mini|Gedenktafel am Palais Petschek in Prag für die Opfer der nationalsozialistischen Besetzung des Landes 1938–1945 Der tschechoslowakische Widerstand 1939–1945 (tschechisch und slowakisch Československý odboj) bezeichnet die tschechoslowakischen Gruppierungen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus beginnend mit der deutschen „Zerschlagung“ der Tschechoslowakei bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Auf Seite der Alliierten kämpften die Soldaten der Tschechoslowakischen Exilarmee.
Erfolgreiche Aktionen der Widerstandsbewegung waren das tödliche Attentat auf Reinhard Heydrich 1942, der Slowakische Nationalaufstand 1944, das Attentat auf August Gölzer und der Prager Aufstand 1945.
Vorbemerkungen mini|Die schrittweise Zerteilung der Tschechoslowakei 1938–1939 Zwanzig Jahre nach der Gründung des Staates von Tschechen und Slowaken am 28. Oktober 1918 sah sich die Tschechoslowakei infolge des Münchner Abkommens in ihrer staatlichen Integrität bedroht. Die Tschechoslowakei konnte sich zwar auf verschiedene internationale Verträge berufen, doch stellten sich diese als untauglich heraus: die Kleine Entente, ein Vertrag mit Rumänien und Jugoslawien, sah den Bündnisfall bei einem Angriff durch das Deutsche Reich nicht vor im Gegensatz zu dem Bündnis- und Freundschaftsvertrag mit Frankreich von 1924.Bündnis- und Freundschaftsvertrag zwischen Frankreich und der Tschechoslowakei vom 25. Januar 1924, online auf: www.herder-institut.de/... Frankreich war jedoch nicht in der Lage, sich dem Deutschen Reich alleine zu stellen. Ein Beistandspakt mit der Sowjetunion vom 16. Mai 1935 bestand ebenfalls, sollte jedoch nur dann in Kraft treten, wenn Frankreich seine Verpflichtungen erfüllt.Vertragstext (tschechisch/russisch) in Sbírka zákonů 195, Folge 57/1935 vom 21. Oktober 1935, Nr. 195, S. 615, online auf: ftp.aspi.cz/ (PDF; 886 kB); deutsche Fassung auf: www.herder-institut.de/... Mit Großbritannien hatte die Tschechoslowakei kein Militärbündnis, betrachtete das Vereinigte Königreich jedoch als einen Verbündeten, weil es Beistandsverträge zwischen Großbritannien und Frankreich gab – die Verträge von Locarno.
Während jedoch die Expansionspläne von Adolf Hitler im Zuge der Sudetenkrise immer offenkundiger wurden und auch die Sudetendeutsche Partei von Konrad Henlein ihren Druck erhöhte, entschlossen sich insbesondere Großbritannien und Frankreich zu Beschwichtigungsmaßnahmen, die als Appeasement-Politik in die Geschichte eingingen. Am 29. September 1938 wurde das Münchner Abkommen unterzeichnet, das die Angliederung der sudetendeutschen Gebiete der Tschechoslowakei an das Deutsche Reich vorsah. Unter dem Druck von Frankreich und Großbritannien akzeptierte die Regierung der Tschechoslowakei schließlich am 30. September 1938 das Abkommen und machte von der am 23. September 1938 ausgerufenen Mobilmachung in der Tschechoslowakei keinen Gebrauch. Die militärische Besetzung des Sudetenlandes durch die Wehrmacht erfolgte vom 1. bis 10. Oktober 1938 unter dem Jubel seiner deutschen Bewohner, weitere Gebiete mit einer polnischen Bevölkerung gingen an Polen und einer ungarischen Bevölkerungsmehrheit an Ungarn verloren. Am 14. März wurde ein eigenständiger Slowakischer Staat proklamiert. Am 15. März 1939 wurde dann das restliche Staatsgebiet der Tschechoslowakei von der Wehrmacht besetzt, die Tschechoslowakei als Staat aufgelöst und das Protektorat Böhmen und Mähren ausgerufen.
Die „drei Widerstände“ mini|Denkmal der drei Widerstände, Jiráskovy sady, Prag-Nusle Im Unterschied zu der Bewegung gegen die Habsburgermonarchie in Österreich-Ungarn und für die Errichtung eines eigenen tschechischen Staates während des Ersten Weltkrieges, die im tschechischen wie slowakischen Sprachgebrauch „der erste Widerstand“ (první odboj) genannt wird, und im Unterschied zum Widerstand nach 1948 gegen das kommunistische Regime, genannt auch „der dritte Widerstand“ (třetí odboj), wurde für die Zeit von 1939 bis 1945 in der tschechischen Literatur der Begriff „der zweite Widerstand“ (druhý odbojDas Herder-Institut liefert auf eine Anfrage 344 Titel mit dem Begriff „odboj druhy protifasisticky“ (zweiter antifaschistischer Widerstand, Stand 15. Oktober 2013). Bezeichnenderweise lautet ein (slowakischer) Titel (derzeit Nr. 9) „Česi v československom demokratickom odboji na Slovensku...“ (Die Tschechen im tschechoslowakischen demokratischen Widerstand in der Slowakei...); vgl. www.litdok.de/...) geprägt.
Der „Zweite Widerstand“ Der Widerstand gegen die Expansionspolitik des Deutschen Reiches führte zu verschiedenen diplomatischen Aktivitäten im Ausland, vor allem seitens der tschechoslowakischen Exilregierung in London. Partisanenkämpfe gegen die Wehrmacht durch die Tschechoslowakische Exilarmee sowohl an der West- als auch an der Ostfront sowie der Widerstand auf dem Gebiet der ehemaligen Tschechoslowakei führten im Gegenzug zu großen Bestrafungsaktionen und Massakern gegen die tschechische Bevölkerung.
Präsident Edvard Beneš befand sich nach den Märzereignissen 1939 (Zerschlagung der Tschechoslowakei) mit einigen Mitarbeitern in den Vereinigten Staaten, wo er sich zuerst um die Bildung eines provisorischen „Direktoriums“ bemühte, verlegte jedoch im Sommer 1939 die Aktivitäten nach Paris, wo am 17. November der Tschechoslowakische Nationalausschuss gegründet und durch Frankreich, später auch durch Großbritannien als die Vertretung des Landes anerkannt wurde.
Noch vor der Besetzung und Niederlage Frankreichs im Rahmen des Westfeldzuges Deutschlands wurde eine Verlegung des Sitzes des Ausschusses nach London avisiert und Schritt für Schritt durchgeführt. Bald wurde aus London die Bereitschaft signalisiert, den Ausschuss als reguläre Regierung anerkennen zu wollen. Beneš’ Kabinett wurde schließlich am 21. Juli 1940 als provisorische Regierung und am 18. Juli 1941 als de iure tschechoslowakische Regierung anerkannt.Československý národní výbor a prozatímní stání zřízení ČSR v emigraci, eine Veröffentlichung der tschechischen Regierung, online auf: www.vlada.cz (PDF; 73 kB), tschechisch, abgerufen am 2. Dezember 2010. Diese von den Anti-Hitler-Koalition bzw. den Alliierten anerkannte Exilregierung, die in London die gleiche Stellung wie die Regierungen der Niederlande, Norwegens und Griechenlands genoss,Karel Kaplan: Das verhängnisvolle Bündnis. Unterwanderung, Gleichschaltung und Vernichtung der Tschechoslowakischen Sozialdemokratie 1944–1954, Pol-Verlag, Wuppertal 1984, ISBN 3-9800905-0-7 (Einleitung des Verfassers, S. 15 ff.) trug stark dazu bei, dass die Tschechoslowakei nach dem Kriegsende in den Grenzen vor dem Münchner Abkommen wiederhergestellt werden konnte (mit Ausnahme der Karpatenukraine).
Obwohl die zeitliche Abfolge wie auch der Charakter des antinazistischen Widerstandes in den damals voneinander de facto getrennten Gebieten Protektorat Böhmen und Mähren und Slowakei unterschiedlich waren, spricht man im Allgemeinen über den „tschechoslowakischen Widerstand“. Dies betrifft sowohl die einschlägige Literatur wie auch aktuelle offizielle Regierungsquellen, die hier keine Trennung vornehmen. Der Grund dafür liegt insbesondere in der völkerrechtlichen Anerkennung dieser beiden Gebiete als eine Einheit, welche die Kontinuität des tschechoslowakischen Staates seit 1918 (bis 1993) darstellt. Präsident Beneš stellte diesbezüglich die international anerkannte sogenannte „Theorie der Rechtskontinuität“ auf, die er am 26. Juni 1940 in einer Rundfunksendung in London vorstellte.F. Čapka: Dějiny zemí Koruny české v datech (tabellarischer Geschichtsabriss), online auf: www.libri.cz, tschechisch, abgerufen am 5. Dezember 2010.
Die tschechoslowakischen Politiker gingen von dieser Kontinuität aus und beriefen sich auf sie, indem sie konsequent immer die Bezeichnung „tschechoslowakisch“ verwendeten: Tschechoslowakische Exilregierung, Tschechoslowakische Exilarmee, Tschechoslowakischer Nationalausschuss. Auch die Militärverbände hießen prinzipiell „tschechoslowakisch“ (311. Bomberstaffel der RAF: tschechisch 311. československá bombardovací peruť RAF, englisch № 311 (Czechoslovak) Bomber SquadronNo 311 (Czechoslovak) Squadron, online auf: ), der Vertrag über deren Einrichtung mit der Regierung des Vereinigten Königreichs sprach über die Tschechoslowakei.Dohoda mezi vládou Československou a vládou Spojeného království o československé branné moci (Vertrag zwischen der Regierung der Tschechoslowakei und der Regierung des Vereinigten Königreiches über die tschechoslowakischen Streitkräfte) vom 25. Oktober 1940, online auf: cs.wikisource.org/ Auch die heutigen Regierungsstellen verwenden durchwegs die Formulierungen „(zweiter) tschechoslowakischer Widerstand“ (druhý československý odboj) für diese Zeit.
Die Datierung des Widerstandes während des Zweiten Weltkrieges erfolgt in der Regel ab März 1939, das heißt mit der sogenannten Besetzung der Rest-Tschechei und der Bildung des Protektorats Böhmen und Mähren, was gleichbedeutend ist mit dem faktischen Ende der tschechoslowakischen Eigenstaatlichkeit. Die Zeit davor scheint die Geschichtsschreibung aus diesem Grund nicht stark zu interessieren. Dies wird von einigen Historikern in Tschechien bemängelt mit dem Hinweis darauf, dass einige der späteren Widerstandsgruppen sich schon früher formiert haben.Druhý odboj [Der zweite Widerstand], Eine Sendung des Fernsehsenders ČT24 vom 4. Juni 2008 mit den Historikern Jan Kuklík, Petr Koura und Jan Boris Uhlíř, online auf: www.ceskatelevize.cz/ct24/... Ebenfalls früher setzte der weitgehend unbekannte Widerstand im Sudetenland ein.Leopold Gründwald: Der Sudetendeutsche Widerstand gegen Hitler (1938–1945). In: Leopold Grünwald (Hrsg.), Sudetendeutsche – Opfer und Täter, Junius, Wien 1983, ISBN 3-900370-05-2.
Der kommunistische Widerstand In der tschechischen Literatur wird grundsätzlich zwischen dem bürgerlichen, prowestlich orientierten Widerstand und dem kommunistischen Widerstand, d. h. den Gruppen, die durch die kommunistische Partei geleitet oder beherrscht wurden, unterschieden. Dies ist nicht etwa auf die Abneigung gegenüber der sozialistischen Vergangenheit des Landes zurückzuführen, sondern auf das tatsächliche Verhalten der kommunistischen Führung, welches zur Isolation innerhalb der Widerstandsbewegung führte. Nach der Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes am 23. August 1939 vertrat die kommunistische Partei bis hin zum Sommer 1941 sowohl im Protektorat Böhmen und Mähren wie in der Slowakei die Linie der Kommunistischen Internationale (Komintern), wonach die Hauptfeinde Großbritannien, Frankreich und ihre Verbündeten waren; die Wiederherstellung der Vorkriegstschechoslowakei wurde durch andere Konzepte ersetzt.
In der Slowakei schien zudem der Gedanke der Wiederherstellung des Vorkriegszustandes, d. h. der gemeinsamen Staatlichkeit, in den Hintergrund geraten gewesen zu sein: die slowakischen Kommunisten erwogen in der Anfangszeit sogar eine „sowjetische Slowakei“ einschließlich einer Eingliederung in die Sowjetunion nach dem Beispiel der baltischen Staaten im Sommer 1940.Komunistická strana Československa (KSČ), období 1938–1945, Lexikoneintrag, online auf: www.totalita.cz/...Václav Průcha, Lenka Kalinová, Koncepce budoucí hospodářské a sociální politiky... Kap. 3. Domácí slovenský odboj (S. 96 ff.)