mini|Ungefähres Verbreitungsgebiet der Mykenischen Kultur während der Palastzeit Als mykenische Palastzeit (Späthelladikum (= SH) III A1–SH III B2; 1420–1190/80 v. Chr.) wird die Blütezeit der mykenischen Kultur in der späten Bronzezeit bezeichnet, in der auf dem griechischen Festland in vielen – aber längst nicht allen – Regionen Siedlungen zu großen Palastzentren aufstiegen, von denen ein größeres Territorium beherrscht und organisiert wurde. Palastzentren entwickelten sich in Mykene und Tiryns in der Argolis, Pylos in Messenien, Theben und Orchomenos in Böotien, Athen in Attika sowie Knossos und Kydonia auf Kreta. Auch die Siedlung Agios Vasilios in Lakonien, die erst seit 2010 systematisch erforscht wird, war wahrscheinlich ein Palastzentrum. Unsicher ist, ob in Dimini und in der Umgebung von Volos Palastzentren im Süden Thessaliens bestanden.Ausführlich zu der Frage, wo Palastzentren existierten und in welcher Beziehung größere, befestigte Siedlungen in diesen Regionen zueinander standen: Birgitta Eder: Überlegungen zur politischen Geographie der mykenischen Welt, oder: Argumente für die überregionale Bedeutung Mykenes in der spätbronzezeitlichen Ägäis. In: Geographia Antiqua. XVIII, 2009, S. 15–34. Die Paläste waren nicht nur Sitz eines Königs, sondern auch Verwaltungszentren mit einer ausgefeilten Bürokratie zur Überwachung der Steuereinnahmen und Kontrolle der Palastwirtschaft. In einigen Regionen, die oft als „mykenische Peripherie“ bezeichnet werden, bildeten sich offenbar keine Palaststaaten aus; stattdessen bestanden z. B. im Nordwesten der Peloponnes (Achaia, Elis), im mittleren Griechenland (Phokis, Lokris, Aitolien), aber auch u. a. in Arkadien und in Teilen der Korinthia weiterhin eine Reihe von befestigten Siedlungen („Fürstensitzen“), die zumeist von einer lokalen Adelsschicht geführt wurden, nur kleine Territorien beherrschten und der umliegenden Bevölkerung bei Gefahr Schutz boten.Siehe dazu auch Sigrid Deger-Jalkotzy: Mykenische Herrschaftsformen ohne Paläste und die griechische Polis. Aegaeum 12-2, 1995, S. 367–377, in: Docplayer, .

Mykenische Dokumente mini|links|Linear B-Täfelchen aus Mykene Da zur Erforschung der historischen Verhältnisse zeitgenössische Schriftzeugnisse eine wichtige Rolle spielen, ist die Erforschung der mykenischen Schriftdokumente ein wichtiges Unterfangen. Die Träger der späthelladischen Kultur übernahmen noch vor der Palastzeit die Linearschrift A aus Kreta, doch wurden bis jetzt nur vereinzelte kurze Inschriften in dieser Schrift auf der Peloponnes gefunden, so in Argos und Tiryns. Spätestens zu Beginn der mykenischen Palastzeit entwickelte sich die Linearschrift B, die im Gegensatz zur älteren Schrift nur in Palästen und ihnen benachbarten Verwaltungshäusern von einer ausgewählten Elite benutzt wurde und die der Verwaltung diente. Besonders deutlich wird dies auf Kreta, wo in minoischer Zeit über dreißig Fundorte mit Linear A-Texten bekannt sind, während in der mykenischen Palastzeit lediglich in Knossos und Chania Archive mit Linear-B-Texten gefunden wurden, zudem noch einige beschriftete Vasen an wenigen anderen Orten.

Die Täfelchen in der Linearschrift B sind sämtlich im mykenischen Dialekt verfasst, einer urtümlichen Form des Griechischen. Der Inhalt der mykenischen Archivtäfelchen ist trocken, knapp und beinhaltet zumeist buchhalterische Angaben wie, welcher Bezirk oder welche Gemeinschaft welche Steuern schon bezahlt hat, oder welche noch ausstehen. Dazu kommen Lebensmittelrationen an Sklaven, Auslieferungen von Streitwagen und Kriegsmaterial an den Adel, Opfergaben an die Götter oder Angaben über Landbesitz und Pachtverhältnisse und dergleichen. Historische Angaben über die mykenische Zeit gibt es keine und vermutete Zusammenhänge mit historischen Ereignissen – wie der Zerstörung des Palastes von Pylos – sind schwer nachzuweisen.

Die reichhaltigsten Archive stammen aus Knossos und Pylos, diese wurden auch am besten erforscht. Ausgrabungen in Chania in Westkreta und Theben in Böotien bringen neue Archive und Täfelchen zutage, die bisherige Forschungsresultate ergänzen. Mager sind die Täfelchenfunde aus anderen Zentren wie Mykene oder Tiryns, weil die dortigen Archive nicht so gut erhalten blieben. 2009 wurden auch erstmals Linear-B-Täfelchen in Lakonien entdeckt, die schon zu Beginn der Ausgrabungen eines Komplexes bei Xirokambi, südlich von Sparta, zu Tage traten.Vassilis Aravantinos, Adamantia Vasilogamvrou: The first Linear B Documents from Ayios Vasileios (Laconia). In: Études Mycénienne 2010. Actes du XIII. Colloque International sur les textes Égéens. Pisa/Rom 2012, S. 41–54. Seitdem wurden dort weitere Linear B-Dokumente gefunden, die Ausgrabungen dauern noch an.

Geschichte mini|Karte der wichtigsten mykenischen Orte mini|Frühmykenische Schnabelkanne nach minoischem Vorbild; um 1425 v. Chr. Vorpalastzeit In der späten mittelhelladischen Zeit begann sich eine aristokratische Schicht auf der Peloponnes auszubilden. Diese hob sich von der Bevölkerung ab, indem sie eigene Grabstätten pflegte. Während der frühmykenischen Zeit (SH I–II, 1680–1420 v. Chr.) begann sich diese Aristokratie an kretischen Vorbildern zu orientieren, was zur Übernahme minoischer Kulturwerte führte, die die ältere einheimische Kultur verdrängte. Dies betraf nicht nur die materiellen Güter, sondern auch die gesellschaftliche Struktur, wobei sich ein starkes Königtum ausbildete. Während vorher die mykenische Kultur keine Kontakte nach außen pflegte, begannen nun intensive Handelskontakte mit Kreta und dem Balkan, woher Metalle und Bernstein aus Mittel- und Nordeuropa eingeführt wurden, gleichzeitig taucht mykenische Keramik (SH II) auf Sizilien auf.Pia de Fidio: Mycenaean History. In: A Companion to Linear B. Bd. 1, S. 89 f.

Die mykenische Aristokratie war kriegerisch ausgerichtet, wie die wertvollen Prunkwaffen mit Kriegs- und Jagdszenen zeigen. Es wird angenommen, dass die minoischen Paläste auf Kreta um 1450 v. Chr. von mykenischen Kriegern zerstört wurden, die die Macht übernahmen, wobei die genauen Vorgänge noch unklar sind und die Meinungen der Forschung weit auseinandergehen.Pia de Fidio: Mycenaean History. In: A Companion to Linear B. Bd. 1, S. 92–96. Auch minoische Siedlungen außerhalb Kretas, wie Ialysos auf Rhodos und Milet an der kleinasiatischen Westküste nahmen wenig später, den Funden nach zu urteilen, eindeutig mykenischen Charakter an.

Palastzeit

Um 1420 v. Chr. hatte sich eine einheitliche mykenische Palastkultur entwickelt, die als Erbe der minoischen Palastkultur betrachtet werden kann. Die Kultur war sehr einheitlich mit nur geringen lokalen Unterschieden. Sie reichte im Norden bis nach Iolkos in Thessalien und im Süden schloss sie Kreta ein, das zum größten Teil von Knossos aus verwaltet wurde. Im Westen gehörten die Ionischen Inseln zum mykenischen Kulturkreis und im Osten die Inseln des Dodekanes. Daneben bildeten sich frühe Kolonien an der anatolischen Küste der Ägäis, darunter Milet, das vorher eine minoische Siedlung war. Zudem entstanden möglicherweise mykenische Handwerkerviertel in Siedlungen der Einheimischen in Süditalien, vor allem für Scoglio del Tonno (auf dem Gebiet des heutigen Tarent) wird dies wegen der großen Menge dort gefundener bemalter mykenischer Keramik angenommen. In Thapsos auf Sizilien wurde ein großes rechteckiges Gebäude errichtet, das Parallelen zu mykenischen oder zypriotischen Bauten aufweist. Jedoch ist die Forschung mittlerweile sehr skeptisch, ob es sich um mykenische Kolonien handelt, da einheimische Elemente nach wie vor überwiegen. Selbst bei Roca Vecchia geht die moderne Forschung davon aus, dass sich allenfalls einige mykenische Griechen in einer nach wie vor italischen Siedlung niederließen.

Mit der Zeit gelang es einzelnen mykenischen Fürsten, benachbarte Fürstentümer zu unterwerfen, sodass an einigen Orte große Palastzentren entstanden, die ein größeres Gebiet kontrollierten.

Um 1250 v. Chr. richtete ein heftiges Erdbeben in der Peloponnes und auf Kreta große Zerstörungen an. Bald danach machten sich erste Zeichen unruhigerer Zeiten bemerkbar und die Burgen von Mykene und Tiryns wurden verstärkt und erneuert. Damals wurden auch Gänge zu unterirdischen Zisternen gegraben, um die Wasserversorgung der Paläste zu sichern. Am Isthmos von Korinth wurde mit einem Mauerbau begonnen, offensichtlich um sich gegen Einfälle von Norden zu schützen. Der Osthandel erlitt deutliche Einbußen und verlagerte sich mehr nach Westen.

Die mykenische Palastkultur brach kurz nach 1200 v. Chr. zusammen, die Paläste wurden zerstört und nicht wieder aufgebaut, wobei nicht klar ist, ob äußere oder innere Unruhen die Zerstörungen auslösten. Eine Möglichkeit ist, dass die Seevölker zuerst in Griechenland einfielen und die mykenischen Zentren zerstörten, bevor sie den Zusammenbruch des Hethiterreichs bewirkten. Denkbar ist auch, dass erst die Zerstörung der Handelszentren an der Levante durch die Seevölker dazu führte, dass keine Metalle mehr in die Ägäis exportiert wurden und der Bronzemangel zum Machtverlust des mykenischen Adels führte.

Diskutiert werden auch interne Ursachen. So könnte die Ausbeutung der Untertanen zu Revolten oder Abwanderung geführt haben, aber auch Ausmergelung der Böden durch intensive landwirtschaftliche Benutzung oder dynastische Fehden werden in Erwägung gezogen.Pia de Fidio: Mycenaean History. In: A Companion to Linear B. Bd. 1, S. 103 f.

Nachpalastzeit Nach der Zerstörung der mykenischen Paläste blieb die mykenische Kultur weiter bestehen. Da nun eine regulierende Zentralmacht fehlte, begannen sich lokale Stile zu entwickeln, die materielle Kultur wurde einfacher und schlichter und die Schrift verschwand offenbar. In Messenien und Lakonien betrug die Bevölkerung dann ein Zehntel der vorherigen Bevölkerung, während die Argolis einigermaßen stabil blieb. Randregionen, wie Arkadien, Achaia, Phokis und die Ägäischen Inseln gewannen dagegen in dieser Zeit sogar an Bedeutung. Die mykenische Nachpalastzeit (= SH III C) dauerte noch bis etwa 1050/30 v. Chr. und ging dann in eine kurze submykenische Phase über, der die protogeometrische Periode folgt.Penelope A. Mountjoy: Mycenaean Pottery – An Introduction. Oxford University School of Archaeology, 2. Aufl. 2001, ISBN 0-947816-36-4, S. 28–30; 114–118.

Zeittafel Die Archäologie konnte anhand der Keramik eine feine differenzierte relative Chronologie für Griechenland aufstellen, wobei regional verschiedene Kulturen existierten. Die auf der Peloponnes und in Mittelgriechenland bestehende Kultur wird als helladische Kultur bezeichnet, für die späthelladische Kultur wird auch der Begriff Mykenische Kultur gebraucht. Da für die ägäische Bronzezeit keine historischen Aufzeichnungen existieren, die eine absolute Chronologie ermöglichen, ist sie auf minoische und mykenische Funde im Nahen Osten angewiesen, für den aber mehrere verschiedene Chronologien diskutiert werden. Für Griechenland entscheidend ist zudem die Datierung der Eruption von Thera, die aufgrund der Keramik in Akrotiri ins späte SM IA fällt. Einen weiteren Hinweis bietet das Uluburun-Schiffswrack, das mit SH IIIA2-Keramik beladen war. Dendrochronologische Untersuchungen der Schiffbalken ergaben ein Datum um 1305 v. Chr.Pia de Fidio: Mycenaean History. In: A Companion to Linear B. Bd. 1, S. 85. Zu beachten ist allerdings, dass unbekannt ist, wie lange das Schiff in Gebrauch war, bevor es vor der anatolischen Küste sank.