Die Politische Bewegung ANO 2011 (; Kurzform ANO, „ano“ bedeutet auf Tschechisch ‚ja‘, zugleich steht es für akce nespokojených občanů, „Aktion unzufriedener Bürger“) ist eine rechtspopulistische und europaskeptische Partei in Tschechien um den Chemie- und Agrarunternehmer Andrej Babiš.Seznam politických stran a hnutí: Historie hnutí ANO 2011. Website des Innenministeriums der Tschechischen Republik.rejstrik-firem.kurzy.cz Registereintrag der Bewegung
Die Ideologie der Partei galt lange als unbestimmt,Ulrich Krökel: Den Tschechen stinkt die Politik. In: Zeit Online, 24. Oktober 2013. sie wurde oft nur als populistisch beschrieben. Sie positioniert sich gegen die „etablierte politische Elite“ und „gegen Korruption“.Martin Nejezchleba: Unternehmen Staat – Im Profil: ANO. In: Prager Zeitung, 24. Oktober 2013.Petr Senk: Politisches Erdbeben bei Parlamentswahlen. In: Wiener Zeitung, 26. Oktober 2013.Stefan Heinlein: Sendung Köpfe Europas, Deutschlandfunk, 28. Oktober 2013.
Von 2013 bis 2017 war ANO Juniorpartner in einer Koalitionsregierung. Nach dem Wahlsieg 2017 führte sie selbst die Regierung mit Babiš als Ministerpräsidenten. Bei den Wahlen 2021 verlor ANO knapp gegen das Wahlbündnis Spolu und ging in die Opposition, um 2025 mit 34,5 % der Stimmen das bisher beste Ergebnis bei Parlamentswahlen zu erreichen. Daraufhin wurde Babiš erneut Ministerpräsident.
Geschichte Gründung und Frühphase (2011–2013) Vorläuferin der Partei war die 2011 gegründete Bürgerinitiative Akce nespokojených občanů (‚Aktion unzufriedener Bürger‘). Im Mai 2012 erfolgte ihre Registrierung als politische Bewegung unter dem Namen ANO 2011. Das tschechische Wort ano bedeutet auf Deutsch „ja“. Ihr Slogan ist Ano, bude líp. („Ja, es wird besser.“)
Hinter der Bewegung steht der tschechische Unternehmer und Milliardär Andrej Babiš als Vorsitzender. Dieser war von 2013 bis 2024 an der größten tschechischen Zeitung Mladá fronta Dnes, Lidové noviny, der Gratis-Zeitung Metro, an Internetportalen, privaten Fernsehsendern und Druckereien beteiligt.Adam Pešek: Steht Tschechien vor einer Berlusconisierung? EJO – European Journalism Observatory, 5. September 2013.Rheinische Post Mediengruppe verkauft Aktivitäten in der Tschechischen Republik. Pressemitteilung der Rheinische Post Mediengruppe, 26. Juni 2013 Der Kauf wurde im August 2013 genehmigt und kurz vor der Abgeordnetenhauswahl im Oktober durch das tschechische Kartellamt genehmigt.Agrofert hat offiziell Verlagshaus Mafra übernommen. Prag Aktuell, 10. Oktober 2013. Bei dieser Wahl traten für ANO unter anderem der ehemalige EU-Kommissar Pavel Telička und der ehemalige tschechische Kulturminister Martin Stropnický an. Unterstützt wurden Andrej Babiš und seine Partei durch die US-amerikanische PR-Agentur Penn Schoen Berland (PSB), die unter anderem für Bill und Hillary Clinton tätig war.Bernhard Odehnal: In: Der Bund, 20. Oktober 2013, S. 4. (Abgerufen am 3. Dezember 2013.)
Aufstieg und Juniorpartner in der Regierung (2013–2017) Bei der vorgezogenen Abgeordnetenhauswahl 2013 wurde ANO mit 18,65 Prozent auf Anhieb zweitstärkste Kraft im Parlament und unterzeichnete am 6. Januar 2014 mit den Sozial- (ČSSD) und Christdemokraten (KDU-ČSL) einen Koalitionsvertrag, nach dem die ANO sechs Mitglieder im Kabinett von Bohuslav Sobotka (ČSSD) erhielt.Koalitionsvertrag in Tschechien unterzeichnet. In: derstandard.at, 6. Januar 2014. In: Zeit Online, 6. Januar 2014.
Bei der Europawahl 2014 wurde ANO 2011 aus dem Stand mit 16,1 Prozent stärkste Kraft in Tschechien und zog mit vier Abgeordneten ins Europäische Parlament ein. Bei den Kommunalwahlen 2014 erreichte ANO im landesweiten Schnitt 14,6 Prozent. In Prag wurde ANO mit 22,1 Prozent stärkste Kraft und stellte anschließend bis 2018 mit Adriana Krnáčová die Bürgermeisterin.
Im November 2014 wurde die Partei Mitglied der Allianz der Liberalen und Demokraten für Europa (ALDE). Die von ANO nominierte EU-Kommissarin Věra Jourová war bis 2024 im Amt und genoss hohes Ansehen.
Bei den Regionalwahlen in Tschechien 2016 erzielte ANO mit 21 % die meisten Stimmen aller Parteien.
Regierungen Babiš I und II (2017–2021) Bei der Abgeordnetenhauswahl im Oktober 2017 wurde ANO mit 29,6 % der Stimmen und großem Abstand auf die übrigen Parteien stärkste Kraft. Die Regierungsbildung gestaltete sich jedoch schwierig: Mit Ausnahme der nationalistischen und ebenfalls EU-skeptischen Svoboda a přímá demokracie (SPD) lehnten alle übrigen Parteien eine Koalition unter Babiš ab, der zu der Zeit unter dem Verdacht der missbräuchlichen Verwendung von EU-Fördergeldern für ein Freizeitareal stand und dem Spitzeltätigkeit für den kommunistischen Geheimdienst vor 1989 vorgeworfen wurde. Mit der SPD wiederum wollte ANO nicht koalieren.Gerald Schubert: Tschechien nach Babiš-Sieg vor schwieriger Regierungsbildung. In: derStandard.at, 22. Oktober 2017.Gerald Schubert: Überläufer könnten Minderheitsregierung in Tschechien ermöglichen. In: derStandard.at, 29. Oktober 2017.Alexandra Mostyn: Regierungsbildung in Tschechien – Prager Postenschacherei. In: Taz, 21. November 2017. Im Parlament kooperierte ANO zeitweise mit der SPD und der Kommunistischen Partei, um Ausschussposten zu besetzen.Peter Lange: Babis am Ziel – aber ohne Mehrheit. Tagesschau.de, 6. Dezember 2017. Im Dezember 2017 wurde Babiš zum Ministerpräsidenten einer Minderheitsregierung ernannt, der nur ANO-Mitglieder und parteilose Minister angehörten.Tschechien: Babis stellt seine neue Regierung vor. In: Kurier.at, 13. Dezember 2017. Nach erneuten Verhandlungen bildete ANO im Juni 2018 eine zweite Minderheitsregierung in Koalition mit der sozialdemokratischen ČSSD, die sich im Parlament auf die Unterstützung der Kommunisten stützte.Lothar Martin: Tschechien hat eine neue Regierung – die zweite unter Premier Babiš. In: Radio Praha auf Deutsch, 27. Juni 2018.
Opposition (2021–2025) Bei der Abgeordnetenhauswahl 2021 verlor ANO Stimmanteile und wurde nur noch zweitstärkste Kraft. Zudem verpassten beide Koalitionspartner den Wiedereinzug ins Parlament. ANO ging in die Opposition.
Bei der Europawahl 2024 wurde die Partei mit 26,14 % stärkste Kraft. Nach der Wahl verließ die Partei die liberale ALDE und die Fraktion Renew Europe und gründete gemeinsam mit anderen Parteien die neue rechtspopulistische Fraktion Patrioten für Europa.
Regierung Babiš III (seit 2025) Bei der Abgeordnetenhauswahl 2025 konnte ANO mit 34,5 % der Stimmen um mehr 7 % zulegen und wurde erneut zur stärksten Partei. Sie trat daraufhin in Regierungsverhandlungen mit den Rechtsparteien SPD und Motoristé ein. Am 9. Dezember 2025 wurde Babiš erneut zum Ministerpräsidenten ernannt.
Politische Einschätzung Der Politikwissenschaftler Ladislav Cabada von der privaten Metropoluniversität Prag bezeichnete ANO als „Akteur jenseits der klassischen Links-Rechts-Skala“, die sich selbst bewusst als Bewegung sehe und das Wahlprogramm zuletzt mehrfach habe überarbeiten müssen. Unklar sei auch, wie unabhängig vom Gründer Babiš die über 40 Abgeordneten seien. Das alles erinnere „ein bisschen an Beppe Grillo in Italien“.Till Janzer: „Die Lage ist kompliziert“ – Politologe Ladislav Cabada zum Wahlergebnis. Interview bei Radio Praha vom 26. Oktober 2013. Der tschechische Journalist Jakub Patočko wiederum sieht Parallelen mit der Partei Silvio Berlusconis:
Wie Berlusconis Forza Italia wird ANO als eine Unternehmer- oder „Firmenpartei“ charakterisiert.Lubomír Kopeček: “I’m Paying, So I Decide”. Czech ANO as an Extreme Form of a Business-Firm Party. In: East European Politics and Societies, Band 30 (2016), Nr. 4, S. 725–749. Sinnbildlich für Babiš Führungsstil in seiner Partei kann das Zitat „Ich bezahle, also entscheide ich“ angeführt werden, das er laut dem ehemaligen Parteimitglied Hana Greplová geäußert haben soll.Originalzitat: „Základní heslo Babiše bylo: Já platím, já rozhoduji“. Petr Koděra: Exmístopředsedkyně ANO 2011: Ani bohatí nezabrání krádežím v politice, Babiš má dvojí tvář. In: Hospodářské Noviny. 27. August 2013. Zitiert in: Lubomír Kopeček: “I’m Paying, So I Decide”. Czech ANO as an Extreme Form of a Business-Firm Party. In: East European Politics and Societies, Band 30 (2016), Nr. 4, S. 725–749. Kurz nach der Gründung von ANO verglich Babiš die Tschechische Republik mit einer „Firma mit zehn Millionen Aktionären“.Originalzitat: „Česká republika je firma, která má deset milionů akcionářů“. Stát se musí řídit jako firma, tvrdí miliardář Babiš. In: Aktuálně.cz, 27. Oktober 2012. Zitiert in: Lubomír Kopeček: “I’m Paying, So I Decide”. Czech ANO as an Extreme Form of a Business-Firm Party. In: East European Politics and Societies, Band 30 (2016), Nr. 4, S. 725–749. Im Wahlkampf 2013 stellte die Partei den Slogan „Ja, der Staat muss wie eine Firma regiert werden“ auf.Adéla Gjuričová: Letting Czechoslovakia Go. Czech Political Developments Since 1993. In: M. Mark Stolarik: The Czech and Slovak Republics. Twenty Years of Independence, 1993–2013. Central European University Press, Budapest/New York 2016, S. 143–154, auf S. 153.
Auch Karl-Peter Schwarz, Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) schrieb, die ANO ähnele „einem blitzblanken, leeren Gefäß, das für alle möglichen Inhalte bereitsteht“. Das erkläre zwar teilweise ihren Erfolg bei den Wählern, mache sie aber zugleich für eventuelle politische Partnerschaften schwer berechenbar. Die Auslandskorrespondentin der tageszeitung (taz), Alexandra Mostyn, bemerkte hingegen, Babiš gelte immerhin „im Gegensatz zu Vertretern der etablierten Parteien […] ob seines Milliardenvermögens als unbestechlich. Und das ist alles, was viele Wähler heute von ihren Politikern verlangen.“
Die deutsche Konrad-Adenauer-StiftungMatthias Barner, Alena Resl: Generalprobe ein Jahr vor den Parlamentswahlen in Tschechien. In: kas.de, 12. Oktober 2016, abgerufen am 10. Dezember 2016, 18:22 Uhr. und die österreichische Zeitung Der StandardGewinne für liberalpopulistische Partei Ano in Tschechien. In: derstandard.at, 8. Oktober 2016, abgerufen am 9. Oktober 2016, 20:16. bezeichneten die ANO im Jahr 2016 als „liberalpopulistisch“. Die tschechischen Politologen Jan Bíba und Radek Buben sprechen von „Unternehmerpopulismus“.Patočka: Unternehmerpopulismus in Tschechien. S. 88.
Die ehemalige Zugehörigkeit der ANO zum liberalen Parteienzusammenschluss ALDE führt der Politikwissenschaftler Vít Hloušek auf taktische Erwägungen zurück, ANO sei keine echte liberale Partei. Sie biete ein eher vermischtes, populistisches Programm, das gewisse liberale Elemente, aber auch Einflüsse anderer Ideologien und Themen aufweise und weit von der Hauptströmung der europäischen Liberalen entfernt sei.Vít Hloušek: Liberalism in the Czech lands. Between nationalism and party marginality. In: Marcin Moskalewicz, Wojciech Przybylski: Understanding Central Europe. Routledge, Abingdon (Oxon)/New York, 2018, S. 257–265, auf S. 265. Auch die übrigen ALDE-Mitgliedsparteien sahen die Mitgliedschaft von ANO aufgrund wiederholter rechtskonservativer Äußerungen durch Babiš und einem Treffen mit anderen rechtspopulistischen Politikern zunehmend kritisch. Im Juni 2024 verließ ANO schließlich ALDE und trat im September stattdessen der neuen rechtspopulistischen Partei Patriots.eu bei. Diesen Schritt bezeichnete Politikwissenschaftler Jiří Pehe als deutlichen Rechtsruck der Partei. Von einer stärkeren Orientierung nach Rechts in den vergangenen Jahren zeugt auch das Ausscheiden von zahlreichen hochrangigen Persönlichkeiten aus den Gründungsjahren, deren Politik als liberal eingestuft wurde, wie die Ex-Minister Martin Stropnický, Karla Šlechtová, Robert Pelikán, die EU-Abgeordneten Dita Charanzová und Martina Dlabajová sowie EU-Kommissarin Jourová.