mini|Aufstand am 31. Mai, 1. und 2. Juni 1793: Bedrohung des Konvents im Vorhof der Tuilerien durch Aufständische und Nationalgarde
Der Aufstand der Pariser Sansculotten vom 31. Mai bis zum 2. Juni 1793 stellt einen bedeutenden Meilenstein in der Geschichte der Französischen Revolution (1789–1799) dar.
Im Frühjahr 1793 herrschte in Frankreich eine wirtschaftliche und politische Krise, die ständig an Schärfe zunahm. Die Sansculotten in Paris, vor allem Kleinhandwerker, kleine Gewerbetreibende und lohnabhängige Besitzlose, machten für die Krise die Girondisten, die stärksten politischen Gegner der Jakobiner, verantwortlich und radikalisierten sich, je länger die wirtschaftliche Misere fortdauerte, immer mehr. Gleichzeitig gelang es der Bergpartei, durch die Agitation ihrer Redner und Zeitungen die in Sektionen, Gemeinderäten, Stadtverwaltung und Jakobinerklub vertretenen Pariser Sansculotten auf ihre Seite zu ziehen und im späten Frühjahr 1793 gegen ihre Feinde, die Girondisten, zu mobilisieren, um die Gironde als relevante politische Kraft auszuschalten.Heinz-Otto Sieburg : Geschichte Frankreichs, Stuttgart, Berlin, Köln 1989, S. 198–199. Um dieser Gefahr zuvorzukommen, ließ der von der Gironde dominierte Konvent einige führende radikale Jakobiner und den Präsidenten einer oppositionellen Sektion im April und Mai 1793 verhaften und ging gegen die aufseiten der Sansculotten und Jakobiner stehende Kommune (Stadtregierung und Stadtrat von Paris) sowie gegen die Sektionen der Hauptstadt vor. Jedoch löste dies am 31. Mai 1793 einen Aufstand der radikalen hauptstädtischen Aktionsgruppen (Sektionen, Kommune, Volkskomitees) gegen die girondistischen Wortführer im Konvent aus, der am 2. Juni 1793 mit der völligen Entmachtung der Gironde endete. Dadurch wurde die Herrschaft der Jakobiner begründet und die politische Situation in Frankreich noch weiter radikalisiert.
Ursachen Im Winter 1792/93 und dem darauf folgenden Frühjahr herrschte in Frankreich eine große Teuerung. Aufgrund der ständigen Ausgabe neuer Assignaten verlor dieses neue Zahlungsmittel ständig an Wert. Die Erzeuger von Lebensmitteln und Waren hatten immer weniger Interesse, ihre Produkte gegen abgewertete Assignaten einzutauschen. Getreide und andere Waren und Bedarfsgüter wurden zurückgehalten, was eine Verknappung und Verteuerung der meisten Waren bewirkte. Ein Großteil der Einwohner von Paris, besonders die unteren Volksschichten, litt Not und Hunger. Die Girondisten im Nationalkonvent, deren Vertreter in der Vergangenheit teilweise stark für die Freiheit des Handels und gegen Eingriffe des Staates in die Wirtschaft eingetreten waren, wurden für die Teuerung und den Hunger verantwortlich gemacht (u. a. der frühere girondistische Innenminister Roland).Axel Kuhn: Die Französische Revolution, Stuttgart 2009, S. 99.
Viele girondistische Abgeordnete hatten schon vorher an Ansehen unter Jakobinern und Sansculotten eingebüßt, weil sie im Prozess gegen den König Milde gezeigt hatten (vielfach hatten sie nur für dessen Verurteilung zu einer Gefängnisstrafe oder zum Tod mit aufschiebender Wirkung oder für die Todesstrafe unter Vorbehalt der Zustimmung des Volks votiertJules Michelet: Geschichte der Französischen Revolution. Aus dem Französischen von Richard Kühn. Neue, bearbeitete Ausgabe, Lizenzausgabe, Frankfurt a. M. 2009, Bd. 2, S. 126–127, 129.).
Die schlechte Wirtschaftslage, die militärischen Rückschläge der französischen Republik in Belgien und beim Aufstand der Vendée sowie die Trägheit der Minister, darunter der beiden girondistischen Minister Étienne Clavière und Pierre Henri Lebrun-Tondu, verursachten bei vielen Sansculotten Verbitterung, Aufsässigkeit und politische Radikalisierung.François Furet, Denis Richest: Die Französische Revolution. Aus dem Französ. Übersetzt von Ulrich Friedrich Müller, Lizenzausg., Nachdruck, München 1981, S. 255.
Anfang März 1793 waren österreichische Truppen unter Prinz Friedrich Josias von Sachsen-Coburg-Saalfeld (Prinz von Coburg) und Erzherzog Karl siegreich ins französisch besetzte Belgien eingefallen und hatten Tongern erobert und kurz darauf Lüttich eingenommen.Heinrich von Sybel: Geschichte der Revolutionszeit 1789–1800, 3. Bd., Stuttgart 1898, S. 237–238. Am 18. März erlitt die französische Revolutionsarmee unter ihrem Oberkommandierenden Charles-François Dumouriez bei Neerwinden gegen die österreichischen Truppen eine schwere Niederlage, was zur Folge hatte, dass ganz Belgien von den Österreichern und Preußen besetzt wurde.Gerhard Taddey (Hrsg.): Lexikon der deutschen Geschichte. Personen, Ereignisse, Institutionen. Von der Zeitwende bis zum Ausgang des 2. Weltkrieges. 2., überarbeitete Auflage. Kröner, Stuttgart 1983, ISBN 3-520-81302-5, S. 871; Jules Michelet: Geschichte der Französischen Revolution. Aus dem Französischen von Richard Kühn. Neue, bearbeitete Ausgabe, Lizenzausgabe, Frankfurt a. M. 2009, Bd. 2, S. 224–226. – Karl Theodor Heigel: Deutsche Geschichte vom Tode Friedrichs d. Gr. bis zur Auflösung des alten Reiches, Zweier Band: Vom Feldzug in der Champagne bis zur Auflösung des alten Reiches(1792–1806), Stuttgart u. Berlin 1911, S. 92.
Als kurz darauf – Ende März 1793 – der Oberkommandierende Dumouriez im Zusammenhang mit seinen Umsturzplänen geheime Verhandlungen mit der österreichischen Armeeführung in Belgien aufnahm und am 1. April 1793 die zu ihm entsandten vier Konventsbeauftragten und den ebenfalls zu ihm entsandten Kriegsminister Pierre Riel de Beurnonville an die Österreicher auslieferte und anschließend selbst zum Feind überliefAdalbert Wahl: Geschichte des Europäischen Staatensystems im Zeitalter der Französischen Revolution und der Freiheitskriege (1789–1815), München u. Berlin 1912, S. 51., bewirkte dieser Verrat auf Seiten der Pariser Sansculotten und Jakobiner einen sprunghaften Anstieg von Misstrauen und Feindseligkeiten gegenüber der Gironde, weil Dumouriez mit dem Wortführer der Girondisten im Konvent, dem bekannten Abgeordneten Jacques Pierre Brissot, befreundet gewesen war, und folglich Brissot und andere Girondisten mit den verräterischen Umtrieben Dumouriez in Verbindung gebracht wurden (u. a. hatte der girondistische Abgeordnete Armand Gensonné bis Dezember 1792 im Briefwechsel mit Dumouriez gestandenHeinrich von Sybel: Geschichte der Revolutionszeit 1789–1800, 3. Bd., Stuttgart 1898, S. 83.).
Bereits am 3. April 1793 forderte Robespierre, alle Komplizen des Verräters Dumouriez, vor allem dessen Freund Brissot, vor Gericht zu stellen, und eine Woche später klagte er die Gironde heftig im Konvent wegen deren angeblicher Verstrickung in den Verrat von Dumouriez anFrançois Furet, Denis Richest: Die Französische Revolution. Aus dem Französ. Übersetzt von Ulrich Friedrich Müller, Lizenzausg., Nachdruck, München 1981, S. 258–259. – Jules Michelet: Geschichte der Französischen Revolution. Aus dem Französischen von Richard Kühn. Neue, bearbeitete Ausgabe, Lizenzausgabe, Frankfurt a. M. 2009, Bd. 2, S. 238–239.. Kurz darauf, am 15. April 1793, überreichte eine vom Pariser Bürgermeister Jean Nicolas Pache angeführte Abordnung der hauptstädtischen Sektionen dem Konvent eine drohende Petition gegen 22 girondistische Abgeordnete, denen Föderalismus, Aufrufe zum Bürgerkrieg, Verleumdungen gegen das Volk von Paris und Zusammengehen mit Dumouriez zur Last gelegt wurden.Jules Michelet: Geschichte der Französischen Revolution. Aus dem Französischen von Richard Kühn. Neue, bearbeitete Ausgabe, Lizenzausgabe, Frankfurt a. M. 2009, Bd. 2, S. 241–244.
Angesichts der zunehmenden Erfolge der aufständischen Bevölkerung der Vendée gegen die Pariser Zentralregierung, des bis dahin beispiellosen Verrats durch einen militärischen Oberbefehlshaber und der drohenden Invasion Nordfrankreichs durch feindliche Armeen rückten viele Konventsabgeordnete der „Plaine“ auf die Seite der Bergpartei nach links, obwohl sie im Abscheu auf Robespierre und Marat mit den Girondisten einig waren. Mehr und mehr stimmte das Zentrum mit der Bergpartei für die revolutionären Notstandsmaßnahmen und kritisierte den Widerstand der Gironde gegen diese Maßnahmen.François Furet, Denis Richest: Die Französische Revolution. Aus dem Französ. Übersetzt von Ulrich Friedrich Müller, Lizenzausg., Nachdruck, München 1981, S. 256. Die Bergpartei warf der Gironde schon seit längerem vor, dass diese zu gemäßigt sei.Jules Michelet: Geschichte der Französischen Revolution. Aus dem Französischen von Richard Kühn. Neue, bearbeitete Ausgabe, Lizenzausgabe, Frankfurt a. M. 2009, Bd. 2, S. 239. Überdies hatten die Girondisten den einflussreichen Abgeordneten und Volkstribun Georges Danton durch die Beschuldigung, er habe mit dem Verräter Dumouriez paktiert, in die Arme der weiter links stehenden Jakobiner um Robespierre getrieben.Jules Michelet: Geschichte der Französischen Revolution. Aus dem Französischen von Richard Kühn. Neue, bearbeitete Ausgabe, Lizenzausgabe, Frankfurt a. M. 2009, Bd. 2, S. 243. Im politischen Geschehen der Hauptstadt isolierten sich die Girondisten zunehmend und verloren rapide an Unterstützung.
Zwei Aktionen der Girondisten führten schließlich dazu, dass diese bei den Kleinhandwerkern, kleinen Gewerbetreibenden und lohnabhängigen Besitzlosen der Hauptstadt alle Sympathien einbüßten und jegliche Unterstützung verloren: Zum einen beging die Gironde die Unklugheit, den bei den Pariser Sansculotten überaus beliebten linken Zeitungsherausgeber und populären Abgeordneten der Bergpartei, Jean Paul Marat, durch eine Anklage vor dem Pariser Revolutionstribunal politisch auszuschalten, was jedoch gründlich fehlschlug, denn Marat wurde am 24. April 1793 durch das Tribunal unter dem Jubel der Zuschauer von allen Anklagepunkten freigesprochen. Zum anderen widersetzte sich die Gironde im Konvent am Tage nach dem Freispruch Marats der Einführung eines Höchstpreises auf Getreide, einer Kernforderung der ärmeren Bevölkerung, die durch den starken Anstieg der Brotpreise große Not litt.Jules Michelet: Geschichte der Französischen Revolution. Aus dem Französischen von Richard Kühn. Neue, bearbeitete Ausgabe, Lizenzausgabe, Frankfurt a. M. 2009, Bd. 2, S. 240–241, 250–251 u. 253.
Weitere politisch ungeschickte und teilweise unkluge Handlungen der girondistischen Abgeordneten und des von der Gironde zeitweise dominierten Konvents verstärkten die Feindschaft der unteren Volksschichten und die Gegnerschaft der auf Seiten des Volks stehenden Stadtbehörden von Paris gegenüber den Girondisten.
Am 18. Mai 1793 klagte der Girondist Élie Guadet im Konvent die Pariser Stadtbehörden an und forderte ihre Auflösung, weil er erfahren hatte, dass sie Vorbereitungen zu einem Aufstand getroffen hatten. Die daraufhin gebildete Parlamentskommission aus zwölf Abgeordneten (die so genannte „Zwölferkommission“), welche die Beschlüsse der Pariser Stadtbehörden prüfen, die Minister anhören und Nachforschungen hinsichtlich von Umtrieben gegen die öffentliche Ordnung anstellen sollte, wurde unkluger Weise vor allem mit jungen Abgeordneten der Rechten und überzeugten Girondisten besetzt, was als Angriff auf die Stadtverwaltung und Brüskierung aller linken Kräfte in Paris verstanden wurde.Jules Michelet: Geschichte der Französischen Revolution. Aus dem Französischen von Richard Kühn. Neue, bearbeitete Ausgabe, Lizenzausgabe, Frankfurt a. M. 2009, Bd. 2, S. 268. – Heinrich von Sybel: Geschichte der Revolutionszeit 1789–1800, 3. Bd., Stuttgart 1898, S. 360.
Eine weitere Kampfansage an Sektionen, Sansculotten und Jakobiner von Paris war der auf die Zwölferkommission zurückgehende Konventsbeschluss vom 25. Mai 1793, die Tagungsdauer der Sektionssitzungen auf 10 Uhr abendsParis 1789. Journal der Täter, Opfer und Voyeure, Baden-Baden 1988, S. 330. – Vgl. auch Heinrich von Sybel: Geschichte der Revolutionszeit 1789–1800, 3. Bd., Stuttgart 1898, S. 360. zu begrenzen.