Gert „Charly“ Dörfel (* 18. September 1939 in Hamburg) ist ein ehemaliger deutscher Fußballspieler. Er spielte die meiste Zeit seiner Karriere beim Hamburger SV und ist der erste Torschütze des Vereins in der Bundesliga. Der linke Flügelstürmer hat mit dem HSV 1960 die deutsche Fußballmeisterschaft und 1963 den DFB-Pokal gewonnen.Hardy Grüne, Lorenz Knieriem: Spielerlexikon 1890 bis 1963. S. 61. In der Statistik wird er bei den „Rautenträgern“ von 1959 bis 1963 mit 101 Spielen in der Fußball-Oberliga Nord (50 Tore), von 1963 bis 1972 in der Fußball-Bundesliga mit 224 Ligaeinsätzen und 58 Toren, mit 22 Endrundeneinsätzen in den Spielen um die deutsche Fußballmeisterschaft (8 Tore), mit 34 DFB-Pokalspielen (15 Tore) und 30 Einsätzen im Europapokal mit 11 Toren geführt.Jens R. Prüß, Hartmut Irle: Tore, Punkte, Spieler. Die komplette HSV-Statistik. S. 334. In der Fußballnationalmannschaft hat er von 1960 bis 1964 in elf Länderspielen sieben Tore erzielt.Hardy Grüne, Lorenz Knieriem: Spielerlexikon 1890 bis 1963. S. 61.

Leben und Karriere Jugend und Amateurspieler, bis 1959 Dörfel entstammt einer namhaften Fußballfamilie. Sein Vater Friedo Dörfel (1915–1980) spielte als Außenstürmer oder Verteidiger von 1933 bis 1948 für den Hamburger SV und bestritt 1942 zwei A-Länderspiele. Bruder Bernd Dörfel (* 1944) brachte es zwischen 1966 und 1969 auf 15 A-Länderspiele und spielte von 1963 bis 1970 139-mal als Rechtsaußen beim HSV und bei Eintracht Braunschweig. Sein Onkel Richard Dörfel (1911–1965) war einst Ehrenspielführer des Hamburger SV.

mini|Fußabdruck von „Charly“ Dörfel auf dem „walk of fame“ vor dem Volksparkstadion Im Hamburger Stadtteil Harburg geboren, dort im Zweiten Weltkrieg ausgebombt, fand die Familie Dörfel 1946 in der Grabbestraße in Altona-Nord ein neues Zuhause. Sein Vater arbeitete als Fuhrunternehmer, die Mutter war Hausfrau. Bereits kurze Zeit nach dem Wohnungswechsel wurde Gert vom Vater in der Fußballabteilung der SVgg. Polizei Hamburg angemeldet. Der Polizei-Sportplatz lag im Sternschanzenpark, also nicht weit von der Wohnung entfernt und Gert hat dort in den folgenden Jahren sämtliche Knaben- und Jugendmannschaften durchlaufen. Da sein Verein nicht zu den führenden Mannschaften in Hamburg gezählt und auch nicht im Blickpunkt gestanden hatte, war für den überragenden Angreifer aber kein Einsatz in der DFB-Jugendnationalmannschaft möglich gewesen. Im UEFA-Juniorenturnier 1957 vertraten Spieler wie Otto Keller, Günter Herrmann, Reinhold Wischnowsky, Siegfried Gast und Peter Grosser die deutschen Farben.Karl-Heinz Heimann, Karl-Heinz Jens: Kicker-Almanach 1989. Copress-Verlag. München 1988, ISBN 3-7679-0245-1, S. 406. Weitaus mehr Zeit verbrachte Dörfel aber in dieser Phase mit täglichem, stundenlangen Bolzen auf Schulhöfen und in den damals noch wenig befahrenen Gassen Altonas, wo er auch mit seinen Freunden schon bald den Straßenfußballclub FC Lessing gegründet hatte. Mit Harry Bähre, Heiko Kurth, Hubert Stapelfeldt, den Dörfel-Brüdern sowie Jürgen Wähling kamen gleich sechs Akteure dieser Straßenmannschaft später bis in die Bundesliga.

Während der Saison 1957/58 galt der Wechsel des damals noch für die Polizei Hamburg stürmenden Linksaußen zum Oberligisten VfB Lübeck bereits als sicher. VfB-Trainer zu jenem Zeitpunkt war Charlys Vater Friedo. In dieser Phase – er spielte mit Sondergenehmigung bereits mit 16 Jahren im Herrenteam – wurde er auch schon mit Schlagzeilen bedacht wie mit der vom November 1957 im Sport Hamburg, als er nach drei Treffern zum 5:1 der „Polizisten“ über die Spielvereinigung Blankenese mit folgenden Worten Erwähnung fand: „Er schoss wie einst Vater Friedo, er zeigte, dass er ein Vollblut-Fußballer zu werden verspricht.“ Mit einem 90-minütigen Galaauftritt in einem Pokalspiel gegen die HSV-Amateure sorgte er aber im Frühjahr 1958 jedoch selbst für die Wende. Denn HSV-Ligatrainer Günter Mahlmann gingen am Spielfeldrand angesichts Charlys Fußballfähigkeiten die Augen geradezu über. Er sagte zu Vater Friedo: „Wir suchen doch selbst einen guten Linksaußen. Der darf nicht nach Lübeck gehen!“ Nur wenige Tage später wurde der bereits als perfekt verbuchte Wechsel zum VfB Lübeck rückgängig gemacht, und Charly unterschrieb einen Amateurvertrag beim Hamburger SV.Hans Vinke: Charly Dörfel. Freibeuter des Fußballfeldes. S. 30.

Dörfel kam zur Saison 1958/59 mit einer Ablösesumme von 3000 Mark vom drittklassigen Verein SV Polizei Hamburg, in dessen Jugend er 1949 mit dem Fußballspielen begann, zur Amateurmannschaft des Hamburger SV. Diese trat in der Amateurliga Hamburg an. Dörfel spielte 1958/59 eine herausragende Runde bei den HSV-Amateuren und holte sich in der Amateurliga mit 25 Treffern die Torjägerkrone,Walter Grüber: Fußball-Torjägerstatistik Deutschland. Books on Demand GmbH. Norderstedt 2011, ISBN 978-3-8448-6248-5, S. 254. obwohl das Team nur den 14. Tabellenrang belegte und damit abstieg. Daneben schaffte das Jungtalent noch den Sprung in die Hamburger Landesauswahl und auch in die deutsche Fußballnationalmannschaft der Amateure. Den Wettbewerb um den Länderpokal gewann er mit Mitspielern wie Jürgen Kurbjuhn und Uwe Witt am 25. April 1959 am Millerntor mit 4:1 gegen die Auswahl von Hessen und erzielte dabei vor 24.000 Zuschauern nach furiosem Auftritt zwei Tore.Karl-Heinz Heimann, Karl-Heinz Jens: Kicker-Almanach 1989. Copress-Verlag. München 1988, ISBN 3-7679-0245-1, S. 217.Hans Vinke: Charly Dörfel. Freibeuter des Fußballfeldes. S. 24. Debütiert hatte Dörfel mit einer herausragenden Leistung in der Hamburger Auswahl am 21. September 1958 in Siegen bei einem 3:2-Sieg über Gastgeber Westfalen. Der Sport Hamburg vermerkte nach dem glänzenden Debüt: „Obwohl einer der jüngsten Spieler des Feldes, operierte kein anderer mit so viel Sachverstand und angeborenem Fußballinstinkt wie dieser Sohn des Alt-Internationalen Friedo Dörfel. Am Ball eine glänzende Begabung, dazu trickreich, ferner mit einer feinen Übersicht und einem ausgesprochenen Torriecher ausgestattet, bringt er trotz seiner geringen Körpergröße viele Voraussetzungen für eine große Karriere mit. Mit der Einschränkung allerdings, dass seine Erfolge ihm nicht zu Kopf steigen.“Hans Vinke: Charly Dörfel. Freibeuter des Fußballfeldes. S. 17. Geradezu ins Schwärmen geriet einen Monat später Bild, nachdem Dörfel am 26. Oktober die Hamburger Amateurauswahl mit zwei Treffern zum 5:1-Sieg über Bremen und damit ins Länderpokal-Halbfinale geführt hatte: „Er hatte seinen Verteidiger durch ein Riesenpensum mürbe gemacht. Er hatte im eigenen Strafraum geholfen, Ecken getreten, verletzte Mitspieler massiert, Alleingänge versucht, manchen Fehler gemacht, aber nie stillgestanden. Ein kleiner Freibeuter auf dem Fußballfeld, ein Bündel Energie, das selbst die offenen Schürsenkel vor lauter Eifer nicht bemerkte.“

Als im November 1958 – Dörfel hatte gerade erst elf Punktespiele für die HSV-Amateure absolviert – Hamburgs Zeitungen eine Abstimmung zur „Elf des Volkes“ durchführten, war er bereits zu einem Lokalhelden aufgestiegen. Die Leser jedenfalls wählten ihn mit großer Mehrheit als Linksaußen in das Hamburger Dreamteam – als einziger Amateur unter lauter Oberliga-Kickern! „Aus der Sandkiste in die Städteelf“ titelte Bild und rätselte: „Er setzt nun den Fuß auf eine Sprossenleiter nach oben, von der niemand weiß, wohin sie führt.“ 22.000 Zuschauer erlebten am 16. November 1958 am Rothenbaum einen 2:0-Erfolg der Hamburger Stadtauswahl gegen Berlin. Der „kleine Freibeuter“ bot dabei eine grandiose Vorstellung und krönte seine Leistung in der Schlussminute mit einem tollen Außenristschuss zum 2:0-Endstand. „Hamburgs Gewinn heißt Gert Dörfel“ und „22.000 feierten Talent Dörfel“ lauteten tags drauf die Schlagzeilen. „Mit seinem Spiel hatte Gert Dörfel gezeigt, dass er der Linksaußen ist, auf den Hamburgs Fußball seit langem gewartet hat“, stand in der Bild. Den Gegner narren, dann die präzise Flanke schlagen – kein anderer Außenstürmer jener Zeit beherrschte diese Kombination so eindrucksvoll wie der leichtfüßige, extrem antrittsschnelle Dörfel. Eine Gabe, mit der er auch dem damaligen Bundestrainer Sepp Herberger schwer imponierte. Dörfels langjähriger HSV-Teamkollege und späterer Sportjournalist Gerhard Krug beschrieb die Spielweise des Flügelstürmers so: „Er besaß einfach das Talent, den Gegner bis auf die Zehenspitze heranzulocken, um dann im Doppelpass oder Alleingang am Verteidiger vorbeizurauschen.“Hans Vinke: Charly Dörfel. Freibeuter des Fußballfeldes. S. 21. Charly Dörfel traf den Lebensnerv speziell der jugendlichen Zuschauer. Da kam ein Frechdachs daher, wenig fromm, dafür um so fröhlicher, fuhr gemeinsam mit seinen Fans in der Straßenbahn zum Spiel, ignorierte auf dem Platz alle Fußball-Konventionen und spielte den Verteidigern einfach zum Spaß Knoten in die Beine.

Am 15. April 1959 debütierte der HSV-Linksaußen in der DFB-Amateurnationalmannschaft. In Enschede setzte sich das Team mit 2:0 durch und Mittelstürmer Erwin Stein erzielte beide Treffer. An der Seite von Kapitän Herbert Schäfer liefen dabei spätere Bundesligaspieler wie Peter Kunter, Werner Olk, Willi Schulz, Heinz Höher und Günter Herrmann auf.

Nach Abschluss der Punkterunde warfen die HSV-Amateure den Oberligisten Phönix Lübeck in einem Spiel um den Norddeutschen Pokal mit einem 9:0 aus dem Rennen, mit vier Toren des überragenden Gert Dörfel. Es war sein Abschiedsgeschenk an die HSV-Amateure. Zur nächsten Runde 1959/60 gehörte er dem Oberligateam der „Rautenträger“ an.

Oberliga Nord, 1959 bis 1963 Ab 1959/60 gehörte er dem Spielerkader in der Oberliga Nord an, Vertragsspieler wurde er aber erst zum 1. Juli 1960.Jens R. Prüss, Hartmut Irle: Tore, Punkte, Spieler. Die komplette HSV-Statistik. Verlag Die Werkstatt. Göttingen 2008, ISBN 978-3-89533-586-0, S. 128. Seine Stammposition fand er auf Linksaußen, wo er sich zum erfolgreichen Flankengeber für Mittelstürmer Uwe Seeler entwickelte, aber auch selbst als Torschütze eine wesentliche Rolle spielte. Am 12. August 1959, einem Mittwochabend, feierte Dörfel bei einem Freundschaftsspiel im Hamburger Volksparkstadion gegen Manchester United sein Debüt in der „Ersten“ des HSV. Nach zweimonatiger Pause wegen einer Meniskusoperation wurde er vor 35 000 Zuschauern in der 51. Minute für den verletzten „Micky“ Neisner eingewechselt und tat gleich das, was fortan eines seiner Markenzeichen werden sollte: Er servierte Mittelstürmer Uwe Seeler eine Präzisionsflanke, die dieser prompt zum 3:1-Endstand in die Maschen köpfte. In der Oberliga Nord gab das Talent am 30. August 1959 bei einer 1:2-Auswärtsniederlage gegen den VfV Hildesheim seine Premiere, wo der Debütant immerhin für den Ehrentreffer der Rothosen sorgte.Hans Vinke: Charly Dörfel. Freibeuter des Fußballfeldes. S. 27. Fußball-Filou Charly steuerte zum elften Nachkriegs-Meistertitel in der Oberliga Nord 13 Treffer bei. Sein Name war nun über die Hamburger Landesgrenzen hinaus zu einem Markenzeichen geworden. Und als er mit dem HSV in der anschließenden DM-Endrunde wie ein Tornado zum Gewinn der deutschen Meisterschaft stürmte, wenig später in der Nationalmannschaft ein spektakuläres Debüt gab und im Europapokal groß herauskam, zählte er endgültig zu den populärsten deutschen Fußballern.