Sieben Jahre ist ein Roman des Schweizer Schriftstellers Peter Stamm. Der Titel spielt auf Jakob an, den biblischen Stammvater der Israeliten. Wie dieser steht Stamms Protagonist, ein junger Architekt namens Alexander, zwischen zwei Frauen: seiner ebenso schönen wie intelligenten Kollegin Sonja, die er heiratet und mit der er ein Architekturbüro gründet, sowie der illegal in Deutschland lebenden, unattraktiven Polin Iwona, zu der ihn eine unerklärliche Leidenschaft hinzieht. Der Roman erschien im Herbst 2009 beim S. Fischer Verlag und gelangte auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2009.
Inhalt
miniatur|Studentenbungalows im Münchner Olympiadorf Alexander, Rüdiger und Ferdi sind drei befreundete Architekturstudenten in München. Aus einer Laune heraus sprechen sie im Biergarten eine junge Frau namens Iwona an, eine Polin aus Posen, die ohne Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland lebt. Obwohl Alexander die scheue, religiös geprägte Iwona ebenso unattraktiv wie uninteressant findet, kommt es zwischen den beiden zu einer fast wortlosen, rein sexuellen Affäre, bei der er sich frei von allen Verpflichtungen fühlt. Auch als der Student, der im Olympiadorf wohnt, mit Rüdigers Freundin Sonja zusammenkommt, kann er sich der Leidenschaft für Iwona nicht erwehren. Dabei scheint Sonja, die ebenfalls Architektur studiert, die perfekte Partnerin für ihn: schön, intelligent, vernünftig und erfolgreich. Allerdings ist sie in allen Zärtlichkeiten gehemmt und bringt Alexander nicht dieselbe bedingungslose Hingabe entgegen wie Iwona.
Erst als er Sonja heiratet, bricht Alexander die Verbindung zu Iwona ab. Das Ehepaar gründet ein gemeinsames Architekturbüro und kauft sich ein Haus in Tutzing am Starnberger See. Einzig der unerfüllte Kinderwunsch wirft einen Schatten auf die durchgeplante Ehe. Nach sieben Jahren tritt Iwona durch einen Brief, in dem sie um Geld für eine Operation bittet, abermals in Alexanders Leben. Sie liebt den jungen Architekten noch immer, blieb ihm all die Jahre treu, während sie illegal als Putzfrau arbeitete und ihre geistige Heimat in katholischen Zirkeln fand. Abermals verspürt Alexander dieselbe Leidenschaft für die Frau, mit der ihn nichts zu verbinden scheint, und er beginnt sie zu demütigen, indem er ihre regelmäßigen Schäferstündchen finanziell entlohnt. Als Iwona schwanger wird, hält es Alexander für die beste Lösung, das Kind mit seiner Frau Sonja zu adoptieren. Er überzeugt beide Frauen von seinen Plänen. Die beherrschte Sonja ist bereit, über die Seitensprünge ihres Ehemannes hinwegzusehen. Iwona möchte ihre Tochter Sophie nach der Übergabe nicht mehr sehen und sucht keinerlei Kontakt zu der neuen Familie.
miniatur|Panorama von Marseille
Abermals sieben Jahre später zeitigt die Baukrise Auswirkungen auf das Architekturbüro, das Insolvenz anmelden muss. Sonja nimmt eine Stelle in Marseille an, wo sie einst während des Studiums ein Praktikum absolvierte und sich die künftigen Eheleute näherkamen. Der verlassene Alexander, der unter Aufsicht einer Insolvenzverwalterin steht, verwahrlost zusehends. Zum ersten Mal sucht er aktiv nach Iwona, die mit ihrer Cousine Ewa noch immer in München lebt und weiterhin auf ihn fixiert ist. Er entdeckt, dass Iwona ein Album führt, in dem sie Fotografien und Erinnerungsstücke an ihn verwahrt. Als er eines Nachts völlig betrunken bei ihr auftaucht, ist dies die erste vollständige Nacht, die beide zusammen verbringen, doch am Morgen verlässt Alexander Iwona erneut ohne Gruß und sucht sie nicht wieder auf. Nach einem halben Jahr kehrt Sonja aus Marseille zurück, ihre Eltern kaufen das Haus in Tutzing aus der Insolvenzmasse frei, und durch harte Arbeit gelingt es dem Ehepaar, das Architekturbüro zu entschulden.
Drei Jahre später ist die Malerin Antje bei dem Architektenpaar zu Gast, das sie einst tatkräftig verkuppelte. Alexander erzählt ihr die Geschichte seiner Ehe. Er ist sich endlich sicher, dass die Affäre mit Iwona abgeschlossen ist. Doch nun gesteht Sonja Alexander, dass das Leben, das sie führt, sie nicht glücklich macht und sie sich von ihm trennen will, um nach Marseille zu ziehen. Sophie soll bei Alexander bleiben. Als dieser Antje zum Flughafen begleitet, ruft die Atmosphäre in ihm Fernweh und die Sehnsucht nach einem Neubeginn wach. Es ist dieselbe Mischung aus Angst und Befreiung, die er in seinem Leben nur in den Momenten mit Iwona kennengelernt hat.
Hintergrund
miniatur|hochkant|Peter Stamm (2012) Sieben Jahre ist Peter Stamms vierter und zum Zeitpunkt der Veröffentlichung umfangreichster Roman.Bettina Schulte: Licht und Schatten. In: Badische Zeitung vom 15. August 2009. Laut Verena Mayer nimmt sich der Schweizer Autor „viel Zeit, die Ecken und Kanten seiner Hauptfigur auszuleuchten“, unter anderem auch durch die Technik der Rückblende.Verena Mayer: Architekt des Unglücks. In: Cicero vom 1. Oktober 2009. Stamm beschrieb seine bisherigen Romane als Kammerstücke, die in einem begrenzten Zeitraum von wenigen Monaten und in einer unbestimmten Gegenwart handeln. In Sieben Jahre benötigt die Entwicklung der Figuren und ihrer Beziehungen dagegen insgesamt achtzehn Jahre, und die Handlung wird immer wieder von Verweisen auf das Zeitgeschehen wie den Tod Herbert von Karajans, den Fall der Mauer oder die Wirtschaftskrise begleitet.. Interview mit Oliver Vogel in einer Broschüre des S. Fischer Verlag (pdf; 644 kB).
Als Ausgangspunkt des Romans benannte Stamm das Theaterstück Iwona Księżniczka Burgunda des polnischen Schriftstellers Witold Gombrowicz aus dem Jahr 1935, in dem der Prinz die hässlichste Frau des Reiches heiratet, die dann eine unerwartete Macht über ihn gewinnt. Ähnliches passiert in Sieben Jahre dem Architekten Alexander mit der Polin Iwona, deren Name der Burgunderprinzessin entlehnt ist. Stamm interessierte vor allem die Frage, welche Macht ein Mensch über einen anderen gewinnt, indem er ihn liebt. Die Handlung siedelte er bewusst in München an, einer Stadt, deren Schickeria durch den äußeren Schein bestimmt sei, die sich durch den Katholizismus und die Einbettung in die Natur jedoch auch eine zu Iwona passende dunkle Urwüchsigkeit bewahrt habe. Dabei handle der Roman von Menschen, „die ihr Leben so planen wie Architekten: Alles ist perfekt, aber es stimmt trotzdem nicht. Die großen Entwürfe gehen immer schief. Man kann Menschen nicht ordnen.“Bettina Schulte: „Man kann Menschen nicht erklären“. Interview mit Peter Stamm. In: Badische Zeitung vom 17. September 2011.
Interpretation
Sieben Jahre
miniatur|hochkant|Lea und Rahel in einem Aquarell von Dante Gabriel Rossetti (1855) Peter Stamm unterteilte die 18 Jahre der Handlungszeit des Romans in zwei Episoden von sieben Jahren, die im Rückblick aus einer vier Jahre späteren Rahmenhandlung heraus erzählt werden.Peter Stamm redet über sein Buch "Sieben Jahre" beim Goethe-Institut Barcelona auf Youtube. Im Roman zitiert er das biblische Modell um den Stammvater Jakob und seine beiden Ehefrauen Lea und Rahel. Wie dieser muss der Architekt Alexander sieben Jahre „Ehefron“ und Abstinenz ertragen, ehe er seine Leidenschaft mit Iwona ausleben kann. Und auch in Alexanders Beziehung ist es die „falsche“ Frau, die schwanger wird: „Als aber der HERR sah, dass Lea ungeliebt war, machte er sie fruchtbar; Rahel aber war unfruchtbar.“ Roman Bucheli: Szenen einer Ehe. In: Neue Zürcher Zeitung vom 18. August 2009. Für Gerrit Bartels wird das beinahe aus einer unbefleckten Empfängnis entstandene Kind zu einem Heiland für die angeschlagene Ehe des Architektenpaares.Gerrit Bartels: Wie die Putzfrau zum Kind kommt. In: Der Tagesspiegel vom 18. August 2009.
Auch Bettina Schulte zieht einen biblischen Vergleich zu den sieben fetten und sieben mageren Jahren, die Josef, der Sohn Jakobs, den Ägyptern weissagt, und sie fragt, ob Alexanders Zeit an der Seite Sonjas nun „Jahre der Erfüllung oder der Entbehrung, Jahre des Glücks oder des Unglücks“ gewesen seien. Shirin Sojitrawalla verweist dagegen auf Das verflixte 7. Jahr, in dem Alexanders Leidenschaft für Iwona wieder aufbricht.Shirin Sojitrawalla: Das Leben als Projekt. In: Wiener Zeitung vom 25. September 2009. „Sieben Jahre Einsamkeit“ – in Anlehnung an Gabriel García Márquez’ Roman Hundert Jahre Einsamkeit – erkennt Josef Bichler, für den der „Siebenjahrestakt“ ein ordnendes Element in der Lebensgeschichte des Architekten darstellt.Josef Bichler: Sieben Jahre Einsamkeit. In: Der Standard vom 3./4. Oktober 2009.
Architektur
mini|Unité d’habitation von Le Corbusier am Beispiel des Corbusierhauses in Berlin mini|Quartier Schützenstraße in Berlin von Aldo Rossi Der Schutzumschlag des Buches zeigt die Cité Radieuse in Marseille, für die Sonja eine besondere Faszination empfindet. Dem Roman vorangestellt ist ein Zitat des Architekten Le Corbusier: „Lichter und Schatten enthüllen die Formen“.Petra Schröder: Zwei Frauen, zwei Lebensentwürfe. Auf: Deutschlandradio Kultur vom 10. Januar 2010. Für Bettina Schulte stehen Licht und Schatten für die zwei unterschiedlichen Frauen des Romans: Sonja, die im Einleitungssatz im Zentrum eines hell erleuchteten Raums steht, und Iwona, die eine Schattenexistenz führt. Sandra Kegel sieht das „Spiel von Licht und Schatten“ als Konstruktionsprinzip von Sieben Jahre.Sandra Kegel: Iwona, die Biergartenprinzessin. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 8. August 2009. Dabei ist das Häuserbauen laut Shirin Sojitrawalla die zentrale Metapher des Romans, die sowohl für die Ehe der beiden Architekten als auch für Stamms Erzählstil steht, der an Alexanders Träume von Transparenz und Offenheit erinnert, von Räumen, die Gefühle erzeugen.
Bereits die architektonischen Vorbilder Sonjas und Alexanders zeigen die gegensätzlichen Lebenseinstellungen der Eheleute: Sonja verehrt die Moderne Le Corbusiers und die Funktionalität von dessen Bauten. Alexander fühlt sich zu der Melancholie und Rückwärtsgewandtheit Aldo Rossis hingezogen. Während Sonja an eine Veränderung der Welt durch Architektur glaubt, sieht er bereits alle großen Taten vollbracht.Sandra Leis: Doppelleben eines Architekten. In: NZZ am Sonntag vom 30. August 2009 (pdf; 2,2 MB). Es ist nicht Liebe, was die beiden Ehepartner verbindet, sondern das gemeinsame Verständnis der eigenen Biografie als Projekt, das geplant und gestaltet werden muss.Christoph Schröder: Das bedrohliche Gefühl von Freiheit. In: Frankfurter Rundschau vom 11. August 2009. Doch das Leben lässt sich nicht am Reißbrett entwerfen, der theoretische Plan hält den schnöden Anforderungen der Praxis nicht stand, wie Sonja in einem Disput mit dem Hausmeister einer von ihr entworfenen Schule erfahren muss, dessen primäre Sorge eine ausreichende Anzahl von Fahrradständern ist. Am Ende wird Alexander laut Verena Mayer zum „Architekten des Unglücks“ für die Frauen, denen er begegnet. Shirin Sojitrawalla spricht von der „Insolvenz einer Ehe“ und einer „Architektur des Scheiterns“.
Für Martin Ebel ist die Architektur unter allen Kunstformen besonders gut geeignet, den Träumen der Menschen eine sichtbare, reale Behausung zu verleihen. Sie mache aber auch deren Scheitern besonders deutlich. So verliert Alexander in seiner Karriere nach und nach alles Schöpferische, und seine Entwürfe sind am Ende nicht mehr als selbstbezogene Spielerei, die niemals umgesetzt werden wird, während sich seine Rolle bei den realen Projekten auf die Aufsicht über die Baustelle beschränkt.Martin Ebel: Der neue Stamm ist baumstark. In: Tages-Anzeiger vom 8. August 2009. Für Roman Bucheli sind Architekten jedenfalls „die domestizierten Künstler, die ihre Zeichenkunst dem rechten Winkel unterworfen und ihre Imaginationskraft in den Kundendienst gestellt haben.“ Das Gegenmodell der Architekten bildet die Malerin Antje, die sich mit ihrem jungen Liebhaber nicht nur den gesellschaftlichen Konventionen entzogen hat, sondern die auch als einzige Figur des Romans ein wirklich freies und selbstbestimmtes Leben führt.
Dreiecksgeschichte