Der Historische Institutionalismus ist eine Integrationstheorie basierend auf den Grundlagen des Neo-Institutionalismus aus dem Bereich der Politikwissenschaft. Der in den 1980er Jahren in den USA entstandene Ansatz versucht Ursprung, Wandel und Funktion von Institutionen zu erklären und vertritt dabei die Grundannahme, dass sich diese unter anderem anhand der Pfadabhängigkeit, sprich des historischen Verlaufes, erklären lassen. Policy-Entscheidungen und Präferenzen von Akteuren basierten auf den von Institutionen vorstrukturierten Grundlagen.

Die Theorie mittlerer Reichweite ist eklektizistisch aufgebaut, das heißt, sie nimmt theoretische Anleihen aus dem Rational-Choice-Institutionalismus und dem soziologischen Institutionalismus auf und bildet daher eine Brückenfunktion zwischen beiden Theorien.Diese Ansicht vertreten mehrere Autoren, unter anderem Peter Hall in Hall, Peter A. / Taylor, Rosemary C. R.: Political Science and the Three New Institutionalisms*, in: Political Studies 44 (1996), 5, S. 3–32, hier S. 8 Innerhalb des Historischen Institutionalismus selbst haben sich ein rational-ökonomischer Theoriestrang (u. a. vertreten durch Paul Pierson und Mark Pollack) und ein soziologisch-kulturalistischer Ansatz (u. a. vertreten durch Simon Bulmer) herausgebildet.Morisse-Schilbach, Melanie: Historischer Institutionalismus, in: Theorien der europäischen Integration, hrsg. von Bieling, Hans-Jürgen und Lerch, Monika, Wiesbaden 2005 (UTB, 2554), S. 271–292, hier S. 272

Der Historische Institutionalismus dient der Erklärung von Institutionen im Allgemeinen, wird aber besonders im Bereich der Europaforschung zur Erklärung der Entstehung und Entwicklung der Europäischen Union verwandt.

Neo-Institutionalismus In Reaktion auf den „alten Institutionalismus“ – unter welchem Institutionen vor allem administrativ, rechtlich und politisch untersucht werden – gewann der Behavioralismus in den 1950er und 1960er Jahren in der US-amerikanischen Politikwissenschaft an Bedeutung. Behavioralistische Forscher argumentierten, man müsse sich, um Politik und politische Ergebnisse zu analysieren, statt auf die formalen Strukturen auf die informellen Praktiken, Verhalten und Verteilungen von Macht konzentrieren. Individuelles Verhalten und kollektive Entscheidungen ließen sich allein mit dem methodologischen Individualismus erklären.Thelen, Kathleen Ann / Steinmo, Sven: Historical institutionalism in comparative politics, in: Structuring politics. Historical institutionalism in comparative analysis, hrsg. von Steinmo, Sven, Thelen, Kathleen Ann und Longstreth, Frank, Cambridge [etc.] 1992, S. 1–32, hier S. 3f.

Nach Meinung von Kritikern sei der behavioralistische Ansatz jedoch nicht in der Lage, Vergleiche unterschiedlicher politischer Systeme geeignet herauszuarbeiten, da die Analyse des Verhaltens alleine zu kurz greifen würde.Thelen und Steinmo (wie Anm. 3), S. 5

Aus diesem Grund, gerade um Unterschiede zwischen verschiedenen Systemen erklären und gemeinsame Herausforderungen erkennen zu können, entwickelte sich Ende der 1970er/Anfang der 1980er ein „Neo-Institutionalismus“ heraus, der vor allem mit einem breiteren Institutionenbegriff aufwarten konnte. Unter dem Motto „Institutions do matter“ argumentierten u. a. March und Olsen, dass als „Institution“ nicht nur formale Einrichtungen zu zählen seien, sondern auch Normen, Prozesse und Konventionen, die Teil der politischen Struktur und als diese für das elementare Verständnis von Politik unabdingbar seien.Thelen und Steinmo (wie Anm. 3), S. 2

Unterhalb des Ansatzes des Neo-Institutionalismus entwickelten sich, unabhängig voneinander und ohne theoretische Verbindung, drei weitere Stränge, die sich jedoch hinsichtlich ihrer Ontologie und Epistemologie teilweise stark unterscheiden: der Rational-Choice-Institutionalismus, der Soziologische Institutionalismus sowie der Historische Institutionalismus. Aus diesem Grund erweist es sich als naheliegend, den Vorschlag von Simon Bulmer aufzugreifen und den Terminus „Neo-Institutionalismus“ als eine Art Schirmbegriff für eine Mehrzahl an Theorieansätzen anzusehen.Bulmer, Simon J.: New institutionalism and the governance of the Single European Market, in: Journal of European Public Policy 5 (1998), 3, S. 365–386, hier S. 369

Entwicklung des historischen Institutionalismus Der historische Institutionalismus entstand, so Peter Hall, als Reaktion auf die in den 1960er und 1970er Jahren stark verbreiteten (behavioristischen) Gruppentheorien und den strukturfunktionalistischen Ansatz.

Von diesen beiden Ansätzen nimmt der historische Institutionalismus Anleihen, versucht aber über diese hinauszugehen: Von den Gruppentheorien wurde übernommen, dass Konflikte zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen als politisch, das heißt als Teil der Politik, wahrgenommen werden müssen. Auch versucht der historische Institutionalismus hierbei besser zu erklären, wieso im Ländervergleich ähnliche Prozesse unterschiedliche Policy-Ergebnisse erbringen, wozu die Gruppentheorien nicht in der Lage seien, da sie Institutionen als solchen keine Bedeutung schenken würden.

Vom strukturfunktionalistischen Ansatz wurde die Annahme übernommen, dass Institutionen elementarer Bestandteil der sozialen Ordnung der Gesellschaft seien, der Staat aber nicht etwa die Rolles eines neutralen Beobachters innehabe, sondern einen Komplex von sich gegenseitig beeinflussenden Institutionen darstelle, der Konflikte, Prozesse, kollektives Verhalten und Unterschiede in den Policy-Ergebnissen beeinflusse. Institutionen werden innerhalb dieses Ansatzes, wie oben genannt, wesentlich breiter definiert.Hall und Taylor, Rosemary C. R. (wie Anm. 1), S. 6

Neben diesem institutionalistischen Aspekt betont die Theorie des historischen Institutionalismus, dass, um Policy-Entscheidungen heutiger Akteure zu verstehen, diese im historischen Zeitverlauf der Entstehung der Institutionen betrachtet werden müssen, da Entwicklungsschritte aufeinander aufbauen würden (Pfadabhängigkeit).

Dieser Aspekt, der eine wichtige Variable in der Institutionen-Analyse im historischen Institutionalismus darstellt, bildet gleichzeitig den großen Unterschied zu den „benachbarten“ Theorien des Rational-Choice-Institutionalismus und des soziologischen Institutionalismus. Beide Theorien messen der historischen Entwicklung von Institutionen keine Bedeutung zu. Auch nehmen beide Theorien nicht die asymmetrische Machtverteilung bei der Entwicklung und Gestaltung von Institutionen in den Blick, welche die Entscheidungsalternativen für die Akteure selbst auch einschränken würden. Beide Theorieansätze sind geprägt von einer eindimensionalen Kausalkette: Entweder wird wie im Rational-Choice-Institutionalismus das Gefüge aus der Sicht der Akteure betrachtet oder wie im soziologischen Institutionalismus aus der Sicht der Institutionen. Hier versucht der historische Institutionalismus eine Mittlerstellung zwischen beiden einzunehmen, Struktur und Handlung als wechselseitig aufeinander wirkende Teile zu sehen.Hall und Taylor, Rosemary C. R. (wie Anm. 1), S. 7

Der Rational-Choice-Institutionalismus betont, dass Institutionen aufgrund von aggregierten, individuellen und bewussten Entscheidungen der Akteure entstünden. Dies verneint der historische Institutionalismus mit dem Hinweis auf unkalkulierbare Konsequenzen und kurze Zeithorizonte bei der Gründung der Institutionen.Morisse-Schilbach (wie Anm. 2), S. 272f.

Der soziologische Institutionalismus sieht, dass individuelle Handlungen durch Institutionen bestimmt werden, was jedoch auf dem Befolgen bewusster oder unbewusster Normen geschieht. Entscheidungen würden demnach nicht aus langfristig angelegten Strategien generiert werden, sondern Ergebnisse endogener (verinnerlichter) Konventionen, Normen und Tradition der institutionalisierten Umgebung darstellen.

Innerhalb des historischen Institutionalismus haben sich zwei weitere Ausgliederungen entwickelt: auf der einen Seite der rationalistisch-ökonomische Ansatz, der vor allem durch Paul Pierson und Mark Pollack vertreten wird. Auf der anderen Seite befindet sich der soziologische Ansatz, der einige soziologische Erklärungsmuster hinzuzieht, bekannt hier vor allem durch Simon Bulmer.

Rationalistisch-ökonomischer historischer Institutionalismus Paul Pierson beschreibt in seinem Essay „The Path to European Integration“ seine Annahmen einer deduktiv argumentierenden, rationalistisch-ökonomischen Variante des historischen Institutionalismus, wobei er von der Kritik am liberalen Intergouvernementalismus von Andrew Moravcsik ausgeht.Pierson, Paul: The Path to European Integration: A Historical Institutionalist Analysis, in: Comparative Political Studies 29 (1996), 2, S. 123–163 In diesem würden, im Falle der Analyse der Europäischen Union, nur die „großen Verhandlungen“ (grand bargains) der Verträge betrachtet und nicht das Eigenleben der supranationalen Institutionen zwischen diesen Vertragsverhandlungen. Gerade hier würden aber elementare Policy-Entscheidungen gefällt, ohne dass die nationalen Akteure diesen große Aufmerksamkeit schenken würden.

Zur Erklärung der asymmetrischen Machtbeziehung verwendet Pierson das aus der Wirtschaftswissenschaft bzw. der Neuen Institutionenökonomik kommende Modell der principal agents (deutsch auch Prinzipal-Agent-Theorie). Principals seien im Falle der Europäischen Union die Mitgliedsstaaten, die unter strenger Aufsicht agents (supranationale Institutionen) Macht delegieren würden. Hier greift Pierson den kritischen Punkt der Entscheidungsfreiheit zwischen beiden Seiten auf und setzt sich mit den Theorien des Intergouvernementalismus und des Neo-Funktionalismus auseinander: Neo-funktionalistische Autoren weisen an dieser Stelle auf die entstandene Autonomie der Institutionen hin, Intergouvernementalisten auf die nationalen Akteure, die weiterhin die Aufsicht innehätten.Morisse-Schilbach (wie Anm. 2), S. 276 Pierson sucht bezüglich dieser einen Mittelweg: Die von intergouvernementalistischer Seite angeführte Übertragung von Macht und Aufgaben an die Institutionen sei nachzuvollziehen, die Institutionen würden jedoch über die Zeit ein „Eigenleben“ entwickeln.Pollack, Mark A.: The New Institutionalism and EC Governance: The Promise and Limits of Institutional Analysis, in: Governance 9 (1996), 4, S. 429–458, hier S. 433

Durch diese Verselbstständigung der Institutionen würden Kontrolldefizite („gaps“) entstehen, sprich (deutliche) Unterschiede im Hinblick auf die institutionellen und politischen Präferenzen der Mitgliedstaaten auf das Funktionieren der Institutionen.Pierson (wie Anm. 11), S. 131

Diese Kontrolldefizite entstünden im Zeitverlauf zwischen Entscheidung und Umsetzung. Dieser historische Aspekt ist, wie bereits oben beschrieben, das Alleinstellungsmerkmal des Historischen Institutionalismus, denn, so Pierson, würden Politikwissenschaftler meist nur Momentaufnahmen analysieren und Policy-Entscheidungen nicht im historischen Kontext sehen.

Pierson beschäftigt sich daher eingehend mit der Frage, wieso diese Kontrolldefizite entstehen würden und wieso, selbst wenn die pricipals (Mitgliedsstaaten) sich dieser bewusst seien, nicht geschlossen werden könnten.Pierson (wie Anm. 11), S. 131f.

Als erstes Kontrolldefizit nennt Pierson die automatisch entstandene Autonomie durch die Schaffung von supranationalen Institutionen, die notwendig sei, damit Nationalstaaten gemeinsame Entscheidungen fällen und effiziente, kollektive Entscheidungsprozesse ermöglichen können. Diese Institutionen, so zitiert Pierson, bekämen aufgrund der zur Verfügung gestellten Ressourcen eine Akteursqualität, entwickelten eigene Interessen, die sich von denen ihrer Gründer unterschieden und dienten nicht (mehr) allein als passive Instrumente. Das „politische Spiel“ umfasse nun mehr Akteure und mehr Interessen müssten untereinander abgewogen werden.