mini|Gebäude der Bibliothek des Konservatismus
Die Bibliothek des Konservatismus (BdK) ist eine 2012 eröffnete Fachbibliothek in Berlin-Charlottenburg, die schwerpunktmäßig konservative, nationalkonservative, rechtsliberale und -libertäreJoachim Güntner: Bekenntniszwang ist hier nicht gefragt. Ein Besuch in der kürzlich eröffneten Bibliothek des Konservatismus in Berlin. In: NZZ. 14. Dezember 2012. Literatur und Zeitschriften sowie Vorträge anbietet. Sie entstand auf Betreiben des 2009 verstorbenen Publizisten Caspar von Schrenck-Notzing. Ihr katalogisierter Bestand umfasst rund 35.000 Titel. Träger ist die Förderstiftung Konservative Bildung und Forschung (FKBF). Bibliothek und Förderstiftung gehören laut zahlreichen wissenschaftlichen und journalistischen Einschätzungen zum Netzwerk der Neuen Rechten.Samuel Salzborn: Renaissance of the new right in Germany?: A discussion of New Right elements in German right-wing extremism today. German Politics and society, 34(2), S. 36–63, 2016. doi:10.3167/gps.2016.340203; Florian Finkbeiner, Julika Förster, Julia Kopp: Trutzburgen des Konservatismus. Auf Spurensuche im konservativen Milieu. In: INDES – Zeitschrift für Politik und Gesellschaft 4 (2016), Heft 3: Konservatismus, S. 111–122, hier S. 112; Patrick Keßler: Die „Neue Rechte“ in der Grauzone zwischen Rechtsextremismus und Konservatismus? Protagonisten, Programmatik und Positionierungsbewegungen. LIT Verlag, Münster 2018, S. 11; Hartwig Pautz: The German New Right and Its Think Tanks. In: German Politics & Society 38 (2020) Heft 4 S. 51–71, hier S. 59.
Entstehung 2000 gründete der Publizist Caspar von Schrenck-Notzing in München die Förderstiftung, um seine Privatbibliothek und das Archiv der von ihm herausgegebenen rechtskonservativen Zeitschrift Criticón zu verwalten. 2007 übergab er den Vorsitz der Stiftung an Dieter Stein, den Chefredakteur der neurechten Wochenzeitung Junge Freiheit. Zahlreiche Spenden ermöglichten der Stiftung bis 2011, die BdK in Berlin zu gründen. Der Sozialwissenschaftler Samuel Salzborn bezeichnet die Bibliothek zusammen mit dem im Jahr 2000 gegründeten Institut für Staatspolitik in Schnellroda als zentralen Strategiestandort der Neuen Rechten in Deutschland.Samuel Salzborn: Rechtsextremismus: Erscheinungsformen und Erklärungsansätze. 2. Auflage. Nomos, Baden-Baden 2015, ISBN 978-3-8252-4476-7, S. 71f. (books.google.de)
Schrenck-Notzing legte als Zweck seiner Förderstiftung den „Auf- und Ausbau sowie die Unterhaltung von Bibliotheksbeständen“ fest und machte den Junge Freiheit-Redakteur Dieter Stein zum Vorsitzenden des Stiftungsrats. Gemeinsam entwickelten sie die Idee einer Bibliothek des Konservatismus.Sven Becker, Ludwig Krause: Die wollen nicht nur lesen. In: Spiegel online. 3. Februar 2017. Diese wurde am 25. November 2012 mit einem Festakt eröffnet. Ihr Leiter ist seither Wolfgang Fenske, der zuvor ebenfalls Mitarbeiter der Jungen Freiheit war.
Standort der BdK ist ein Bürogebäude in der Fasanenstraße 4 in Berlin-Charlottenburg. Es befindet sich in zentraler Lage gegenüber dem Ludwig-Erhard-Haus der Börse Berlin und nahe der Universität der Künste Berlin sowie der Technischen Universität Berlin.
Finanzierung Schrenck-Notzing hatte der FKBF zunächst eine Million Euro als Startkapital zum Aufbau der BdK vermacht. Bei seinem Tod 2009 fehlten Spender für das Projekt. 2013 kaufte der Hamburger Reeder Folkard Edler das von der BdK genutzte Bürogebäude in der Berliner Fasanenstraße über seine Firma Vebefa für 3,6 Millionen Euro und übertrug das Haus sowie seine Firmenanteile dann der Bibliotheksstiftung.Boris Kartheuser, Paul Middelhoff: Im Bett mit der Alternative. Zeit online, 23. Mai 2017. Edler und seine Ehefrau sind auch Großspender und Kreditgeber der rechtspopulistischen Partei Alternative für Deutschland (AfD) und Unterstützer der Jungen Freiheit. Die BdK erhält zudem Einnahmen aus den Mieten der übrigen Hausbewohner. Die FKBF macht keine Angaben zum Förderkreis der BdK.Oliver Hollenstein: Wie die „Neue Rechte“ mit Geld aus Hamburg aufstieg. In: Zeit online. 18. März 2019 (anmeldepflichtig) Zwischen 2014 und 2017 erhielt die FKBF nach Auskunft der Stiftungsaufsicht rund 1,35 Millionen Euro Spenden.
Selbstverständnis Bei der Eröffnung der Bibliothek hielt der Althistoriker Alexander Demandt eine Rede. Darin dekonstruierte er den rechten Theoretiker Oswald Spengler, der gar kein Konservativer gewesen sei. Der Begriff Konservatismus lasse sich nicht ein für allemal definieren und politisch operationalisieren. Auch der Konservative sei für den Fortschritt offen und müsse das Erhaltenswerte immer neu vom bloß Überkommenen unterscheiden.Heimo Schwilk: Der wahre Konservative ist für den Fortschritt offen. In: Welt online. 26. November 2012.
Auf die Frage, was er als konservativ verstehe, zitierte Wolfgang Fenske 2017 den völkisch-nationalistischen Autor Arthur Moeller van den Bruck: „Konservativ ist, Dinge zu schaffen, die zu erhalten sich lohnt.“ Das von Konservativen für bewahrenswert Gehaltene sei gar nicht vorhanden und müsse erst wieder neu geschaffen werden. Dabei wolle die BdK nicht vorgeben, was konservativ sei und was nicht. Zum konservativen Hauptstrom gehöre der Kampf gegen „Politische Korrektheit“ und „unkontrollierte Zuwanderung“. Eine gemeinsame Staatstheorie gebe es nicht; das Spektrum reiche vom Minimalstaat des Libertarismus bis zum starken Staat und zu „sehr national denkende[n] Menschen“. Sie verbinde, „dass sich alle von der gesellschaftspolitischen Lage in Deutschland nicht repräsentiert fühlen“. Die BdK wolle Diskurse anstoßen, die anderswo nicht möglich seien.
2019 betonte Fenske, die BdK biete alle Arten Bücher an, die für Konservative interessant seien, und lade AfD- und CDU-Politiker gleichermaßen ein. Konservative seien überzeugt, dass „der Mensch kein vernünftiges Wesen ist, sondern dass er ein Mängelwesen ist, mit der christlichen Tradition ein Sünder ist, der Hilfe, der Unterstützung bedarf“, sagte er im Deutschlandfunk. Institutionen wie der Staat und die Kirchen mit einer anti-aufklärerischen Botschaft müssten diese Mängel ausgleichen. Manche Ideen der Jungkonservativen seien heute noch anschlussfähig, etwa der stetige Bezug auf die Philosophie der Antike, das Christentum und das Naturrecht. Darin seien die Zweigeschlechtlichkeit des Menschen, „Grundordnungen“ wie Ehe und Familie und gesellschaftliche Hierarchie angelegt. Der Mensch brauche einen Orientierungspunkt außerhalb seines eigenen Denkens, ein Jenseits oder naturrechtlich begründbare, überzeitliche Werte.Neuer Konservatismus: Wandel verträglich gestalten. In: DLF. 12. September 2019.
Bestand und Themen Der Gesamtbestand der BdK umfasste bei der Eröffnung 60.000 Bände, von denen anfangs rund 20.000 im Katalog erfasst waren. Der Kernbestand umfasst Werke von britischen Denkern wie Thomas Hobbes und Edmund Burke, ferner Werke von Richelieu, Louis-Ferdinand Céline, Joseph Otto Plassmann, Richard Wagner, Stefan George, die „Reden an die deutsche Nation“ Johann Gottlieb Fichtes, Hermann Löns und die völkisch-esoterischen Autoren Erich und Mathilde Ludendorff. Das Zentrum der Sammlung Schrenck-Notzings bildet die von Armin Mohler nach 1945 so bezeichnete „Konservative Revolution“ der Weimarer Republik. Sie enthält unter anderem Werke von Hans Blüher, Arthur Moeller van den Bruck, Arnold Gehlen, Ernst Jünger, Friedrich Georg Jünger, Carl Schmitt, Oswald Spengler sowie Thomas Mann.
Nach Eigenangaben führte die BdK Schrenck-Notzings Privatbibliothek (rund 20.000 Bände) mit dem Nachlass von Günter Rohrmoser (rund 10.000 Bände) zusammen und erhielt seit ihrer Eröffnung weitere größere Sammlungen. Schwerpunkte sind Schriften der Gegenrevolution nach 1789, der Konservativen Revolution (1918–1932) sowie wissenschaftliche Fachliteratur zum Konservatismus. Im September 2012 eröffnete die BdK zusammen mit der Stiftung Ja zum Leben einen Sonderbestand zu Themen der Lebensrechtsbewegung wie Lebensschutz, Bioethik und Familienpolitik.FKBF: Über uns. Im Oktober 2012 bot die BdK an, den Bestand der von Schließung bedrohten Johann-Gottfried-Herder-Bibliothek Siegerland zu übernehmen.Hilferuf an Volkmar Klein. In: Siegener Zeitung. Oktober 2012.
Im Herbst 2017 umfasste der Gesamtbestand nach BdK-Angaben rund 136.000 Titel, von denen ein Viertel (34.000 Titel) katalogisiert sind. Dazu gehören historische Periodika, ein Archiv politischer Plakate ab 1848 und mehr als 70 gegenwärtig laufende Zeitschriften.GBV.de: Online-Katalog der Bibliothek des Konservatismus. Zu letzteren gehören laut Recherchen des Göttinger Instituts für Demokratieforschung aus dem Jahr 2015 die neurechten Zeitschriften Sezession, Blaue Narzisse und die rechtsextreme National-Zeitung. Weitere Themenbereiche sind Auslandsdeutsche, die deutsche Volkskunde und deutsche Militärgeschichte.Florian Finkbeiner, Julika Förster, Julia Kopp: Trutzburgen des Konservatismus. In: INDES. 3/2015, S. 113.
Laut Claudius Seidl finden sich im Bestand der Bibliothek „die Klassiker des Konservatismus und der Reaktion“ und neurechte Literatur, aber auch „jegliche Kritik des Konservatismus“. Wer „zum Konservatismus forschen wollte, fände hier alles, was er brauchte: die Quellen, die Sekundärliteratur“ sowie „die Werke und Dokumente radikaler Gegnerschaft“.
Kontroverse um Mitgliedschaft in Bibliotheksverbund Die BdK ist Mitglied im Deutschen Bibliotheksverband (DBV)Mitglieder: Bibliothek des Konservatismus. Bibliotheksverband.de und in der Arbeitsgemeinschaft der Spezialbibliotheken e. V. 7. August 2013 (PDF S. 2) Die Schriften wurden im Verbundkatalog des Gemeinsamen Bibliotheksverbundes (GBV) katalogisiert. Der GBV hat 2025 den Hosting-Vertrag gekündigt. Die BdK klagte deswegen vor dem Verwaltungsgericht Göttingen.Frankfurter Allgemeine Zeitung: Konservative Bibliothek klagt. FAZ vom 26. November 2025, S. 9 Laut einer dpa-Meldung kritisierten 267 Wissenschaftler in einem offenen Brief den geplanten Ausschluss der BdK aus dem GBV-Verbund;Netzwerk Wissenschaftsfreiheit: Streit um Bibliothek des Konservatismus spitzt sich zu, Tagesspiegel vom 5. Dezember 2025 rechte Medien warfen dem GBV „Cancel Culture“ und „Zensur“ vor. Das Landgericht Göttingen entschied im Mai 2026, dass die Vertragsauflösung rechtens war. Gegen das Urteil kündigte die BdK eine Berufung an. Laut Recherchen der Zeit war der Grund für die Kündigung, dass BdK-Angestellte im Bücherkatalog Löschungen und Datenmanipulationen vorgenommen hatten, auch für Werke fremder Bestände und damit entgegen den GBV-Regularien. In einer ausführlichen Stellungnahme begründete der GBV den Ausschluss damit, dass die BdK "bewusst, systematisch und in erheblichem Umfang" Manipulationen an Kataloginhalten anderer Bibliotheken vorgenommen habe und damit die Integrität des Katalogs und die Arbeit aller beteiligten Bibliotheken "massiv gefährdet" habe. Zu den Änderungen gehörten "unzulässige Löschungen von qualifizierenden Katalogeinträgen, die Hinzufügung tendenziöser und wertender Schlagwörter, die Manipulation von Verlagstexten sowie unsachgemäße Kommentare". Die Schwere und Art der Manipulationen rechtfertige die sofortige Vertragskündigung. Die BdK widerspricht der Manipulationsabsicht und der Schwere der vorgenommenen Änderungen in einer Stellungnahme.
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