mini|Felicitas von Reznicek Felicitas J. von Reznicek (* 18. Januar 1904 in Charlottenburg, heute Ortsteil von Berlin; † 27. Februar 1997 in Engelberg, Schweiz) war eine deutsch-britische Schriftstellerin und Alpinistin. Sie trug den Titel Baronin und publizierte auch unter dem Pseudonym Paul Felix.
Familie Felicitas von Reznicek war die Tochter des österreichisch-deutschen Komponisten, Dirigenten und Hochschullehrers Emil Nikolaus von Reznicek (Wien 1860 – Berlin 1945) und der Berta Juillerat-Chasseur (* 1874 im Kanton Waadt; † 1939 in Berlin). Felicitas’ Großmutter mütterlicherseits, Amelie Haas (Stuttgart 1851 – Zürich 1928), entstammte der in Süddeutschland tätigen jüdischen Bankiers-Familie Haas, die 1857 zum Christentum übergetreten war. Amelies Bruder Hermann Haas war u. a. Gründer des Mannheimer Morgen. Dieser wurde später von Bertas Vater Arthur Juillerat-Chasseur (Rolle/Schweiz 1842 – Zürich 1917) übernommen. Amelies zweiter Bruder, Hippolyt Haas (1855–1913), wurde ein bedeutender Geologe. Dessen Enkelin Libertas Haas-Heye (1913–1942) heiratete 1936 Harro Schulze-Boysen (1909–1942), treibende Kraft der Roten Kapelle. Beide wurden 1942 in Plötzensee hingerichtet. Ebenfalls eine Cousine zweiten Grades (väterlicherseits) war die Burgschauspielerin Ebba Johannsen (1899–1976). Felicitas von Reznicek war auch die Schwägerin von Paula Stuck-von Reznicek, geborener Heimann (1895–1976), die in erster Ehe (1925–1931) mit Emil Nikolaus von Rezniceks Stief- und Adoptivsohn, dem Sportreporter Burghard von Reznicek (1896–1971) verheiratet war.
Leben Kaiserreich und Weimarer Republik Baronin Felicitas von Reznicek wuchs als evangelisch getaufte Tochter des Komponisten und Kapellmeisters Emil Nikolaus von Reznicek im Künstlermilieu in Charlottenburg auf. Ihren Vornamen erhielt sie durch ihren Taufpaten, den Dirigenten Felix Mottl. Im Alter von zwölf begann sie mit ihrem Vater mit dem Bergsteigen im Allgäu, später folgten Touren im Engadin, Berner Oberland und in den Walliser Alpen, u. a. Zinalrothorn und Castor-Pollux.Christine Kopp: Felicitas von Reznicek – die bergsteigende Baronin. Die Alpen, Zeitschrift des Schweizer Alpen-Clubs, 09/1997. Nach der Schule versuchte sie zunächst, die Karriere einer Opernsängerin einzuschlagen. Als sie erkannte, dass dazu ihre stimmlichen Fähigkeiten nicht ausreichen würden, wurde sie Journalistin, die ihr Handwerk beim Ullstein-Verlag lernte. Sie arbeitete zunächst bei verschiedenen Berliner Zeitungen, bald auch als Autorin von Sachbüchern und Belletristik. Seit 1928 übernahm sie zunehmend auch die Funktion einer Sekretärin und Managerin für ihren Vater. Felicitas war eine hyperaktive Person mit einem überdurchschnittlich großen Bekanntenkreis. Politisch schwankte sie in den 1920er Jahren zwischen Zentrumspartei und Deutscher Demokratischer Partei. Als Journalistin hatte sie von Anfang an klare Vorstellungen über Absichten und Ziele der NSDAP.
Zeit des Nationalsozialismus Als Tochter einer „Halbjüdin“ versuchte sie gleich im März 1933 in die Schweiz zu emigrieren, erhielt dort aber trotz der Schweizer Mutter keine Arbeitserlaubnis. So kehrte sie nach Berlin zurück und schloss sich bis Ende 1933 dem beginnenden Widerstand um Rudolf Pechel, dem Herausgeber der Deutschen Rundschau, an. Durch die Stellung ihres Vaters im Berliner Kulturleben einerseits, durch ihre eigene Vernetzung mit der Auslandspresse andererseits wurde sie in der Zeit des Nationalsozialismus zu einer idealen Person für die Weitergabe wichtiger Informationen, zumal sie als Managerin ihres Vaters zahlreiche Gelegenheiten zu Auslandsreisen hatte. Dies gilt insbesondere für die Zeit von 1934 bis 1940, als dieser deutscher Delegierter im „Ständigen Rat für die internationale Zusammenarbeit der Komponisten“ war. Im Zusammenhang mit dem Hamburger Musikfest des Rates 1935 machte sie die Bekanntschaft Fritz Wiedemanns, des damaligen Adjutanten Adolf Hitlers, der die große Liebe ihres Lebens werden sollte. Fortan hatte sie Zugang zu den innersten Zirkeln der Macht in der Reichskanzlei (und Hitler wusste, wo er gegebenenfalls seinen Adjutanten anrufen konnte). Über Wiedemann konnte sie in Einzelfällen einiges bewirken, beispielsweise die rasche Ausreise der Tochter Bruno Walters, die 1938 nach dem Anschluss in Wien festsaß. Von historischer Relevanz ist, dass Wiedemann ihr 1937 vor der Wiederbesetzung des Rheinlandes durch die deutsche Wehrmacht von einem Geheimbefehl berichtete, demzufolge die Aktion sofort abzubrechen sei, wenn man in Paris oder London Truppen in Alarmbereitschaft versetzen würde. Felicitas informierte Pechel und dieser jeweils den britischen und französischen Botschafter in Berlin, welche diese Nachricht auch in ihre Hauptstädte weitergaben. Im Rückblick ist klar, dass dies wohl die letzte Möglichkeit gewesen wäre, Hitler zu stoppen.
Im Jahre 1938 fiel Wiedemann bei Hitler in Ungnade und wurde als Konsul nach San Francisco versetzt. Zudem verstarb Anfang 1939 Felicitas Mutter, die als „Halbjüdin“ das meistgefährdete Familienmitglied war. Felicitas unternahm darum kurz entschlossen eine Reise in die USA um Wiedemann zu besuchen, nicht ohne vorher in Paris wichtige Nachrichten zu überbringen. Während dieser ersten Reise ventilierte sie die Berufschancen in den USA. Kaum nach Berlin zurückgekehrt, erhielt sie ein Angebot, für eine amerikanische Agentur zu schreiben. Sie nahm das Angebot an und durfte trotz des Kriegsausbruches reisen. Diesmal musste sie allerdings den Weg über Genua wählen, wo sie den Überseedampfer REX bestieg (auf dem auch Bruno Walter reiste). Der Weg führte sie über die Schweiz, wo sie in Zürich Station machte. Pechel hatte sie eine umfangreiche Botschaft Carl Friedrich Goerdelers auswendig lernen lassen, nachdem dieser seine Geheimtreffen mit Arthur Young nicht mehr fortsetzen konnte. Ihr Kontaktmann war Heinz Ritter, in der Fachliteratur wohlbekannt als „the Knight“, der die Botschaft nach London übermittelte.Joachim Scholtysek, Robert Bosch und der liberale Widerstand gegen Hitler 1933–1945. München 1999. In ihren Memoiren erläutert Felicitas v. R., dass sie diesen Akt des Hochverrats im vollen Bewusstsein und guten Gewissens vollzogen habe. Seit diesem Zeitpunkt betrachtete sie auch der englische Geheimdienst MI6 als Agentin, über die eine schützende Hand gehalten wurde. So erreichte Ritter, dass der Dampfer vor Gibraltar nur höchst oberflächlich kontrolliert wurde. Felicitas hatte sich diesmal vorgenommen, nach Möglichkeit dauerhaft in den USA zu bleiben, und darum ihren Familienschmuck, aber auch Preziosen befreundeter jüdischer Familien mitgenommen. Nachdem sie diesen verteilt hatte, reiste sie von New York nach San Francisco zu Wiedemann. Danach kam es zu konspirativen Treffen mit einem Abgesandten des Expräsidenten Herbert Hoover und dem obersten Repräsentanten des englischen Geheimdienstes in den USA, William Wiseman. Wiedemann wäre damals bereit gewesen, überzulaufen, doch das passte nicht in das Konzept der US-Diplomatie. Wohl auf Grund dieser Vorgänge wurde er bei den Nürnberger Prozessen niemals angeklagt. Felicitas Darstellung wurde in jüngster Zeit durch die öffentlich zugänglich gewordenen Papiere Wiedemanns ebenso bestätigt wie durch Abhörprotokolle des amerikanischen Geheimdienstes.
Zu Felicitas Leidwesen, erhielt sie nach einiger Zeit aus Berlin die Order zurückzukehren und wagte mit Rücksicht auf ihren Vater nicht, in den USA offen um Asyl zu bitten. Stattdessen nutzte sie die Gelegenheit, über Japan, China und mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Berlin zurückzureisen. Ihre Eindrücke hat sie in dem Buch Weltfahrt im Kriege verarbeitet, das zum Bestseller wurde. Darin schildert sie genüsslich, wie sie in Kalifornien in einen Heuschreckensturm geriet und wie deren zerquetschte braunen Leiber die Reifen fast unbrauchbar machten. Diese Stelle erregte den Argwohn des Propagandaministeriums, das eine Änderung verlangte. Felicitas wehrte sich mit der Bemerkung: „Sie haben ja eine subversive Phantasie“ (wiewohl die Stelle genau so gemeint war). Adam von Trott zu Solz rettete die Situation, indem er mit der Begründung, dass das Außenpolitik betreffe, die Entscheidung ins Außenministerium holte und den Text genehmigte. Das Propagandaministerium revanchierte sich, indem es dafür sorgte, dass für weitere Auflagen kein Papier geliefert werden konnte. Zudem ermöglichte Trott, dass Felicitas 1942 eine Vorlesereise an die finnisch-russische Front unternehmen konnte, die sie auf dem Rückweg über Stockholm führte, wo der MI6 eine Verbindungsstelle unterhielt. Gleiches gilt für eine Reise in die Schweiz 1943. Indessen war Felicitas nicht nur als Kurierin tätig: Ihr Meisterstück bestand wohl darin, dass sie von einer Schulfreundin im Rüstungsministerium erfahren hatte, dass die tatsächlichen Produktionsziffern für Flugzeuge nicht mit denen an die Reichskanzlei gemeldeten Zahlen übereinstimmten. Dies wurde ihr vom Mann ihrer Cousine Libertas bestätigt und wohl auch von Ernst Udet, den sie am Abend vor seinem Selbstmord auf einer Party traf und der sie noch nach Hause fuhr. Das war für die Engländer naturgemäß eine Information von strategischer Bedeutung, die verständlich macht, warum Winston Churchill ihr 1951 die englische bzw. britische Staatsbürgerschaft verlieh.Karin Steinbach Tarnutzer: Die Leidenschaft für das Klettern verbindet. Neue Zürcher Zeitung, 20. September 2013. Eine dritte Person, die Erwähnung verdient, ist der oberste Polizeibeamte im NS-Staat, Arthur Nebe. Nebe wird heute in der Forschung sehr zwiespältig beurteilt. Unzweifelhaft war er an Kriegsverbrechen beteiligt und unzweifelhaft verriet er nach seiner Verhaftung viele Mitwisser des Attentates vom 20. Juli 1944. Felicitas verriet er indes nicht, wiewohl er selbst sie am 19. Juli aufgesucht und informiert hatte, dass in den nächsten Tagen „etwas mit dem Führer geschehen würde“. Felicitas hatte so Zeit, alle möglicherweise belastenden Dokumente zu vernichten. Schon vordem hatte er sich für sie eingesetzt, indem er sie vom Arbeitseinsatz befreite, damit sie Kriminalromane schreiben konnte, die die Arbeit der Polizei ins rechte Licht rückten. Als für einige Zeit die Akten der Gestapo in seinem Amt eingelagert waren, nutzte er die Gelegenheit, die Akte über Felicitas verschwinden zulassen. Nur so ist zu erklären, dass es Felicitas gelang, bei einem Verhör durch die Gestapo nach dem 20. Juli 1944 keinen Verdacht zu erregen. Tatsächlich gehörte sie zu den ganz wenigen Mitwissern, die mit dem Leben davon kamen.
Nachkriegszeit