mini|hochkant|Stadtkirche von Südwesten, südlicher Treppenturm am Kirchenschiff Die Evangelische Stadtkirche in Hungen, Landkreis Gießen in Hessen, ist eine reformierte Predigtkirche, die in den ältesten Teilen auf das 12. Jahrhundert zurückgeht und 1608 vollendet wurde. Sie besteht aus vier Baukörpern und vereint Baustile von der Romanik bis zur Renaissance. Der untere Turmschaft stammt aus dem 12. Jahrhundert und erhielt in der Mitte des 13. Jahrhunderts die Obergeschosse. Der spätgotische Chor entstand zwischen 1514 und 1518, das Kirchenschiff im Stil der Renaissance zwischen 1596 und 1608. Eine Welsche Haube bekrönt das Wendeltreppenhaus („Schneckenturm“) an der Südseite. Das Gebäude lehnt sich an die Schlossarchitektur um 1600 an.Dehio-Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Hessen I. 2008, S. 447. Im Jahr 1907 wurde die Sakristei an der Nordseite angebaut; ansonsten blieb der bauliche Zustand seit 1608 unverändert. Der Innenraum wird von einer Stuckdecke, umlaufenden Emporen und einer steinernen Kanzel beherrscht. Die Kirche ist das älteste Gebäude der Stadt, prägt ihr Bild und ist hessisches Kulturdenkmal.Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.), Lang (Bearb.): Landkreis Gießen I. Hungen, Laubach, Lich, Reiskirchen. 2008, S. 84.

Geschichte mini|hochkant|Turmhalle mini|hochkant|Chorkapelle mit Epitaph Die Hungener Kirche wurde erstmals in einer Urkunde des Jahres 1286 erwähnt, von einem Priester war bereits 1183 die Rede, was die Existenz einer Kirche voraussetzt.Prokosch: 1200 Jahre Hungen. 1982, S. 54. Die Kirche war zunächst dem heiligen Wigbert geweiht, später der Gottesmutter Maria.Alt: Evangelische Stadtkirche Hungen. 2010, S. 4. Ende des 12. Jahrhunderts wurden der untere Teil des Turms und ein Kirchenschiff errichtet, die oberen Turmgeschosse Mitte des 13. Jahrhunderts. In der alten Kirche standen drei Altäre, die 1382 der Jungfrau Maria und 1405 der heiligen Katharina und dem heiligen Sebastian geweiht waren.Walbe: Die Kunstdenkmäler des Kreises Gießen. 1933, S. 138. Die ursprüngliche östliche Apsis aus romanischer Zeit bestand bis 1514 und wich dem heutigen Chor, der 1518 fertiggestellt wurde. In diese Zeit fiel auch die Errichtung des spätmittelalterlichen Spitzhelms.Weyrauch: Die Kirchen des Altkreises Gießen. 1979, S. 92.

In kirchlicher Hinsicht gehörte Hungen im ausgehenden Mittelalter zum Archidiakonat St. Maria ad Gradus in der Erzdiözese Mainz und war eine Sendkirche.Gerhard Kleinfeldt, Hans Weirich: Die mittelalterliche Kirchenorganisation im oberhessisch-nassauischen Raum. (= Schriften des Instituts für geschichtliche Landeskunde von Hessen und Nassau, Band 16.) N. G. Elwert, Marburg 1937, S. 23. (Nachdruck 1984) Mit Einführung der Reformation wechselte die Stadt zum lutherischen, 1582 zum reformierten Bekenntnis. Erster evangelischer Pfarrer wurde 1549 Johannes Wagner.

Das nach der Reformation verwahrloste und baufällige Kirchenschiff, nach einem Schreiben des Grafen Konrad von Solms-Braunfels vom 15. Januar 1591 „wie ein Sewstall gehalten“,Diehl: Baubuch für die evangelischen Pfarreien. 1935, S. 150. wurde 1596 abgerissen und durch ein größeres ersetzt, das 1608 vollendet wurde. In den Chor wurde eine Gruft eingebaut. Die Stadtkirche war die erste evangelische Steinkirche in Oberhessen.Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.), Lang (Bearb.): Landkreis Gießen I. Hungen, Laubach, Lich, Reiskirchen. 2008, S. 83. Für den damaligen Kirchenbau stellte das schlossartige Gebäude etwas völlig Neues dar: ein gestauchtes Rechteck als Grundriss, ein zweigeschossiger Aufriss und ein südlicher Rundturm. Die Stadtkirche diente im 17. und 18. Jahrhundert zahlreichen protestantischen Kirchenbauten der näheren Umgebung als Vorbild, beispielsweise der Heiliggeistkirche in Nidda.Prokosch: 1200 Jahre Hungen. 1982, S. 55.

Im Jahr 1670 stürzte der Spitzhelm ein und wurde erneuert. Eine 1906–1907 an die Nordseite des Turms angebaute Sakristei war nach dem damaligen Bericht des Pfarramts Hungen „in häßlichster Weise in den Turm hineingebaut“. Eine Zentralheizung fand im Kellerraum der Sakristei ihren Platz. Im Zuge dieser Renovierung wurden der Chor wieder überwölbt und in den Chorfenstern das fehlende Maßwerk eingesetzt. Fritz Geiges gestaltete die Bleiglasfenster.Alt: Evangelische Stadtkirche Hungen. 2010, S. 8. Morsches Holz im Glockenstuhl wurde 1921 erneuert und der Turm neu eingeschiefert. Eine Innenrenovierung erfolgte 1953 und eine Turmsanierung mit Reparatur und Vergoldung des Wetterhahns 1960. Zwischen 1981 und 1983 wurde der Innenraum des Kirchenschiffs umfassend renoviert und die alte Fassung wiederhergestellt. Von 1995 bis 1999 folgte eine Außensanierung und von 2001 bis 2003 eine Renovierung von Turmuntergeschoss und Chorkapelle.Alt: Evangelische Stadtkirche Hungen. 2010, S. 8 f. 2014 wurde das Kirchendach saniert und neu eingedeckt.

Die Kirchengemeinde umfasst 2400 Mitglieder aus der Kernstadt Hungen. Sie gehört zum Evangelischen Dekanat Gießener Land in der Propstei Oberhessen in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau und wird von anderthalb Pfarrstellen versorgt. Der reformiert geprägte Gottesdienst nahm nach dem Zweiten Weltkrieg lutherische Einflüsse auf. Die Kirche ist tagsüber verlässlich geöffnet; die Chorkapelle wird als Raum der Stille genutzt. Neben der Kirche stehen ein Gemeindehaus und ein Pfarrhaus mit Gemeindebüro.

Architektur mini|hochkant|links|Der südliche Rundturm dient als Aufstieg zur Empore. mini|Grundriss der Stadtkirche: Turm des 12. Jh. (blau), Chor von 1518 (rot), Langschiff von 1608 (lila) mini|Nordseite mini|Südseite Die annähernd geostete Kirche steht im Stadtzentrum südlich des Marktplatzes inmitten des alten Friedhofs. Als Baumaterial wurden Basalt-Bruchsteine verwendet, für die Eckquaderung Lungstein und für die Gewände der Fenster und Portale roter Sandstein.Walbe: Die Kunstdenkmäler des Kreises Gießen. 1933, S. 141.

Ältester Teil ist der Turm, der sich zwischen Chor und Schiff auf annähernd quadratischem Grundriss erhebt. Im unteren Teil ist das Mauerwerk 1,5 Meter stark. Das südliche Priesterportal weist auf die Funktion als Chorturm mit Altarraum hin. Das Rundbogenportal in einer Rundbogennische hat zwei romanische Ecksäulen mit Würfelkapitell, auf der Innenseite einen geraden Sturz und die romanischen Eisenbeschläge an den Flügeln.Walbe: Die Kunstdenkmäler des Kreises Gießen. 1933, S. 143. Östlich befindet sich ein zweiteiliges rechteckiges Fenster, das vor 1400 vergrößert und um 1600 mit Sandsteingewänden ausgestattet wurde. Im Turmraum ruht das einjochige Kreuzrippengewölbe auf Eckkonsolen und mündet in einen quadratischen Schlussstein. Gesimse gliedern den Turm in drei Geschosse unterschiedlicher Höhe.Alt: Evangelische Stadtkirche Hungen. 2010, S. 10. Der untere Teil hat an der Nordseite ein schmales romanisches Rundbogenfenster, das zur Sakristei hin zugemauert ist. Die beiden Obergeschosse sind von der Frühgotik geprägt und haben je vier gekuppelte Spitzbogenfenster in spitzbogigen Nischen. Aufgrund des Anbaus von Chor und Schiff sind die Fenster an der Ost- und Westseite zugemauert oder zerstört, aber noch nachweisbar. Abgeschlossen wird der Turm von einem verschieferten Helm, dessen vier hölzerne Dreieckgiebel in einen achtseitigen Spitzhelm übergehen. Das Dachwerk von Treppen- und Glockenturm stammt aus mittelalterlicher Zeit.Walbe: Die Kunstdenkmäler des Kreises Gießen. 1933, S. 144.

Der spätgotische Chor mit unregelmäßigem 3/8-Schluss ist mit einem neugotischen Rippengewölbe gedeckt, das seit 1907 eine flache Holzschalung ersetzt. Die Strebepfeiler aus der Bauzeit weisen darauf hin, dass der Chor ursprünglich über ein Gewölbe verfügte. Die großen, zweigeteilten Spitzbogenfenster sind alt, das Maßwerk mit Fischblasen und Rundbögen ist teilweise erneuert. Von der ursprünglichen halbrunden Apsis ist an alter Stelle der mit Blättern verzierte Knauf erhalten, in dem das Kegeldach einst endete.Walbe: Die Kunstdenkmäler des Kreises Gießen. 1933, S. 142.

Das alte Kirchenschiff nahm etwa die Breite des Turms ein und hatte ein niedrigeres Dach, dessen Schräge noch neben der Kanzel unter dem Putz erkennbar ist. Die rundbogige Nische in der östlichen Kirchenwand über dem Bogen bildete zu jener Zeit den Durchgang zum alten Dachboden.Alt: Evangelische Stadtkirche Hungen. 2010, S. 6. Das heutige Schiff mit Westgiebel ist in doppelter Breite auf rechteckigem Grundriss errichtet und schließt mit einem steilen Satteldach ab. Als Aufgang zu den Emporen und zum Dachstuhl des Schiffs, der als Fruchtspeicher diente, ist südlich ein Rundturm mit steinernen Wendeltreppen und zweigeschossigem Turmhelm mit Welscher Haube angebaut, der 1608 vollendet wurde. Das Schiff wird an den Langseiten durch gekuppelte rechteckige Fenster in zwei Ebenen belichtet. Im westlichen Giebeldreieck sind vier rechteckige Fenster zugemauert, unten wurden über dem Portal zwei neue Rechteckfenster eingebrochen. Das rundbogige Westportal trägt die Jahreszahl 1597, das Nordportal stammt aus dem 19. Jahrhundert, die beiden Windfänge mit Giebelfachwerk wurden im Jahr 1907 geschaffen.

Ausstattung mini|links|Langschiff mit Blick nach Westen mini|Richtung Osten mini|hochkant|Kanzel Der Innenraum wird von einer Flachdecke abgeschlossen, die von drei Unterzügen und geometrischem Stuckwerk gegliedert wird.

1907 wurden bei Renovierungsarbeiten durch die Maler Velte aus Nieder-Ramstadt und Kienzle aus Lich-Eberstadt Wandmalereien im Turmraum freigelegt, die um 1600 übertüncht worden waren. Sie zeigen im unteren Bereich des Triumphbogens zwischen Turm und Schiff rote Ranken mit Lilienblüten und achteckige graue Sterne (um 1400). An den Wandflächen und den Fensterlaibungen befindet sich schwarzes Rankenwerk, auf der südlichen Fensterlaibung sind figürliche Fresken aufgetragen (um 1450). In östlicher Richtung wird der Tod Marias dargestellt. Vor ihrem Bett kniet eine Frauengruppe, dahinter steht neben den Aposteln die heilige Barbara. Christus erscheint mit Krone und Heiligenschein als Himmelskönig und erhebt seine rechte Hand zum Segensgestus. Die engelhafte Gestalt auf seinem linken Arm symbolisiert die Seele Marias, die von Christus aufgenommen wird.Prokosch: 1200 Jahre Hungen. 1982, S. 56. Auf der gegenüberliegenden Seite zeigt Johannes der Täufer lebensgroß auf das Buch mit dem Lamm, was auf die Bibelstelle Bezug nimmt.Walbe: Die Kunstdenkmäler des Kreises Gießen. 1933, S. 146. An der Decke heben sich weiße Schlangenlinien und Sterne in verschiedener Größe von dem dunklen Hintergrund ab. Auf diese Weise wird der Himmel stilisiert dargestellt. Im oberen Teil des Triumphbogens befinden sich goldene Sterne zwischen dunklem Rankenwerk auf rosa marmoriertem Untergrund. Die rote Quadereinfassung der Südtür datiert von etwa 1600.