Arsinoë II. Philadelphos (; * um 316 v. Chr.; † Juli 270 oder Juli 268 v. Chr.) gilt als die erste bedeutende weibliche Persönlichkeit der in Ägypten herrschenden Dynastie der Ptolemäer. Sie war eine Tochter des Diadochen und Dynastiegründers Ptolemaios I. und dessen zweiter Ehefrau Berenike I. Bekannt war Arsinoë II. vor allem durch ihre dritte Ehe mit ihrem Vollbruder Ptolemaios II. (Geschwisterehe); davor war sie von etwa 300 bis 281 v. Chr. mit dem Diadochen Lysimachos sowie 280 v. Chr. kurzzeitig mit ihrem Halbbruder Ptolemaios Keraunos verheiratet. Noch zu ihren Lebzeiten ließ ihr Ptolemaios II. einen göttlichen Status zuerkennen und stiftete nach ihrem Tod zu ihrer Verehrung einen in ganz Ägypten und im östlichen Mittelmeerraum bis ins 2. Jahrhundert v. Chr. zelebrierten Arsinoë-Kult.

Familie Vater: Ptolemaios I. Soter Mutter: dessen zweite Frau Berenike I. Geschwister: Vollgeschwister: Ptolemaios II. Philadelphos, Philothera, Theoxene Halbgeschwister väterlicherseits: Ptolemaios Keraunos, Meleagros, Lysandra; Lagos, Leontiskos, Eirene Halbgeschwister mütterlicherseits: Magas, Antigone Ehemänner und Söhne: 1. Lysimachos († 281 v. Chr.), Herrscher von Thrakien, Makedonien und Westkleinasien PtolemaiosPorphyrios von Tyros, Die Fragmente der griechischen Historiker. (FGrHist) 260 F 3,11; Diodor, Bibliothḗkē historikḗ 22,4. (wahrscheinlich identisch mit Ptolemaios der Sohn) Philippos († 281 v. Chr.) Lysimachos († 281 v. Chr.) 2. Ptolemaios Keraunos († 279 v. Chr.) 3. Ptolemaios II. Philadelphos († 246 v. Chr.)

Leben

Abstammung und frühes Leben Arsinoë II. war eine Tochter des Diadochen Ptolemaios I. Soter, der seit dem Tod Alexanders des Großen (323 v. Chr.) über Ägypten herrschte, und dessen zweiter Gattin Berenike I.Pausanias, Helládos Periēgēsis 1,7,1. Sie wurde um 316 v. Chr. möglicherweise in Memphis geboren, aber wohl in der neugegründeten Stadt Alexandria aufgezogen, die ihr Vater zur neuen Metropole des Nillandes machte.Elizabeth Donnelly Carney: Arsinoe of Egypt and Macedon: A Royal Life. New York 2013, S. 16. Über ihre Kindheit und Erziehung ist nichts bekannt; da sie aber später als Patronin von Gelehrten auftrat und für ihr Wissen bekannt war, dürfte sie eine gute Ausbildung genossen haben.Elizabeth Donnelly Carney: Arsinoe of Egypt and Macedon: A Royal Life. New York 2013, S. 17. Ihre Brüder und Halbbrüder erhielten Unterricht von Gelehrten, die ihr Vater ausgewählt hatte, und auch Arsinoë nahm wahrscheinlich daran teil. In ihrem späteren Leben korrespondierte sie mit dem Philosophen Straton von Lampsakos,Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 5,60. der wohl früher ihr Lehrer war, wie er auch ihren jüngeren Bruder Ptolemaios II. Philadelphos unterrichtete.

Ehe mit Lysimachos Da Ptolemaios I. nicht an der Schlacht bei Ipsos (301 v. Chr.) teilgenommen hatte, in der die alliierten Diadochen Seleukos I., Lysimachos und Kassander über Antigonos Monophthalmos und Demetrios Poliorketes siegten, drohte er gegenüber den überlebenden letzten Diadochen in Isolation zu geraten. Daher entschloss sich der Ptolemäer-König, eine Heiratsallianz mit Lysimachos zu schließen, indem er diesen um 300/299 v. Chr. mit seiner etwa 16-jährigen Tochter Arsinoë II. verheiratete. Zu diesem Zweck trennte sich Lysimachos, der über Thrakien und Teile Kleinasiens herrschte, von seiner bisherigen Gemahlin, der Perserin Amastris.Plutarch, Demetrios 31,3; Iustinus, Epitoma historiarum Philippicarum 15,4,23 f. und 24,3,3; Memnon von Herakleia, Perì hērakleias (= FGrHist. 434 F 4,9); Pausanias, Helládos Periēgēsis 1,10,3; dazu Werner Huß: Ägypten in hellenistischer Zeit 332–30 v. Chr. München 2001, S. 200. Arsinoë gebar Lysimachos drei Söhne, und zwar vor 297 v. Chr. Ptolemaios (der wohl mit Ptolemaios der Sohn identisch ist), um 297 v. Chr. Philippos sowie um 294 v. Chr. Lysimachos.Pompeius Trogus, Historiae Philippicae Prolog zu Buch 24; Iustinus, Epitoma historiarum Philippicarum 24,3,5; dazu Über ihre fast zwei Jahrzehnte dauernde Ehe ist wenig bekannt.

Ihr wesentlich älterer, mehr als 60 Jahre zählender Mann, auf den Arsinoë einen dominierenden Einfluss ausübte, wurde 287 v. Chr. auch König von Makedonien. Lysimachos soll einen seiner Offiziere, Telesphoros, bis zu dessen Tod in einen Käfig eingesperrt haben, weil dieser Arsinoë während eines Banketts verspottet hatte.Athenaios, Deipnosophistai 14,616 c. Das Opfer war möglicherweise identisch mit Telesphoros (Antigonide). Nachdem Lysimachos sich nach der Ermordung der Amastris 284/283 v. Chr. in den Besitz von Herakleia Pontike gesetzt hatte, konnte Arsinoë ihn dazu überreden, dass er ihr diese Stadt sowie die Orte Tios und Amastris übertrug. In Herakleia ließ sich durch Herakleides von Kyme ein strenges Regiment führen.Memnon von Herakleia, Perì hērakleias (= FGrHist. 434 F 5,4–5). Um dieselbe Zeit benannte er Ephesos ihr zu Ehren in Arsinoeia um.Strabon, Geographika 14,1,21, p. 640; Stephanos von Byzanz, Ethnika, s. Ephesos. Auch Kassandreia befand sich später in ihrem Besitz.Iustinus, Epitoma historiarum Philippicarum 24,2,1; 24,3,3.

Um ihrem ältesten Sohn Ptolemaios die Thronfolge zu sichern, suchte Arsinoë ihren Stiefsohn, den Kronprinzen Agathokles, der als Ehemann ihrer Stiefschwester Lysandra zugleich ihr Schwager war, zu beseitigen. Angeblich wollte sie sich an Agathokles auch rächen, weil dieser ihre Liebesanträge verschmäht haben soll.Pausanias, Helládos Periēgēsis 1,10,3. Lysimachos stimmte unter ihrem Einfluss der Eliminierung des Kronprinzen zu. Nach einem gescheiterten Vergiftungsversuch wurde Agathokles laut dem antiken Historiker Memnon von Herakleia von seinem Schwager Ptolemaios Keraunos, dem Halbbruder der Arsinoë, im Kerker ermordet.Memnon von Herakleia, Perì hērakleias (= FGrHist. 434 F 5,6); anders Iustinus, Epitoma historiarum Philippicarum 17,1,4. Der Althistoriker Werner Huß nimmt dagegen an, dass Arsinoës ältester Sohn Ptolemaios Agathokles umgebracht habe.Werner Huß: Ägypten in hellenistischer Zeit 332–30 v. Chr. München 2001, S. 256. Dieser Mord ereignete sich wohl 283/282 v. Chr.

Lysandra floh daraufhin nach Syrien an den Hof von Seleukos I., der sich zum Rächer des getöteten Prinzen erklärte und Lysimachos den Krieg erklärte. In der Schlacht von Kurupedion bei Sardes wurde Lysimachos im Frühjahr 281 v. Chr. getötet.Memnon von Herakleia, Perì hērakleias (= FGrHist. 434 F 5,7); Iustinus, Epitoma historiarum Philippicarum 17,2,1; Appian, Syriaka 62; u. a. Arsinoë hielt sich zu dieser Zeit in Ephesos auf. Als die vormarschierenden seleukidischen Truppen in die Stadt eindrangen, schlug sie sich als einfache Frau verkleidet unerkannt zum Hafen durch und entfloh zu Schiff. Eine Sklavin, die sie an ihrer Stelle drapiert hatte, wurde dagegen von der Soldateska im Glauben, die Frau des Feindes aufgegriffen zu haben, getötet.Polyainos, Strategemata 8,57.

Ehe mit Ptolemaios Keraunos Arsinoë II. gelang auf dem Seeweg die Flucht nach der ihr gehörigen festen makedonischen Stadt Kassandreia, wo sie sich verschanzte. Seleukos I. machte sich inzwischen auf den Weg, um die Herrschaft über Makedonien und Thrakien zu erringen, wurde aber im August/September 281 v. Chr. bei Lysimacheia von Arsinoës Halbbruder Ptolemaios Keraunos ermordet. Dieser beabsichtigte nun selbst die Herrschaft in Makedonien zu übernehmen und suchte dies durch eine Ehe mit seiner Halbschwester zu legitimieren. Um deren Einwilligung zu erhalten, versprach er, ihre Söhne zu adoptieren und deren Thronfolgerecht anzuerkennen, sobald sie das Mündigkeitsalter erreicht hätten. Arsinoë traute ihm aber nicht. Erst als Ptolemaios Keraunos im heiligsten makedonischen Zeustempel sein Versprechen durch einen feierlichen Eid gegenüber den Göttern bekräftigte und dabei äußerte, er werde sie zur Königin erheben und keine andere Frau neben ihr haben, stimmte Arsinoë der Heirat zu.Iustinus, Epitoma historiarum Philippicarum 17,2,6 ff.; 24,2,1–10.

Daraufhin fand etwa Anfang 280 v. Chr. die Hochzeit an einem unbekannten Ort mit großem Gepränge statt. Ptolemaios Keraunos berief nun die Heeresversammlung ein, setzte Arsinoë das Diadem auf und bezeichnete sie als Königin.Iustinus, Epitoma historiarum Philippicarum 24,3,1 f. Doch ihr ältester Sohn Ptolemaios, der seiner Mutter von der Heirat abgeraten hatte, rebellierte gegen seinen Stiefvater und floh zum illyrischen Herrscher Monunios. Vermutlich erst jetzt entschloss sich Ptolemaios Keraunos, die Söhne der Arsinoë zu beseitigen.Pompeius Trogus, Historiae Philippicae, Prolog zu Buch 24; dazu Werner Huß: Ägypten in hellenistischer Zeit 332–30 v. Chr. München 2001, S. 259. Arsinoë hatte ihren Halbbruder nach Kassandreia eingeladen, sich vor ihm dorthin begeben und die Häuser, Tempel und Plätze der Stadt schmücken lassen. Als sie ihm die Tore öffnete, gab Ptolemaios Keraunos umgehend den Befehl, die Zitadelle zu besetzen und er ließ ihre zwei jüngeren Söhne, den 16-jährigen Lysimachos und 13-jährigen Philippos, vor ihren Augen grausam ermorden. Arsinoë selbst wurde von ihrem Halbbruder verschont, weil er wohl sein Verhältnis zu Ptolemaios II. nicht zu stark belasten wollte. So wurde Arsinoë mit lediglich zwei Dienern der Stadt verwiesen, worauf sie ihre Zuflucht in Samothrake nahm.Iustinus, Epitoma historiarum Philippicarum 24,3,3–9; Memnon von Herakleia, Perì hērakleias (= FGrHist. 434 F 8,7); dazu Werner Huß: Ägypten in hellenistischer Zeit 332–30 v. Chr. München 2001, S. 259. Dort hatte sie zwischen den Jahren 287 und 281 v. Chr. den nach ihr benannten Tempel Arsinoeion gestiftet, der mit 17 m Durchmesser der größte stützlose Rundbau der griechischen Antike war.Wilhelm Dittenberger: Orientis Graeci inscriptiones selectae. (OGIS) Band 15; Inscriptiones Graecae 12,8,227.

Ehe mit Ptolemaios II. mini|Münzportrait des Ptolemaios II. und der Arsinoë II.

Wahrscheinlich bald nach dem Tod des Keraunos 279 v. Chr. im Kampf gegen die Kelten begab sich Arsinoë II. wieder nach Ägypten, wo ihr Vollbruder, König Ptolemaios II., herrschte. Hier war sie nach verbreiteter Meinung unter Althistorikern für die Anklage und Verbannung der ersten Frau ihres Bruders, Arsinoë I., verantwortlich.So beispielsweise Günther Hölbl: Geschichte des Ptolemäerreiches. Darmstadt 1994, S. 33; Werner Huß: Ägypten in hellenistischer Zeit 332–30 v. Chr. München 2001, S. 265 f.; 307. Doch ist weder das genaue Jahr ihrer Ankunft in Ägypten noch jenes der Verbannung Arsinoës I. bekannt; ferner ist auch nicht ausdrücklich überliefert, dass Arsinoë II. tatsächlich die Initiatorin der Verdrängung Arsinoës I. vom Thron war.Elizabeth Donnelly Carney: Arsinoe of Egypt and Macedon: A Royal Life. New York 2013, S. 67–70. Jedenfalls heiratete Arsinoë II. danach Ptolemaios II. in Geschwisterehe und nahm damit die königliche Stellung der verbannten ersten Gattin ihres Bruders ein. Das Jahr dieser ihrer dritten Eheschließung ist wiederum nicht überliefert. Die 1883 entdeckte hieroglyphische Pithomstele lehrt zumindest, dass Arsinoë II. bereits im 12. Regierungsjahr des Königs mit ihm vermählt war. Falls hier die Regierungsjahre Ptolemaios’ II. ab dem Beginn seiner Koregentschaft mit seinem Vater (285 v. Chr.) gezählt werden, so fand die Geschwisterheirat laut dem Zeugnis der Stele vor dem November 274 v. Chr. statt; sollten die Regierungsjahre hingegen vom Beginn von Ptolemaios’ Alleinherrschaft (283 v. Chr.) an gerechnet werden, wurde die Ehe vor dem November 272 v. Chr. geschlossen.Chris Bennett: Arsinoë II. Anmerkung 14; Auf: instonebrewer.com. Auch die näheren Umstände und Gründe der Heirat sind unbekannt; eventuell war dafür die Erwägung des dynastischen Zusammenhalts oder ein Zusammenhang mit dem Ersten Syrischen Krieg (274–271 v. Chr.) ausschlaggebend.Elizabeth Donnelly Carney: Arsinoe of Egypt and Macedon: A Royal Life. New York 2013, S. 70–82.