Die Aktion Lebendiges Deutsch war eine von 2006 bis 2010 laufende Aktion, die für „Vertrauen in die deutsche Muttersprache“ und die Vermeidung eines „Übermaß[es]“ Anglizismen werben sollte. Die Initiatoren – der Statistiker Walter Krämer, der Deutschlehrer und Präsident des Deutschen Lehrerverbands Josef Kraus, der Journalist Wolf Schneider und der Diplomat und frühere Germanist Cornelius Sommer – wollten monatlich Vorschläge für deutsche Wörter sammeln und auswählen, die Anglizismen ersetzen sollten. Der Einsendeschluss für die letzten Ersetzungsvorschläge war der 31. Dezember 2009.

Daneben publizierten die Initiatoren auch Schriften, u. a. 2010 das Werk Deutsch lebt! Ein Appell zum Aufwachen. Den Vorwurf der Deutschtümelei wiesen sie mit der Begründung zurück, „[g]erade die Nazis“ hätten „das Deutsche internationaler machen“ wollen, indem sie die Fraktur und Sütterlinschrift verboten.

Die Aktion wurde u. a. von Teilen der Presse und Sprachpflegevereinen unterstützt. In Nürnberg rief das „Sprachbündnis Franken“ zur Teilnahme an der Aktion auf. Die Nürnberger Nachrichten unterstützten die Initiative, indem sie ein englisches oder pseudoenglisches Wort vorstellen und im folgenden Monat die Auflösung liefern.

Prominente Unterstützer Helmut Glück, Professor für deutsche Sprachwissenschaft, Universität Bamberg, und Vorstandsmitglied der Stiftung Deutsche Sprache Hans-Olaf Henkel, ehem. Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie Paul Kirchhof, Direktor des Instituts für Finanz- und Steuerrecht der Universität Heidelberg Ulrich Knoop, Leiter des Deutschen Seminars I der Universität Freiburg Christian Meier, ehem. Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung Horst Haider Munske, ehem. Leiter des Instituts für Germanistik, Universität Erlangen-Nürnberg Norbert Lammert, Bundestagspräsident Reinhard Mey, Liedermacher Helmut Schäfer, Staatsminister im Auswärtigen Amt a. D. Gert Ueding, Direktor des Seminars für Allgemeine Rhetorik, Universität Tübingen Harald Weinrich, Sprachwissenschaftler

Vorschläge (Auswahl) AnglizismusErsetzungsvorschlagBereits etablierter Begriff, sonstige HinweiseAirbagPrallkissenAll you can eatEssen nach ErmessenBuffetBad BankGiftbankAuffangbankdas Burn-out-Syndrom ausgebrannt Hinweis: Das Substantiv „Burn-out“ bezeichnet einen konkreten medizinischen Inhalt, der mit dem semantisch unbestimmteren „ausgebrannt sein“ nicht vermittelt wird.BrainstormingDenkrundechattennetzplaudernHinweis: „Chatten“ bezieht sich im Deutschen (anders als im Englischen) primär auf die Form der Kommunikation, nicht auf den Inhalt; man kann auch über komplexe juristische Details „chatten“.ComputerRechnerRechnerCountdownStartuhrHerunterzählenCursorBlinkerEinfügemarkeCallcenterRufdienstHinweis: Ein „Callcenter“ ist eine Abteilung oder ein Unternehmen, kein DienstDumpinglohnHohnlohnHungerlohn, Niedriglohn. Hinweis: Weder „Niedrig-“ noch „Hohn-“ transportieren den Aspekt der Unterbietung.Fast FoodSchnellkostImbissessen, Imbisskost Happy HourBlaue StundeHinweis: „Blaue Stunde“ ist bisher völlig anders besetzt, bei Durchsetzung des Vorschlags entstünde ein Polysem.HomepageStartseiteWebseite, Internetseite. Hinweis: Für die engere Bedeutung (Ausgangsseite einer Website) ist „Startseite“ im Deutschen bereits weitgehend etabliert; heute wird „Homepage“ im Deutschen überwiegend als Synonym für eine (technisch aus mehreren Seiten bestehende) „Website“, „Webauftritt“ usw. verwendet, sodass „Startseite“ kein sinnvoller Ersatz wäre.HotlineTelefonnummerHinweis: Eine „Hotline“ ist eine Serviceeinrichtung; „Hotline“ verhält sich zu „Telefonnummer“ wie „Beratungsstelle“ zu „Adresse“.JackpotGlückstopf(Spiel-)TopfJobcenterStellenbörseHinweis: Ein „Jobcenter“ ist keine Stellenbörse, sondern eine Behörde.LaptopKlapprechnerNo-go-AreaMeidezoneRechtsfreier Raum, Angstraumonline / offlineim Netz/vom NetzPay-TVZahlkanalBezahlfernsehen. Hinweis: „Pay-TV“ und „Bezahlfernsehen“ bezeichnen einen abstrakten Begriff (das Prinzip, für Fernsehprogramme zu zahlen, oder die Gesamtheit aller nach diesem Prinzip funktionierenden Angebote), keine konkreten Kanäle oder Sender. Public ViewingFußballkinoHinweis: Obwohl im Deutschen durch die Fußball-WM 2006 etabliert, ist „Public Viewing“ nicht grundsätzlich auf Fußballübertragungen beschränkt, sondern kann sich auch auf andere Sportarten oder Veranstaltungen beziehen.SloganSpruchMotto, Wahlspruch, Werbespruchto goGeh-zum MitnehmenCoffee to goGehkaffeeKaffee zum MitnehmenSmalltalkPlaudereiAlltagsgespräch, Plauderei, Schwatzen, Quatschen, Tratschen, Plauschen, Plaudern, Plausch u. v. a.WorkshopArbeitstreffWerkstatt

Literatur Johanna Recke: Anti-Denglisch: Eine schöne Initiative! Zum großen Erfolg der Anti-„Denglisch“-Aktion im Raum Nürnberg. Nürnberger Zeitung, 25. September 2003, S. 13 Gesucht: Deutsches Wort für den „Blackout“. Nürnberger Zeitung, 6. März 2006, S. 6 Petra Nossek-Bock: Portrait: Deutliche Worte im Sprachwirrwarr. SIN-Vorsitzender Erwin Prey kämpft gegen zuviel »D’englisch«. Sechsundsechzig, Magazin für selbstbewusste ältere Menschen, Ausgabe 3, August 2006 Hans Peter Reitzner: „Geh-Kaffee“ statt „Coffee-to-go“. Im Juni wird ein deutscher Begriff für „Public Viewing“ gesucht. Nürnberger Nachrichten, 4. Juni 2008, S. 13 Umfrage: Deutsche fürchten Sprachverfall. nordbayern-online, 13. Juni 2008 Fränkischer Tag Bamberg vom 20. September 2010, Seite 22

Siehe auch Deutsche Sprachwelt

Weblinks Homepage Hans Peter Reitzner: Was heißt denn Airbag? Aktion „Lebendiges Deutsch“ sucht gute Übersetzung. Nürnberger Nachrichten, 3. April 2006 Sharon Chaffin: Auch die Nürnberger beklagen zunehmenden Sprachverfall: Sogar die Schlager sind auf Englisch. Nürnberger Zeitung, 14. Juni 2008

Einzelnachweise

Kategorie:Deutsche Sprache