die Sowjetunion und nur 0,18 Hektar für die Volksrepublik China berechnet – die Ernährungslage erschien weiterhin schwierig.Ting Kai Chen: Die Volksrepublik China, Ernst Klett Verlag, Stuttgart 1977, Seite 110.
Die offiziell berichtete Sterberate wies in einigen Provinzen und Bezirken eine viel dramatischere Steigerung auf. So berichtete die Regierung beispielsweise für die Provinz Sichuan, die bevölkerungsreichste Provinz Chinas, 11 Millionen Tote bei einer durchschnittlichen Bevölkerung von ca. 70 Millionen zwischen 1958 und 1961. Im Verwaltungsbezirk Huaibin berichtete die Regierung 102.000 Tote bei einer Bevölkerung von 378.000 (1960). Auf nationaler Ebene enthalten die offiziellen Statistiken ca. 15 Millionen sogenannte „excess deaths“ (deutsch: Übersterblichkeit) oder „abnormal deaths“ (deutsch: nichtnatürliche Todesursache), die meisten aufgrund von Hungertod.
Yu Dehong, Sekretär eines Parteifunktionärs in Xinyang (1959 und 1960), behauptete,
Überwiegend wird die Auffassung vertreten, dass die Regierung stark untertriebene Opferzahlen angab: Lu Baoguo, ein Reporter in Xinyang der Zeitung Xinhua, erzählte Yang Jisheng darüber, warum er nie über seine Erfahrung berichtete:
Die meisten Forscher schätzen die Zahl der Todesopfer auf 15 bis 55 Millionen. Einige westliche Analytiker wie beispielsweise Patricia Buckley Ebrey (University of Washington) schätzen, dass ca. 20–45 Millionen Menschen den Hungertod gestorben sind, der durch schlechte Regierungspolitik und Naturkatastrophen verursacht war. Ein Forschungsteam der Chinesischen Akademie der Wissenschaften kam 1989 zu dem Schluss, dass mindestens 15 Millionen Menschen an Unterernährung starben.
Li Chengrui (李成瑞), ein ehemaliger Minister des Nationalbüro für Statistik Chinas, schätzt 22 Millionen (1998). Seine Schätzung basierte auf der Schätzung (27 Millionen) von Ansley J. Coale und der Schätzung (17 Millionen) von Jiang Zhenghua (蒋正华), dem ehemaligen stellvertretenden Vorsitzenden des Ständiger Ausschuss des Nationalen Volkskongresses. Judith Banister (Direktor für globale Demografie im Conference Board) schätzt diese Zahl auf ca. 30 Millionen. Cao Shuji (曹树基) von der Jiaotong-Universität Shanghai schätzt 32,5 Millionen. Der soeben erwähnte Yang Jisheng (2008) schätzt die Zahl der Todesopfer auf 36 Millionen., chinaelections.org, 7 July 2008 Liao Gailong (廖盖隆), ehemaliger Vizedirektor der Abteilung für Geschichtsforschung der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh), berichtete über 40 Millionen unnatürliche Todesfälle aufgrund der Hungersnot. Chen Yizi (陈一谘), ein ehemaliger hochrangiger chinesischer Beamter und Top-Berater des ehemaligen KPCh-Generalsekretärs Zhao Ziyang, kam zu dem Schluss, dass 43 Millionen Menschen an der Hungersnot starben. Der Historiker Frank Dikötter schätzt, dass mindestens 45 Millionen Menschen an Hunger, Überarbeitung und staatlicher Gewalt während des Großen Sprungs nach vorn starben. Sowohl seine Annäherung an die Dokumente als auch sein Anspruch, der erste Autor zu sein, der diese nutzt, wurde jedoch von anderen Gelehrten in Frage gestellt.Dillon, Michael. „Collective Responsibility“ The Times Literary Supplement January 7 (2011), p. 13. Dikötters Studie betont ebenfalls, dass die staatliche Gewalt die Zahl der Toten erhöht hat. Er ist der Auffassung, dass mindestens 2,5 Millionen Opfer zu Tode geprügelt oder zu Tode gefoltert wurden.Frank Dikötter: Mao’s Great Famine: The History of China’s Most Devastating Catastrophe, 1958–62. Walker & Company, 2010. p. 298. ISBN 0-8027-7768-6 Er gibt ein bildhaftes Beispiel davon, was mit einer Familie geschah, nachdem ein Familienmitglied wegen Diebstahls gefangen worden war:
Yu Xiguang (余习广), ein unabhängiger chinesischer Historiker und ehemaliger Ausbilder an der Zentrale Parteihochschule der Kommunistischen Partei Chinas, schätzte, dass 55 Millionen Menschen an der Hungersnot starben. Seine Schlussfolgerung basierte auf zwei Jahrzehnten Archivforschung.
Kannibalismus Es gibt umfassende mündliche Berichte sowie einige offizielle Dokumentationen über Kannibalismus, der in verschiedenen Formen als Resultat der Hungersnot vorkam. Aufgrund des Umfangs der Hungersnot wurde der daraus resultierende Kannibalismus als so noch nie in der Geschichte des 20. Jahrhunderts dagewesen beschrieben.
Ursachen Großer Sprung nach vorn mini|Stahlproduktion während des großen Sprunges nach vorneDie Große Chinesische Hungersnot wurde durch sozialen Druck, wirtschaftliches Missmanagement und einen radikalen Umbau der Landwirtschaft verursacht. Mao Zedong, Vorsitzender der Kommunistischen Partei Chinas, führte drastische Veränderungen im Landbau ein, die Privateigentum untersagten. Verstöße hiergegen führten zur Verfolgung. Der soziale Druck, der den Bürgern hinsichtlich Landwirtschaft und Gewerbe auferlegt wurde, die seitens der Regierung kontrolliert wurde, führte zu staatlicher Instabilität. Den während des „Großen Sprungs nach vorn“ zwischen den Jahren 1958 und 1962 verabschiedeten Gesetzen geschuldet, starben Regierungsstatistiken zufolge ungefähr 36 Millionen Menschen in diesem Zeitraum.Jisheng, Yang Tombstone: The Great Chinese Famine, 1958–1962. Book Review. New York Times. Dec, 2012. March 3, 2013. http://www.nytimes.com/2012/12/09/books/review/tombstone-the-great-chinese-famine-1958-1962-by-yang-jisheng.html
Die Eisen- und Stahlproduktion wurde als Schlüsselindustrie für wirtschaftlichen Fortschritt identifiziert. Millionen Bauern wurden aus der Landwirtschaft abgezogen, um die Belegschaften der Betriebe der Stahl- und Eisenindustrie personell zu verstärken.
Volkskommune mini|Die Kantine in einer Volkskommune. Der Slogan lautet „Iss frei, arbeite hart.“.
Während des Großen Sprunges nach vorn wurde die Landwirtschaft in Volkskommunen organisiert und der private Anbau verboten.
Yang Jisheng fasste die Auswirkung des Fokus auf Produktionsziele im Jahr 2008 wie folgt zusammen:
Ausrottung der vier Plagen Im Zuge der Kampagne „Ausrottung der vier Plagen“ wurden neben Ratten, Fliegen und Stechmücken auch Spatzen in großer Zahl gejagt. Infolgedessen nahm die Zahl von Schädlingen zu und wirkte sich negativ auf die Pflanzenproduktion aus.
Gefälschte Daten Die örtlichen Parteiführer ihrerseits konspirierten, um Versäumnisse zu vertuschen und die Schuld auf andere zu schieben, um ihr eigenes Leben und Positionen zu schützen. Bei einem berühmten Beispiel wurde angekündigt, dass Mao Zedong eine örtliche landwirtschaftliche Kommune in der Provinz Shaanxi mitten in der größten Hungersnot besichtigen wollte, um die Bedingungen persönlich zu bewerten. In Vorbereitung seines Besuchs beorderten örtliche Parteibeamte Hunderte von verhungernden Bauern, vorsichtig Hunderttausende von Getreidehalmen von Hand zu entwurzeln und dann von nahegelegenen Betrieben in ein „Musterfeld“ zu verpflanzen, welches anschließend Mao gezeigt wurde, als Beweis, dass die Ernte nicht misslungen war. Ähnlich der schweren partiell anthropogenen Hungersnot in der UdSSR, von der die Ukraine am schlimmsten betroffen war (Holodomor), wurde Ärzten verboten, „Verhungern“ als Todesursache auf den Totenscheinen anzuführen. Ein berühmtes Propaganda-Bild von der Hungersnot zeigt chinesische Kinder aus der Provinz Shandong, die scheinbar auf einem Weizenfeld stehen, das so dicht gewachsen ist, dass es ihr Gewicht tragen kann. Tatsächlich standen sie auf einer Bank versteckt unterhalb der Pflanzen und das „Feld“ bestand vollständig aus einzeln transplantierten Halmen.
Landwirtschaftliche Techniken Zeitgleich mit der Kollektivierung verfügte die Zentralregierung mehrere Änderungen bei den Landwirtschaftstechniken basierend auf den Ideen des sowjetischen Pseudowissenschaftlers Trofim Denissowitsch Lyssenko. Eine dieser Ideen war es, die zu bewirtschaftenden Felder enger zu bepflanzen, wobei die Dichte der Setzlinge zuerst verdreifacht und dann noch einmal verdoppelt wurde, was dazu führte, dass das Saatgut quasi übereinander gepflanzt wurde.