Veränderter Bewusstseinszustand (abgekürzt VBZ, auch außergewöhnlicher BewusstseinszustandStanislav Grof, Christina Grof (Hrsg.): Spirituelle Krisen. Chancen der Selbstfindung. Kösel, München 1990, ISBN 3-466-34251-1, S. 12 oder erweiterter Bewusstseinszustand, (ASC), manchmal auch veränderter Wachbewusstseinszustand (VWB) oder außergewöhnliche Erfahrung (AgE)Liane Hofmann, Patrizia Heise: Spiritualität und spirituelle Krisen. Handbuch zu Theorie, Forschung und Praxis. Schattauer, Stuttgart 2017, ISBN 978-3-7945-6861-1, S. 3) bezeichnet eine nach verschiedenen Kriterien festgelegte Modulation des Bewusstseins und damit eine Art bewusster mentaler Zustand.
Den Begriff in seiner heutigen Verwendung prägte der Psychiater Arnold M. Ludwig 1966, nachdem er eine umfangreiche Übersicht über bekannte Bewusstseinsveränderungen angelegt hatte. Auch der amerikanische Psychologe Charles Tart hat wesentlich zur Bekanntheit des Begriffs beigetragen. Ebenso wenig wie es heute eine allgemeine anerkannte Definition von Bewusstsein gibt, gibt es eine allgemeine Definition von veränderten Bewusstseinszuständen. Die bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts hauptsächlich verfolgten Modelle aus dem Bereich der Psychologie, Philosophie und Anthropologie werden heute ergänzt durch Modelle aus der Neurochemie und Neurophysiologie. Daneben sind veränderte Bewusstseinszustände auch in fast allen Kulturen und Religionen von Bedeutung. Zur gezielten Anwendung kommen sie auch bei psychotherapeutischen Behandlungen.
Begriff und Abgrenzung Ebenso wenig wie für das Phänomen Bewusstsein existiert für veränderte Bewusstseinszustände ein allgemein anerkanntes, tragfähiges Modell. Dieser Mangel liegt auch an den vielfältigen Bedeutungen und Verwendungen des Begriffes „Bewusstsein“.Thomas Metzinger, Ralph Schumacher: Bewusstsein. In: Hans-Jörg Sandkühler (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie. 2010. Die Besonderheit in der Erforschung des Bewusstseins liegt in der Möglichkeit, zwei gegensätzliche Forschungsweisen zu verfolgen. Da die neuronalen Strukturen und Funktionen als Voraussetzung für Bewusstsein gelten, sind die naturwissenschaftlichen Methoden, insbesondere die neurowissenschaftlichen Forschungsansätze, der eine Zugang. Da zudem auch psychologische und soziale Aspekte und Funktionen wesentlicher Teil der Betrachtung des Bewusstseins sind und somit psychologische und sozialwissenschaftliche Methoden angewendet werden, nennt man diesen Ansatz auch allgemeiner die „Dritte-Person-Perspektive“. Der andere Zugang ist die subjektive Erfahrung, die sogenannte Erste-Person-Perspektive, die immer zur Abgrenzung und Beschreibung von Zuständen genutzt wird.Thorsten Passie: Bewusstseinszustände. Lit Verlag, Hamburg 2007, S. 9. Dieser subjektive Forschungszugang beruht auf der sogenannten Introspektion und ist somit Teil eines der wichtigsten Probleme in der aktuellen Bewusstseinsphilosophie, der epistemischen Asymmetrie.Metzinger: Grundkurs Philosophie des Geistes. B-13, S. 421. Das Problem dieser Erste-Person-Perspektive dabei ist, dass sie zufällig ist. Ebenso gilt sie als epistemologisch nicht abgesichert. Die Gegenüberstellung und das Zusammenwirken dieser zwei grundverschiedenen Methoden sind für die Erforschung von Bewusstseinszuständen und zur Gewinnung von Erkenntnissen allerdings so wesentlich wie in keinem anderen Wissenschaftsfeld.Dieter Vaitl: Veränderte Bewusstseinszustände: Grundlagen – Techniken – Phänomenologie. Schattauer, 2012, S. 13.
In der Diskussion über ein verändertes Bewusstsein wird auch deutlich, dass kein allgemeiner Konsens darüber besteht, was genau mit Bewusstsein gemeint ist. So wird der Begriff in vielfältiger Weise gebraucht. Bewusstsein kann beispielsweise als eine kognitive Funktion wie Aufmerksamkeit oder als phänomenologisches Konzept im Sinne von subjektiver Erfahrung verstanden werden.Marcel Bisiach: Consciousness in contemporary Science. Oxford University Press, Oxford 1988, S. 3 ff. Während die Frage nach dem Bewusstsein selbst hauptsächlich in der Psychologie und Philosophie gestellt wurde, beschäftigten sich dagegen meistens Mediziner und Psychiater mit der Frage nach bestimmten Zuständen und Störungen des Bewusstseins.
Unterschieden wird ein VBZ in der Regel von einer reinen Modulation des Ich-Erlebens, bei der verschiedene kognitive Funktionen wie das Gedächtnis oder die Wahrnehmung nicht mehr wie gewohnt in ein Selbstbild integriert werden. Ebenso sind veränderte Bewusstseinszustände auch keine mentalen Simulationen wie ein Gedankenexperiment.Thomas Metzinger: Subjekt und Selbstmodell. mentis Verlag, Paderborn 1999, S. 183. Unterscheidungen zum psychiatrischen Bereich der Bewusstseinsminderung und Bewusstseinsstörungen werden nicht allgemein vorgenommen und werden häufig diskutiert.
Da sich zudem veränderte Bewusstseinszustände nicht nur vor einem kulturellen, religiösen und ideengeschichtlichen Kontext manifestieren, sondern diesen auch mitprägen, ist jeder Versuch einer Modellbildung schwierig. Die Erforschung von veränderten Bewusstseinszuständen gilt auch als Möglichkeit, allgemein die Entstehung, Aufrechterhaltung und Entwicklung des Bewusstseins besser zu verstehen.
Definitionen und ihre Schwierigkeiten Eine bis heute verbreitete Definition von Bewusstseinszuständen stammt von Charles Tart. Er orientiert sich dabei an Arnold M. Ludwig, der 1966 die subjektiven Veränderungen im Erleben relativ zu einem „Normalbewusstsein“ als Maßstab für veränderte Bewusstseinsinhalte nimmt.Arnold M. Ludwig: Altered states of consciousness. In: Archive of General Psychiatry. 15, S. 225–234. Tart definiert einen veränderten Bewusstseinszustand über eine deutliche qualitative Veränderung des Musters der geistigen Verarbeitung bzw. der Art mentaler Funktionen. Damit grenzt er sie einerseits gegen bloße Veränderungen von Gefühlen und anderen Bewusstseinsinhalten ab. Andererseits fokussiert sich diese Definition auf die subjektive Erfahrung und nimmt keinen direkten Bezug zu empirischen Messungen oder Verhaltensbeobachtungen. Dennoch können veränderte Bewusstseinszustände nach Tart auch mit einer Reihe subjektiv und objektiv veränderter Parameter einhergehen.
G. William Farthing variiert diese Definition 1992 nur leicht:G. William Farthing: Psychology of Consciousness. Prentice Hall, 1991/2, S. 18.
Um das weite Spektrum an möglichen Erfahrungen im „normalen“ Wachbewusstsein von veränderten Bewusstseinszuständen zu trennen, definieren Tart (1969) und Farthing (1992) deshalb ASCs anhand von sechs Kriterien: ASCs sind nicht nur Veränderungen der Bewusstseinsinhalte. ASCs zeichnen sich durch ein verändertes „Schema der Erfahrung“ aus, nicht nur in der Veränderung einzelner Aspekte oder Dimensionen. ASCs müssen nicht unbedingt sofort bemerkt werden; ihr Auftreten kann auch erst später festgestellt werden. ASCs sind relativ kurzzeitig und reversibel. ASCs werden ausgehend von den Unterschieden zum Alltagsbewusstsein beschrieben und identifiziert. ASCs sind letztlich durch die subjektive Erfahrung definiert und nicht durch Verhalten oder physiologische Messungen.
Die Vorstellung eines „Normalbewusstseins“ zur Unterscheidung zu VBZs wird allerdings auch kritisiert. So stellen gängige Theorien das Bewusstsein als Prozess da, der nicht als stabiler, „normaler“ Zustand begriffen werden kann.Gerhard Roth: Das Gehirn und seine Wirklichkeit. Kognitive Neurobiologie und ihre philosophischen Konsequenzen. Suhrkamp, Frankfurt, S. 22. Ähnlich argumentiert auch schon Charles Tart selbst, der das Alltagsbewusstsein als nützliches Werkzeug in einem komplexen System von ständigen Veränderungen sieht. Somit wäre ein „Normalbewusstsein“ nur eine nützliche Konstruktion, um sinnvoll über Veränderungen zu sprechen. Die Erfahrung der „normalen psychischen Funktionen im Wachbewussten“ eignet sich auch für Dieter Vaitl als Maßstab für psychologische und neurobiologische Modelle der Bewusstseinszustände nur bedingt; auch sei unklar, wie Normalität definiert ist.Dieter Vaitl: Veränderte Bewusstseinszustände: Grundlagen – Techniken – Phänomenologie. Schattauer, 2012, S. 14.
In der Ethnologie und Religionswissenschaft wird der Begriff des „veränderten Bewusstseinszustands“ teilweise auch grundsätzlich kritisiert. Kritiker sehen darin mitunter eine moderne Fortführung älterer Konzepte wie „Seele“ oder „Geist“, ohne dass das Verhältnis von Körper, subjektiver Erfahrung und Bewusstsein begrifflich eindeutig geklärt werde. Insbesondere bei der Beschreibung von Ekstase, Trance, Schamanismus und mystischen Erfahrungen sei umstritten, inwieweit physiologische Korrelate Aussagen über die Erlebnisinhalte erlauben.Guido Rappe: Die Seele des Primitiven in der wissenschaftlichen Sicht auf sie, Radevormwald: Kassandra Medienverlag 2026, S. 298–317.
Charles Tart unterscheidet ebenso zwischen einem „altered state of consciousness“ und einem „identity state of consciousness“. Ein „altered state“ ist dabei definiert über eine unterschiedliche subjektive Erfahrung,R. J. Pekala deklariert Zustände, die so unterschieden werden als (SSAS). Ronald J. Pekala: Quantifying Consciousness – An empirical Approach. Plenum Press, New York 1991, S. 83. wobei ein „identity state“ über einen signifikanten Unterschied verschiedener Parameter von anderen Zuständen definiert ist. Diese Parameter sind in Tarts Vorstellung über sein systemtheoretisches Modell festgelegt.
In einem stärker naturalistischen, informationsverarbeitenden Ansatz wird das Bewusstsein und seine Funktionen als Repräsentation der Welt verstanden. Damit verbunden ist eine gedankliche Trennung der aktuellen Bewusstseinsinhalte von einem grundlegenderen neuronalen, informationsverarbeitenden Mechanismus. Auch in dieser Vorstellung gibt es Definitionen für VBZs. Ein normales Wachbewusstsein ist dabei ein Zustand, in dem die bekannten Repräsentationen der Umwelt und des Selbst akkurate und zuverlässige Informationen liefern. Eine Änderung des Bewusstseinszustandes kommt demnach durch eine Fehlrepräsentation von Bewusstseinsinhalten zustande. Die „normale“ Repräsentation der WeltHierzu werden nicht nur externe Informationen wie Sinneswahrnehmungen, sondern auch unbewusste körperliche und mentale Ereignisse gezählt. geht verloren und der „Zustand“ ist ein Zustand der bewussten Repräsentation. Ein Vorteil dieser Definition ist die Möglichkeit, nach Anzeichen für veränderte Mechanismen auch in physiologischen und neurologischen empirischen Daten zu suchen. Auch können damit temporäre und globale Änderungen des Zustandes von andauernden, neuronal begrenzten psychischen Krankheitsbildern abgegrenzt werden.Atti Revounso, Sakki Kallio, Pilleriin Sikka: What is an altered state of consciousness? In: Philosophical Psychology, Vol. 22, Nr. 2, April 2009, S. 187–204. António Damásio definiert ein Proto-Selbst als diejenige Repräsentation, die die Aufrechterhaltung der grundlegenden Körperfunktionen (Homöostase) infolge der Beteiligung von Hirnarealen wie dem Hirnstamm im Bewusstsein erzeugt. Die Veränderungen dieses „Statusmodells“ vom Körper im Gehirn könnten dann eine Veränderung des Bewusstseinszustandes bewirken.
Zustände von wissenschaftlichem Interesse Stanley KrippnerStanley Krippner: Altered states of consciousness. In: J. White (Hrsg.): The highest state of consciousness. John Wiley, New York 1972, S. 1. unterscheidet zwanzig Zustände von näherem Interesse:
Schlaf, Traumschlaf, Einschlaferleben (Hypnagogie), Aufwacherleben (hypnopompischer Zustand), Hypervigilanz (Hyperalertness), Lethargie, Ekstase (rapture), Hysterie, Dissoziation (fragmentation), „Regression“, meditative Zustände, Trancezustände (reverie), Tagträume, „innere Wahrnehmung“ (internal scanning), Stupor, Koma, Gedächtniszugriff (stored Memory), „erweitertes“ Bewusstsein und „normales“ Wachbewusstsein.Ronald J. Pekala: Quantifying Consciousness – An empirical Approach. Plenum Press, New York 1991, S. 43/44.
Bewusstseinsveränderung
Definition