Die Rote Zelle Schwul, kurz RotZSchwul oder Rotzschwul, war eine Emanzipationsgruppe der neueren deutschen Schwulenbewegung in Frankfurt am Main, die von Anfang bis Mitte der 1970er Jahre bestand. Als Zusammenschluss von homosexuellen Männern forderte die RotZSchwul die aus späterer Sicht so bezeichnete „Sichtbarmachung von Homosexualität“vgl. Christiane König: Queeres Begehren – signaltechnisch verdinglicht. In: Marie-Luise Angerer, Christiane König (Hrsg.): Gender goes Life. Die Lebenswissenschaften als Herausforderung für die Gender Studies (= Gender studies). Transcript Verlag, Bielefeld 2008, ISBN 978-3-89942-832-2, S. 181–200, hier insbesondere S. 188. und setzte sich für die Emanzipation von Homosexuellen auf der Basis ihres Andersseins ein.

Geschichte Im Sommer 1971 lief in ausgewählten bundesdeutschen Kinos Rosa von Praunheims sehr kontrovers aufgenommener und vielfach diskutierter Film Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt. Die Parole, die von Praunheim am Ende seines Films propagierte, lautete: „Raus aus den Toiletten, rein in die Straßen! Freiheit für die Schwulen!“ Bei allen Kontroversen, die der Film auslöste, intensivierte er in der deutschen Schwulenbewegung die Bestrebungen, sich in der Öffentlichkeit bemerkbar zu machen und für die Rechte von Homosexuellen einzutreten. Nachdem eine entsprechende Diskussion bereits seit der Lockerung des § 175 StGB in der Bundesrepublik im Jahr 1969 im Gange war, bildeten sich nun schwule Emanzipationsgruppen, wie z. B. die Homosexuelle Aktion Westberlin (HAW) in Berlin als erste linke Emanzipationsgruppe von Homosexuellen und damals eine der größten Gruppen.

Auch in Frankfurt am Main kam es im Zuge dieser neuen, anfangs studentisch und links geprägten Lesben- und Schwulenbewegung im deutschsprachigen Raum zur spontanen Gründung einer Emanzipationsgruppe von Schwulen, der Roten Zelle Schwul (RotZSchwul). Die Geschichte der Frankfurter RotZSchwul lässt sich in zwei Abschnitte teilen: beim Online-Projekt Queer History Frankfurt am Main; abgerufen am 15. September 2013. die Zeit von der Gründung im Herbst 1971 (September oder November 1971 – dies kann nach der derzeitigen Quellenlage nicht eindeutig belegt werden) bis zum Januar 1973 – da war die Gruppe geschlossen; etwa zehn junge Männer beim Online-Projekt Queer History Frankfurt am Main; abgerufen am 16. September 2013. arbeiteten hauptsächlich theoretisch, um ein Grundsatzpapier zu erstellen, das die Fundamente für eine politische Plattform für die weitere Emanzipationsarbeit legen und auf der alles Grundsätzliche zur Homosexualität abgehandelt werden sollte; und die Zeit vom Februar 1973 bis zur Errichtung des schwulen Kommunikationszentrums in der Wittelsbacher Allee im Sommer 1975, in der sich die Gruppe für neue Mitglieder öffnete – in der Anfangszeit dieser Phase gab es mehr öffentliche Aktionen.

Mitgründer der RotZSchwul war der Soziologe und spätere Sexualwissenschaftler Martin Dannecker, der Rosa von Praunheim bei seinem Film Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt beraten und am Drehbuch mitgearbeitet hatte. Dannecker gilt als der führende „Kopf“ der RotZSchwul und gab ihr viele Impulse. Zu den Mitgliedern der ersten Kerngruppe der RotZSchwul gehörte neben Dannecker u. a. der Schwulenaktivist und spätere Gastwirt („Café Größenwahn“ in Frankfurt am Main) Hans-Peter Hoogen. Später kamen u. a. hinzu: Der Buchhändler und Bruder der RAF-Mitbegründerin Gudrun Ensslin, Gottfried Ensslin (1946–2013),In memoriam Gottfried Ensslin, Taz Blog, 10. Dezember 2013 und der spätere Dichter und Rezitator Albert Lörken, der 1992 an AIDS verstarb.

Aktivitäten und Aktionen der RotZSchwul Tagung und Demonstration in Münster sowie „Pfingsttreffen“ in Berlin Im April 1972 nahmen Mitglieder der RotZSchwul an der ersten bundesweiten Tagung homosexueller Emanzipationsgruppen im westfälischen Münster teil, zu der die Homosexuelle Studentengruppe Münster (HSM) alle damals bereits existierenden westdeutschen Homosexuellen-Gruppen eingeladen hatte. Bei diesem Treffen ging es vor allem um die Gründung eines deutschen Dachverbands der schwulen Aktionsgruppen,Michael Holy: beim Online-Projekt Queer History Frankfurt am Main, 2013; abgerufen am 28. September 2013. woraufhin sich bei einem Folgetreffen noch im gleichen Jahr in Bochum insgesamt zehn Schwulengruppen zur Deutschen Aktionsgemeinschaft Homosexualität (DAH) zusammenschlossen.vgl. Die Andere Welt. Unabhängiges Monatsblatt nicht nur für Lesben und Schwule. Verlag die Andere Welt, Berlin, 1977, Heft 8, , S. 61.

Während der Tagung in Münster fand in der dortigen Innenstadt am 29. April 1972 die erste Demonstration von Schwulen und Lesben in der Geschichte der Bundesrepublik statt. Daran beteiligt waren auch die Frankfurter RotZSchwul-Aktivisten. „Brüder & Schwestern, warm oder nicht, Kapitalismus bekämpfen ist unsere Pflicht!“ lautete die Aufschrift des dabei von Martin Dannecker mitgeführten Plakats.Foto von Martin Dannecker bei einer Demonstration in den 1970er Jahren bei Dropbox (www.dropbox.com); Bildrechte bei: „Rosa Geschichten“ (schwullesbisches Archiv Münster; Ansprechpartner: Gregor Wind); abgerufen am 15. September 2013. Ein anderer Spruch auf einem Demo-Plakat bezog sich auf eine diskriminierende Äußerung von Franz Josef Strauß auf einem CDU-Parteitag im Jahr 1970, indem dessen damalige Aussage29. April 1972 – Deutschlands erste Schwulen-Demo in Münster: Raus aus der Isolation. Auf: Website des WDR (www1.wdr.de), Stand: 29. April 2012; abgerufen am 16. September 2013. umgedreht wurde in: „Lieber ein warmer Bruder als ein kalter Krieger.“ An der Demonstration in Münster nahmen nach verschiedenen Quellen rund 200 schwule Männer und einige lesbische Frauen teil, andere Quellen sprechen von insgesamt 300 oder 400 Demonstranten.Marie Rövekamp: Beginn der Schwulenbewegung in Münster. „Lieber warmer Bruder als kalter Krieger“. In: Westfälische Nachrichten vom 27. April 1972; abgerufen am 16. September 2013.

Im Mai 1972 nahmen RotZSchwul-Mitglieder am ersten „Pfingsttreffen“ der sozialistisch orientierten Homosexuellen Aktion Westberlin (HAW) in West-Berlin teil. Dabei stellten sie auch Teile ihres Grundlagenpapiers zur Diskussion. Der Auftritt in Berlin festigte den Ruf der Frankfurter Emanzipationsgruppe innerhalb der Schwulenbewegung als „radikal“.

Aktion „Hans ist schwul!“ Im April 1973 fand die erste bundesweite Aktion aller damals existierenden Emanzipationsgruppen in der BRD unter Regie des Dachverbands DAH statt, an der sich auch die inzwischen drei Frankfurter Emanzipationsgruppen, die RotZSchwul, die Homosexuelle Aktion Frankfurt (HAF) und die Schwule Zelle, erstmals zusammengetan hatten und gemeinsam beteiligten. Das Motto lautete „Kampf der Diskriminierung in der Familie, am Arbeitsplatz, bei der Wohnungssuche“, wobei das Ziel vor allem die ersatzlose Streichung des § 175 StGB und dadurch Gleichstellung mit den Heterosexuellen war. Das Frankfurter Aktionsbündnis klebte im Vorfeld zahlreiche Plakate, richtete am 28. April 1973 auf dem zentralen Platz An der Hauptwache in der Frankfurter Innenstadt einen gemeinsamen Infostand ein, sammelte Hunderte von Unterschriften von Unterstützern der Aktion und verteilte Tausende von Flugblättern mit dem Titel „Hans ist schwul!“, in dem auf die isolierte und teure Wohnsituation von vielen Homosexuellen aufmerksam gemacht wurde.

„Klappen“-Aktionen Sowohl in der Zeit des Nationalsozialismus als auch in der Adenauer-Ära, in denen Homosexuelle verfolgt und Homosexualität schwer bestraft wurde, gehörten öffentliche Toiletten zu den Orten, an denen homosexuelle Männer sich treffen sowie schnellen und meist mehr oder weniger anonymen Sex miteinander haben konnten. Solche, in der schwulen Szene als Klappen bezeichneten Treffpunkte bildeten sich je nach Gebrauch und waren und sind vor allem in Großstädten anzutreffen, so auch in Frankfurt. Die RotZSchwul wandte sich Anfang 1973 mit einer Plakataktion gegen die zunehmenden Polizeirazzien auf bekannte Frankfurter Klappen und vertrat die Auffassung, dass solche Orte eine wichtige Kontaktmöglichkeit für Homosexuelle seien, deren man sich nicht schämen sollte. Diese Treffpunkte der homosexuellen Subkultur seien vor allem für solche Schwule bedeutsam, die sich nicht outen wollten, wie Familienväter, aber auch Männer, die auf anderem Wege nicht so leicht an gleichgeschlechtlichen Sex kamen.

Am 30. Juni 1973 veranstaltete die RotZSchwul neben der Klappe am Frankfurter Grüneburgpark ein „Park- und Klappenfest“, um mit den Subkultur-Schwulen über die entfremdeten Umgangsformen in der Subkultur ins Gespräch zu kommen und sich gegen die häufigen Polizeirazzien zu solidarisieren.Aufruf der Rotzschwul zum „Park- und Klappenfest“ am 30. Juni 1973 im Frankfurter Grüneburgpark, bei Dropbox (www.dropbox.com); abgerufen am 15. September 2013. Diese Aktion im Umfeld eines öffentlichen Homosexuellen-Treffpunkts blieb in der westdeutschen Schwulenbewegung einmalig.

Häuserkampf und eigenes Schwulenzentrum In der ersten Hälfte der 1970er Jahre beteiligten sich mehrere Mitglieder der RotZSchwul am Frankfurter Häuserkampf, der Protestbewegungen, Kundgebungen und Demonstrationen der damaligen Frankfurter Spontiszene umfasste und sich in erster Linie gegen die Grundstücksspekulationen im Frankfurter Westend und die damit verbundene Verdrängung der Wohnbevölkerung richtete. Zu den Aktivisten des Häuserkampfs, der den Beginn der deutschen Hausbesetzerbewegung markierte, gehörten u. a. Daniel Cohn-Bendit, heute Europa-Abgeordneter der Grünen, und Joschka Fischer, der später zu einem der führenden Politiker der Grünen wurde und zum hessischen Umweltminister sowie zum Bundesaußenminister aufstieg. In dieser links orientierten Bewegung waren auch zwei RotZSchwule als Hausbesetzer aktiv, wobei sich hier einerseits die allgemeine Zielsetzung der Linken mit einem besonderen Beweggrund der Gruppe traf, und zwar mit der Idee von schwulen Wohngemeinschaften. Dieses Wohnmodell gehörte zu den alternativen Lebensentwürfen der RotZSchwul: Die Schwulen sollten nicht isoliert leben und sich in die „Einsamkeit der teuren Appartements“vgl. Barbara Wackernagel: Die Gruppe Rotzschwul. Eine Analyse homosexueller Subkultur. Diplomarbeit. Universität des Saarlandes, Saarbrücken 1975, S. 86. zurückziehen müssen.