mini|William Faulkner (1954), Photo von Carl Van Vechten Eine Rose für Emily (englischer Originaltitel: A Rose for Emily, deutsche Übersetzung von Elisabeth Schnack) ist eine Kurzgeschichte des amerikanischen Schriftstellers und späteren Literaturnobelpreisträgers William Faulkner, die im Herbst 1929 entstand. Sie wurde erstmals veröffentlicht in der Zeitung The Saturday Evening Post (Philadelphia, 1930) und erschien im gleichen Jahr am 30. April 1930 in der Zeitschrift Forum und war damit Faulkners erste Story, die in einem namhaften Magazin erschien.Michael Hanke: William Faulkner: A Rose for Emily. In: Michael Hanke (Hrsg.): Interpretationen · Amerikanische Short Stories des 20. Jahrhunderts. Reclam jun. Verlag, Stuttgart 1998, ISBN 3-15-017506-2, S. 54. Zur Erstveröffentlichung in der Zeitung "The Saturday Evening Post" (Philadelphia, 1930) vgl. u. a. die Angaben auf Leixoletti unter William Faulkner: Eine Rose für Emily sowie in CliffsNotes unter Summary and Analysis: "A Rose for Emily" Introduction, abgerufen am 18. Februar 2018. Die Geschichte wurde danach 1931 in die Sammlung These 13 aufgenommen und seitdem vielfach anthologisiert. Sie zählt nach einhelliger Sicht der Kritiker nicht nur zu Faulkners berühmtesten, sondern ebenso strukturell wohl elegantesten Kurzgeschichten.Vgl. Michael Hanke: William Faulkner: A Rose for Emily. In: Michael Hanke (Hrsg.): Interpretationen · Amerikanische Short Stories des 20. Jahrhunderts. Reclam jun. Verlag, Stuttgart 1998, ISBN 3-15-017506-2, S. 54. Siehe auch John V. Hagopian, W. Gordon Cunliffe, Martin Dolch: A Rose for Emily. In: John V. Hagopian und Martin Dolch: Insight I - Analysis of American Literature.Hirschgraben Verlag, Frankfurt a. M. 1971, S. 43.
Die Geschichte handelt von der alten Jungfer Miss Emily Grierson, ihrem Ansehen in der fiktiven Stadt Jefferson, Mississippi, und ihrem Widerwillen gegen Veränderungen aller Art.
Inhalt Die Kurzgeschichte spielt in Jefferson, der Hauptstadt von Faulkners fiktiver Erzähllandschaft Yoknapatawpha County im Süden der Vereinigten Staaten. Eine Rose für Emily beginnt mit der Mitteilung, Miss Emily Grierson sei gestorben und die ganze Stadt zu ihrer Beisetzung gekommen, die Männer aus Respekt vor einem gefallenen Monument, die Frauen aus Neugier, um ihr Haus von innen zu sehen, zumal niemand bis auf ihren altgedienten schwarzen Angestellten in den letzten zehn Jahren Zutritt gehabt habe. Ihr Haus liegt in einem heruntergekommenen, einstmals glanzvollen Teil von Jefferson.
In Emily Griersons Jugend verscheuchte der Vater alle Männer, die sich um seine Tochter bewarben. Nach seinem Tod will Miss Emily seinen Leichnam zunächst nicht herausgeben, erst als die Autoritäten der Stadt einschreiten, gibt sie nach. Emily ist inzwischen um die dreißig Jahre alt, ihr droht, eine „alte Jungfer“ zu werden. Doch sie beginnt eine Beziehung mit dem aus der Arbeiterklasse stammenden Nordstaatler Homer Barron; im Dorf kommen Gerüchte auf, man spekuliert, was das wohl werde. Die Beziehung scheitert jedoch wegen Homer Barrons Untreue; nach kurzer Zeit wird er nicht mehr gesehen. Von Emily Griersons Haus beginnt ein übler Geruch auszuströmen, man fragt sich im Ort, ob sie wohl Ratten vergiftet habe, schließlich hat man gesehen, wie sie in der Apotheke Arsen gekauft hat. Man reicht Klage beim Richter ein, der gegen Miss Emily aber nicht juristisch vorgehen will. Nachdem Männer heimlich Branntkalk auf dem Grundstück verstreut haben, verschwindet der Geruch.
Die Zeit vergeht, die Stadt bekommt eine neue Regierung. Miss Emily soll plötzlich Steuern zahlen, obwohl sie vom alten Bürgermeister Colonel Sartoris nach dem Tod ihres Vaters, der ohne großes Vermögen gestorben war, das Privileg erhielt, keine Steuern zahlen zu müssen. Sartoris hat ihre Steuerfreiheit auf wenig glaubwürdige Weise damit begründet, dass ihr Vater der Stadt ein großzügiges Darlehen gewährt habe. Miss Emily lehnt es ab, Steuern zu zahlen. Als bei ihr eine städtische Delegation auftaucht, muss diese unverrichteter Dinge abziehen. Auch gegen den Pfarrer, den Apotheker und die ganze klatschsüchtige Stadtgemeinde setzt sie sich durch. So wird Miss Emily alt und grau wie ihr einziger Diener, der spärlichen Kontakt zur Außenwelt aufrechterhält.
Als Miss Emily im Alter von 74 einsam in ihrem Haus gestorben ist, dringen die Bewohner der Stadt in ihr Haus ein. Sie brechen ein verschlossenes Zimmer auf und finden im Bett den verwesten Leichnam von Homer Barron in seiner Hochzeitskleidung. Neben seinem Kopf liegt ein weiteres Kopfkissen mit dem Abdruck eines Kopfes und einem langen eisengrauen Haar.
Themen Ein Thema der Erzählung ist der Gegensatz zwischen „neu“ und „alt“, „gesund“ und „krankhaft“, der Konflikt zwischen den Anhängern von Überlieferungen und Traditionen auf der einen und fortschrittsgläubigen und dynamischen Bürgern der Stadt auf der anderen Seite. Symbolisch für das Sich-Verweigern jeglicher Veränderung und den Hang zum Überkommenen ist der Verfall des ehemals noblen Stadtteils, in dem sich das Haus der Protagonistin befindet. Miss Emily verkörpert den Typus Mensch, der nur in der Vergangenheit lebt. Sie ist ein lebendes Monument, das die anderen Bürger der Stadt zwar respektieren, an deren Exzentrik sie aber gleichzeitig Anstoß nehmen.Vgl. dazu den Deutungsansatz von Floyd C. Watkins: The Structure of “A Rose for Emily”. In: Modern Language Notes LXIX, 1954, S. 508–510, hier S. 509. Siehe auch John V. Hagopian, W. Gordon Cunliffe, Martin Dolch: A Rose for Emily. In: John V. Hagopian und Martin Dolch: Insight I - Analysis of American Literature. Hirschgraben Verlag, Frankfurt a. M. 1971, S. 43–46.
Ein zweites Thema der Kurzgeschichte ist die Macht des Todes. Mit Miss Emilys Tod beginnt die Geschichte. Auch ihr Vater ist gestorben, aber anstatt dass sie zu leben anfängt, kommt ihr Bräutigam gewaltsam zu Tode. Emily ignoriert vollständig, dass sich ihr Leben durch diese Todesfälle verändern könnte. Sie hält an den Privilegien des verstorbenen Vaters fest, und für den ermordeten Bräutigam kauft sie Hochzeitskleider und Ehering und lebt weiter in ihrer abgeschlossenen Welt, als wäre nichts geschehen.Vgl. dazu die Deutung von John V. Hagopian, W. Gordon Cunliffe, Martin Dolch: A Rose for Emily. In: John V. Hagopian und Martin Dolch: Insight I - Analysis of American Literature.Hirschgraben Verlag, Frankfurt a. M. 1971, S. 47 f.
Das dritte Motiv, das in der Geschichte anklingt, ist die absolute Einsamkeit. Emily ist das einzige Kind, der Vater ist rücksichtslos und streng und hat verhindert, dass sie Erfüllung in Liebe und Ehe findet. Ihr erster Liebhaber Homer Barron ist ihr untreu, die Beziehung endet tödlich, und sie bleibt ihr ganzes Leben lang allein. Als Exzentrikerin lebt sie isoliert in ihrer Gemeinde und bricht allmählich alle Beziehungen nach außen ab. Indes weckt sie auch Bewunderung und erscheint über das Leben ihrer Mitbürger ergehoben („an idol“), gerade weil sie sich den Gesetzen der Zeit zu widersetzen versucht, freilich mit der Folge, dass sie den Rest ihres Lebens in völliger Einsamkeit sowie verarmt und unverstanden verbringt,Vgl. dazu die Deutung von John V. Hagopian, W. Gordon Cunliffe, Martin Dolch: A Rose for Emily. In: John V. Hagopian und Martin Dolch: Insight I - Analysis of American Literature.Hirschgraben Verlag, Frankfurt a. M. 1971, S. 44 f. sowie Michael Hanke: William Faulkner: A Rose for Emily. In: Michael Hanke (Hrsg.): Interpretationen · Amerikanische Short Stories des 20. Jahrhunderts. Reclam jun. Verlag, Stuttgart 1998, ISBN 3-15-017506-2, S. 57 f. Siehe auch Floyd C. Watkins: The Structure of “A Rose for Emily”. In: Modern Language Notes LXIX, 1954, S. 508–510, hier S. 509.
Entstehung und Publikation Faulkner schrieb Eine Rose für Emily im Frühjahr 1930. Er entstand im selben Schaffensrausch wie der Roman Als ich im Sterben lag, der in nur sechs Wochen entstand.W.Faulkner made the claim in the introduction to Sanctuary, (Modern Library ed. 1932) cited A. Nicholas Fargnoli, Robert W. Hamblin, Michael Golay, William Faulkner; A Critical Companion Infobase 2008, S. 44. Faulkner hatte bereits 1929 mit Schall und Wahn einen Roman veröffentlicht, der wegweisend für die literarische Moderne wurde, aber erst 1931 populär wurde, als Faulkner mit dem Roman Die Freistatt erstmals ein kommerzieller Erfolg geglückt war.
Die Kurzgeschichte Eine Rose für Emily entstand also vor einer entscheidenden Wendemarke. Kritiker nannten sie später das Markenzeichen einer neuen Stimme.SparkNotes: A Rose for Emily: Context Nach dem Erfolg von Freistatt 1931 brachte man im selben Jahr noch mit These 13 eine Sammlung von insgesamt dreizehn Kurzgeschichten Faulkners heraus. Eine Rose für Emily war mit anderen bekannten Kurzgeschichten wie Dürrer September in dieser Anthologie vertreten. Ursprünglich hatte Faulkner A Rose for Emily als Titelgeschichte seiner ersten Erzählsammlung vorgesehen, da er diese Kurzgeschichte besonders schätzte, vermutlich auf Wunsch des Verlegers erschien der Sammelband jedoch unter dem Titel These 13.Vgl. Michael Hanke: William Faulkner: A Rose for Emily. In: Michael Hanke (Hrsg.): Interpretationen · Amerikanische Short Stories des 20. Jahrhunderts. Reclam jun. Verlag, Stuttgart 1998, ISBN 3-15-017506-2, S. 54. Heute zählt Eine Rose für Emily zu den bekanntesten Kurzgeschichten Faulkners und der Gattung an sich; die Erzählung liegt auch in verschiedenen deutschen Übersetzungen vor und ist in unterschiedlichen Sammlungen und Ausgaben mehrfach veröffentlicht werden.Vgl. beispielsweise A Rose for Emily by William Faulkner bei goodreads.com oder Theo Schumacher (Übersetzer), Helga Huisgen (Übersetzer), Maria von Schweinitz (Übersetzer), Annemarie Horschitz-Horst (Übersetzer): A Rose for Emily Eine Rose für Emily: American Short Stories Amerikanische Kurzgeschichten (dtv zweisprachig). dtv Verlagsgesellschaft, München 1997, ISBN 978-3-423-09365-1.
Genre und allegorisch-symbolische Bedeutung Die Kurzgeschichte wird – wie auch andere Werke Faulkners – der Stilrichtung des Southern Gothic zugerechnet. Southern Gothic ist ein Subgenre der Schauerliteratur (englisch Gothic fiction), das sich nur im amerikanischen Süden ausgebildet hat. Ein Gattungsmerkmal ist, dass makabere, groteske und ironische Elemente z. B. aus klassischen Überlistungsgeschichten in die Texte eingebettet werden, um die Moral und die Werte des Südens zu präsentieren. Eine Auslegung der Geschichte, die Miss Emily samt ihrem baufälligen Haus als Symbol des alten, im Niedergang befindlichen Südens deutet, greift indes zu kurz, wie Cleanth Brooks eine Reihe solcher das Absurde streifenden Deutungsansätze satirisch kommentiert. Ebenso wenig lässt sich im Gegenzug, wie Brooks dies versucht, jedoch am Text nachweisen, dass der Erzähler und die Mehrzahl der Mitbürger in nahezu rührender Weise um das Wohlergehen von Miss Emily bemüht sind. Spätestens im vierten Abschnitt der Erzählung kommen Zweifel an einer derartigen Auslegung des Sinngehalts der Geschichte auf. Zwar achten die Bürger streng auf die Moral und schicken Miss Emily einen Pfarrer ins Haus, um sie auf den Pfad der Tugend zurückzuführen; das wesentliche christliche Gebot der Nächstenliebe bedeutet ihnen jedoch wenig. So atmen sie beispielsweise geradezu auf, als sich das Gerücht verbreitet, sie wolle sich das Leben nehmen. Als Miss Emily es wagt, sich unter Missachtung aller Konventionen von ihrem Geliebten, überdies einem gesellschaftlich unter ihr stehenden Nordstaatler, durch die Straßen kutschieren zu lassen, verbergen sich ihre Mitbürger hinter ihren Jalousien, um ungestört beobachten und tratschen zu können. Das Motiv des Voyeurismus wird später wieder aufgenommen, um mit den Worten des Erzählers die von ihm verkörperte Gemeinschaft bloßzustellen.Siehe Michael Hanke: William Faulkner: A Rose for Emily. In: Michael Hanke (Hrsg.): Interpretationen · Amerikanische Short Stories des 20. Jahrhunderts. Reclam jun. Verlag, Stuttgart 1998, ISBN 3-15-017506-2, S. 55 f.