mini|Republikanisches Regierungsblatt Nr. 1 im Namen der „provisorischen Regierung“ Gustav Struve Der Struve-Putsch, auch zweiter badischer Aufstand oder zweite badische Schilderhebung genannt, ist ein regionales, südbadisches Element der Deutschen Revolution 1848/1849, im engeren Sinn der Revolution im Großherzogtum Baden. Er begann mit der Proklamation einer „Deutschen Republik“ am 21. September 1848 durch den Rechtsanwalt Gustav Struve in Lörrach bzw. am 23. September in Müllheim und endete mit seiner Verhaftung am 25. September 1848 in Wehr.
Vorgeschichte
Historischer Kontext Nach dem missglückten Heckerzug vom Mai 1848 hatten sich sowohl Friedrich Hecker als auch Gustav Struve und viele andere Republikaner in die nahe Schweiz abgesetzt. Nach dem Sieg der liberalen schweizerischen Kantone gegen die im katholisch-konservativen Sonderbund zusammengeschlossenen Kantone (vgl. Sonderbundkrieg 1847) erwarteten die deutschen Republikaner in der Schweiz nicht nur einen Unterschlupf nahe der Grenze zu Deutschland, sondern auch politische Unterstützung. Die Schweiz wollte jedoch neutral bleiben und einen Konflikt mit der deutschen Vormacht Preußen vermeiden, zumal das Verhältnis durch die Ausrufung der Republik im damals preußischen Neuenburg bereits belastet war und man zeitweise einen Einmarsch preußischer Truppen befürchtete.
Andere Republikaner hatten in Frankreich Asyl gesucht und erlebten nun dort – nach der Niederschlagung des Pariser Juniaufstandes der Arbeiter – die Spaltung von Bürgertum und Arbeiterschaft, wodurch sich auch die Gräben zwischen den gemäßigten Liberalen und den Republikanern in Deutschland vertieften.
In der Schleswig-Holstein-Frage kam es zwischen Preußen und der Frankfurter Nationalversammlung zu einem Konflikt über den Vertrag von Malmö (1848). Am 5. September 1848 lehnte die Nationalversammlung mit 238 gegen 221 Stimmen den Waffenstillstand ab, ratifizierte ihn dann aber am 16. September. Am 18. September kam es deshalb in Frankfurt zu einem Aufstand (Septemberrevolution 1848) gegen die willfährige Nationalversammlung und die Dominanz Preußens, der von preußischen und österreichischen Truppen blutig niedergeschlagen wurde.
Zwischen Heckerzug und Struve-Putsch Struve hatte sich am 25. April 1848 zunächst nach Rheinfelden und von da über Basel und Hüningen nach Straßburg begeben. Die französische Regierung kam jedoch der Forderung des Deutschen Bundes nach und verwies die Flüchtlinge aus der Grenznähe. Über Châlons-en-Champagne zog er nach Paris, wo er miterlebte, wie sich der Juniaufstand anbahnte. Am 18. Juni war er jedoch schon wieder in Straßburg und zog von dort nach Birsfelden. Ab 21. Juli gab Struve die Wochenzeitung Deutscher Zuschauer in Basel heraus. Die Publikation eines RevolutionsplansGustav Struve, Karl Heinzen: Plan zur Revolutionierung und Republikanisierung Deutschlands, Birsfelden/Basel: J. U. Walser 1848 Internet Archive führte alsbald zur Ausweisung aus dem Kanton Basel-Land. Anfang August zogen die Struves ins aargauische Rheinfelden. Während Hecker Anfang September die Schweiz verließ und über Straßburg nach Le Havre reiste – wo er ein Schiff in die Vereinigten Staaten bestieg –, führte Struve die Agitation für eine deutsche Republik weiter.
Auslöser für den Putsch Nach Struves eigener Bekundung waren die Nachrichten über den Straßenkampf vom 18. September in Frankfurt der entscheidende Auslöser für die zweite badische Revolution. „Für den Fall des Sieges wollte man an den Früchten desselben Theil nehmen, für den Fall einer Niederlage den Freunden in Frankfurt eine Diversion bereiten, und den Umständen nach einen Zufluchtsort in Deutschland eröffnen.“s. G. Struve S. 116. Es gab nach Struve auch zahlreiche Aufforderungen aus Deutschland wieder loszuschlagen. Allerdings gab es unter den Flüchtlingen in der Schweiz auch Zweifel und Warnungen vor einer schlecht vorbereiteten und übereilten Aktion. Für diese Haltung steht z. B. Theodor Mögling, der eine neue Aktion zwei Tage nach der bereits erfolgten Niederschlagung des Aufstands in Frankfurt für unpassend hielt. Er erhob gegen Struve sogar den Vorwurf: „Wir hatten einen viel weiter greifenderen umfassenderen Plan, den uns Struve durch seinen übelberechneten Putsch vollständig verdarb.“s. Mögling S. 134. Gleichwohl beteiligten sich Mögling und seine Gefolgschaft an der Aktion, nachdem Struve diese am 21. September gestartet hatte. Von Gegnern der Republikaner wurde allerdings auch verbreitet, dass Struve schlicht aus wirtschaftlichen Gründen zu einer Aktion gezwungen war, da er in Basel kein Auskommen fand.s. Eduard Kaiser: Aus alten Tagen. Lebenserinnerungen eines Markgräflers. 1815–1875, Lörrach 1910, Neudruck Weil am Rhein 1981, S. 259.
Wohlstand, Bildung und Freiheit für Alle „Wohlstand, Bildung und Freiheit für Alle“ war die Parole des Struve-Putsches. Der 1848 von Gustav Struve und Karl Heinzen publizierte „Plan zur Revolutionirung und Republikanisirung Deutschlands“Gustav Struve, Karl Heinzen: Plan zur Revolutionierung und Republikanisierung Deutschlands, Birsfelden/Basel: J. U. Walser 1848 Internet Archive kann als das eigentliche Regierungsprogramm Struves angesehen werden. Die Ausarbeitung erfolgte im Rahmen des Zentralausschusses der republikanischen Flüchtlinge in Straßburg. Im Vordergrund stand die Abschaffung der Monarchien, die deutsche Einheit wurde nur im Rahmen einer Republik angestrebt. Neben den Forderungen nach bürgerlichen Rechten und Freiheiten (z. B. Pressefreiheit, Geschworenengerichte) wurden auch soziale Forderungen erhoben. So wurde in Artikel 7 gefordert: „Das Mißverhältnis zwischen Arbeit und Kapital soll ausgeglichen werden durch die Wirksamkeit eines besonderen Arbeitsministeriums, welches dem Wucher steuert, die Arbeit schützt und derselben namentlich einen angemessenen Antheil an dem Arbeitsgewinne sichert.“ In Teilen weist das Programm schon einen beachtlichen Detaillierungsgrad auf, so wird z. B. das System der geforderten progressiven Einkommensteuer schon ziemlich genau beschrieben. Aus heutiger Sicht wäre das Programm für weite Teile der Bevölkerung konsensfähig, in der damaligen Zeit bedeutete es nicht nur für Monarchisten Hochverrat, sondern war auch für weite Teile des Bürgertums, das sich eine gesamtdeutsche konstitutionelle Monarchie mit einigen bürgerlichen Freiheiten wünschte, inakzeptabel.
Der Putsch mini|Gustav Struve Nachdem Struve am Abend des 20. September 1848 die Gewissheit erlangt hatte, dass ihn die Bürgerwehr von Lörrach unterstützen würde, informierte er seine Gesinnungsgenossen in Lörrachhierzu gehörte wohl auch die Bürgerwehr in Lörrach und deren Offizier Markus Pflüger; Struve nennt in seinen Erinnerungen im Hinblick auf die spätere politische Verfolgung der Republikaner keine Namen von seiner Absicht, am folgenden Tag um 16 Uhr die Grenze von Riehen nach Stetten zu überschreiten. Unter seinen Begleitern waren u. a. Moritz Wilhelm von Löwenfels, Karl Blind, Friedrich Neff, Pedro Düsar, Max Fiala und Josef Spehn. Die Gruppe war beim Grenzübertritt unbewaffnet und wurde auch von den badischen Zöllnern nicht behindert. In Stetten kam es zur Vereinigung mit der dortigen Bürgerwehr. Man zog weiter nach Lörrach, wo bereits nachmittags die bewaffnete Bürgerwehr die wichtigsten Punkte der Stadt besetzt und die großherzoglichen Beamten verhaftet hatte. Struve traf gegen 18 Uhr in Lörrach ein. Vom Balkon des Rathauses proklamierte er die deutsche Republik. Er rief das Kriegsrecht aus. Alle waffenfähigen Männer vom 18. bis 40. Lebensjahr wurden zu den Waffen gerufen. An Stelle des noch nicht eingetroffenen Johann Philipp Becker übernahm Moritz Wilhelm von LöwenfelsMoritz Wilhelm von Löwenfels (1820–1902) aus Vallendar bei Koblenz, ehemaliger preußischer Leutnant und Lehrer für Mathematik und Französisch die militärische Leitung. Wilhelm Liebknecht erhielt den Auftrag, bei Säckingen weitere Republikaner zu sammeln und am Folgetag mit ihnen zu Struve zu stoßen. Allerdings wurde er schon bald bei Säckingen verhaftet und nach Freiburg gebracht. Karl Blind agierte als Schriftführer der provisorischen republikanischen Regierung und Friedrich Neff sollte durch Requirierung der öffentlichen Kassen für die nötigen Finanzmittel sorgen. Struve rechnete damit, dass sich alsbald prominente Mitglieder der Linken in der Frankfurter Nationalversammlung in seinem Hauptquartier einfinden würden und seine Regierung auf eine breitere personelle Basis gestellt werden könnte.s. Löwenfels, S. 18. Der Struve-Putsch war wohl bei den Republikanern eine umstrittene Aktion, allerdings handelte es sich keineswegs um eine rein lokale Angelegenheit und keine Aktion einiger weniger. Beleg hierfür sind auch die zahlreichen – und offenbar koordinierten – Sabotageaktionen an den Eisenbahnanlagen zwischen Heidelberg und Schliengen und bei Weinheim, die das Verlegen von Truppen behindern sollten.Norbert Möller: Die Rolle der Eisenbahn in der Badischen Revolution von 1848/49. In: Badische Heimat, Heft 3/1997, S. 362–363 BLB Karlsruhe
mini|zentriert|hochkant=3.5|Schriftzug am Balkon des Alten Rathauses in Lörrach mini|Karl Blind Durch die zwangsweise Mobilisierung der militärischen Aufgebote der Gemeinden (beim Heckerzug hatte man nur auf Freiwillige gesetzt) erwartete Struve, eine Streitmacht von 10.000 Mann aufbieten zu können. Die Kolonne Struve rückte am 23. September aus Lörrach über Kandern und Schliengen nach Müllheim ab. Die beiden Kolonnen (Struve – Rheintal und Mögling – Wiesental) sollten sich bei Horben vor Freiburg treffen, um die Stadt dann einzunehmen. Am 24. September rückte die Kolonne auf Staufen vor, wo es gleichen Tages zum Gefecht um Staufen kam, das mit der Zerschlagung und Flucht der Freischaren endete.
Friedrich Neff war nicht mit der Hauptkolonne nach Staufen gezogen, sondern sammelte in Müllheim noch weitere Zuzüge zu den Freischaren; mit diesen etwa 2000 Mann zog er gegen 13 Uhr der Hauptkolonne über Hügelheim nach. Nachdem sie dort die Nachricht von der Niederlage in Staufen erreichte, zerstreute sich bereits ein Teil dieses Zuges. Neff wollte mit den verbliebenen 1.500 Mann über Sulzburg nach Todtnau, um sich dort mit der Wiesentäler Kolonne zu vereinigen. Am 25. September führte er seine Kolonne jedoch nach Müllheim zurück. Dort traf er auf August Willich, der aus seinem französischen Exil zu spät zu den Freischaren gestoßen war und auch keine nennenswerten Verbände mit sich führte. Willich versuchte nochmals, die undisziplinierten Reste nach Sulzburg zu führen, was aber nicht mehr möglich war, da die Freischaren angesichts badischer Truppen sogleich flohen. Da auch Müllheim inzwischen von Truppen bedroht wurde, zerstreuten sich die Freischaren nun endgültig, und ihre Führer flohen in die Schweiz. Am 26. September wurde Müllheim dann von Truppen besetzt. Überall waren die großherzoglichen Beamten wieder befreit und im Amt. In den Folgetagen wurde das gesamte Oberland von badischen und inzwischen ebenfalls eingetroffenen Reichstruppen besetzt. Struves Hoffnung auf eine Ausbreitung des Aufstands auf andere Gebiete erfüllte sich nicht. Lediglich im württembergischen Rottweil gab es am 24. September eine von Gottlieb Rau organisierte Volksversammlung, und am 25. September brach eine etwa 1.000 Mann starke Gruppe bewaffnet Richtung Stuttgart auf. Nach Bekanntwerden der Niederlage der Freischärler bei Staufen löste sich jedoch auch dieser Zug wieder auf.
Der Marschweg der Hauptkolonne Die folgende Skizze des Marschwegs basiert auf der von Struve selbst gegebenen Beschreibung bzgl. seines Hauptquartiers.Gustav Struve: Geschichte der drei Volkserhebungen in Baden. Zwölfter Abschnitt. Die Tage des 21., 22., 23. u. 24. September 1848. Jenni, Sohn, Bern 1849, S. 116–133 Internet Archive Die Lörracher Bürgerwehr unter Markus Pflüger befand sich als Avantgarde jeweils früher an den angegebenen Orten. Die Bewegungen der Seitenkolonne unter Mögling und Doll im Wiesental sind hier nicht berücksichtigt: