mini|Organization chart of the French intelligence community|alt=
Die Aufgabe der Nachrichtendienste Frankreichs ist die Sicherstellung der nationalen Sicherheit. Sie sind dem Innenminister, dem Verteidigungsminister und dem Premierminister unterstellt. Die Aufgaben waren zunächst durch die Rolle als ehemalige Kolonial- sowie als Atommacht bestimmt. Nach 1989 ist allerdings eine zunehmende Verschmelzung von inneren und äußeren Aufgaben zu beobachten.
Überblick und Aufbau Da die Arbeit der französischen Nachrichtendienste durch den Zweiten Weltkrieg unterbrochen wird, verliert das Deuxième Bureau während dieser Zeit an Bedeutung. Unter der Schirmherrschaft von Charles de Gaulle wird 1940 das Bureau Central de Renseignements et d’Action (BCRA) ins Leben gerufen, das die Aktionen der Résistance koordiniert.Charles de Gaulle und Aufgaben der BCRA: I. C. B. Dear und M. R. D. Foot in: The Oxford Companion to World War II Erschienen: 2001 ISBN 978-0-19-860446-4 Durch den Zusammenschluss dieser beiden Dienste entsteht 1945 der Service de Documentation Extérieur et de Contre-Espionage (SDECE). Er wird dem Premierminister unterstellt, aber 1965 nach der Ermordung des marokkanischen Oppositionspolitikers Mehdi Ben Barka reorganisiert, und dem Verteidigungsministerium unterstellt. Nachdem François Mitterrand 1981 Staatsoberhaupt wird, folgt eine erneute Umstrukturierung und am 2. April 1982 die Umbenennung in Direction Générale de la Sécurité Extérieure (DGSE). Aus der für die innere Sicherheit verantwortlichen Surveillance du Territoire (ST), geht 1944 die Direction de la Surveillance du Territoire (DST) hervor. Sie wird am 1. Juli 2008 mit der Direction centrale des renseignements généraux (DCRG) zur Direction centrale du renseignement intérieur (DCRI) zusammengeführt. Am 16. Juni 1992 wird der Militärgeheimdienst Direction du Renseignement Militaire (DRM) gegründet.
Für die Koordination der verschiedenen Dienste ist das Secrétariat Général de la Défense Nationale (SGDN) zuständig. Es ist Mitglied des Conseil de Securité Intérieure und arbeitet gemeinsam mit dem Secrétariat Général du Gouvernement (SGG) und dem Secrétariat Général pour les questions de coopération économique européenne (SGCI).
Dienste des Innenministeriums mini|Struktur Innenministerium bis 2008 Police nationale (bis 1966: Sûreté nationale): das organisatorische Dach für Sicherheits- und Informationsbehörden Renseignements Généraux (RG) vollständiger Name: Direction centrale des Renseignements généraux (DCRG) (Zentraler Nachrichtendienst). Ihre Aufgabe war die „Recherche und Zentralisierung von Informationen mit dem Ziel die Regierung zu informieren“ Direction de la Surveillance du Territoire (DST): polizeilicher Inlandsnachrichtendienst; auch Vertretungen in den französischen Überseegebieten; Aufgaben waren: Sicherungs-, Ermittlungs- und (Spionage-)Abwehraufgaben, sowie Extremismus- und Terrorismusbekämpfung; auch: Bekämpfung der Organisierten Kriminalität und Verhinderung der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen (Proliferation). Direction centrale du renseignement intérieur (DCRI) Ihre Aufgaben sind Gegenspionage, Terrorismusabwehr, Bekämpfung von Cyberkriminalität und die Überwachung möglicherweise gefährlicher Gruppen, Organisationen und sozialer Phänomene.
Dienste des Verteidigungsministeriums mini|Struktur der Militärischen Nachrichtendienste, die dem Verteidigungsministerium unterstellt sind
Direction de la Protection et de la Securité de la Defense (DPSD – vor 1992: Securité Militaire): militärischer Abschirmdienst; zuständig für die Zuverlässigkeit des Militärs, Spionageabwehr sowie politische Überwachung von Militärpersonen Direction Générale de la Sécurité Extérieure (DGSE): militärischer Auslandsnachrichtendienst; unterteilt in fünf Abteilungen: Strategie: analysiert Informationen, wertet sie aus, bedient Anfragen aller berechtigten Stellen; v. a. Kontakt mit Außenministerium; Nachrichtenbeschaffung: setzt v. a. menschliche Quellen ein; zunehmend erhält neben dem militärischen und politischen auch der zivile Sektor Bedeutung, v. a. im Bereich der Wirtschafts- und Industriespionage; (Spezial-)Operationen: plant geheime Aktionen und führt diese mit eigenen militärischen Spezialkräften durch; „Aktionsdivision“; Verwaltung: verantwortlich für die Infrastruktur: u. a. Personalpolitik, Buchhaltung; Technischer Dienst: zuständig für elektronische Aufklärung; Abhörstationen Angestellt waren 2011 4.747 Vollzeitkräfte.Stellungnahme im französischen Parlament durch Didier Boulaud zum Entwurf des Haushaltsgesetzes für das Jahr 2012. Das Budget betrug 2012 592,8 Mio. Euro Brigade de renseignement (BR BRENS) Bis 1998 Brigade de renseignement et de guerre electronique (BRGE): militärischer Aufklärungsdienst; verantwortlich für elektronische Kriegführung (u. a. Radar, Satellitenaufklärung, Bildauswertung, nationaler und internationaler Telefonverkehr, Störsender, Fernmeldeaufklärung, Sicherheit der militärischen Kommunikation und der -systeme) Direction du Renseignement Militaire (DRM): militärischer (strategisch-operativer) Nachrichtendienst; Hauptaufgaben: Fernmeldeaufklärung, Kryptographie, Satellitenaufklärung Im Februar 2013 beschäftigte die DRM 1620 Personen, Das Budget betrug 155 Millionen Euro. SHD – Service historique de la Défense (Historischer Dienst des französischen Verteidigungsministeriums), gebildet 2005 durch einen Zusammenschluss der Services historiques des armées et de la Gendarmerie, des Centre des archives de l'armement und von Châtellerault. Dienststellen gibt es in Vincennes, Cherbourg, Brest, Lorient, Rochefort, Toulon, Caen und Magazine in Blanc und Fontainebleau.Website bei defense.gouv.fr Darunter befinden sich ca. 500 Archivmeter Akten des Geheimdienstes der Résistance und seiner Nachfolgeorganisationen sowie der Pariser Dienststellen der deutschen Besatzungsmacht (Gestapo und Abwehr, des Nachrichtendienstes der Wehrmacht). Etwa 200 lfd. Meter waren bis 2015 erschlossen. Auch die Unterlagen des französischen Militär-Auslandsgeheimdienstes, damals noch „Deuxième Bureau“ genannt, wurden später den Archiven hinzugefügt. Dessen Nachfolgeorganisation DGSE (frz. Auslandsnachrichtendienst) nahm die Papiere weiter unter Verschluss.
Dienste des Premierministers Secrétariat Général de la Défense Nationale (SGDN) Die Aufgaben sind: Synthese der Nachrichtenbeschaffung und -auswertung, deren Schutz, sowie interministerielle Koordination. Es ist in ständigem Austausch mit dem Präsidenten als auch mit dem Premierminister. aktuell(2004): Angestellt sind rund 300 Mitarbeiter. Service de Documentation Extérieur et de Contre-Espionage (SDECE) Ab 1965 dem Verteidigungsminister unterstellt. Die Aufgaben waren: Spionage im Ausland und Analyse von Informationen sowie Gegenspionage außerhalb der Landesgrenzen.
Aufgabenfelder Innere Sicherheit Eine der wichtigsten Herausforderungen für die innere Sicherheit Frankreichs nach dem Zweiten Weltkrieg war die rechte Terrororganisation OAS, die im Winter 1960/61 gegründet wurde. Diese verübte Anschläge gegen Algerier und den französischen Staat. 1962 wurde der Versuch unternommen, Staatspräsident de Gaulle zu ermorden. Nach der Ergreifung, Verurteilung und Exekution einiger Mitglieder, unter anderem von Jean-Marie Bastien-Thiry am 11. März 1963 war die OAS de facto am Ende. Die Unruhen des Mai 1968 kam für den RG jedoch überraschend, da linke Gruppen an Universitäten kaum beachtet wurden. Im Zuge dessen lag nach diesen Ereignissen der Fokus auf der (extremen) Linken. Unter anderem wurde die Brigade Opérationnelle Centrale (BOC) geschaffen – mit dem Ziel, linke Bewegungen in Frankreich zu „zerstören“. Die Anwendung von illegalen Methoden zur Nachrichtenbeschaffung wurde dadurch gerechtfertigt, dass es sich um Terroristen oder um Spione für andere Nachrichtendienste handle.
In den letzten Jahren dürfte allerdings auch die Rechte mehr in den Mittelpunkt des Interesses der Nachrichtendienste gerückt sein. Grund dafür sind ihre zunehmenden Aktivitäten, wie zum Beispiel die Schändung jüdischer Friedhöfe oder Überfälle auf Asylantenheime. Frankreich ist ein Staat mit einer hohen Immigration – vor allem aus Nordafrika. Beispielsweise lebten bereits am Ende des Algerienkrieges 1962 über 400.000 Algerier in Frankreich. Vor allem nach den Anschlägen des 11. September 2001 geraten diese Immigranten immer mehr ins Fadenkreuz der Nachrichtendienste. Anschläge – wie etwa in Madrid – werden befürchtet. Erst Anfang Juni 2004 wurden bei Razzien im Großraum Paris 13 Verdächtige „unter dem Verdacht der Mitgliedschaft in der Islamischen Gruppe marokkanischer Kämpfer (GICM) inhaftiert“.
Weitere Gruppen, von denen Gefahr ausgehen kann, sind baskische (z. B. ETA) und korsische (z. B. Frontu di Liberazione Naziunalista Corsu) Nationalisten: „Dauernde terroristische Zwischenfälle mit korsischen und baskischen Nationalisten und die Furcht, das politische und religiöse Auseinandersetzungen im Mittleren Osten und Nordafrika in die islamische Bevölkerung Frankreichs getragen werden könnte, veranlassten die Regierung zur Formierung eines interministeriellen Komitees zur Koordination der Anti-Terror-Kampagne 1993.“
Frankreich als ehemalige Kolonialmacht Diese Tatsache bedeutet, dass sich die französischen Dienste nicht nur auf die Nachbarstaaten Frankreichs konzentrieren, sondern vor allem auf die Territorien der ehemaligen Kolonien. Auf diesem Feld kommen dann sowohl die Wirtschaftsspionage als auch die Möglichkeit einer globaleren Vernetzung (siehe „Frenchelon“) ins Spiel.
Ende der 1950er-Jahre bildete der SDECE eine Afrika-Sektion mit über 150 Mitarbeitern unter Colonel Maurice Robert. Einen großen politischen Skandal löste 1965 die Beteiligung französischer Polizeibeamter an der Entführung und Ermordung des marokkanischen Oppositionspolitikers Mehdi Ben Barka aus, woraufhin der SDECE eine Umorganisation erfuhr. Statt wie bisher dem Premierminister wurde der SDECE nun dem Verteidigungsminister unterstellt. Interventionen der französischen Dienste – vor allem des SDECE – auf dem afrikanischen Kontinent zu dieser Zeit waren unter anderem die Destabilisierungsversuche (z. B. Bestechungen, Falschgeld in Umlauf bringen, Aufstände initiieren), nachdem Guinea erklärt hatte, eine enge Kooperation mit Frankreich abzulehnen; in der DR Kongo die Unterstützung der Sezession der rohstoffreichen Region Katanga unter Moïse Tshombé; die Unterstützung des Biafra-Aufstandes in Nigeria 1967. Eine bedeutende Intervention der Dienste war auch jene in Ruanda 1994 (Opération Turquoise) und anschließend in der DR Kongo 1996/97, wobei über die näheren Umstände keine Auskunft gegeben wird. Noch weniger weiß man über Aktionen – vor allem des DGSE – in jüngerer Zeit, so beispielsweise in der Côte d’Ivoire 2001. Erschwert wird die Recherche über die Aktivitäten französischer Dienste noch durch die Tatsache, dass sich diese nicht selten – auch personell – mit jenen einiger Söldner decken. (Allerdings verbot am 3. April 2003 das französische Parlament per Gesetz die Ausübung und Organisation von Söldnertätigkeit.) Das Schema sei: Erst Militärhilfe, dann Söldner, dann reguläre Truppen. 2001 befanden sich schätzungsweise 4000 französische Soldaten in Afrika und am Persischen Golf.