300px|mini|Lage des Projektes in der Türkei
Das Südostanatolien-Projekt (; GAP) ist das größte regionale Entwicklungsprojekt der Türkei. Es umfasst insgesamt 22 Staudämme, 19 Wasserkraftwerke und Bewässerungsanlagen entlang der beiden Flüsse Euphrat und Tigris. Die Idee zu diesem Projekt entstand ursprünglich bereits in den 1970er Jahren.Offizielle Power-Point-Präsentation, Seite 7
Komponenten des GAP Das GAP soll das Wasser des Euphrat und Tigris zur wirtschaftlichen Nutzung erschließen. Diese beiden Flüsse stellen 28 % des türkischen Wasserpotentials dar.Offizielle Power-Point-Präsentation, Seite 6 Das Projekt berücksichtigt verschiedene Handelsfelder wie Landwirtschaft, Industrie, Verkehr, Infrastruktur, Tourismus, Gesundheit, Erziehung und Kultur.Offizielle Power-Point-Präsentation, Seite 9 Es erstreckt sich über mehrere Planungsphasen.
mini|Atatürk-Staudamm am Euphrat 1990 mini|Blick auf den Atatürk-Staudamm 2001
Staudämme Der Atatürk-Staudamm ist der größte der 22 Staudämme. Er staut das Wasser des Euphrats. Sein aufgestautes Wasser wird zum größten Teil über die zwei Şanlıurfa-Tunnel auf landwirtschaftliche Nutzflächen zur Bewässerung geleitet. Der Atatürk-Stausee hat die 1,5fache Fläche des Bodensees. Das Wasserkraftwerk hat eine Gesamtleistung von 2400 MW und erzeugt knapp 10 % der elektrischen Energie der Türkei.
Der Stausee drohte 15 Jahre nach seiner Fertigstellung zu verschlammen. Das Erdreich der umliegenden Berge erodierte immer mehr und rutschte in den Stausee. Nach Alarmrufen von Wissenschaftlern und der Presse beschloss die türkische Regierung 1998 eine Wiederaufforstung der Hänge rund um den Atatürk-Stausee. Eine Fläche von der Größe des Saarlandes sollte begrünt werden. Bei der größten ökologischen Rettungsaktion in der Geschichte der Türkei bepflanzten Tausende von freiwilligen Studenten das See-Ufer mit Bäumchen.
Die Euphrat-Staustufe Birecik liegt bei Birecik unterhalb des Atatürk-Staudamms. Sie dient neben der Stromerzeugung auch der landwirtschaftlichen Bewässerung und besteht aus einem 2,5 km langen Staudamm. Die Turbinen mit einer Gesamtleistung von 672 MW erzeugen pro Jahr 2,5 Milliarden Kilowattstunden.
In den Jahren 1996–2000 wurde die Karkamış-Staustufe mit einer Kraftwerksleistung von 189 MW errichtet.
Der Ilisu-Staudamm staut den Tigris und wurde in der Nähe zur syrischen und irakischen Grenze gebaut. Der Damm ist 135 Meter hoch und 1820 Meter lang und es wurde ein Gebiet von 313 Quadratkilometer überflutet, darunter auch historische Kulturdenkmäler, wie etwa die mittelalterliche Stadt Hasankeyf. Die Kraftwerksleistung beträgt 1200 MW.
mini|Hochwasserentlastung eines Stausees
Zeitliche und räumliche Dimension mini|300px|Übersichtskarte des Projektes, Stand 2005 Außer der Bewässerung landwirtschaftlicher Flächen und der Stromgewinnung umfasst das GAP auch den Bau landwirtschaftlicher und städtischer Infrastruktur, Forstwirtschaft, Bildung und Gesundheitsvorsorge. Nach den staatlichen Planungen sollte der regionale Entwicklungsplan 2010 fertiggestellt werden und 32 Milliarden Dollar kosten. Seit Beginn des Projektes wurden bis zum Jahr 2000 (im Rahmen des Masterplans 1989–2005) 14 Mrd. Dollar investiert. Doch wurde die Subvention für dieses Projekt aufgrund starker Staatsverschuldung eingeschränkt.
Das Projekt umfasst neun Provinzen, die im historischen Ober-Mesopotamien zwischen den beiden Flüssen Euphrat und Tigris liegen:
Adıyaman Batman Diyarbakır Gaziantep Kilis Mardin Siirt Şanlıurfa Şırnak
Ziele des GAP Mit der Fertigstellung des Projektes sind mehrere Ziele verbunden, besonders die wirtschaftliche und soziale Entwicklung des lange Zeit vernachlässigten Südostens der Türkei. In diesem Gebiet lebt größtenteils die kurdische Minderheit. Durch die wirtschaftliche Entwicklung erhofft sich die Regierung auch eine Entschärfung der sozialen Lage der Kurden und damit auch einen Beitrag zur Lösung der kurdischen Frage. Zudem soll durch das Entwicklungsprogramm die Binnen-Migration und Landflucht von Ost nach West verringert werden.
Zielsetzungen sind:
Bewässerung und das Urbarmachen des unfruchtbaren Landes in Syrien, der Türkei, des Irak und des Irans Entwicklung des unterentwickelten Osten der Türkei und Erhöhung des Lebensstandards und Einkommensniveaus der Bevölkerung Schaffung von 5 Millionen neuen ArbeitsplätzenARTE G.E.I.E, in allen Bereichen (Dienstleistung, Industrie und Landwirtschaft) Energiegewinnung und Verringerung der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zusätzliche staatliche Einnahmen durch den Wasserhandel mit den Nachbarländern und dem ganzen Nahen Osten Bewässerung der Steppe zur Erschließung landwirtschaftlicher Nutzflächen Diversifizierung der landwirtschaftlichen Erzeugnisse mini|Bewässerung in der Region, Bild aus dem Jahr 2005 Erhöhung des Exports aus der Region durch eine exportorientierte Agrarproduktion Ansiedlung von Industrien: In der ersten Stufe ist eine Ansiedlung der Lebensmittelverarbeitung geplant, danach sollen weitere Industriezweige wie Möbelherstellung, Textil und Chemie folgen. Förderung des Tourismus: Erschließung vieler historischer und archäologischer Stätten durch den Ausbau der Infrastruktur (Straßen, Hotels usw.) Gesellschaftliche Umwandlung: Frauenprojekte, Ausbildung, Erziehungstätigkeiten und Gesundheitsleistungen
Landwirtschaft mini|Baumwoll-Anbaugebiete in der Türkei
Mit Hilfe riesiger Bewässerungsanlagen soll eine Fläche von 1,7 Millionen Hektar zwischen den beiden Flüssen bewässert und so zur landwirtschaftlichen Nutzung erschlossen werden. Das entspricht fast der Größe Thüringens. Mit dem Fertigstellen des GAP wird sich die bewässerte Fläche der Türkei schätzungsweise verdoppeln.
Allein bei der Produktion von Baumwolle erwartet man eine Erhöhung von derzeit 150.000 Tonnen auf 400.000 Tonnen. Damit wird die Region zu einer der vier wichtigsten Anbauflächen für Baumwolle. Baumwolle ist für die Türkei insofern wichtig, da dessen Nachfrage nach dem Rohstoff größer ist als die Kapazität zur Deckung des eigenen Bedarfs. Bereits jetzt zählt die Türkei neben China und anderen Ländern zu den Haupttextil-Produzenten der Welt.
Neben Baumwollfeldern entstehen allerdings auch Pistazien- und Mandelbaumplantagen, Erdbeer-, Sojabohnen- und Weizenfelder und Truthahnfarmen.
Die Erträge von Baumwolle, Gerste und Weizen verdreifachten sich auf den bewässerten Flächen, vor allem in der Ebene um Harran. Wie aus den Erfahrungen mit anderen Staudammbauten bekannt wurde, steigen nach der Inbetriebnahme mit dem Grundwasserspiegel auch die Bodensalze nach oben und machen die Böden unfruchtbar. Auch die Harran-Ebene war einst eine der größten Kornkammern der Türkei, doch schon heute sind mehr als 20 % des Bewässerungsgebietes zu versalzen, um noch als Anbaugebiet von Nutzen sein zu können.
mini|links|Bewässerungskanal in Harran
Fischerei Zurzeit wird über die Errichtung von Fischzuchtfarmen auf den neu entstandenen Seen nachgedacht. Auf den Stauseen um den Atatürk-Staudamm zeichnet sich derzeit bereits eine derartige Entwicklung ab.
Elektrizität Die bereits bestehenden 17 Wasserkraftwerke versorgen die Türkei mit 8,9 Milliarden Kilowattstunden Energie. Der Verbund dieser 17 Wasserkraftwerke ist einer der größten der Welt. Nach der Fertigstellung soll die Region jährlich eine Energiemenge von 27 Milliarden Kilowattstunden produzieren. Dies entspricht ca. 13 % des türkischen Jahresbedarfs.
Beteiligung deutscher Unternehmen / Hermesbürgschaften Mehrere Unternehmen aus den Ländern Österreich, Deutschland und der Schweiz investieren in das Projekt, vor allem Unternehmen aus dem Bau- und Elektrosektor. Nachdem die Weltbank und die Schweizer Großbank UBS sich aus dem Projekt zurückgezogen haben, unterstützen die deutschen Banken Sparkasse und die zur Sparkassengruppe gehörende Deka-Bank das Projekt. Die Regierungen der genannten Länder sichern ihre Unternehmen durch sogenannte Hermesbürgschaften mit einer Summe von 450 Millionen Euro ab. Der Gesamtwert der Investition beträgt 1,2 Milliarden Euro., Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie
Entwicklung des Projektes
Projektstand Juni 2000Fertigim BauGeplantSummeElektrische Nennleistung (MW)4.4908981.9477.335Stromerzeugung (MWh/Jahr)16.7043.2867.11927.109Bewässerte Fläche (ha)212.197159.1471.428.6561.800.000Zahl der Staudämme122822Zahl der Wasserkraftwerke621018 In den frühen 1990er kam das Projekt in der Hochzeit der Kämpfe zwischen der PKK und der türkischen Armee fast vollständig zum Erliegen. Das ursprüngliche Ziel, das Projekt bis 2010 fertigzustellen, wurde nicht erreicht. Die Fertigstellung mancher Dämme ist überfällig, wie zum Beispiel die in der Nähe von Hatay. Die Ursachen für die Verzögerung sind vielfältig. Hierzu gehören ökonomische Krisen, diplomatische Probleme und auch die Kampfeinsätze gegen die PKK während der langen Projektzeit.
Eine Reihe von wirtschaftlichen Rückschlägen führte immer wieder dazu, dass die Regierungen den Geldhahn für das Projekt zudrehten oder zumindest den Geldfluss verringerten.
Zudem mussten immer wieder rechtliche Sachverhalte geklärt werden. Dies betraf vor allem Enteignungen und Überflutung von historischen Orten.
Auswirkungen und Probleme Sozial Bis jetzt sind kaum Arbeitsplätze für Ansässige geschaffen worden. Die „guten“ Stellen gehen zumeist an gut ausgebildete Arbeiter aus dem Westen der Türkei. Zudem profitieren von den neuen landwirtschaftlich erschlossenen Gebieten vor allem die alten Großgrundbesitzer (Agas).
Ein weiteres Problem ist die Umsiedlung von Dörfern und deren Bewohnern aus Gebieten, die durch die Stauung der Flüsse überschwemmt werden. Von den Umsiedlungen sind über 4000 Dörfer und mehr als 5000 Siedlungen betroffen. Allein der Atatürk-, Karakaya- und Bireçik-Damm haben zu Umsiedlungen von etwa 90.000 Bewohnern geführt. Viele Betroffene bekommen nur unzureichende Entschädigungen für ihre verlassenen Ländereien und Besitztümer oder aber ihr Einkommen liegt unterhalb des Niveaus, das sie früher erwirtschaftet haben. Daher ist die Mehrzahl der entschädigten Personen mit ihren neuen Siedlungen unzufrieden.
70 % der bebaubaren GAP-Fläche ist Staatseigentum, 25 % verteilen sich auf die Großgrundbesitzer und lediglich 5 % auf die Vielzahl der Kleinbauern. Um optimale landwirtschaftliche Erträge erzielen zu können, müssen große Flächen mit Maschinen, Dünger und Pestiziden bearbeitet werden. Der Großteil der Kleinbauern kann höchstwahrscheinlich nicht die finanziellen Mittel für diese Investitionen aufbringen. Daher werden auch kaum Kleinbauern von diesem Projekt profitieren, sondern nur die alten Großgrundbesitzer. Es ist deshalb zu bezweifeln, ob die angestrebte Verbesserung des Lebensstandards und Erhöhung der Einkommen der Bauern erreicht wird.
Ökologisch und kulturell Versalzung des Bodens durch Überdüngung und Hebung des Grundwasserspiegels Überschwemmung alter archäologischer Fundorte und Kulturstätten wie Zeugma, Allianoi, Hasankeyf u. a. drastische Verringerung des fruchtbaren Schwemmlands in den Flüssen nach den Staumauern Hohe Verdunstungsverluste über großen Wasserflächen in ariden bzw. semi-ariden Räumen Verdrängung von Kleinbauern durch industrielle Landwirtschaft
Probleme mit den Anrainerstaaten