mini|Luftbild der beiden Sprengstoffwerke von ca. 1944 Die Sprengstoffwerke Allendorf und Herrenwald waren zwei Sprengstofffabriken, die in der Zeit des Nationalsozialismus ab 1938/39 im Herrenwald in der Gemarkung der damaligen Landgemeinde Allendorf (heute Stadtallendorf) im seinerzeit preußischen Landkreis Marburg errichtet wurden. Die Errichtung der Werke erfolgte im Auftrag und auf Rechnung der deutschen Wehrmacht über ein getarntes staatliches Finanzierungs- und Verwaltungssystem (→ Montan-Schema), während der eigentliche Betrieb in den Händen der Gesellschaft m. b. H. zur Verwertung chemischer Erzeugnisse (Verwertchemie) als Tochterfirma der Dynamit AG (DAG) bzw. der Westfälisch-Anhaltischen Sprengstoff-Actien-Gesellschaft (WASAG) lag.

Der Tarnname für das Werk Allendorf der Verwertchemie bzw. DAG lautete Barbara I. Tarnname für das benachbarte Werk Herrenwald der WASAG war Barbara II. Die im Zweiten Weltkrieg nicht zerstörten Anlagen und Gebäude der beiden Sprengstoffwerke bildeten nach 1945 die Grundlage für die Entwicklung des Dorfes Allendorf hin zur heutigen Mittelstadt Stadtallendorf im Landkreis Marburg-Biedenkopf in Hessen.

Vorgeschichte und Standortwahl mini|Das Dorf Allendorf, die heutige „Altstadt“ von Stadtallendorf Die Planung und der Bau der beiden Sprengstofffabriken standen im Zusammenhang mit der Aufrüstung der Wehrmacht nach der sogenannten Machtergreifung der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933. Um den massiven Munitionsbedarf der Wehrmacht, vor allem auch im Kriegsfall, decken zu können, mussten die durch den Friedensvertrag von Versailles eingeschränkten Produktionskapazitäten im Pulver- und Sprengstoffbereich deutlich ausgeweitet werden. In Absprache zwischen dem Heereswaffenamt und den privaten Firmen wie insbesondere der DAG und WASAG begann daher die Errichtung einer Reihe von getarnten „Schattenwerken“, die erst im Mobilmachungs- oder Kriegsfall die Produktion aufnehmen sollten. Gemeinsam war all diesen Werken die abgelegene Lage im ländlichen Raum, die aufgelockerte und teilweise verbundene Bauweise, und Tarnungsmaßnahmen.

Bis 1938 war die rund 1.500 Einwohner zählende Gemeinde Allendorf im Osten des Landkreises Marburg ein bäuerlich geprägtes Dorf wie viele andere. Zur Unterscheidung von den anderen Ortschaften gleichen Namens – darunter allein 13 im heutigen Hessen – wurde es umgangssprachlich auch Allendorf im Bärenschießen oder Katholisch-Allendorf genannt. Die letztere Bezeichnung erklärt sich daher, dass die Einwohner von Allendorf, mit Ausnahme einer kleinen jüdischen Gemeinde, fast ausschließlich katholischen Glaubens waren. Wegen der durchweg kleinen landwirtschaftlichen Flächen war ein Teil der Ortsbevölkerung gezwungen, als Saisonarbeiter (Westfalengänger) insbesondere im Ruhrgebiet zu arbeiten.

Im Jahr 1937 wandten sich im Rahmen des Schnellplans zum Ausbau der deutschen Pulver- und Sprengstofffabriken Offiziere der deutschen Luftwaffe wegen möglicher Standorte von Sprengstoffwerken an das Landratsamt in Marburg. Im Vordergrund stand dabei zunächst die Gegend um Wetter (Hessen) aufgrund der Nähe zu der bereits im Bau befindlichen Luftmunitionsanstalt Frankenberg.Magistrat Stadtallendorf, Ausstellungskatalog DIZ, S. 28. Von Seiten des Landkreises wurde zunächst der Frauenberg südlich von Marburg vorgeschlagen, welcher jedoch nicht die Zustimmung der Militärs fand. Ausgewählt wurde schließlich der Staatsforst Herrenwald im Raum Allendorf und Neustadt. Dieses Gelände erfüllte die Forderungen im Hinblick auf die Abgeschiedenheit, die Tarnungsmöglichkeiten und das Arbeitskräftepotential trotz hoher Anforderungen an die Wasser- und Energieversorgung.

Das Werk Allendorf der Verwertchemie (DAG) Aufbau und Infrastruktur mini|Luftbild vom Werk Allendorf (DAG) vom 16. Februar 1948 mini|Detail aus dem Luftbild zeigt die Erdwälle um die Produktionsgebäude mini|Früheres Schmelz- und Gießhaus der Bombenfüllstelle B mini|Frühere Verladehalle und Stückhaus der Bombenfüllstelle Y Im Jahr 1938 erhielt die Dynamit-Aktien-Gesellschaft, vormals Alfred Nobel & Co. (kurz: DAG) aus Troisdorf den Planungs- und Bauauftrag für eine Fabrik zur Produktion von Trinitrotoluol (TNT) bei Allendorf. Auf Beschluss des OKH wurde die Fabrik nach dem Montan-Schema betrieben. Eigentümer des Werkes war daher die im Besitz des Heereswaffenamtes befindliche Verwertungsgesellschaft für Montanindustrie GmbH (kurz: Montan). Diese verpachtete den Standort an die Gesellschaft m. b. H. zur Verwertung chemischer Erzeugnisse (kurz: Verwertchemie), welche wiederum eine 100-prozentige Tochterfirma der DAG war.

Die Bauarbeiten begannen noch im Jahr 1938 mit dem massiven Ausbau des Bahnhofes Allendorf an der Main-Weser-Bahn. Der eigentliche Werksausbau erfolgte ab 1939, wobei die Aufnahme der Produktion für den 1. Oktober 1940 geplant war. Vollständig fertiggestellt wurden die Werksanlagen bis Kriegsende indes nie.

Das vollständig umzäunte Werk Allendorf umfasste eine Fläche von 420 Hektar und bestand aus 413 Gebäuden sowie drei zugehörigen Wasserwerken mit 10 Gebäuden und 33 Tiefbrunnen.HIM, Boden gut gemacht, S. 72. Kernstück des Werkes waren die mit den Ziffern I bis IV bezeichneten Produktionsgruppen für den Sprengstoff TNT.HIM, Boden gut gemacht, S. 74.Magistrat Stadtallendorf, Ausstellungskatalog DIZ, S. 30. Ebenfalls mit römischen Ziffern bezeichnet wurden die beiden Anlagengruppen zur Säurerückgewinnung (Denitrierung) und die vier Anlagengruppen zur Hochkonzentrierung von Schwefelsäure sowie die beiden Säurespaltanlagen (davon eine gegen Kriegsende noch im Bau).

mini|Früheres Wasserwerk III der Fabrik, noch heute in Betrieb Das im Werk produzierte TNT wurde teilweise noch vor Ort in angelieferte Bomben und Granathülsen verfüllt. Diesem Zweck dienten die werkseigenen Granatenfüllstellen I und II und die Bombenfüllstellen B, S und Y (die beiden letzteren kamen über den Versuchsbetrieb nicht hinaus). Zur eigentlichen Fertigstellung der Munition wurde diese anschließend mit der Bahn weiter an die Munitionsanstalten des Heeres und der Luftwaffe geliefert. Im Werk Allendorf gab es weiterhin noch vier Delaborierungsbetriebe zur Aufarbeitung von fehlerhafter Munition bzw. von Blindgängern.

mini|Früheres Hauptlagerhaus Für die Energieversorgung wurden drei Kraftwerke mit einem Hoch- und Niederspannungsnetz von 110 km Länge errichtet. Über die eigenen Wasserwerke wurden zwei getrennte Leitungsnetze zur Wasser- und Löschwasserversorgung gespeist. Zwei Neutralisationsanlagen mit fünf voneinander getrennten Leitungsnetzen sowie ein 24 km langer Kanal leiteten über ein Zwischenpumpwerk die neutralisierten Produktionsabwässer südlich von Marburg in die Lahn ab. Für den werksinternen Transport bestanden ein 35 km langes Werksbahnnetz und ein 25 km langes Straßennetz. Zu den Neben- und Unterstützungsbetrieben des Werkes zählten außerdem zwei unterirdische Tanklager für Vorprodukte, Lagerbunker für Sprengstoff und Munition, Maschinen-, und Tischlerwerkstätten einschließlich eines Sägewerks, eine Werksküche, eine Wäscherei, eine Sanitätsstation, eine Werkfeuerwehr, ein Brandplatz und sechs Kesselanlagen für die Schwefelgaserzeugung.HIM, Boden gut gemacht, S. 74 f.

Die permanent gegebene Explosionsgefahr beim Betrieb und die Berücksichtigung feindlicher Luftaufklärung ließ eine eigene, auch bei anderen Sprengstofffabriken der NS-Zeit angewandte, Bauform der Gebäude entstehen. Die Produktionsgebäude waren mit bis zum Dachfirst reichenden Erdwällen umgeben. Die Verbindungsgänge zwischen den einzelnen Gebäuden waren ebenfalls mit Erde abgedeckt. Auf diese Weise entstand der bis heute verbreitete Eindruck einer unterirdischen Anlage. Tatsächlich handelte es sich in allen Fällen um oberirdische Bauten, während nur die Leitungsnetze (Strom, Wasser, Kanal) unter der Erde verlegt waren.

Produktion Das Werk Allendorf produzierte ausschließlich TNT. Der Höhepunkt bei der Produktion dieses Sprengstoffs wurde im Juni 1944 erreicht, als in Allendorf monatlich 5.343 t TNT erzeugt wurden, zu diesem Zeitpunkt ein Viertel der deutschen Gesamtfertigung.HIM, Boden gut gemacht, S. 80. In der Folge sank die Produktion, auch wegen alliierter Luftangriffe auf die Grundstoffindustrie (Salpetersäure) aber auf rund 3.300 t im Monat. Insgesamt produzierte das Werk Allendorf während des Zweiten Weltkrieges 125.131 t TNT, womit es auch den größten TNT-Produktionsausstoß aller Verwertchemie-Fabriken erreichte (vor der ca. 80 km entfernten Sprengstofffabrik Hessisch Lichtenau).HIM, Boden gut gemacht, S. 31. Noch höhere Produktionsziffern erreichten das WASAG-Werk bei Elsnig (142.750 t) und die Dynamitfabrik Krümmel (157.044 t).

Das im Werk Allendorf hergestellte TNT wurde zum Teil und in Verbindung mit anderen Spreng- und Ersatzstoffen auch vor Ort in Munitionshülsen verfüllt. Die beiden Granatfüllstellen waren auf eine Kapazität von 500 t pro Monat ausgelegt, die drei Bombenfüllstellen auf 1000 bis 1500 t pro Monat.Magistrat Stadtallendorf, Ausstellungskatalog DIZ, S. 30. Befüllt wurden überwiegend Granaten der Kaliber 10,5 cm, 15 cm und 15,2 cm für das Heer sowie Splitter- und Minenbomben und Lasträume des Marschflugkörpers Fieseler Fi 103 (Propagandabezeichnung V1) für die Luftwaffe.Magistrat Stadtallendorf, Ausstellungskatalog DIZ, S. 31.

Das Werk Herrenwald der WASAG Aufbau und Infrastruktur Auf Weisung des OKW wurde 1939 das Oberkommando der Marine (OKM) zum Bauherr und Eigentümer einer Fabrik für den Sprengstoff Hexanitrodiphenylamin (Hexyl) mit Füllstellen für Seeminen, Torpedos und Bomben für den Einsatz gegen Schiffsziele. Sowohl Planung und Bau als auch Pacht und Betrieb der in unmittelbarer Nähe zum Werk der Verwertchemie bzw. DAG gelegenen Fabrik erfolgten unter der Regie der Westfälisch-Anhaltischen Sprengstoff-Actien-Gesellschaft (WASAG).

Die Werksanlagen waren im Prinzip ähnlich aufgebaut wie diejenigen der Verwertchemie. Das Werksgelände umfasste ebenfalls eine Fläche von etwa 420 ha, auf dem 230 Gebäude, Hallen und Lagerbunker errichtet wurden.HIM, Boden gut gemacht, S. 75. Die wichtigsten Anlagen im Werk Herrenwald waren die vier teilmechanisierten Füllgruppen sowie die beiden Hexyl-Produktionsgruppen. Zwei weitere Produktionsgruppen sowie eine Zünderanlage befanden sich bei Kriegsende noch im Bau. Weiterhin waren je eine Anlagengruppe zur Säurerückgewinnung und Konzentration vorhanden.

Der Versorgung und Unterstützung des Betriebes dienten ein 75 km langes Hoch- und Niederspannungsnetz, ein 29 km langes Wasserversorgungs- und Löschwassernetz, zwei Abwasserneutralisationsanlagen mit zwei getrennten und insgesamt 10 km langen Abwasserleitungsnetzen, ein 25 km langes Straßennetz und ein eigener Werksbahnhof mit Anschluss zum Bahnhof Allendorf. Ähnlich wie im Nachbarwerk gab es Werkstätten, Sanitäreinrichtungen, Notstromanlagen, eine Werkfeuerwehr, einen Brandplatz und eine Anlage zur Schwelgaserzeugung.

Produktion Das Werk Herrenwald produzierte ausschließlich Hexyl. Nach Anlaufen der Produktion wurden in den Jahren 1943 und 1945 von diesem Spezialsprengstoff etwa 6.000 t hergestellt, bis Anfang 1945 die Produktion wegen Rohstoffmangels eingestellt wurde.HIM, Boden gut gemacht, S. 81. Die vier Sprengstoff-Füllgruppen waren auf eine monatliche Leistung von 4.000 t ausgelegt, wobei eine darüber hinaus auch noch als Delaborierungsanlage genutzt wurde.HIM, Boden gut gemacht, S. 75. Insgesamt wurden hier rund 100.000 t Sprengstoff in verschiedene Munitionshülsen von Heer, Luftwaffe und Kriegsmarine verfüllt. Hierzu gehörten neben den Lasträumen der Fieseler Fi 103 auch Gefechtsköpfe der Fernrakete Aggregat 4 (A4, Propagandabezeichnung V2) für das Heer. Das im Werk Herrenwald verfüllte TNT stammte sämtlich aus dem benachbarten Werk Allendorf der Verwertchemie.

Arbeitskräfte und Lager mini|Gedenkstätte am Standort des früheren Zwangsarbeiter- und KZ-Außenlagers Münchmühle Zahl und Herkunft der Arbeitskräfte