mini|Phantasiewappen Nordfrieslands nach Vorstellungen aus dem Umkreis von Christian Feddersen, um 1844
Lieber tot als Sklave (Nordfriesisch: „Lewer duad üs Slaw“; Westfriesisch: „Leaver dea as slaaf“; Niederdeutsch: „Lewer dood as Slaav“, Dänisch: Hellere død end slave) ist ein im 19. Jahrhundert erstmals in dieser Form nachgewiesener politischer Wahlspruch an der friesischen Nordseeküste. Er wird seither in zahlreichen Sprachvarianten und Rechtschreibversionen verwendet.
Die ursprünglich lateinischen Sprüche „Lieber den Tod als die Sklaverei“ und „Lieber tot als unfrei“ stammen aus dem Mittelalter und waren vor allem mit der Tradition der Friesischen Freiheit verbunden. Sie spielten eine wichtige Rolle in den politischen Diskursen in den Generalstaaten, doch wurden sie in der Aufklärungszeit in anderen Teilen Europas und Amerika neuentdeckt und mit aktueller Freiheitsrhetorik und Revolutionsgedanken verbunden. In der Nationalromantik wurde der Spruch zu „Lieber tot als Sklave“ umformuliert. Die friesischen und niederdeutschen Varianten verbreiteten sich seit den 1840er Jahren von Nordfriesland aus. Der Spruch wurde in den 1920er und 1930er Jahren vorübergehend von den Nationalsozialisten vereinnahmt; dessen ungeachtet hat man ihn nach 1945 auch in den Niederlanden aufgegriffen. Seit dem Ausgang des 20. Jahrhunderts spielt er eine bestimmte Rolle in der kulturellen Vermarktung des Küstentourismus und der Marke Friesland.
Historiker haben festgestellt, dass das Sprichwort in seiner heutigen Form ein Produkt der Nationalromantik ist, das weitgehend aus Mythen aufgebaut ist. Dennoch kam es nach der letzten Jahrhundertwende zu einer gewissen Remythologisierung der friesischen Vergangenheit, wodurch gelegentlich wieder von der mittelalterlichen Herkunft des Sprichworts ausgegangen wird.
Sprachvariante mini|Niederdeutsche Inschrift (nach Hermann Allmers) auf dem Denkmal des „Hartwarder Friesen“ in Rodenkirchen, 1914 mini|Die nordfriesischen Dialekte.
Der friesische Spruch „Lieber tot als Sklave“ findet sich in unterschiedlicher Schreibweise, abhängig von dem jeweiligen Dialekt. Die Verschriftlichung, Standardisierung und der lexikografische Ausbau der verschiedenen Sprachen und Dialekte hat sich erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vollzogen, weshalb es viele Buchstabierungsvarianten gibt.
Als allgemein nordfriesisch darf wohl die Unterschrift des neu gestalteten Landeswappens gelten, zuerst abgebildet auf einer Fahne, die auf dem ersten Heimatfest der Nordfriesen in Bredstedt 1844 gezeigt und umgetragen wurde. Die Unterschrift wurde hier als „Liewer düd as Slaw“ (im mooringer Dialekt) geschrieben, doch sie wird heute in der Regel mit „Lewer duad üs Slaw“ (auf Öömrang) angegeben.
Die Gründungsväter der nordfriesischen Bewegung haben unterschiedliche Varianten benutzt, sowohl im mooringer-bökingharder Friesisch („Liewer düd äß Slaawe“) als auch in den Dialekten von Sylt („Lewwer duad üs Slaav“), Föhr und Amrum („Lever duad üs Slav“).Vgl. Moritz Nissen: De fréske Findling, dat sen fréske Sprékkwurde önt Karhirdinge, Withinge, Amringe, Breklinge, Mourange, Sellange, Hatsinge, Westfréske an Engelske Reth. Stedesand 1873, S. 65. Die älteste westfriesische Variante („leavor dead as slaef“) ist datiert auf 1854, die erste niederdeutsche („Lewer dod as Sklav“) auf 1860. Sämtliche Varianten entsprechen nicht mehr den aktuellen lexikographischen Standards, doch sind sie häufig auf Gedenksteinen und Wappenschildern sowie in den Medien zu finden.
+ Unterschiedliche Sprachvariante nach aktuellen Rechtschreibregeln Nordfriesisch (allgemein) Lewer duad üs Slaw! Sylter Friesisch (Sölring) Lewer duar üs Slaav! Föhrer Friesisch (Fering) Leewer duad üüs Slaav!Amrumer Friesisch (Öömrang)Leewer duad üs Slaav. Helgoländer Friesisch (Halunder) Liiwer dooad es Skloaw! Wiedingharder Friesisch Liiwer duuid as Sloow! Bökingharder Friesisch Liiwer düüdj as Sloow! (Slååw!)Karrharder FriesischLiiwer düüdj as Slååw!Nordergoesharder FriesischLiiwer duud as Sloof! (Slååf!)Mittelgoesharder FriesischLiiwer duud as Slååf! (Schlååf!)Südergoesharder Friesisch (1981 ausgestorben)Liawer duad as Slååw! (Schlååw!) Halligfriesisch Liawer duad as Slaof!Saterfriesisch (Ostfriesisch)Ljauer dood as Slowe! Westfriesisch (1980) Leaver dea as slaaf! Ostfriesisches Platt Lever dood as Slaav!Altfriesisch (rekonstruiert)Liaver dād als Slave! Nordniedersächsisch Lewer dood as Slaav! Niederländisch Liever dood dan slaaf! Dänisch Hellere død end slav!
Geschichte Lieber den Tod als die Sklaverei Bartholomaeus Anglicus Die friesische Geschichte und Kultur ist unter anderem von der mittelalterlichen Friesischen Freiheit geprägt, deren Überlieferung sich bis zum 15. Jahrhundert weitgehend auf die südlich der Nordsee lebenden Friesen beschränkt.Albert Panten: Das Privileg Karls des Großen aus nordfriesischer Sicht. In: Thomas Steensen (Hrsg.): Die friesische Freiheit. Beiträge vom 1. Historiker-Treffen des Nordfriisk Instituut. Bredstedt 1990, S. 29–34.
Der Franziskanermönch Bartholomaeus Anglicus verfasste in Magdeburg um 1240 eine Weltenzyklopädie De proprietatibus rerum, in der auch ein Stichwort Frisia aufgenommen wurde. Darin behauptet er, wohl mit impliziter Verweisung auf den Heldenmut der alten Germanen, über die Friesen:
Der Passus geht wohl auf die Magnusküre, eine Zusammenstellung von Rechten und Pflichten der Friesen mit Bezug auf Carolus Magnus (Karl der Große), aus dem 13. Jahrhundert zurück, in der behauptet wird, Karl der Große hätte die Friesen aus dem Joch der Wikingersklaverei befreit, nachdem sie ihr Leben gewagt hätten, im Jahr 802 für ihn die Stadt Rom zu erobern. Der Text war bei den Friesen allgemein bekannt und bildete die Grundlage für die Anerkennung der friesischen Freiheitsprivilegien durch den römisch-deutschen Gegenkönig Wilhelm von Holland. Dieses sei als Dank für ihre Hilfe bei der Einnahme Aachens im Oktober 1248 geschehen.
Die Enzyklopädie des Anglicus war im Spätmittelalter handschriftlich weit verbreitet. Sie wurde 1471 erstmals gedruckt und bis 1601 wiederholt aufgelegt. Das Buch wurde viel gelesen, zitiert und übersetzt. Das Friesenzitat ging bereits am Ausgang des 15. Jahrhunderts in die friesische Geschichtsschreibung ein, z. B. in die Gesta fresonum (um 1500), bei Worp van Thabor (vor 1538), Cornelius Kempius (1588), Ubbo Emmius (1596) und Pier Winsemius (1622). Christianus Schotanus übersetzte den Spruch 1655 ins Niederländische, indem er schrieb, die alten Friesen riskierten ihr Leben und wollten lieber sterben, als sich unter dem Joch der Sklaverei zu bücken.Christianus Schotanus: Beschrijvinge ende chronijck vande heerlickheydt van Frieslandt, tusschen 't Flie ende Lauwers. Leeuwarden 1655, S. 284.
Der Passus dürfte in Nordfriesland bekannt gewesen sein. Die Eiderstedtische Chronik (um 1482) schreibt, dass die Friesen, die in 1252 König Abel von Dänemark töteten, einander vor der Schlacht versprochen hätten, sie würden eher sterben, als die Freiheit, die Karl der Große ihnen gestattet hatte, aufzugeben.Johannes Jasper und Klaus Heitmann (Hrsg.): Chronicon Eiderstadense vulgare, oder, Die gemeine Eiderstedtische Chronik 1103-1547. 1923, 2. Aufl. St. Peters-Ording 1977, S. 18. Der Chronist Peter Sax, der auch die niederländische Literatur zur Verfügung hatte, machte daraus 1637, sie wollten lieber alle „honneste sterben, alße … das schändtliche Joch der servitut auf sich nehmen“.Peter Sax: Descriptio, Insulae Nordstrandiae. In: Ders.: Werken zur Geschichte Nordfrieslands und Dithmarschens, hrsg. von Albert Panten und Reimer Kay Holander. Bd. 3, St-Peter-Ording 1984, S. 59. Eher ihre Freiheit zu verlieren und dem König Schatz zu geben, schlussfolgerte der Chronist Anton Heimreich in seiner 1666 veröffentlichten Nord-Fresische Chronick, wollten sie lieber das Leben daran wagen.Anton Heimreich: Nord-Fresische Chronick. Schleswig 1666, S. 138.
Freiheitsrhetorik Die entsprechende spätmittelalterliche Freiheitsrhetorik war weit verbreitet und beschränkte sich nicht auf die Friesen. Bartholomaeus Anglicus, Richard von Chichester und John Fordun berichteten Ähnliches über die Engländer und Schotten. Sie wurde durch die Wiederentdeckung der Germania des Tacitus und die Rezeption klassischer Autoren im Humanismus gefördert. Ciceros Behauptung etwa, die Bürger Roms hätten statt der Sklaverei den Tod bevorzugt („mors … servitute potior“), war in vielen Kompendien zu lesen.Marcus Tullius Cicero: Philippische Reden, X, 19. Die klassischen Sätze gingen auch in die Lexika ein, wie bei dem Jesuiten François-Antoine Pomey, der den Satz „Mors mihi est servitute potior“ 1684 als „Ich will lieber sterben / als ein Sclav seyn“ übersetzte.François-Antoine Pomey: Flos Latinitatis, ex auctorum Latinae linguae principum monumentis excerptus, editia in Germania, 1684, 2. Auf., Dillingen an der Donau 1691, S. 514. Bereits 1666 auf Französisch: „J'ayme mieux mourir, qu'être esclave“. Ders.: Flos Latinitatis. Lyon/Antwerpen 1666, S. 340.
Demzufolge ist es schwer feststellbar, woher vergleichbare Äußerungen im 16. und 17. Jahrhundert stammen. So behauptete die niederländische Unabhängigkeitserklärung von 1581, der spanische König hätte versucht, die alte Freiheit der Einwohner in Sklaverei zu verwandeln. Die Verteidiger Leidens 1573/74, heißt es in einer Denkschrift, hätten lieber den Tod gesucht, als wie arme Sklaven zu sterben.Jacob Duym: Ghedenck-boeck, het welck ons leert aen al het quaet en den grooten moetwil van de Spaingnaerden en haren aenhanck ons aen-ghedaen te ghedencken. Leiden 1606, S. f2. Die republikanisch gesinnten Autoren Marcus Zuerius Boxhorn (1649/50) und Pieter de la Court (1650, 1662) argumentierten ebenfalls, es sei besser zu sterben, als unter der Sklaverei zu leben. De la Court benutzte dabei den Slogan „Tenere libertatem aut mori ante servitium“ („Die Freiheit behalten oder sterben anstatt der Sklaverei“).
Spanische Sklaverei Die Befreiung aus dem Joch der spanischen Sklaverei wurde zu einem Topos, das die westfriesische Geschichtsschreibung, die politischen Diskurse und die Staatsraison tief durchdrang, indem die aktuelle Lage immer wieder mit der (vermeintlichen) mittelalterlichen Freiheit verglichen wurde. In Schotanus’ west- und ostfriesischer Geschichte von 1658, die von den Römern bis zur Gründung der Generalstaaten reicht, findet sich das Wort „Sklaverei“ fast sechzig Mal. Der bekannte Wahlspruch wird zwar erwähnt, doch hier in Zusammenhang mit den Kämpfen um die Eroberung der Herrschaft Westfriesland durch Albrecht den Beherzten 1498, die als das Ende der mittelalterlichen Freiheit galten. Auch die friesischen Einwohner des Landes Wursten hätten während der Eroberung 1525 lieber den Tod gesucht, als sich unter die Sklaverei des Bremer Erzbischofs begeben zu müssen.Christianus Schotanus: De geschiedenissen kerckelyck ende wereldtlyck van Friesland Oost ende West. Franeker 1658, S. 445, 596. Ähnliches erzählt Pier Winsenius (1622) über die Eroberung der friesischen Bezirke Nordhollands 1289.Pier Wínsemius: Chroniqve ofte historische geschiedenisse van Vrieslant beginnende vanden jaere nae des werelts scheppinghe 3635. ende loopende tot den jaere nae de gheboorte Christi. 1622. Franeker 1622, S. 182.
Diese frühmoderne Freiheitsrhetorik war selbstverständlich nicht auf die Friesen oder Holländer beschränkt. Man findet sie häufig in Beschreibungen der kolonialen sowie der osmanischen Sklaverei. Während der Belagerung von Barcelona (1713) gehörte der Wahlspruch „Tod oder Sklaverei“ zum Wortschatz der Verteidiger.Lealtad cathalana purificada de invidiosas calumnias entre llamas de sufrimientos, en el crisol de la constancia … Villafranca 1714, S. 48. Der Spruch „Viurem lliures o morirem“ („Lebe frei oder stirb“) ist noch heute ein Motto der katalanischen Autonomiebewegung.
Lieber tot als unfrei
Eneo Silvio Piccolomini