mini|Das heutige Mutterhaus, Anbau von 1929 Das Diakoniewerk Halle, Nachfolger der Diakonissenanstalt Halle, war bis 2024 eine eigenständige soziale Einrichtung, die als kirchliche Stiftung bürgerlichen Rechts organisiert war. Am 1. Juli 2024 folgte die Zulegung der Stiftung zum Diakonissenhaus Teltow. Damit gingen der Betrieb des Krankenhauses, von zwei Altenpflegeheimen, einem Wohnheim für Menschen mit Behinderung sowie der seit 1991 zugehörigen Poli Reil an das Diakonissenhaus Teltow über. Ebenso wurden die im März 2014 erworbenen Gesellschaftsanteile an der Christlichen Akademie für Gesundheits- und Pflegeberufe Halle übernommen.
Das Diakoniewerk Halle war Mitglied im Kaiserswerther Verband.
Geschichte mini |Mathilde Tholuck, Initiatorin und Mitgründerin der Diakonissenanstalt Halle. Die von ihr getragene Haube ist einer Rüschenhaube ähnlich mini |Die traditionelle Rüschenhaube der Novizinnen und Diakonissen, in der Diakonissenanstalt Halle getragen bis in die 1970er JahreDie Diakonisse Ruth Kiehne (1920-?) führte in ihrer Amtszeit als Oberin der Diakonissenanstalt Halle von 1967 bis 1979 die Permanenthaube ein, die die alte (oft unpraktische) Rüschenhaube ersetzte, s. Christoph Radbruch, Elisabeth Koch 2011, S. 41. Ob sie zur neuen Haube wechseln wollte, wurde jeder Diakonisse selbst überlassen. So trug Schwester Annemarie als eine der letzten noch im Jahr 2011 die Rüschenhaube. Das Foto zeigt Elisabeth Koch (1936–2021), Diakonisse und letzte Oberin des Diakoniewerks Halle als Novizin im Jahr 1958. Nachruf Oberin Sr. Elisabeth Koch mini|Kirche im Diakoniewerk
Am 6. Juli 1857 wurde die Diakonissenanstalt mit der Weihung des Mutterhauses gegründet. Die Gründung erfolgte auf Initiative von Mathilde Tholuck, Ehefrau des halleschen Theologie-Professors August Tholuck, die sich an der Arbeit des Diakonissenhauses in Kaiserswerth orientierte. 1868 wurde am heutigen Standort am Mühlweg ein Neubau als erstes modernes Großkrankenhaus Halles eröffnet. In dem dreigeschossigen Gebäude waren neben Patientenzimmern auch eine Apotheke, sowie Wohnungen für die Hausgeistlichen, Diakonissen, Büros, Wirtschaftsräume und eine Kapelle untergebracht.Alfred Genzmer: Das evangelische Diakonissenkrankenhaus zu Halle. Halle (Saale) 1907, S. 4.
Im Jahr 1872 wurde Pastor Otto Jordan mit der geistlichen und wirtschaftlichen Leitung der Diakonissenanstalt betraut. Er übte diese Funktion 44 Jahre lang bis 1916 aus und war damit maßgeblich für die weitere Ausrichtung und Entwicklung der Einrichtung verantwortlich. Er trieb vor allem den Ankauf weiterer Grundstücke voran und warb dafür um die Gunst neuer finanzieller Wohltäter. In seiner Amtszeit entstanden zahlreiche neue Gebäude, so an der Lafontainestraße 1883 das Martinstift, das von Beginn an als Altenheim konzipiert war; 1886 folgte das Pfarr- und Feierabendhaus für Diakonissen, das spätere Mutterhaus.Nadja Hagen: Mit Herz für Mensch und Gott. Das Diakoniewerk Halle. Halle (Saale) 2017, S. 28.
Seit 1877 entsandte das Diakonissenhaus Halle Diakonissen zur Unterstützung in das Augusta-Viktoria-Stift Erfurt. Die Aufgaben der entsandten Diakonissen bestand in der Leitung des Hauses sowie Ausbildung von Schwestern vor Ort. Diese Zusammenarbeit währte bis in das Jahr 2003.Erich Wiemann: Hundert Jahre Dienst an Kindern, jungen Mädchen und Alten in "Wir stehen zu unserem Alter. 150 Jahre Augusta-Viktoria-Stift 1864 - 2014" Erfurt 2014, S. 21.
1893 erhielt die Diakonissenanstalt eine eigene Kirche, die von Friedrich Fahro nach dem Wiesbadener Programm entworfen wurde. Die neogotische Inneneinrichtung ist bis heute fast vollständig erhalten. 1908 erhielt die Kirche eine neue Orgel. 1918 wurde der Anstaltsgemeinde das Parochialrecht zuerkannt.Christoph Radbruch, Elisabeth Koch: Von der Diakonissenanstalt zum Diakoniewerk Halle. Halle (Saale) 2011, S. 109 f.
Zu Anfang des 20. Jahrhunderts folgten zahlreiche weitere Neubauten, unter anderen eine Wäscherei (1903), ein Kindergärtnerinnen- und Hortnerinnen-Seminar (1908), eine Hauswirtschaftsschule (1911), ein Säuglingsheim (1911) sowie der Jugendhof mit Kinderhort und Kindergarten (1914). Im Juni 1929 wurde der Erweiterungsbau des ehemaligen Pfarr- und Feierabendhauses an der Lafontainestraße fertiggestellt und als neues Mutterhaus eingeweiht.Nadja Hagen: Mit Herz für Mensch und Gott. Das Diakoniewerk Halle. Halle (Saale) 2017, S. 43. Die Schwesternschaft der Diakonissen erlebte in diesen und den folgenden 20 Jahren ihre Blütezeit. Bis kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs gehörten mehr als 400 Diakonissen, Novizinnen, Probeschwestern und Diakonissenschülerinnen zum halleschen Mutterhaus.
Am 5. Juli 1945 beschlagnahmte die Rote Armee das Krankenhaus (Mühlweg 7) mit seinen 360 Betten und betrieb darin ein eigenes Lazarett. Es war neben dem Königin-Elisabeth-Hospital des Berliner Diakonissenhaus die einzige Enteignung eines Mutterhauses nach dem Krieg. Mitarbeitende und Patienten wurden im Gartenkrankenhaus und im Mutterhaus untergebracht. Das ebenfalls beschlagnahmte Kinderkrankenhaus musste aus dem Haus Mühlweg 6 in das Gebäude des Kindergartens- und horts (Lafontainestraße 16) verlegt werden. Die Anzahl der Betten hatte sich damit von insgesamt 440 Betten auf 100 Erwachsenen- und 60 Kinderbetten reduziert.Nadja Hagen: Mit Herz für Mensch und Gott. Das Diakoniewerk Halle. Halle (Saale) 2017, S. 59.
Zwischen 1948 und Ende der 1990er Jahre etablierte sich das Mutterhaus der Diakonissenanstalt als ein wichtiges Zentrum der Kirchenpolitik. Hier fanden regelmäßig die Synoden der Kirchenprovinz Sachsen statt. Zum ersten Mal tagte die Synode am 12. Oktober 1948 im Mutterhaus.Christoph Radbruch, Elisabeth Koch: Von der Diakonissenanstalt zum Diakoniewerk Halle. Halle (Saale) 2011, S. 227.
In den 1960er Jahren ging die Anzahl der Diakonissen stark zurück. Neueinsegnungen wurden seltener. Im Jahr 1978 wurde die letzte Diakonisse eingesegnet. Parallel dazu verringerten sich auch die Mitgliedszahlen der evangelischen Gemeinden im Osten Deutschlands. 1982, zum 125-jährigen Bestehen der Diakonissenanstalt, erfolgte die Umbenennung der Einrichtung in Evangelisches Diakoniewerk Halle. Damit einher gingen strukturelle Veränderungen, unter anderem die Einrichtung einer Vertretung der Mitarbeitenden. Dieser Prozess wurde wesentlich vom damaligen Rektor Reinhard Turre begleitet und im engen Austausch mit Verantwortlichen des Kaiserswerther Verbands der Bundesrepublik vollzogen.Reinhard Turre: Erfahrungen und Erwartungen. Eine Bilanz zum Abschied aus dem Dienst der Diakonie. (Festrede) Halle (Saale) 2004.
Ab 1990 mini|Johannes-Jänicke-Haus mini|Mathilde-Tholuck-Haus mini|Gräberfeld der Diakonissen, eröffnet 1928, auf dem Gertraudenfriedhof in Halle (Saale) im Jahr 2023
Nach der Wiedervereinigung Deutschlands wurde 1991 das beschlagnahmte Krankenhaus an die Stiftung zurückgegeben. Gemeinsam mit dem Diakoniewerk Kaiserswerth wurde eine gemeinnützige GmbH gegründet, welche die bis dahin eigenständige Poli Reil übernahm. Später stieg das Diakoniewerk Kaiserswerth aus der GmbH aus, so dass das Diakoniewerk Halle bis heute alleiniger Gesellschafter ist. Zum 1. Januar 1993 übernahm das Diakoniewerk die Trägerschaft sowie das Gebäude der Hautklinik Harz, die bis dahin dem staatlich geführten Bezirkskrankenhaus Halle angehörte.Rote SED-Vergangenheit. Arzt muß in den Ruhestand gehen. In: BILD Halle vom 17. Oktober 1992.Aktenvermerk über die Absprachen beim Ministerium für Arbeit und Soziales des Landes Sachsen-Anhalt am 24. September 1992; Kopie im Archiv des Diakoniewerks Halle
Neben der professionellen Betreuung und Pflege von kranken bzw. alten Menschen ist das Diakoniewerk seit den frühen 1990er Jahren sehr aktiv bei der Förderung bürgerschaftlichen Engagements. Im Juli 1993 gründete sich im Martinstift die Regionalgruppe Halle des Deutschen Sozialwerks, im Jahr 1999 war das Diakoniewerk Gründungsmitglied der Freiwilligenagentur Halle.
1996 erhielt die Einrichtung ihren heutigen Namen. Am 28. April 1996 wurde das Johannes-Jänicke-Haus eingeweiht, das ein Altenpflegeheim beherbergt. Finanziert wurde der Neubau aus Mitteln des Landes Sachsen-Anhalt, des Bundes und der Stadt Halle. Darüber hinaus wurden auch Gelder aus Lotteriefonds, des Diakonischen Werks der EKD sowie aus Eigenmittels und Spenden eingesetzt. Der Name des Hauses würdigt Bischof Johannes Jänicke, der auch in Halle aktiv war und als Kuratoriumsvorsitzender des Diakoniewerks wirkte.[Im Spätherbst 1995 sollen die Senioren einziehen]. In: die kirche vom 3. April 1994. Die Innengestaltung wurde von Studierenden der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle konzipiert und umgesetzt.Abschnitt Johannes-Jänicke-Haus auf der Homepage des Diakoniewerks
Im Jahr 1996 wurden außerdem im Bethcke-Lehmann-Haus ein Wohnheim für Menschen mit Behinderung und eine Kindertagesstätte neu eingerichtet.
2002 wurde das Ausbildungszentrum für Pflegeberufe gegründet, in dem die verschiedenen Ausbildungsangebote zusammengefasst angeboten wurden.Ausbildung von Gesundheitsberufen auf hallespektrum.de, abgerufen am 31. März 2014
Zwischen 2004 und 2009 wurden neue Gebäude auf dem Gelände des Diakoniewerks errichtet. Mit dem Mathilde-Tholuck-Haus wurde 2004 ein weiteres Altenpflegeheim in Betrieb genommen, konzipiert für Menschen mit Demenzerkrankung. Das Gartenkrankenhaus wurde 2006 durch einen Funktionstrakt ersetzt, der sowohl neue OP-Säle und eine Intensivstation wie auch ein Radiologisches Zentrum und eine Notaufnahme beherbergt. 2009 wurde ein neues Bettenhaus eingeweiht.
Im März 2014 wurde das Diakoniewerk Halle zum Gesellschafter der Christlichen Akademie für Gesundheits- und Pflegeberufe Halle. Mit dieser Beteiligung wurde das eigene Ausbildungszentrum aufgelöst und die dort angebotenen Ausbildungen in eine neue Trägerschaft überführt.Ausbildung von gesundheitsberufen auf hallespektrum.de, abgerufen am 31. März 2014
Während der Corona-Pandemie 2020/21 wurde zwischen März und April 2020 in der Poli Reil ein Fieberzentrum und ein Drive-In zur Testung auf Infektion mit dem Covid-19-Virus eingerichtet. Zu Hochzeiten wurden hier bis zu 150 Menschen täglich getestet. Im Januar 2021 wurde im Jordanhaus ein Impfzentrum eingerichtet.Andreas Tümmler „Von der Kronschen Villa zum Impfzentrum“ – digital unter
Zuletzt waren im Diakoniewerk Halle etwa 600 Personen beschäftigt. Die bis Februar 2023 verbliebenen acht DiakonissenHomepage des Diakoniewerk Halle abgerufen am 7. Februar 2023 waren aus dem aktiven Dienst ausgeschieden und lediglich ehrenamtlich im Diakoniewerk tätig.
Diakoniekrankenhaus mini|Erstes Bettenhaus 1868 mini|Studie von Kurt Witthauer zu Aspirin Mit dem neu errichteten Bettenhaus am Mühlweg nahm 1868 das Krankenhaus seinen Betrieb auf. Erster allgemeiner Chefarzt des Krankenhauses war Barries.Uwe Rose: Das Diakoniekrankenhaus Halle. In: Die Chirurgen-Vereinigung Sachsen-Anhalt 1990–2000. Halle (Saale) 2001, S. 130.
Von Beginn an war das Krankenhaus nicht nur ein Ort der Pflege, sondern durch die dort wirkenden Ärzte auch für Wissenschaft und Forschung wichtig. Seit 1876 operierte Alfred Genzmer seine Patienten im Diakoniekrankenhaus. Er nahm die Listersche Lehre von der Antisepsis auf und führte wie auch in der Universitätsklinik die antiseptische Wundbehandlung ein. Als Professor an die Universität berufen, setzte er seine Lehren im Diakoniekrankenhaus in die Praxis um. 1894 wurde er Chirurgischer Chefarzt und behielt diese Position bis zu seinem Tod im Jahr 1912.
Als eines der ersten Krankenhäuser in Halle verfügte das Diakonissenkrankenhaus ab 1895 über ein Röntgenzimmer und war später eines der ersten mit einer kompletten Röntgenstation.
1898 testete der Internist Kurt Witthauer den Wirkstoff Acetylsalicylsäure an 50 Patienten und erforschte seine fiebersenkende und schmerzstillende Wirkung. Nach diesen Tests wurde der Wirkstoff unter der Marke Aspirin massenhaft hergestellt und in den Handel gebracht.